Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Dietrich Leder seziert Crime im TV (25): »Eric« bei Netflix

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

In mehrfacher Hinsicht wirklich bestechend

Die britische Serie „Eric“, die Netflix Ende Mai 2024 ins Netz stellte, besticht durch mehrere Dinge. Da ist zum einen der zeitgenössische Hintergrund der 1980er-Jahre in New York, der auf mehreren Handlungsebenen breit entwickelt wird wie der Beginn der AIDS-Epidemie, die damalige massive Verfolgung und Unterdrückung von Homosexualität, die massive Gewalt der Polizei und der Stadtreinigung gegen Obdachlose auf den Straßen und in den U-Bahnschächten, die mit ihrer Anwesenheit die Geschäft der Immobilienbranche stören, die Szene von Musikclubs wie dem Studio 54, in denen die reiche Gesellschaftsschicht ihre Promiskuität auslebt, und nicht zuletzt eine Fernsehproduktionsfirma, die eine Puppensendung im Stil der „Sesamstraße“ oder der „Muppet Show“ herstellt.  

Da ist zum anderen eine hervorragende Besetzung: Benedict Cumberbatch spielt den Puppenspieler und -erfinder Vincent Anderson, der alkoholabhängig ist und Frau und Sohn unter seinen Launen leiden lässt. Als seine Frau Cassie mit ihren eigenen Geheimnissen und verborgenen Wünschen wirkt Gaby Hoffmann mit. McKinley Belcher III ist der Polizeibeamter Michael Ledroit, der im Vermisstendezernat arbeitet und seine Homosexualität verschweigen muss. Selbst Nebenrollen sind glänzend besetzt: Clarke Peters, der einst in der legendären Polizeiserie „The Wire“ als Lester Freamon beeindruckt hatte, ist als ein Hausmeister zu sehen, bei dem Andersons Sohn bei Streitigkeiten seiner Eltern Zuflucht findet, und John Doman zieht als Immobilienmogul im Hintergrund die Fäden.

Da sind zum dritten mehrere ineinander verdrehte Kriminalfälle: So sucht eine Mutter seit Monaten ihren jugendlichen Sohn, was aber die Polizei nicht sonderlich interessiert, da er Afroamerikaner ist und zudem mit Drogen gehandelt haben soll. Anders verhält sich die Polizei, als Andersons Sohn auf dem Weg zur Schule verschwindet, da er nicht nur weiß ist, sondern auch der Enkel des von Doman gespielten Moguls. Und um den „The Lux“, der sich auf dem Weg des Jungen zur Schule befindet, ranken sich Gerüchte um männliche Prostitution und Drogengeschäfte, denen die zuständigen Polizisten merkwürdigerweise nicht nachgeht.

Und noch etwas zeichnet die Serie aus: Der schwer alkoholabhängige Puppenspieler entwickelt, baut und spielt für eine neue Serie eine Stab-Puppe, die sein Sohn vor seinem Verschwinden skizziert hatte. Sie heißt Erik, nach ihr wurde also die Serie benannt. Doch Erik erscheint dem Puppenspieler – und zwar nur ihm – im Alltag; er unterhält sich mit ihr, was alle, die ihn in diesem Moment umstehen, irritiert. Erik wird im Lauf der Serie immer mehr zu so etwas wie der Verkörperung seines schlechten Gewissens, das ihn, als sein Sohn verschwunden bleibt, selbst auf die Suche nach ihm durch die Unterwelt von New York schickt.

Das ist alles klug von Aby Morgen ausgedacht und geschrieben, und von Lucy Forbes bestens inszeniert. So folgt die Serie den unterschiedlichen sozialen Gruppen, die in ihre Geschichte involviert sind – von den Luxus-Wohnungen des Moguls über das Fernsehstudio, in dem die Puppensendungen produziert werden, bis zu den Obdachlosen, die in aufgegebenen Schächten der U-Bahn einen Unterschlupf fanden. Zudem sind diese sozial ausdifferenzierten Gruppen widersprüchlich gezeichnet; überall wird gelogen und sind Drogen und Gewalt präsent. Die Spannung der Serie wird durch Geheimnisse, die sowohl das Privatleben der Hauptfiguren als auch die Arbeit der Polizei betreffen, forciert und wächst so von Folge zu Folge, ehe sich am Ende doch vieles zum Guten wendet.

Und das ist das größte Manko von „Eric“, wie am Ende der sechsten Folge jeder Faden verknüpft, jedes Problem gelöst wird. So überwindet die von Cumberbatch durchaus nuanciert angelegte Figur des Vaters seine Alkoholsucht mühelos, als wäre es eine leichte Grippe. Ist der Junge von dem, was er unter den Obdachlosen erlebte, nicht traumatisiert. Blüht die Mutter in ihrer neuen Beziehung auf, als gäbe es das Drama der vorhergehenden nicht. Findet der von Belcher gespielte Polizist den Mut, gegen den Willen seines Vorgesetzten seine korrupten Kollegen verhaften zu lassen. Fliegt das Kartell von Politik und Immobilienbesitzer auf. Und entpuppt sich Erik als alter ego des Sohnes, der über diese Puppe auf den Vater einwirkte und so alles zum Guten wendete.

Diese märchenhafte Wendung ist des Guten zu viel, denn sie beschädigt den realistischen Anspruch, den die Serie mit ihrer multiperspektivischen Erzählung aus dem New York der 1980er-Jahre entwickelt hat. Schade.

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Folge 5: Erzählkonventionen
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