
Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen.
Postkartenkrimis als Fernsehgenre – einmal „Tatort“, einmal Burgenland
Im Fernsehen ist der ländliche Raum schon seit längerem als Handlungsort von Serienkrimis entdeckt worden. Das hat mehrere Gründe: Zum ersten bietet er im Vergleich zu Großstädten die Möglichkeit für schönere Bilder an; ausgesuchte und bei bestem Wetter aufgenommene Landschaftstotalen, die Postkartenbildern gleichen, füllen die Lücken der meist fadenscheinigen Erzählungen. Zum zweiten liefert er den öffentlich-rechtlichen Anstalten, denen die Bevorzugung der Metropolen vorgeworfen wird, die Chance, auch mal abgelegenen Orte in den Bundesländern, die ja für die Medienpolitik verantwortlich sind, als Drehorte zu nutzen; vor allem das ZDF, das ja in den 1970er-Jahren seine Verbrechen, die der „Kommissar“ oder „Derrick“ aufzuklären hatten, nur in den besseren Viertel in München die Verbrechen ansiedelte, verlagerte sie seit den 1990er-Jahren in den ländlichen Raum. Zum dritten wirken auf den Fernsehkrimi die Bilanzen des Buchmarkts ein; die erfolgreichen Romane von Rita Falk um den Polizeibeamten Franz Eberhofer wurden mit dem Abstand weniger Jahre durch Ed Herzog verfilmt und waren sowohl im Kino als auch im Fernsehen erfolgreich.
Die Postkarten-Krimis, ob sie nun an der Ost- oder an der Nordsee, im Schwarzwald oder in der Uckermark spielen, nehmen ihre Handlungsorte leider nicht sonderlich ernst. Ihre Plots werden einfach aus den Großstädten in den ländlichen Raum verpflanzt, so dass es etwa in den Reihen „Nord Nord Mord“ (ZDF) oder „Nord bei Nordwest“ (ARD) – beide Serien ähneln sich nicht nur im Titel wie ein Ei dem anderen – nur so an Drogengangstern, Mafiabanden und untergetauchter Gewaltverbrechern wimmelt. Die für diese (und andere ähnliche) Serien notwendige Komik, die meist über Buffo-Figuren garantiert wird, kollidiert in letzter Zeit zunehmend mit einer gewisse Lust an der dargestellten Gewalt, so dass man nicht weiß, ob man lachen oder sich fürchten soll. Der ach so beliebte Genre-Mix gerät hier an seine Grenzen.
Vielleicht hat die Reklame-Funktion, die diesen Postkartenkrimis ja eigen ist, die Zuschauerinnen und Zuschauer so eingelullt, dass sie erbost reagieren, wenn der ländliche Raum in einem Kriminalfilm mal als das dargestellt wird, als was er in den Filmen und Romanen der Großstädte immer schon erschien: als Ort der Vergangenheit, der stillgestellten Zeit, der reaktionären Traditionen. Das konnte man bemerken, als im November des letzten Jahres die „Tatort“-Folge „Lass sie gehen“ (SWR(/ARD) die gute alte Tradition der Provinz-Kritik wieder aufnahm und eine schwäbische Dorfgemeinschaft als einen Haufen von reaktionären Waffenfanatikern und alkoholisierten Fremdenhassern vorführte. In diesem Nest wollte man nun wirklich nicht den Urlaub verbringen, zudem das Wetter anders als in den Postkartenkrimis nicht sonderlich gut ausfiel.
In Österreich, einem Staat, das gemäß eines Wiener Schmähs jenseits der Hauptstadt nur aus Provinz besteht, hat man vor Jahren eine Krimi-Reihe ins Leben gerufen, die „Land-Krimi“ hieß und aus der gelegentlich schöne, da widerborstige Filme hervorgingen wie der hier schon gelobte Film „Das Schweigen der Esel“ von und mit Karl Markovics. Vielleicht war diese wie auch manch andere Serienepisode zu dunkel und zu böse geraten, so dass der ORF gleichsam als Wiedergutmachung die nächste Serie startete, die in den Provinzen angesiedelt ist. Jedenfalls firmierte der Film „Die tote Braut“, den Arte am 24. Januar zeigte und der noch bis zum 22. Februar in der Mediathek des deutsch-französischen Kultursenders angeschaut werden kann, als „Dorfkrimi“.
Dass mit diesem im Burgenland angesiedelten Film eine neue Serie begann, kann man an der wichtigsten Personalie ablesen: Thomas Stipsits übernahm unter der Regie von Daniel Geronimo Prohaska die Hauptrolle des Kriminalbeamten Sifkovits. Der Schauspieler und Kabarettist schrieb zudem die literarische Vorlage – den 2019 erschienenen Kriminalroman mit dem Titel „Kopftuchmafia“. Unter diesem Titel wurde er im Oktober 2024 vom Österreichischen Fernsehen (ORF) ausgestrahlt. Warum man für Arte einen neuen Titel wählte, erschließt sich nicht. Vielleicht befürchtete man in der Straßburger Arte-Zentrale, dass der Begriff „Kopftuch“ Assoziationen auslöste, die nichts mit dem Burgenland, sondern eher mit dem Islam zu tun hatte. Dass es auch in der katholischen Tradition eine Empfehlung für Frauen gab, ihr Haar mit einem Kopftuch zu bedecken, und dass dem in einer sehr konservativen Umgebung auch heute noch Frauen nachkommen, geriet dabei aus dem Blick.
