Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Dietrich Leder seziert Crime im TV (23): »Ripley« als Filmheld

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Dieses Mal hat Dietrich Leder sich ein Thema gesucht, das zeitgleich auch Thomas Wörtche beschäftigt hat. Dietrich Leder steigt hier für uns in die medialen Verzahnungen. Thomas Wörtche, seit langem ein kritischer Begleiter von Patricia Highsmiths Werk und ihrer Einordnung in den Literaturkanon, wirft hier nebenan einen eigenen Blick auf die filmische Fortschreibung von Highsmiths Figur. Zwei große Analysen in einer Ausgabe – wir sind stolz, Ihnen so viel Hintergrund bieten zu können. D. Red.

Tom Ripley – »Mr. Ripley« –, eine talentierte Filmfigur mit vielen Facetten

Als Netflix eine neue Serie ankündigte, die schlicht den Titel „Ripley“ trägt, weckte das manche Befürchtung und einige Zweifel. Die galten zunächst der Frage, welcher der Romane, die Patricia Highsmith über und um diese Figur des Tom Ripley geschrieben hat, der Serie zugrunde liegen und wie die jeweilige Vorgeschichte erzählt werden würde.

Es gibt insgesamt fünf Romane, die im Zeitraum von 36 Jahren erschienen sind: „The Talented Mr. Ripley“ (1955), „Ripley Under Ground“ (1970), „Ripley’s Game“ (1974), „The Boy Who Followed Ripley“ (1980) und „Ripley Under Water“ (1991). Der erste Roman wurde 1961 in deutscher Übersetzung von Barbara Bortfeld im Taschenbuchverlag von Rowohlt veröffentlicht; diese erste deutsche Erstausgabe war leicht gekürzt und übernahm den deutschen Verleih-Titel des ersten Ripley-Spielfilms, den René Clément 1960 gedreht hatte: „Nur die Sonne war Zeuge“. 1971 wurde diese Übersetzung leicht modifiziert unter dem originalgetreuen Titel „Der talentierte Mr. Ripley“ beim Diogenes-Verlag in Zürich wiederveröffentlicht. 

Dieser Verlag publizierte seit dem Jahr 2001 alle Highsmith-Romane nach und nach in neuen Übersetzungen. So brachte er 2002 den Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ in einer Neuübersetzung von Melanie Walz heraus, die dann auch den zweiten Roman „Ripley Under Ground“ ins Deutsche übertrug. Die anderen drei Romane übersetzte Mattias Jendis neu. Diesen bis heute im Handel erhältlichen Ausgaben wurden Hinweise zur Editionsgeschichte und erhellende Nachworte von Paul Ingendaay zur Entstehungsgeschichte und zum Bau des jeweiligen Romans beigefügt. Alle Romane sind umfassen jeweils mehr als 300 Seiten und enthalten viele Rück- und Querverweise.

Da sich die Serie „Ripley“ allein auf die Geschichte des ersten Romans konzentriert, standen die Produzenten nicht vor dem Problem, wie Ripleys Vorgeschichte zu erzählen sei. Stattdessen öffnet sie – darauf wird noch zurückzukommen sein – am Ende den Erzählhorizont, um die Möglichkeit weiterer Staffeln anzudeuten. In der Hauptsache bleibt die Serie sehr eng am Roman von Highsmith, von dem sie selbst die Exposition übernimmt. Das ist schon einmal mehr, als man erwarten konnte, wenn man die bisherigen Verfilmungen der Ripley-Romane kennt.

Die erste stammt – wie erwähnt – von René Clément, die in Frankreich unter dem Titel „Plein Soleil“ 1960 herauskam und in Deutschland „Nur die Sonne war Zeuge“ hieß. Die zweite stammt von Wim Wenders, der 1977 den dritten Roman „Ripley’s Game“ unter dem Titel „Der amerikanische Freund“ verfilmte. 1999 wagte sich Anthony Minghella erneut an den ersten Roman, dessen Verfilmungen denn auch dessen Titel trug: „The Talented Mr. Ripley“ (im Deutschen konsequent: „Der talentierte Mr. Ripley“). Drei Jahre später nahm sich Liliana Cavani erneut des dritten Romans an; ihre Verfilmung startete (auch in Deutschland) unter dem Buchtitel „Ripley’s Game“. 2005 ließ Robert Spottiswoode den Film „Ripley Under Ground“ folgen, der auf dem zweiten gleichlautenden Roman basiert.

