Tatort: Die große Angst
Es ist absurd und doch konsequent: Je größer der Anteil der Kriminalfilme und Serien am fiktionalen Programm des Fernsehens wird, ob es nun linear oder über das Streaming wahrgenommen wird, um so unwichtiger erscheinen die verbleibenden Fernsehfilme, die ohne Verbrechen, Polizei und kriminaltechnische Untersuchung auskommen. Im Feuilleton werden sie jedenfalls kaum noch besprochen. Denn dem ist das Fernsehen generell aus dem Blick geraten. Nur die politischen Talkshows werden aktuell rezensiert, besser: nacherzählt, weil sie als Fortsatz der Berliner Politik mit den Mitteln des Fernsehens verstanden werden. Ähnliche Aufmerksamkeit wie die Sendungen von Illner, Lanz, Maischberger und Miosga genießen nur noch die einzelnen Folgen vom „Tatort“ (ARD), die in Vorberichten und Nachkritiken ausführlich thematisiert werden; diese Texte erinnern allerdings oft an das, was Fanzines über Pop- und andere Stars berichten, und sie schwanken zwischen hymnischer Lobpreisung und finsterster Verdammnis. So unterscheiden sie sich kaum noch von dem, was Zuschauerinnen und Zuschauer in entsprechenden Foren zu einzelnen „Tatort“-Folgen schreiben.
Anlass zu dieser etwas langatmig vorgetragenen, zudem routinisierten Kritik am Verfall dessen, was früher Fernsehkritik genannt und über dreißig Jahre von den Tageszeitungen gepflegt wurde, war ein „Tatort“ vom Südwestrundfunk (SWR), der unter dem Titel „Die große Angst“ am 23. März im Ersten Programm lief. Denn diesen Film, den Christina Ebelt schrieb und inszenierte, kritisierten die meisten Kritikerprofis ebenso scharf wie die „Tatort“-Fans. Nun kann man manches zurecht an der Geschichte und an der Inszenierung kritisieren. Auch kann man die Dogmatiker verstehen, für die dieser „Tatort“ weder den obligatorischen Mord noch die klassische Auflösung der Täterfrage bereithielt. Doch Anlass für Wut und Ärger ist möglicherweise etwas anderes.

Der Film erzählt die Geschichte einer gesellschaftlichen Hysterie, die alle Beteiligten gleichermaßen befällt. Das liegt zum einen an einer großen Hitze, die seit Tagen auf jenem Teil des Schwarzwalds lastet, in dem der Film spielt. Das liegt zum anderen an einem gesellschaftlichen Klima, in dem noch der kleinste Konflikt in kürzester Zeit eskalieren kann, weil den Menschen zunehmend so etwas wie Geduld oder Konfliktfähigkeit fehlt.
Das Drama des Films beginnt, als in der vollen Kabine einer Seilbahn eine schwangere Frau (Pina Bergemann) unter Atemproblemen leidet. Der Versuch ihres Mannes (Benjamin Lillie), für sie ein Fenster zu öffnen, scheitert an einem anderen Fahrgast. Der schlägt das Fenster, kaum wurde es geöffnet, mehrfach wieder zu. Er reagiert weder auf die Bitte der Frau noch auf die ihres Mannes noch auf die der anderen Fahrgäste. Stur beharrt er auf seinem Recht des Stärkeren. In ihrer Not ergreift die Schwangere nach dem Nothammer, der in der Gondel hängt, und versucht ein Fenster einzuschlagen. Andere versuchen sie davon abzubringen. Im Gerangel muss der Sturkopf vom Hammer getroffen worden sein. Er sinkt jedenfalls zu Boden und stirbt.
