
Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen.
”Disclaimer“ – Rätselgeschichte mit Haftungsausschluss
Die Serie „Disclaimer“ ist eine jener Luxusproduktionen, in die Streamingdienste viel Geld investieren, weil sie sich mit ihnen eine hohe Aufmerksamkeit für ihr Geschäftsmodell versprechen. Sie warten mit Stars in den Hauptrollen und mitunter sogar mit einem renommierten Regisseur auf, als wollten sie vor allem dem Kino den Rang ablaufen. Meist bewegen sie sich in den engen Grenzen von Genres wie Science-Fiction, Horror, Melodram oder romantischer Komödie. Man soll schon ahnen, um was in den Folgen dieser seriellen Produkte geht.

Die siebenteilige Serie „Disclaimer“ ist einem Genre schwer zuzurechnen. Sie erzählt ein Drama, das von Verführung, Sex und dann auch Gewalt handelt, und das von einer großen Rachefantasie in Gang gesetzt und immer wieder angestachelt wird, was Spannung und Thriller-Momente bis in das Ende verheißt, das hier – Achtung: Disclaimer – in diesem folgenden analytischen Text erwähnt werden muss, sorry.
„Disclaimer“ erzählt zugleich eine Rätselgeschichte, denn nicht alles ist so, wie es zunächst erscheint, und was in der vorletzten Folge zu einer dramatischen Wende führt. Dass man Geschichten nicht glauben sollte, die so offenkundig mit den eigenen Erwartungen und tief verwurzelten Überzeugungen übereinstimmen, fällt als Warnhinweis bereits in der zweiten Szene der ersten Folge, als das in einer Rede auf eine Preisträgerin anklingt. Schon der Titel „Disclaimer“ bezieht sich ja auf Hinweise wie den gerade hier gegebenen, die auf einen Haftungsausschluss zielen, dem nach das Ende eines Kriminalromans oder -Serie verraten werden würde, oder dem nach die Ähnlichkeit der Roman- oder Serienfigur mit einem wirklichen Menschen ausgeschlossen sei.
Ein solcher Hinweis wird in einem literarischen Text, der zu Beginn der Serie erst von einer, dann von mehreren Personen gelesen wird, ausdrücklich in sein Gegenteil verkehrt. Denn dort steht – wie die Kamera in einer Detailaufnahme zeigt, auf der fünften Seite „Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind kein Zufall.“ Daraus folgt: Die hier dargestellte Frau ist mit jener identisch, die manche bei der Lektüre in ihr erkennen mögen. Und das setzt das Drama in Gang.
Apple TV+ bot „Disclaimer“ seinen Kundinnen und Kunden ab dem 11. Oktober mit den ersten beiden Folgen an, um dann wöchentlich je eine weitere Folge freizuschalten, ehe am 15. November die letzte folgte. Die Drehbücher schrieb Alfonso Cuarón, der auch alle Folgen selbst inszenierte. Ein Regisseur, der mit seinen Spielfilmen wie „Children of Men“ (2006), „Gravity“ (2013) oder „Roma“ (2018) stets auf das große Kinopublikum abzielte und der zugleich sich den meisten Erzählkonventionen der Blockbuster versagte. Ein Regisseur, der auf den großen Filmfestivals von der Kritik gefeiert und der zugleich auch bei den Oscar-Verleihungen regelmäßig bedacht wird.
Cuarón engagierte mit Cate Blanchett, Kevin Kline und Sacha Baron Cohen für die Hauptrollen ein attraktives Trio, das zudem mit manchem Besetzungsclou überrascht. Denn wer würde den Comedian Baron Cohen in der Rolle eines etwas reichen, etwas biederen Ehemannes erwarten, der in der ersten großen Lebenskrise seiner von Blanchett gespielten Ehefrau förmlich aus der Rolle fällt? Auch Kevin Kline ist als pensionierter Lehrer, der mit dem Rest an Lebensenergie einen finsteren Racheplan verfolgt, schon eine ungewöhnliche Erscheinung, wenn er in der rosafarbenen und mottenzerfressenen Strickjacke seiner verstorbenen Frau durch sein Einfamilienhaus geistert.