Der Roman „Kopftuchmafia“, den Stefan Hafner und Thomas Weingartner in das Drehbuch des Films „Die tote Braut“ verwandelten, trug bereits den Untertitel „Ein Stinatz-Krimi“. Stinatz heißt der Ort, an dem Roman wie der Film spielt. Dort spielen auch die drei weiteren Romane, die Stipsits bis 2024 veröffentlichte. Recherchiert man nach diesen Titeln, entdeckt man, dass die Dreharbeiten mit dem Titel „Die Uhudler Verschwörung“ bereits beendet ist. Eine Miniserie ist der „Dorfkrimi“ also bereits allemal.
Stipsits, der einst für mehrere Folgen an der Seite von Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer im österreichischen „Tatort“ mitspielte, tritt man gewiss nicht zu nahe, wenn man seine Romane als Versuch bezeichnet, den deutschen Regio-Krimi a la Rita Falk ins Burgenland zu verpflanzen. Zu ähnlich ist der Mix aus Komödie und Krimi-Drama, aus provinziellen Erzählbestandteilen und modernen Polizeimethoden, aus dialektalen Anklängen und einem Hochdeutsch, das überall in Österreich und Deutschland verstanden wird. Die Buffo-Figur der Oma in den Falk-Romanen und ihren Verfilmungen hat Stipsits gleich verdreifacht. Bei ihm sitzt die Mutter des Ermittlers Sifkovits mit zwei Freundinnen auf einer Bank am Straßenrand, um vor dort das Geschehen zu kommentieren. Die drei älteren Damen tragen Kopftuch, was den Titel des Romans (und der österreichischen Fassung des Films) erklärt.
Im Film bilden sie so etwas wie den Chor einer griechischen Tragödie, der das, was sich an kriminellen Dramen im Dorf abspielt, in die Chronik der dortigen Ereignisse einordnet, über soziale und familiäre Verhältnisse aufklärt und zugleich den Alltag wiederherstellt, denn die drei Frauen kehren regelmäßig zu ihren ausfraulichen Tätigkeiten zurück, wenn die Pflicht ruft. Mit Erika Deutlinger als Mutter Sikovits sowie Linde Prelog und Erika Mottl als ihre Freundinnen hat die Produktion diese Rollen mit Schauspielerinnen besetzt, die der Komik der Dialoge zusätzlich Pfeffer und einen gewissen Aberwitz verleihen.
Zudem sorgen sie für die einzigen historischen Reminiszenzen, denn sie alle flechten in ihre Alltagssprache kroatische Ausdrücke ein. In Stinatz leben viele Menschen, die sich selbst als Burgenlandkroaten bezeichnen; hinzukommt noch viele, die einen kroatischen Pass haben. Das ist – kurz und vereinfacht gesagt – das Ergebnis der Kriege zwischen der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie und Osmanischen Reich. In der Gegenwart spielt diese verwickelte Geschichte keine große Rolle, bietet aber Anlässe familiäre Biografien zu rekapitulieren und – wie erwähnt – kroatische Floskeln in den Alltagszenen unterzubringen. Was für die Mutter ihre beiden Freundinnen sind für den Sohn, der längst in der Großstadt – in Eisenstadt, der Landeshauptstadt des Burgenlandes – wohnt, seine Freunde, die im Dorf geblieben und dort mehr oder minder erfolgreich als Unternehmer, als Imbissbuden-Besitzer oder als Pfarrer tätig sind. Auch diese Figuren sind liebevoll gezeichnet, auch wenn ihre Trinkrituale in Genre-Szenen des Alkohol-Klamauks enden.
Dieses Personal bildet gleichsam den Hintergrund der Mordgeschichte, der mit einem dramatischen Augenblick beginnt, als der Fahrer eines Mähdreschers die Leiche der ermordeten Frau überfährt und so für einen – auch visuell attraktiven – Schrecken sorgt. Die nachfolgende Ermittlung, die Sifkovits als eine Art burgenländischem Columbo absolviert, verläuft gemächlich, verheddert sich gelegentlich in den familiären Strukturen des Dorfes, droht durch politische und wirtschaftliche Interessen behindert zu werden, um am Ende mit einer Auflösung aufzuwarten, die sich bereits früh für die Krimi-Routiniers unter den Zuschauerinnen und Zuschauern andeutete, aber der Geschichte der Dorfheimkehr eine gewisse dramatische Note verlieh.
Im Vergleich zu den Filmen des „Land-Krimis“ fiel aber denn doch hier vieles netter und braver aus. Und so gerne man den drei Frauen zuschaute, wie sie über die Dorfgemeinschaft und die Bewohner herzogen, so sehr ermüdete der Plot mit seinen Ingredienzien an Verdachtsmomenten und Verdächtigen. Mit seinen gelegentlich derben Scherzen erinnerte der Film an das gute alte Bauerntheater, das sich ja über den ländlichen Raum vor allem deshalb lustig machte, um sein Einverständnis mit den Verhältnissen zu signalisieren.
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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:
Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
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