Diese Eröffnungsszene steht für den gesamten Film. An keiner Stelle gelingt es den Menschen entstehende Konflikte sachlich zu besprechen, nach Ursachen zu forschen und gemeinsam nach sinnvollen Lösungen zu suchen. Stattdessen beharrt jeder auf dem, was er zu seinem eigenen Recht erklärt. Das gilt auch für die schwangere Frau und ihren Mann, die nach Ankunft der Gondel die Endstation verlassen; sie fürchten, für den Tod des Sturkopfs zur Verantwortung gezogen zu werden. Später stellt sich heraus, dass die Frau an einem Hirntumor leidet, der erst nach Geburt des Kindes operiert werden kann, und der zunehmend ihr auch aggressives Verhalten mitbestimmt. Das erklärt zum Teil die Panik, die sie ergreift und die sie zur Flucht in eine nur schwer zugängliche Region des Schwarzwalds antreibt. Ihrem Mann gelingt es nicht nur nicht, sie zu beruhigen, sondern er scheint auch selbst ein panikanfälliger Mensch zu sein. So stolpern beide auf der Flucht vor der Polizei durch den sonnendurchfluteten Wald, für dessen Idylle sie aber weder den Blick noch die Ruhe haben.
Auch zwischen den leitenden Kriminalbeamten Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner), die im Schwarzwald-„Tatort“ seit 2017 und in bislang 13 Filmen ermitteln, verschärft sich in kürzester Zeit ein Konflikt. Franziska Tobler hat sich auf eine Leitungsstelle beworben, ohne dass ihrem Kollegen zu erzählen, der sich deshalb übergangen fühlt und wohl auch die Vorstellung fürchtet, ihr in Zukunft untergeben zu sein. Dieser Konflikt wird aber nicht in der Sache ausgetragen, sondern auf das berufliche Problem verlagert. Jeder deutet demonstrativ die Lage anders. Während er in der Schwangeren eine Hysterikerin sieht, die zur Gewalt neigt, sieht seine Kollegin in ihr eher eine verzweifelte Frau, die man aus ihrer misslichen Lage befreien muss. Ihr Streit findet einen Höhepunkt, als sie ihn, der sie nicht ernst zu nehmen scheint, ins Gesicht schlägt. Das werde er melden, sagt er, als sie sich sofort bei ihm entschuldigt. Auch auf allen anderen Ebenen eskaliert die Lage, als ein Junge bei einem Unfall zu Schaden kommt, und dessen Eltern die Bevölkerung zur Jagd auf das Paar blasen, weil es am Unglück die Schuld tragen soll.

Das dramatische Modell dieses Film ist das einer allmählich beginnenden, dann aber rasend schnell anwachsenden Katastrophe, die sich aus einem vergleichsweisen kleinen Ereignis – der Tod in der Seilbahn ist juristisch weder Mord noch Totschlag – entwickelt, weil alles schief geht, was gesellschaftlich nur schief gehen kann. Das verleiht dem Film selbst etwas Hysterisches, der weder Ruhemomente noch retardierende Szenen kennt. So wirkt das Ende, als sich die Lage nach einem weiteren Unglück – Berg wird von einem Polizeikollegen unabsichtlich ins Bein geschossen – mit einem Mal schnell beruhigt, wie eine ironische Volte, wie die Pointe einer Farce, die dieser „Tatort“ phasenweise auch ist.
Die Wut und der Ärger vieler Zuschauerinnen und Zuschauer rührt möglichweise aber aus einer anderen Besonderheit dieses Films. Denn der nimmt sich Zeit, die schwangere Frau in ihren Stimmungsschwankungen und bei ihrer Flucht über Stock und Stein zu zeigen. Der Verismus, der normalerweise im „Tatort“ den toten Körpern gilt, die mit allen Verletzungen detailliert vorgeführt, untersucht und interpretiert werden, gilt hier dem lebenden Körper einer Frau, der zudem einen zweiten Körper in sich trägt. Ihr sieht man nicht nur zu, wie sie über Baumwurzeln stolpert, die schmale Leiter eines Hochsitzes rauf- und runterkraxelt, mehrfach stürzt und sich immer wieder mühsam aufrappelt, sondern auch und sogar, wie sie hinter einem Busch ihre Notdurft verrichtet. Es ist diese körperliche Präsenz eines weiblichen Körpers in hektischer Not, der in der männlichen Idealvorstellung ruhig gestellt auf die Geburt zu warten hat, die vermutlich das Unbehagen ausgelöst hat, das sich dann in Wut und Ärger Bahn brach.
Es wäre vielleicht Zeit darüber nachzudenken, was all die Ansichten der mit viel Aufwand präparierten, detailliert ausstaffierten und in Szene gesetzten Leichen, die das Fernsehen pro Woche zeigt, bei einem anrichten.












