Hokusai – umfänglich dokumentiert und gewürdigt
Zur gewaltigen Werkmonografie von Andreas Marks im Taschen Verlag – eine Besprechung von Alf Mayer
Andreas Marks (Hg.): Hokusai. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Taschen, Köln 2024. Hardcover, mit Lesebändchen, Format 29 x 39.5 cm, Gewicht 6.95 kg. 722 Seiten, 175 Euro. Verlagsinformationen: www.taschen.com

Wir glauben, den berühmtesten japanischen Künstler zu kennen, wir alle kennen seinen Holzschnitt »Unter der Welle im Meer vor Kanagawa« (alias »Die große Welle«) aus der Serie »Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji«. Bei Christie’s wurde im März 2023 ein Abzug dieses Holzschnitts für 2,76 Millionen US-Dollar versteigert. Der Kunsthandel – und nicht nur der – liebt Hokusai. Aber kennen wir ihn?
Fast sieben Kilogramm bringt der monumentale, in langjähriger Arbeit entstandene Band »Hokusai« auf die Wage, gerade noch rechtzeitig vor Weihnachten 2024 erschienen und ein wahrhaft formidables Geschenk. Mit neu fotografierten Kunstwerken aus über 100 Institutionen weltweit – welch eine Recherche, die Herausgeber Andreas Marks geleistet hat – ist dies das bisher mit Abstand umfangreichste Porträt von Japans bekanntestem Künstler: Katsushika Hokusai (1760-1849).
Die Monografie blickt weit über »Die große Welle« hinaus und zeigt sowohl vertraute als auch weniger bekannte, selten abgedruckte Kunstwerke, präsentiert eine gewaltige Vielfalt von Themen und Techniken: Landschaften wie den Kirifuri-Wasserfall neben großformatige Karten von den Überlandstraßen Tōkaidō und Kisokaidō oder von der Halbinsel Bōsō; doppelseitige Abbildungen aus illustrierten Büchern, darunter sinnliche, fantasievolle Erotik (shunga), Zeichenanleitungen wie die fünfzehnbändigen »Hokusai manga«, Tierdarstellungen wie etwa Holzschnittserien zum Thema Vögel und Blumen oder späte Rollbilder auf Seide von Enten im fließenden Wasser oder einem schwebenden Tiger im Schnee.
Weit mehr als die älteren Arbeiten Hokusais haben seine neueren Werke die Zeit überdauert, und oft sind sie es, die regelmäßig in Ausstellungen gezeigt und in Büchern abgedruckt wer- den. Die Arbeiten, die Hokusai in seinen Vierzigern schuf, sind genauso beein- druckend, aber deutlich seltener zu finden. Diese mangelnde Sichtbarkeit kann mitunter dazu führen, dass das Bild seiner künstlerischen Laufbahn insgesamt ein wenig verzerrt erscheint.



Hokusais Holzschnitte, Malereien und Buchillustrationen zeugen von einer vielseitigen Karriere. Er war in der Mitte seiner Karriere ein Meister der »Bilder der fließenden Welt«, der japanische Begriff für dieses Genre lautet Ukiyo-e (japanisch 浮世絵). Es ist eine Sammelbezeichnung für Werke der japanischen Malerei und Druckgrafik (illustrierte Bücher und Farbholzschnitte), die Lebensgefühl und Weltsicht des aufkommenden Bürgertums in der Edo-Zeit widerspiegeln. Der Begriff »ukiyo« hat im Buddhismus eine ähnliche Bedeutung wie die »vanitas«, die Vergeblichkeit, in der christlichen Welt und meint eine eher pessimistische und dem Leben entsagende Grundstimmung. Im ausgehenden 17. Jahrhundert aber vollzog sich hier ein Bedeutungs- und Wertewandel. Das aufkommende Bürgertum – Kaufleute, Handwerker und Dienstleister aller Art – in Edo (Tokio) und Osaka machte daraus »„lebe und genieße jetzt«. Fritz Schwan beschreibt es in seinem »Handbuch Japanischer Holzschnitt« so: »Von nun an war damit die Welt des Vergnügens und der Sinnesfreude gemeint, die Welt der Theater und der Freudenviertel, die Welt der Feste und des ausschweifenden Luxus.«
Der Begriff ukiyo-e tauchte erstmals 1682 im Vorwort eines Buches von Hishikawa Moronobu auf. Der war Sohn eines Bildstickers und begann, ohne einen Lehrer gehabt zu haben, Bücher zu illustrieren »Bilder der heiteren, fließenden Welt« meinen von da an die üblich werdenden Genrebilder, die den Alltag der Japaner und ihre Feste und Feiern darstellten. Wesentliches Verbreitungsmedium war zunächst die Malerei, dann kamen mit einfachem Schwarz-Weiß-Druck illustrierte Bücher dazu. Als sich die Techniken weiter entwickelten, gewann der Holzschnitt als Verbreitungsmittel der Ukiyo-e immer mehr Bedeutung und emanzipierte sich als eigenständige Ausdrucksform von der Malerei, zunächst mit handkolorierten Druckprodukten.
