Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Dietrich Leder seziert Crime im TV (22): »Criminal Record«

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Zur Ähnlichkeit von Krimiserien – »Criminal Record« geht einen eigenen Weg

Der Konkurrenzdruck, der aktuell unter den kommerziellen Streamingplattformen herrscht, wirkt sich mittlerweile deutlich auf ihr Angebot aus. Die Zahl der sehr persönlichen oder unkonventionellen Serienproduktionen nimmt ab, ebenso die derjenigen, die deutlich jenseits der USA regional angesiedelt sind, ob sie nun aus Lateinamerika, Asien oder Europa kommen. Dagegen nimmt die Zahl der US-Serien zu, die deutlich erfolgreiche Kino-und Fernsehproduktionen kopieren. So orientiert sich die im Januar gestartete Serie „Death and Other Details“ von Heidi Cole McAdams und Mike Weiss (in den USA von Hulu ausgestrahlt, in Deutschland bei Disney+ zu sehen) sichtbar an zwei Mustern.

Zum einen an jenen Filmen, wie sie zunächst in den 1970er-Jahren, dann im letzten Jahrzehnt nach Poirot-Romanen vom Agatha Christie wie „Mord im Orientexpress“ (1974/2017) oder „Tod auf dem Nil“ (1978/2022) gedreht wurden, und die schon „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ (2022) paraphrasiert hatte. Die neue Serie spielt wie diese Filme in einem weitgehend geschlossenen Raum und zwar auf einem das Mittelmeer durchkreuzenden Luxusliner, den eine Unternehmerfamilie für Freunde und Geschäftspartner gemietet hat, weil sie hofft, hier einen für sie notwendigen Vertrag abschließen zu können. Es kommt zu einem Mord. Bei der Aufklärung durch einen an Bord weilenden Detektiv und eine nach dem Verbrechen auf das Schiff abgeordnete Interpol-Agentin stellt sich – wie in den entsprechenden Romanen von Agatha Christie – heraus, dass keiner das ist, was er zu sein vorgibt.

Zum anderen ist sie von jenem ironischen Erzählton mitbestimmt, den über drei Staffeln „Only Murders in the Building“ von Steve Martin und John Hoffmann – von 2021 bis 2023 bei Disney+ – angeschlagen hat. Während sich die Selbstreflexivität der detektivischen Erzählung dort aus der Tatsache ergibt, dass die drei Hauptfiguren (und Amateur-Ermittler) ihre Ergebnisse in einem Podcast publizieren, ergibt sie sich bei „Death and Other Details“ daraus, dass hier der Privatdetektiv Rufus Cotesworth (Mandy Patinkin) Weisheiten aus seinem Standardwerk über die Arbeit eines Ermittlers von sich gibt. Auch die Rolle der Imogen Scott, die Violett Beane spielt, hat Anklänge von Mabel Mora (Selena Gomez) aus „Only Murders in the Building“.

Angesichts dieser Anähnelung auf dem Feld der Kriminalserien soll auf eine britische Produktion verwiesen werden, die eine gewisse Eigenständigkeit für sich reklamieren kann, auch wenn manch ihrer Bestandteile einem bekannt vorkommen. Gemeint ist die achteilige Serie „Criminal Record“, die bei Apple TV seit dem 10. Januar abgerufen werden kann. Sie erzählt die Geschichte der farbigen Londoner Kriminalbeamtin June Lenker (Cush Jumbo), die durch einen Notruf auf einen Mord an einer Frau hingewiesen wird, der bereits einige Jahre zurückliegt und für die deren Ehemann seit Jahren im Gefängnis sitzt. Der Notruf deutet an, dass dieser – ebenfalls farbige – Mann nicht der Täter ist. Als Lenker dem alten Fall nachgeht, wird sie rasch vom Kollegen Daniel Hegarty (Peter Capaldi), der damals die zum Urteil führenden Ermittlungen leitete, behindert. Doch das hält Lenker nicht ab, sondern stachelt sie eher an.  

Zwischen den beiden beginnt ein in der Institution, aber auch privat ausgetragener Kampf, der sich bis zum Ende hinzieht. Es wird bald deutlich, dass bei den damaligen Ermittlungen ein gewisser Schlendrian herrschte, dass Vorurteile und Stereotype den Blick verstellten, ja, dass sogar einer der Kollegen von Hegarty einer rechtsextremen und rassistischen Gruppe nahesteht. Hegartys Schutz für seine Kollegen gegen die Recherche von Lenker geht soweit, dass sie ihn ebenfalls des Rassismus beschuldigt. Doch dieser um einige Jahre ältere Kollege entpuppt sich als widersprüchlicher, als es nach den ersten Folgen scheint. Auch June Lenker ist von Fehlern nicht frei, und nimmt für ihre Aufklärung selbst da nicht Rücksicht, wo es angebracht wäre.

Die große Stärke dieser vom Paul Rutman entwickelten und geschrieben Polizeiserie besteht darin, dass sie in doppelter Weise vom Rassismus erzählt. Da ist zunächst der strukturelle Rassismus, der sich in der Unkenntnis der unterschiedlichen Kulturen der vielgestaltigen Welt der Einwandererfamilien zeigt. Diese institutionell akzeptierte Unkenntnis produziert Fehleinschätzungen und führt zu vorschnellen Schlüssen. Da ist zum anderen der personale Rassismus, der sich in pauschalen Urteilen im alltäglichen Umgang mit Zeugen oder Verdächtigen zeigt und der im Extremfall in politischen motivierten Gewalttaten von Polizisten gipfelt.

Wie gesagt, viele Elemente der Serie wie die Hierarchiekämpfe in der Polizei, das Bündnis der Polizistin mit einer Gruppe der politischen Selbstorganisation, die privaten Konflikte bei Hegarty wie Lenker und die Gewalt, die auf den Straßen der ärmeren Viertel herrscht, kommen einem bekannt vor. Aber sie sind hier auf eine besondere Weise miteinander verknüpft. Die bis in die kleinsten Nebenrollen hervorragende Besetzung tut ein übriges dazu, dass man den acht Folgen nicht nur mit einer klassischen Krimi-Spannung, sondern auch mit einer fast soziologisch zu nennenden Neugier folgt. 

Dietrich Leder

Seine Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
Crime im TV (12): Influencer als Thema im Fernsehkrimi
Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk 
Crime im TV (15): Wie ein faules Ei dem anderen: Plots wie mit KI
Crime im TV (16): Kommissar Maigret: Da schlummert ein Schatz in den Archiven
Crime im TV (17): Michael Connolly und die Transformationen seiner Serien-Figur Mickey Haller
Crime im TV (18): Die Figur Sörensen als komplettes Medienpaket
Crime im TV (19): Die Pathologie als Element – bei Dominik Graf, Borowski und in Stuttgart
Crime im TV (20): „Landkrimi“ von und mit Karl Markowitz – alles andere als Postkarte
Crime im TV (21): Zum „Tatort: Reifezeugnis“ (1977) und den Nacktszenen mit „Nastassja Kinski“

Über abgründiges Erzählen: George Perec und das Gift das Originals, und sein großer Essay „Proust übersetzen“ (Teil I und Teil II). Sein Jahresrückblick 2023 hier.

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