Nun stellte sich die skeptische Frage, wer sich nach Alain Delon („Plein Soleil“), Dennis Hopper („Der amerikanische Freund“), Matt Damon („The Talented Mr. Ripley“), John Malkovich („Ripley‘s Game“) und Barry Pepper („Ripley Underground“) der Rolle dieses Mörders, Betrügers und Lebemanns annehmen würde, und ob der betreffende Schauspieler dieser Figur noch etwas neues beifügen könnte. Auch dieser Zweifel war nach wenigen Szenen der ersten Folge der neuen Serie verpufft. Mit Andrew Scott ist die Titelfigur der Serie bestens mit einem Schauspieler besetzt, der die Rolle vollkommen eigenständig interpretiert, ohne den literarischen Ursprung selbst zu verraten.

Die von Steven Zaillian geschriebene und inszenierte Serie wurde am 4. April von Netflix mit allen acht Folgen veröffentlicht. Sie zeichnet sich zunächst dadurch aus, dass sie ausschließlich aus Schwarz-Weiß-Bildern besteht; selbst die immer wieder thematisierten und mal in Details, mal in Gänze gezeigten Gemälde von Caravaggio sind nicht in Farbe reproduziert. Das passt gut zum zeitgenössischen Rahmen, den sich die Serie setzt, denn sie spielt in den 1950er-Jahren, also in der Zeit, in welcher der zugrunde liegende Roman erstmals veröffentlicht wurde. Im imaginären Küstenort Mongibello in der Nähe von Neapel beispielsweise sind die Touristen aus den USA noch eine Besonderheit, so dass sie von den Einheimischen bestaunt werden.

Die Kommunikationswege der Polizei, die sich auf die Spur von Ripley setzt, laufen über ein nur mäßig ausgebautes Telefonnetz und über Boten. Die Züge fahren langsam und sind eher karg möbliert. Die Hotels und Häuser gleichen von außen Palästen, während im Innern der Fahrstuhl nur im Ausnahmefall funktioniert. In den Einstellungen des Kameramanns Robert Elswitt schimmern immer wieder Bilder aus italienischen Filmen der späten 1950er-Jahre durch, etwa von Federico Fellini oder Pier Paolo Pasolini

Diese historische Rekonstruktion der Erzählzeit des ersten Romans ist insofern wichtig, weil alle Ripley-Romane zeitlich präzise verortet sind. Zwar fehlen in ihnen direkte Zeitangaben, aber man über viele Details auf die Erzählzeit schließen, die in der Regel etwa der entspricht, die wenige Jahre vor dem Erscheinen des jeweiligen Romans liegt. Somit schreitet die Geschichte des Tom Ripley von Mitte der 1950er-Jahre bis in die Zeit Ende der 1980er-Jahre fort, ohne dass ihr Protagonist entsprechend altert. Ripley ist im letzten Roman höchstens einmal 15 Jahre älter als im ersten, obgleich doch zwischen den Erscheinungsterminen mehr als 25 Jahre liegen.

Liest man die fünf Romane heute noch einmal hintereinander, verblüffen sie weniger mit ihrer Geschichte des Mörders aus Gelegenheit und Neigung namens Ripley, als vielmehr damit, dass sie zusammen ein facettenreiches Panorama der westeuropäischen Nachkriegsgeschichte bieten. Hinter diesem Geschichtspanorama verschwinden phasenweise die – mal stringent konstruierten, mal sich im Gestrüpp vieler Ereignisse fast verlierenden – Kriminalplots der Romane. Möglich ist dieses Panorama durch viele Ortswechsel. Spielt der erste Roman durchgehend in Italien, wechseln der zweite, dritte und fünfte Roman nach Frankreich und England, während der vierte zu weiten Teilen Berlin und Hamburg als Handlungsorte besitzt.

