Geschrieben am 1. Dezember 2025 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2025

Dietrich Leder, Crime im TV (39): Das Krimi-Dinner-Quiz

Crime im TV

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen.

Die Wieder-und-Wieder-und-Wiederbelebung eines alten Rätselformats

Als „Live-Krimi-Dinner“ firmierte die ARD-Sendung, die am Abend des 22. November um 20.15 Uhr, ausgestrahlt wurde. Im Haupttitel hieß sie „Tödliches Spiel“. Doch das mixtum compositum setzte sich nicht, wie zu vermuten, aus Krimi und Promi-Dinner zusammen, denn zu einem Abendessen kam es nicht. Stattdessen wurde der Krimi, der hier als ein dreiaktiges Theaterstück nebst einigen filmischen Elementen live gespielt wurde, mit dem Quizformat gekreuzt. Die Zuschauerinnen und Zuschauer vor den Fernsehgeräten sowie einige prominente Schauspieler, die allesamt aus Krimiserien eine gewisse Bekanntheit mitbrachten und die das Stück vor Ort im Studio sahen, sollten erraten, wer den Mord beging, der sich im Stück nach 30 Minuten Sendezeit ereignete. Wer wollte, konnte für 0,14 Euro telefonisch auf eine der sieben Hauptfiguren tippen und als Hauptpreis 5.000 Euro gewinnen.

Das Krimi-Quiz ist keine neue Erfindung. Immer wieder wagte man sich im Radio wie im Fernsehen an diese Mischung populärer Sendeformate. Der Hessische Rundfunk produzierte beispielsweise seit 1959 zehn Jahre lang unter dem Titel „Kriminalrat Obermoos“ eine Radioreihe, bei der es galt, den jeweiligen Täter zu erraten. Heinz Schimmelpfennig sprach damals die Titelfigur, die nicht nur den Fall darlegte, sondern kurz vor Ende die Zuhörerinnen und Zuhörer aufforderte, einen der Verdächtigen als Täter zu benennen. Dann folgte eine Pausenmusik, während der die Familien vor den Radioapparaten über den Fall sprechen und sich auf den Täter festlegen konnten. Anrufen konnte man nicht, geschweige denn etwas gewinnen. Es war ein Spaß, der allein in den Wohnzimmern stattfand, zu einer Zeit, als das Radio noch das Leitmedium war. In seinem Podcast „Kein Mucks!“ stellte Bastian Pastewka im Mai 2025 zwei Folgen der Reihe vor.

Im Fernsehen folgte in den 1960er-Jahren beispielsweise die Reihe „Krimi-Quiz – Amateure als Kriminalisten“, in der unter der Regie von Hagen Müller-Stahl und mit Achim Strietzel als Quizmaster das Publikum den Täter überführen sollte. Das ZDF produzierte davon acht Folgen und wagte sich 1987 an eine Variante: Im Dreiteiler „Wer erschoss Boro?“ wurde ein Kriminalfall in allen Details ausgebreitet, die zudem in einem pünktlich zur Ausstrahlung publizierten Buch niedergelegt waren. Diesmal konnten diejenigen, die den Täter rechtzeitig nannten, Geld gewinnen. Zehnmal 10.000 Mark wurden ausgelobt. Doch die Rechnung ging wohl nicht auf. Der Spiegel meldete damals, dass das Buch „wie Blei in den Regalen“ der Buchhändler liege, und gab nebenbei den Hinweis, dass der Täter anhand von Schriftproben zu ermitteln sei.

Das Krimi-Quiz lebt von der Genrevariante des Whodunit, die bereits in literarischer Form an einer gewissen Ermüdung leidet. Agatha Christie, die mit ihr viel Geld verdiente, ironisierte sie selbst immer wieder, indem sie einmal alle Verdächtigen zu Tätern erklärte („Mord im Orientexpress“, 1934) oder gar den Erzähler („Alibi“, 1926). Lange dominierte dieses Erzählprinzip, das die Leserschaft zur Ermittlung des Täters animiert, auch den Fernsehkrimi. Dort war der Täter oft daran zu erkennen, dass er vom prominentesten Schauspieler neben der Standardbesetzung gespielt wurde.

