Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Dietrich Leder seziert Crime im TV (24): Ufos und Aliens

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Nicht ganz von dieser Welt … aber auch nicht aus Bielefeld …

Als am Dienstag nach Pfingsten (21.5.) eine neue Folge der Serie „Mord mit Aussicht“ im Ersten Programm lief, werden sich manche Zuschauerinnen und Zuschauer gefragt haben, warum ihnen deren Plot so bekannt vorkam? Denn diesmal hob die Folge mit dem Absturz eines unbekannten Flugobjekts an, das im Eifelnest Hengasch die Vorstellung auslöste, es handele sich um ein Gerät von Außerirdischen. Diesem Wahn, der nicht nur Teile der Dorfgemeinschaft, sondern auch einen leitenden Polizeibeamten befällt, der zur Kontrolle des hiesigen Polizeireviers angereist war, gewinnt die Serienfolge mit dem Titel „Zwischenfall“ allerlei nette, aber selten böse Gags ab. (Für das Buch der Folge zeichnen laut Vorspann Tanja Bubbel und Johannes Rotter und für die Regie Oliver Schmitz und Markus Sehr verantwortlich.) Tatsächlich ist die humoristische Krimi-Serie nach dem Neustart vor zwei Jahren, mit dem ein Wechsel in der Hauptrolle von Caroline Peters zu Katharina Wackernagel einherging, deutlich harmloser geworden, dafür durfte sie auf erotischem Gebiet ein klein wenig freizügiger werden.  

Dass einem die Grundidee wie manche Scherze über den Wahn, Außerirdische weilten unter uns, bekannt vorkamen, lag daran, dass zwei Tage zuvor und also am Pfingstsonntag (19. Mai) die ARD zur klassischen Sendezeit einen „Tatort“ aus Münster gezeigt hatte, in dem das alles auch schon zu sehen war. In dieser Folge namens „Propheteus“ hat der Wahn, Außerirdische seien auf der Erde gelandet, ebenfalls Menschen befallen, und zwar in einer hierarchisch strukturierten Gruppe, die wie eine religiöse Sekte organisiert ist und zugleich mit ihren Hirngespinsten Geld verdient. Anders als in „Mord mit Aussicht“ geht es hier brutaler zu, denn es kommt gleich zu Beginn zu einer Geiselnahme mit Todesfolge und später dann noch zu zwei Morden.

Aber auch hier sind Teile des Polizeiapparates vom Wahn befallen, denn die beiden Delegierten des Verfassungsschutzes, die dem Kommissar Thiel (Axel Prahl) und dem Pathologen Boerne (Jan Josef Liefers) ins Handwerk pfuschen, wirken selbst so, als kämen sie von einem anderen Stern; zudem nennen sich selbst Muster und Mann und ergeben zusammengeschrieben jenen Allerweltsnamen, der immer dann auftaucht, wenn ein Ausweispapier für mediale Zwecke verwendet wird. Allerdings war diese „Tatort“-Folge, deren Drehbuch Astrid Ströher schrieb und die Sven Halfar inszenierte, keine Erstausstrahlung. Es handelte sich um eine Wiederholung aus dem Jahr 2022, die von der ARD auf den Pfingstsonntag platziert worden war, da am nachfolgenden Feiertag eine neue Folge auf die Fans der Serie wartete. Die ARD presst ja mit ihren Wiederholungen inclusive der Dritten Programme aus dem „Tatort“ an Aufmerksamkeit heraus, was nur irgend möglich ist.

Nun war diese Folge selbst für das ohnehin überdrehte Konzept des Münsteraner „Tatort“,  für eine meist verbale Pointe noch auf die kleinste Spur an kriminalistischer Logik zu verzichten, gnadenlos überdreht, denn der Film machte sich die Annahme eines Wirkens von Außerirdischen selbst zu eigen, um visuelle Gags einzubauen, wie man sie aus Science-Fiction- oder Horrorfilmen kennt. Da war die Folge von „Mord mit Aussicht“ bis auf den Anfang deutlich zurückhaltender; hier wussten die Zuschauerinnen und Zuschauer stets, was tatsächlich Sache und eben nicht Hirngespinst ist, auch wenn die Auflösung, beim unbekannten Flugobjekt handele es sich um einen Spionagesatelliten aus China, der von der Botschaft der Volksrepublik dann an der Polizei vorbei außer Landes geschafft wird, sich ja fast mit der Phantasie eines Flugobjekts aus dem All messen lassen kann. 