Die wurden mit der Entwicklung des Vielfarbendruckes um 1760 in Tokio (Edo) zu einem eigenständigen Wirtschaftszweig, der zahlreiche Handwerker in Lohn und Brot brachte und mit preiswerten Produkten einer breiten Bevölkerung eine buchstäblich bildhafte Teilhabe an den Vergnügungen des Lebens bieten konnte. Bis zum Ende der Edo-Zeit im Jahr 1868 entstanden so binnen weniger Jahrzehnte Millionen von Druckerzeugnissen. Dies aus der Hand von mehreren hundert Künstlers und mehrerer hundert Verleger, tausende Holzschneider und Drucker dazu genommen. Eine kleine Industrie.
Andreas Marks dazu: »Die Drucke blieben für das kaufende Publikum bezahlbar. Sie wurden konsumiert wie moderne Zeitschriften und waren immer dann besonders gefragt, wenn sie etwas Neues zu bieten hatten. Die mit der Zeit breiter werdende Motivpalette umfasste schließlich auch Landschaften, Bilder aus ländlichen Gegenden oder Ansichten der vielen malerischen Stätten Edos.«
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Dargestellt wurden auch Kabuki- und Bunraku-Aufführungen, Porträts der großen und kleinen Stars der Theaterwelt und der Sumo-Arenen, die Favoritinnen der zahlreichen Bordelle und anderer Vergnügungs-Etablissements, das Leben der Schönen und Reichen, der bürgerliche Alltag und außerdem zahlreiche Spielarten sexueller Fantasien, oft unverblümt pornografisch. – Dass in Japan in U-Bahn und Zügen unverblümt offen Pornografie betrachtet wird, hat eine lange Tradition.
Der Begriff Manga – »unwillkürlich«, »bunt gemisch«“, »ungezügelt / frei«, »wunderlich / skurril« oder »unmoralisch« für die erste Silbe, die zweite bedeutet »Bild« – wurde durch Hokusai populär. Seine Hokusai Mangas waren Skizzen, die zwischen 1814 und 1815 in insgesamt 15 Bänden veröffentlicht wurden. (Das letzte Heft erschien erst nach seinem Tod, 1878.) Erzählt werden darin keine zusammenhängenden Geschichten, sondern Momentaufnahmen der japanischen Gesellschaft und Kultur während der späten Edo-Zeit. Sie bilden das ganze Spektrum des menschlichen Lebens ab.
Mit der Öffnung japanischer Häfen durch den amerikanischen Commodore Matthew Calbraith Perry im Jahr 1854 begannen Japans Kunst und Kunsthandwerk ins Interesse einer breiteren Öffentlichkeit in Europa zu rücken. Einen besonderen Reiz übten vor allem die Farbholzschnitte aus, die vielen europäischen Künstlern neue Einblicke und Sichtweisen in Komposition, Farbgestaltung und Raumauffassung vermittelten. Seit den Pariser Weltausstellungen von 1867, 1878 und 1899 begeisterte sich eine immer größer werdende Schar von Betrachtern und bald auch von Sammlern in aller Welt für diese Kunstwerke.
Auf diesem »Bildungsstand« verharrt seitdem mehr oder weniger unser europäischer Wahrnehmungshorizont. Wir haben uns in unseren Japan-Klischees eingerichtet, auch der Kunstmarkt ist davon keineswegs frei und bedient das Gängige mit hohen Auktionspreisen. Auch über Hokusai glauben wir alles zu wissen. Andreas Marks belehrt uns mit seiner herkulischen, vorzüglich recherchierten Monografie eines Besseren.