Cate Blanchett steht im Mittelpunkt des Filmes. Sie spielt die Journalistin Catherine Ravenscroft, die zu Beginn als Star der Fernsehbranche gefeiert wird, in der sie sich als hartnäckige Dokumentaristin einen Namen gemacht hat. Die erwähnte Preisträger-Rede, in der vor den Gefahren eingängiger Erzählungen gewarnt wird, gilt ihr, weil sie stets nachdem geschaut hätte, was sich unter der Oberfläche verborgen würde. Diese Rede hält keine Schauspielerin, sondern mit Christiane Amanpour eine der großen Reporterinnen des Fernsehens. Catherine Ravenscroft ist aber auch die Hauptfigur des erwähnten Romans, der den gängigen Disclaimer in das Gegenteil verkehrt. In diesem Roman (oder doch Tatsachenbericht?) geht es um ein Ereignis, das zwanzig Jahre zurück liegt. Die dort auftauchende junge Catherine wird in den Rückblenden von Leila George gespielt.
Die Rachegeschichte, die „Disclaimer“ erzählt, beruht auf dem gleichnamigen Kriminalroman, den Renée Knight 2015 veröffentlichte und der im selben Jahr auch in deutscher Übersetzung von Andreas Jäger bei Goldmann erschien. In dieser Textvorlage wechseln sich Ich-Erzählungen mit denen eines allwissenden Erzählers ab. Im Film wiederum wechseln sich eine männliche und eine weibliche Stimme ab, die aus dem Off mal subjektive Momente der Figuren beisteuern, meist aber allwissend das Geschehen kommentieren oder ergänzen. Das erleichtert die vielen Zeitsprünge zwischen der Gegenwart des Jahres 2015, in der die Serie angesiedelt ist, und den Ereignissen, die 20 Jahre zuvor geschahen. Diese Wechsel in der Erzählzeit gelingen so filmischer leichter als im Roman, der umständlich in den Kapitelüberschriften die Zeit etablieren muss, in der die jeweilige Episode spielt.
Den Sommer 1995 verbrachte das Ehepaar Ravenscroft in Italien, als unvermittelt der Ehemann aus beruflichen Gründen nach London zurückkehren muss. Was danach in Italien geschah, schildert der Roman, den die Ehefrau des pensionierten Lehrers geschrieben hat, und den dieser nun nach ihrem Krebs-Tod im Selbstverlag herausbringt. Der Roman handelt von einer kurzen Sex-Affäre, die Catherine mit dem Sohn des alten Ehepaares für anderthalb Tage verband. Am Ende des zweiten Tages stirbt der junge Mann im Meer, nachdem er den Sohn der Ravenscroft aus den Fluten gerettet hatte. Deshalb trägt für die Eltern des Ertrunkenen die junge Frau als Verführerin Schuld an seinem Tod. Fotos, die der Sohn aufnahm, zeigen zudem, wie die Frau – so der Eindruck – verführerisch in die Kamera und damit zum Sohn schaut.
In der Erzählgegenwart verteilt der Pensionär die Exemplare des Romans in Catherines Familie wie unter ihren Kolleginnen und Kollegen und säht damit Zwietracht. Denn alle lesen mit einer gewissen Spannung den mit Sexszenen durchzogenen Roman, nehmen ihn für wahr und identifizieren irgendwann Catherine mit der Verführerin. Ihr Ehemann reagiert mit einer eifersüchtigen Wut, der Sohn mit Enttäuschung, in der Produktionsfirma stellt man der gerade noch gefeierten Kollegin kritische Fragen. Darauf reagiert sie hilflos, manchmal auch panisch, was die Lage verkompliziert. Das, was sie vor 20 Jahren erlebte, hatte sie verschwiegen und verdrängt. Nun kommt es an die Oberfläche auch ihres Bewusstseins.

Doch das, was da an die Oberfläche kommt, hat nichts mit dem zu tun, was der Roman erzählt und wie es die Serie in sonnendurchfluteten Ferienbildern von Verführung und Sex breit ausgemalt hatte. Im Buch sind die Roman-Passagen kursiv gesetzt sind, setzen sich also durch eine andere Schriftform vom Rest des Erzählten ab. In der Serie sind sie auf dieselbe Weise inszeniert, aber durch eine andere Darstellungsform gekennzeichnet: Diese Rückblenden sind von einer bewegten Schulterkamera mit leichten Unschärfen aufgenommen, während die in der Erzählgegenwart angesiedelten Passagen in streng komponierten und bis an den Rand scharfen Bildern einer statischen Kamera erscheinen.