Es sind nicht unbedingt politische und soziale Reminiszenzen, die das Panorama bei der Lektüre entstehen lassen, sondern es wird vielmehr evoziert durch genaue Beschreibungen von Orten und Verkehrsmitteln, von Kleidungsstücken aller Art, von Hotels und Wohnungen, von Gemälden und Musikstücken, ja selbst von Kunstausstellungen der Zeit, wie von vielen saisonalen und regionalen Speisen, die Ripleys Haushälterin, Madame Annette, in der französischen Provinz zubereitet. Bei dieser neuen Lektüre erscheint Patricia Highsmith weniger als die vielgelobte Autorin psychologischer Kriminalromane als eine Phänomenologin des alltäglichen Lebens, die sich intensiver mit den Ritualen, Totem und Tabus der Einwohnerinnen und Einwohner Westeuropas beschäftigt hat als beispielsweise mit den professionellen Gangstern, die zwar regelmäßig in ihren Ripley-Romanen auftauchen, aber nur Schemen bleiben.

Die Netflix-Serie ist wie die beiden Kinoverfilmungen des ersten Romans in Italien angesiedelt. Wim Wenders veränderte in „Der amerikanische Freund“ die Handlungsorte des Romans gleich mehrfach. Während im Roman „Ripley’s Game“ der Bilderrahmenbauer Jonathan in Frankreich lebt und in Hamburg einen ersten Auftragsmord begeht, ist es bei Wenders genau umgekehrt. In Liliana Cavanis Film „Ripley’s Game“ lebt Jonathan in Italien und begeht den ersten Mord in Berlin. Gemeinsam ist beiden Filmen, dass der zweite Auftragsmord, bei dem Ripley dem Bilderrahmenbauer hilft, wie im Roman in einem Zug stattfindet. Roger Spottiswoode ließ in „Ripley Under Ground“ die Hauptgeschichte wie im Roman in Frankreich spielen.

Auch im Umgang mit der Erzählzeit der Romane unterscheiden sich die Verfilmungen: Wenders hatte seinen Film 1977, also kurz nach Erscheinen des Romans, gedreht, so dass zwischen den Erzählzeiten beider keine Differenz entstand. Cavani und Spottiswoode siedelten ihre Verfilmungen ebenfalls in den 1970er-Jahre an, mussten sie aber nun sorgsam über die Ausstattung erst herstellen. Das gilt um so mehr für Minghellas Film „The Talented Mr. Ripley“ und nun die Serie, die mit hohen Investitionen in die Ausstattung und Kleidung die 1950er-Jahre in Italien wieder auferstehen lassen, wobei der Kinofilm in dieser Kulissenwelt gleichsam schwelgt, während die Serie sie eher registriert.

Da die Filme von Wenders, Cavani und Spottiswoode für sich Eigenständigkeit beanspruchen, müssen sie das, was zuvor in dem ersten oder in den beiden vorhergehenden Roman erzählt worden ist und den Charakter von Tom Ripley ja definiert, durch besondere Eingangsszenen, die es in der jeweiligen Textvorlage nicht gibt, etablieren; erst danach kann ihr jeweilige Krimiplot beginnen. Wenders beginnt mit einer von ihm erfundenen Szene, in der Ripley in New York beim Maler Derwatt (Nicholas Ray, siehe Bild), der als tot gilt, ein neues Gemälde abholt. Im Roman, in dem Derwatt vor Erzählbeginn verstorben ist, werden seine Bilder von einem anderen Maler gefälscht. Ripley lässt dieses auf älter getrimmte Gemälde des angeblich verstorbenen Malers in Hamburg versteigern, wo er dem Bilderrahmenbauer begegnet, was die Handlung ingang setzt.