Nun wäre all das der etwas länglichen Rede nicht wert, zudem solche Themenhäufungen unter deutschen Krimiserien hier schon des Öfteren beschrieben worden sind – vgl. etwa zu Influencern hier und hier zum Déjà-vu am Seziertisch -, wäre nicht zwei Tage vor „Propheteus“ und vier Tage vor „Zwischenfall“ die letzte Folge der US-Serie „Sugar“ von Apple TV online gestellt worden. Diese achtteilige Serie erzählt zunächst eine klassische Kriminalgeschichte, in der ein Privatdetektiv namens John Sugar (Colin Farell) von einem Hollywood-Tycoon engagiert wird, seine Enkelin zu suchen, die in den diversen Subkulturen von Los Angeles verschwunden ist.

Seinen visuellen Reiz erhält die Serie nicht nur daraus, dass sie wie ein klassischer Noir-Film anmutet, sondern dass in sie immer wieder Zitate aus dem Repertoire dieses Sub-Genre eingeschnitten sind. Man konnte also fleißig raten, aus welchem Film von Hawks, Lang oder Wilder die entsprechende Passage stammte. Hinzukamen andere Verweise, ob es sich um Autos, Kleidung oder Waffen handelte. (Siehe Nick Kolakowski dazu auch hier.) Hier sei nur ein Beispiel genannt: Die Rolle des Auftraggebers hat James Cromwell übernommen, der einst im Neo-Noir-Film „L.A. Confidential“ (1997) von Curtis Hanson nach dem gleichnamigen Roman von James Ellroy jenen Polizisten gespielt hatte, der sich am Ende als der wahre Übeltäter und Drahtzieher herausstellte.

Kein Wunder, dass man in „Sugar“ der von ihm gespielten Figur bis zum Schluss nicht traute. Was sich in der letzten Folge bewahrheitete, als sich herausstellte, dass er zumindest einen wichtigen Tatbestand dem von ihm angeheuerten Detektiv verschwiegen hatte. In dieser verlogenen Hollywood-Welt der Serie kann Sugar niemandem trauen; hier wimmelt es nur so von korrupten Polizisten, intriganten Geschäftsleuten und brutalen Gangstern. Selbst der einstige Rockstar Melanie Matthews (Melanie Ryan), zu dem Sugar eine Beziehung aufbaute, verbirgt mehr als ein Geheimnis, und das – jede Wette – über diese erste Staffel hinaus.  

Das ist sorgfältig, mit Sinn für das visuelle Detail inszeniert und besitzt trotz aller bekannter Versatzstücke eine über jede Folge hinausreichende Spannung, so dass man sie gerne lobte und empfehlen möchte, waltete nicht auch hier jener Wahnsinn, der bereits Münster und dann Hengasch heimgesucht hatte. Denn im Lauf der letzten Folgen verstärkte sich immer mehr der Eindruck, dass etwas mit Sugar und der Frau (Kirby Howell-Baptiste), die ihm die Aufträge vermittelt, nicht stimmt. Zu merkwürdig sind die Rituale, derer sie sich befleißigen, zu rätselhaft sind die Hinweise auf die Ziele und Zwecke ihrer Arbeit. Anders als in den deutschen Serien wird dieser Genrewechsel ins Science-Fiction-Fach ernst genommen. Und so deutet sich an, dass die Stärke des John Sugar daraus resultiert, dass er nicht von dieser Welt sei.

Während man die Notwendigkeit, der Noir-Filmwelt der 1950er- und 1960er-Jahre zu entkommen, durchaus versteht, kann man die Konsequenz, die Mark Protosevich als Stoffentwickler und Drehbuchautor daraus zog, nicht unbedingt nachvollziehen. Denn wie soll man einem Private eye glauben, dessen Pupille sich in besonderen Situationen merkwürdig verfärben und der jeder Zeit von seinen extraterrestrischen Auftraggebern ins All zurückgerufen werden kann?

Dietrich LederSeine Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
Crime im TV (12): Influencer als Thema im Fernsehkrimi
Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk 
Crime im TV (15): Wie ein faules Ei dem anderen: Plots wie mit KI
Crime im TV (16): Kommissar Maigret: Da schlummert ein Schatz in den Archiven
Crime im TV (17): Michael Connolly und die Transformationen seiner Serien-Figur Mickey Haller
Crime im TV (18): Die Figur Sörensen als komplettes Medienpaket
Crime im TV (19): Die Pathologie als Element – bei Dominik Graf, Borowski und in Stuttgart
Crime im TV (20): „Landkrimi“ von und mit Karl Markowitz – alles andere als Postkarte
Crime im TV (21): Zum „Tatort: Reifezeugnis“ (1977) und den Nacktszenen mit „Nastassja Kinski“
Crime im TV (22): Zur Ähnlichkeit von Krimiserien – »Criminal Record« geht einen eigenen Weg
Crime im TV (23): Tom Ripley – »Mr. Ripley« –, eine talentierte Filmfigur mit vielen Facetten

Tags : ,