In der Wissenschaft, so schreibt Marks, werde »immer wieder spekuliert, wie viele Kunstwerke Hokusai in seinem Leben geschaffen habe. Schätzungen gehen in die Zehntausende, doch de facto hat niemand den mühsamen und kaum beneidenswerten Versuch unternommen, die Arbeiten zu zählen. In hohem Maße erschwert wird diese Aufgabe durch das Problem der Zuschreibung und die Notwendigkeit zu unterscheiden, welche Arbeiten wirklich von Hokusai stammen, welche ihm zugeschrieben werden und welche gefälscht wurden. Zusätzlich verkompliziert wird dieser Aspekt des Hokusai’schen Erbes dadurch, dass spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gefälschte, aber ihm zugeschriebene Malereien angefertigt wurden, mit denen selbst damals großes Geld zu machen war. Die Arbeit, die in die Zusammenstellung und Produktion dieses Buches geflossen ist, hat das Ziel, eine deutliche, solide und vor allem objektive Korrektur der vielen falschen Darstellungen Hokusais und seiner Kunst vorzunehmen, die bis heute kursieren. Doch selbst damit sind wir weit entfernt von einem „vollständigen“ Bild, sofern dies überhaupt möglich ist.«
Während der Recherchen zu diesem Buch habe er versucht, Malereien mit zweifelhaften Signaturen oder Siegeln ebenso auszuschließen wie unsignierte Drucke und Zeichnungen, »die von Hokusai, aber auch von einem seiner Schüler stammen könnten, der wie üblich darin geschult war, im Stil seines Meisters zu arbeiten. Mit diesen Regeln im Sinn und unter der Vorgabe, mehrblättrige Drucke als ein Werk und darüber hinaus jede einzelne Buchillustration zu zählen, die ich finden konnte, gelang es mir, fast 7.200 Arbeiten zu dokumentieren, die Hokusai mit Gewissheit zugeschrieben werden können«, heißt es in der Einleitung, betitelt »Hokusai Maximus«.
Eine Auswahl dieser Originalarbeiten wird im vorliegenden Buch präsentiert. So viel Hokusai war noch nie. Mit Abbildungen von 746 Holzschnitten, Malereien, Skizzen und Buchillustrationen in vielfach faszinierendem Detailreichtum ist der Band die mit Abstand umfangreichste Publikation über Japans wohl bekanntesten Künstler. Hokusai schuf während seiner siebzigjährigen Karriere ein beachtliches Werk von rund 3000 Farbdrucken, dazu Illustrationen für über 200 Bücher plus hunderte von Zeichnungen und über tausend Gemälde. Schnell gab er die engen Bildthematiken auf, die traditionell mit der Schule der »fließenden Welt« verbunden waren. Zu seinem Spektrum gehörten alle Formen und Techniken des Holzschnittes und der Malerei. Seine Motive reichten von der Darstellung kämpfender Samurai bis hin zu erotischen Szenen wie zum Beispiel »Der Traum der Fischersfrau«. Am bekanntesten ist er durch Bilder von Natur und Landschaften.
Das irreführende Hokusai-Bild unserer Zeit, betont Andreas Marks, geht größtenteils auf die Biografie »Katsushika Hokusai den« zurück, die der Schriftsteller und Journalist Iijima Kyoshin (1841– 1901) im Jahr 1893 verfasste. Der Autor war acht Jahre alt, als Hokusai starb, und er war bereits über vierzig Jahre tot, als Kyoshin begann, Interviews zu führen und eine Biografie nach persönlichem Hörensagen zu erstellen –allerdings ohne den Versuch oder die Möglichkeit, auf irgendeine Art die Fakten zu überprüfen.
Dazu kommt, so Marks: »Das Ergebnis der Impulse, Hokusai als Geschäft zu behandeln, ist in den meisten Fällen ein Verlust an kritischer Objektivität, während monetäre Interessen einen übermäßigen Einfluss ausüben und die ausgewogene Würdigung von Kunstwerken aus sich selbst heraus überlagern können. Es erzeugt mitunter viel Aufsehen, wenn ein in der Öffentlichkeit zuvor unbekanntes Kunstwerk auftaucht und Hokusai zugeschrieben wird, und es fällt auf, dass wissenschaftliche Urteile über die Frage seiner Echtheit oft auffallend schnell gefällt werden.
Es scheint unendlich viele Werke zu geben, die vorspiegeln, von Hokusai zu stammen – aufgrund stilistischer Übereinstimmungen oder weil sie eine seiner Signaturen und/oder eines seiner Siegel tragen. Die Frage ist, wie sich nachweisen lässt, ob seine Hand jemals auch nur in die Nähe dieser Arbeiten kam. Das Problem ist weit verbreitet und reicht bis in Hokusais Lebzeiten zurück, als es für Künstler gängige Praxis war, ihren Schülern beizubringen, den eigenen Stil nachzuahmen. Die große Kunst des Meisters fortwährend zu kopieren, gehörte genauso zum Ablauf eines normalen Unterrichtstages wie ihn bei seiner eigenen Arbeit zu unterstützen. Verließ ein Künstler das Atelier seines Lehrers und wurde unabhängig, war er zunächst auf sich allein gestellt und nahm erst eigene Schüler auf, nachdem sich Erfolg und Anerkennung eingestellt hatten. In dieser Hinsicht bildete Hokusai keine Ausnahme. Aus seiner siebzigjährigen Laufbahn sind uns die Namen von über fünfzig Schülern bekannt, die er unterrichtet hat.« Und Marks warnt: »Kyoshins Interesse als Schriftsteller bestand darin, seiner Leserschaft faszinierende Geschichten zu liefern. Seine Hokusai-Biografie ist daher mit Vorsicht zu behandeln.«
Informationen zu Hokusais Künstlernamen finden sich in der Literatur unter verschiedenen Fragestellungen: Wie viele unterschiedliche Namen hat er verwendet, wie genau lauteten sie, und wann benutzte er einen bestimmten Namen? Leider kursieren auch auf diesem Gebiet viele fehlerhafte Angaben, die oft ebenfalls auf Behauptungen Kyoshins zurückgehen, aber auch von Missdeutungen, Schreibfehlern, Falschübertragungen und Missverständnissen herrühren. Die Namensgebung von Künstlern in Japan zu Hokusais Lebzeiten war eine komplizierte Angelegenheit, die mit der Verwendung mehr als eines Namens einherging.