Spottiswoode erfindet einen Unfalltod des Malers Derwatt, während in den Romanen die Todesursache im Dunkeln bleibt. Nach diesem Unfalltod kommt Ripley auf die Idee, dessen Werke von einem Fälscher weiter produzieren zu lassen, um das Geschäft der Galerie, an der er Anteile hält, weiterlaufen zu lassen. Diese (in den Romanen immer wieder auftauchende) Galerie erscheint weder bei Wim Wenders noch bei Liliane Cavani auf. Die Regisseurin wiederum beginnt ihren Film mit einer von ihr erfundenen Szene, in der Ripley einen Kunsthändler und seinen Bodyguard erschlägt, so dass er gleich zu Beginn als Kunstkenner und Mörder in Personalunion charakterisiert ist. Alle drei Eingangsepisoden zeigen Ripley als einen entschlossenen, handlungsschnellen und skrupellosen Gangster, zu dem sich er sich im Lauf des ersten Romans und dessen Verfilmungen erst noch entwickelt.

Für diese Entwicklung kann sich die Serie – kein Wunder – viel mehr Zeit als die beiden Spielfilme von Clément und Mighella nehmen. So wird etwa Ripleys Leben als kleinspuriger Betrüger in New York in einer Reihe von Szenen so breit entwickelt, dass ihm der Auftrag des Unternehmerpaares Greenleaf, ihren Sohn Dickie in Italien zu suchen und zur Heimkehr in die Staaten zu überreden, anders als in den beiden Spielfilmen wie eine Erlösung vorkommt. An eine Rückkehr in die USA kann und will dieser Ripley nicht denken. Ebenso lässt sich die Serie deutlich mehr Zeit, seine Eingewöhnung in jenes luxuriöse Leben, das Dickie mit einer Freundin im erwähnten Mongibello führt, zu schildern. Immer wieder muss Ripley viele Höhenmeter zurücklegen, die sein auf Meereshöhe liegendes Hotel von den beiden Häusern Dichies und seiner Freundin trennt, die hoch im Berg liegen. Der Klassenunterschied zeigt sich also zunächst als eine Höhendifferenz, und die Annäherung ist mit körperlicher Anstrengung verbunden.

Allerdings erscheint der in der Serie von Johnny Flynn gespielte Dickie deutlich biederer und langweiliger als etwa sein Pendant im Clément-Film (Maurice Ronet), der provokativer und lasterhafter den amerikanischen Lebemann in der italienischen Provinz heraushängen lässt. Und auch Jude Law im Film von Minghella hat mehr Witz und physische Präsenz als der Serien-Dickie, der zudem in seinem künstlerischen Bemühen in keinem Augenblick ausweislich seiner Bilder ernst zu nehmen ist.

Diese mangelnde Attraktivität des Opfers lässt den Täter Ripley deutlich verschlagener erscheinen als in den beiden Kinofilmen. Hier wirkt sein Bestreben, Dickie nahe zu sein, rein strategisch. In den Kinofilmen ist Ripley von Dickie fasziniert, was von homoerotischen Motiven nicht frei ist. Der Eindruck einer gewissen Verschlagenheit der Figur in der Serie mag auch durch den Darsteller erzeugt sein, denn Andrew Scott kennt man unter anderem aus der BBC-Serie „Sherlock“ (2010-2017), in der er den Gegenspieler des legendären Privatdetektiven Holmes spielt. Dort verkörpert er als Professor Moriarty einen absolut Bösen, der vor nichts zurückschreckt. Mit dieser Erinnerung erscheinen selbst harmlose Blicke von Scott in der Serie „Ripley“ oft so, als hätte er etwas Böses im Sinn. Dieser Eindruck einer latenten Bösartigkeit wird dadurch verstärkt, dass ihm Dickies Freundin (Dakota Fanning) von Anfang an misstraut.