Anleihen auch beim Gespenster-, Horror-, Katastrophen- und Science-Fiction-Film

Wer sich daran hielt, lag auch aktuell in der ARD nicht falsch. Uwe Ochsenknecht, der es in dieser Geschichte als Chef eines weltweit agierenden Brettspielkonzerns zum Milliardär brachte – darauf muss man erst einmal kommen! –, war als bekanntester Schauspieler somit auch der Täter. Wer darauf setzte, musste allerdings fast zweieinhalb Stunden warten, ehe die beiden Spielleiter Axel Prahl und Jan Josef Liefers den Täter auch offiziell bekannt gaben.

Die Zwischenzeit füllte dieser Krimi mit umständlich ausgebreiteten Motiven der Beteiligten und mit diversen Anleihen bei anderen Genres wie dem Gespenster-, Horror-, Katastrophen- und Science-Fiction-Film. Zwei Gesprächsrunden im Saal, in dem weite Teile des Stücks in Theaterform dargeboten wurden, unterbrachen das ohnehin schon deutlich in die Länge gezogene Geschehen. Selbst die Aufmunterungsversuche der Moderatorin Jessy Wellmer, die durch den Abend führte, vermochten es nicht, dem faden Stück Spannung zu verleihen.

Das Drehbuch, für das Nils Willbrandt und Michael Gantenberg verantwortlich zeichneten, enthielt jede Menge Floskeln. Aufklärung wurde mit dem Satz annonciert, nun sollten „alle einmal ehrlich sein“, Unwissenheit mit „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“ ausgedrückt und Aktion mit „Jetzt geht es los!“ angekündigt. Um einen Verdacht auszusprechen, fand sich gar die Formulierung, jemand habe sich „Geld von dunklen Gestalten geliehen“. Dass diese dunklen Gestalten als „Zarellas“ benannt wurden, spielte darauf an, dass gleichzeitig im ZDF die „Giovanni-Zarrella-Show“ lief. Subtil, subtil.

Das merkwürdig zusammengesetzte Ensemble, zu dem Comedians wie Annette Frier, Martina Hill und Max Giermann ebenso gehörten wie die Schauspielerin Verena Altenberger oder der Schauspieler Jürgen Maurer, wirkte nicht sonderlich motiviert. Giermann grimassierte beispielsweise wie wild darauf los, Altenberger wirkte, als sei sie abwesend, und Maurer hatte nur einen einzigen, dafür aber dauerhaft grimmigen Blick auf Lager. Als Star-Gast geisterte Bill Kaulitz von der Band Tokio Hotel eher hilflos durch die Kulisse. Und als dann noch Andrea Sawatzki als ehemalige Gattin des Magnaten wie Kai aus der Kiste in die Szenerie hüpfte, hatte sich die szenische Nummernrevue bereits selbst aufgegeben. Versprecher häuften sich, technische Störungen kamen hinzu, und immer dann, wenn die Regie (Nils Willbrandt und Ladislaus Kiraly) nicht weiterwusste, ließ sie es blitzen und donnern. Kurz gesagt: eine müde Veranstaltung, die dem Krimi-Quiz hoffentlich den Garaus bereitet.

Eingestanden: Ich hatte die Sendung bei der Ausstrahlung nach zehn Minuten – als ich den Verdacht hatte, Ochsenknecht sei der Täter – ausgeschaltet. Als ich nach über zwei Stunden wieder durch die Programme zappte, geriet ich ins Finale hinein, in dem dieser Tatverdacht bestätigt wurde. Später holte ich den Rest der fehlenden zwei Stunden nach. Nichts fiel mir schwerer, seit ich diese Kolumne schreibe.

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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
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Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
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– Seine Texte bei uns hier. 
– Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.

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