Diese Unterschiede in der filmischen Erscheinung helfen zwar bei der Bestimmung der Zeitebenen, klären aber nicht, inwieweit die Rückblenden einen subjektiven oder gar fiktionalen Charakter tragen. Zudem die Serie mit ebensolchen Bildern der Schulterkamera begonnen hatte. In der ersten Szene der ersten Folge ist der junge Mann auf seiner Reise durch Italien zu sehen, als er mit einer Freundin Sex im Zug hat. Diese Szene wird auch im Verlauf der Serie nicht in Zweifel gezogen. Erst am Ende wird eine der beiden Off-Stimmen zunächst andeuten, dass sich die Autorin – also die Mutter des jungen Mannes – im Roman manche künstlerische Freiheit erlaubt hätte.
Wenig später stellt sich heraus, dass das eine gewaltige Unterbreitung ist. Denn Catherine war nicht Täterin, sondern Opfer. Dies zeigen die letzten beiden Folgen in einer Rückblende, die aus der Sicht der Frau geschildert wird und deren Bilder ebenso von der Schulterkamera aufgenommen sind: Auf ihnen sieht man, wie der junge Mann Catherine vom Strand, wo er sie über ihr Kind kennengelernt hatte, ins Hotel gefolgt war und sie dann in ihrem Zimmer aufgesucht hatte. Als sie ihn abwimmeln wollte, zog er ein Messer, bedrohte sie, vergewaltigte sie und zwang sie zu den Sex-Fotos, die also nicht die Verführung beweisen, sondern die Inszenierung des Vergewaltigers wiedergeben.
Dass alle der Lesart des Romans und damit der Fantasie der Mutter des Ertrunkenen folgten, und niemand Catherine nach ihrer Erinnerung fragte, ist eine elementare Enttäuschung der Hauptfigur, die ihr Vertrauen in die Welt und die sie umgebenden Menschen tief erschüttert. Als sich ihr Mann bei ihr dafür entschuldigt, dass er dem Roman glaubte, reagiert sie darauf mit dem bösen, aber wahren Satz, dass er wohl leichter mit der Tatsache hätte umgehen können, dass sie vergewaltigt worden sei, als mit der, dass sie – wie im Roman unterstellt – ein erotisches Abenteuer in Italien erlebt haben könnte.
Am Ende der Serie überschlagen sich die Spannungsszenen: Der Vater des Ertrunkenen will seine Rache vollenden, indem er Catherines Sohn umbringt, der sich nach einem Schlaganfall, den er nach Drogenkonsum erlitten hat, im Krankenhaus befindet. Doch diese Spannung ist eine ebenso überflüssige Beigabe wie die Spiegelung der Mütter-Geschichten: Catherine kämpft am Ende so um das Leben ihres Sohnes, wie die Mutter des Ertrunkenen um dessen Bild kämpft. Catherine hatte ihren Sohn, der – das zeigt ein Detail auf den inszenierten Sex-Bildern am Ende der Serie – wohl Zeuge ihrer Vergewaltigung wurde, in den letzten Jahren auf Distanz gehalten, hatte ihn zum Auszug aus dem gemeinschaftlichen Haus gezwungen, um ihn zu einer gewissen und also ihr richtig erscheinenden Selbstständigkeit zu erziehen. Die Mutter des Ertrunkenen hatte alle Hinweise auf eine Schuld ihres Sohnes verdrängt und ihn zum Ideal eines jungen Mannes stilisiert.
Warum sie aber dann in ihrem Roman die Verführungsszene von Catherine einschließlich aller erotischen Details erfindet, die von der Serie begierig bebildert werden, verrät weder der Roman noch die Serie. (In der Vorlage von Knight wird zumindest angedeutet, dass sie und ihr Mann ursprünglich Schriftsteller werden wollten, ehe sie im Schulbetrieb strandeten.) Auch ist die Radikalisierung des Vaters des Ertrunkenen, der sich von einem erschöpften Lehrer in einen finsteren Racheengel verwandelt, zwar eine darstellerische Glanzleistung des Schauspielers Kline, aber erzählerisch nichts als eine billige Genrezutat, die aus dem Drama einen Thriller mit Horrorelementen zaubern will.
All das erzeugt am Ende eine gewisse Leere und damit Enttäuschung. „Disclaimer“ wirkt wie ein nicht zu Ende gebautes Luxushaus, dessen Fundamente instabil sind und durch dessen Dach es hindurchregnet, während es im Innern bestens und mit vielen schönen Lampen und Möbeln ausgestattet ist.
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Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
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Folge 5: Erzählkonventionen
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