Hinzukommt, dass Scott zum Zeitpunkt der Dreharbeiten mit etwa 47 Jahren deutlicher älter war als die Ripley-Darsteller der anderen Kinofilme: Alain Delon war bei den Dreharbeiten von „Plein soleil“ gerade 25 Jahre, und Matt Damon zur Drehzeit von „The Talented Mr. Ripley“ 29 Jahre alt. Der juvenile Charme, mit dem Delon und Damon ihren jeweiligen Ripley ausstatten, fehlt der von Scott gespielten Figur vollkommen. So entspringt denn sein Mord an Dickie eher einer länger gehegten Absicht denn einer aufflammenden Wut wie bei Delon oder einer dem Zufall entspringenden Idee wie bei Damon. Umgekehrt ist seine Annahme der Identität von Dickie in der Serie mit wesentlich mehr Arbeit verbunden als in den beiden Filmen. Er muss für seine Lügen, seine Fälschungen und seine Täuschungen mehr schuften als die Ripleys zuvor, bei denen das oft etwas Spielerisches an sich hatte.

Zudem erwächst ihm in der Serie ein echter Widersacher. Der ermittelnde Kriminalbeamte (Maurizio Lombardi) erweist sich als clever, der bald viele Winkelzüge, aber eben nicht den entscheidenden Ripleys durchschaut. Das hat zur Folge, dass sich dieser Ripley deutlich weniger sicher bei seinem Identitätsspiel sein kann als die anderen zuvor. Die mehrfach in der Serie zitierten Gemälde von Caravaggio, die ja eine gewisse Faszination an der von ihnen dargestellten Gewalt aufweisen, spiegeln auf eine gewisse Weise den Blick der Zuschauerinnen und Zuschauer auf Ripley, dessen Taten durch Detailaufnahmen von Tatwerkzeugen wie einem schweren Aschenbecher filmisch vorweggenommen wird. Und die Tatsache, dass Caravaggio einst als verurteilter Mörder viele Jahre auf der Flucht verbrachte, verstärkt den Eindruck, dass Ripley sich selbst dann auf der Flucht wähnt, wenn er sein erbeutetes Luxusleben zu genießen scheint. Das wiederum unterscheidet ihn dann doch stark vom Ripley der Romane, der im Genuss seine Taten augenblicklich vergisst.

Die Serie konnte sich am Ende einen Cliffhanger nicht verkneifen, mit dem sie beim Auftraggeber Netflix um eine Prolongation warb: Ripley begegnet am Ende in Venedig dem zwielichtigen Kunsthändler Reeves Minot, der seit dem zweiten in allen Romanen auftaucht und beispielsweise die Morde in Auftrag gibt, die der Bilderrahmenbauer in „Ripley’s Game“ und den Verfilmungen von Wenders und Cavani begehen muss. Minot wird in der Serie von John Malkovich gespielt, der – wie bereits erwähnt – im Cavani-Film selbst Ripley spielte und der damals mit 49 Jahren zum ältesten Ripley-Darsteller aller Zeiten wurde, denn Dennis Hopper ist zum Zeitpunkt der Dreharbeiten mit Wenders acht Jahre jünger.

Und dem vielen Kreuz- und Querverbindungen sei noch eine abschließend erwähnt: „Plein Soleil“ endet anders als der Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ damit, dass sich die Leiche von Dickie im Anker der Yacht, auf der er von Ripley ermordet wurde, verfangen hat. Sie taucht aus dem Wasser auf, als man den Anker lichtet. In diesem Spielfilm fliegt also der Identitätsdiebstahl und die Lügengeschichte des Tom Ripley auf, so dass auf ihn keine Fortsetzung hätte folgen können, an die Patricia Highsmith, die von Delon als Ripley nahezu schwärmte, 1960 vielleicht noch gar nicht dachte. (In den zeitgenössischen Kritiken von „Plein Soleil“ der Zeitschrift „Filmkritik“ wird Highsmith im übrigen als „mittelprächtige Autorin“ des Krim-Genres bezeichnet.)

Die Idee, dass eine Wasserleiche auf einmal auftauchen könnte, muss sie aber, nachdem sie den Clément-Film sah, gepackt haben. Denn sie durchzieht ihren letzten Roman „Ripley Under Water“ von der ersten bis zur letzten Seite – mit einer besonderen Pointe, mit der die von ihr erfundene Figur des gelegentlich äußerst sympathischen Mörders und Lebemanns  auch diesmal davonkommt.   

Dietrich Leder

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