Hokusai, so Marks, sei ein Paradebeispiel für die Komplexität der Namen von japanischen Künstlern. Er verwendete drei verschiedene Künstlernachnamen, die in der Reihenfolge ihres Auftretens Katsukawa (oder bloß Katsu), Tawaraya und Katsushika lauteten. Seine sieben Hauptkünstlernamen waren (in chronologischer Reihenfolge) Shunrō, Sōri, Hokusai, Kakō, Taito, Iitsu und Manji. Hinzu kamen mit Fusenkyo, Gakyō Rōjin, Gakyōjin, Getchi Rōjin, Gunbatei, Hokusai, Hyakurin, Kanchi, Kukushin, Mukōgaoka, Oyaji, Raishin, Rōjin, Tokimasa, Tokitarō und Tōyō (in alphabetischer Reihenfolge) sechzehn weitere verbriefte Künstlernamen. Dass er unter dem Namen Hokusai heute am bekanntesten ist, ist vermutlich der Popularität seiner Buchreihe »Hokusai manga (Hokusais Skizzenbücher)« und der Tatsache zu verdanken, dass Kyoshin den Namen Hokusai für den Titel seiner Biografie auswählte.
Das Gesamtwerk Hokusais lässt sich anhand seiner vorrangigen Künstlernamen in sechs Perioden unterteilen – auch das Buch ist danach gegliedert:
1. Shunrō (1779–1794; Lebensalter 19 bis 34 Jahre)
2. Sōri (1795–1798; Lebensalter 35 bis 38 Jahre)
3. Hokusai (1798–1813; Lebensalter 38 bis 53 Jahre)
4. Taito (1814–1819; Lebensalter 54 bis 59 Jahre)
5. Iitsu (1820–1834; Lebensalter 60 bis 73 Jahre)
6. Manji (1834–1849; Lebensalter 74 bis 89 Jahre).
Hokusai war sein ganzes Leben damit beschäftigt, sich künstlerisch weiterzuentwickeln. Im Vorwort eines seiner Bücher schrieb er dazu:

»Seit meinem sechsten Jahre fühlte ich den Drang, die Gestalten der Dinge abzuzeichnen. Gegen fünfzig Jahre alt, habe ich eine Unzahl von Zeichnungen veröffentlicht, aber ich bin unzufrieden mit Allem, was ich vor meinem siebenzigsten Jahre geschaffen habe. Erst in einem Alter von 73 Jahren habe ich annähernd die wahre Gestalt und Natur der Vögel, Fische und Pflanzen erfasst, folglich werde ich im Alter von 80 Jahren noch grosse Fortschritte gemacht haben; mit 90 Jahren werde ich ins Wesen aller Dinge eindringen; mit 100 Jahren werde ich sicherlich zu einem höheren, unbeschreiblichen Zustand aufgestiegen sein, und habe ich erst 110 Jahre erreicht, so wird Alles, jeder Punkt, jede Linie leben. Ich lade Diejenigen, welche so lange leben werden, wie ich, dazu ein, sich zu überzeugen, ob ich mein Wort halten werde. – Geschrieben im Alter von 75 Jahren, von mir, weiland Hokusai, jetzt genannt Gouakiyo-Rôdjin, der in das Zeichnen vernarrte Greis.«
1884 notierte der japan-affine Kunsthistoriker Carl von Lützow in der »Monatsschrift für den Orient« zur Meisterschaft Hokusais: »… Er ist ein so meisterhafter Zeichner, weil er so ein scharfer Beobachter ist; seinem Auge entgeht nichts; der flüchtigste Moment haftet in ihm so fest wie die dauerbare Form der Felsen und der Riesenbäume, die Japans Tempelhaine beschatten, und Humor und Satire leihen dem reichen Lebensmahl seiner Kunst die geistige Würze.«
Als »Landarbeiter« beschrieb Hokusai sich stolz am Ende seines Lebens. Auf seinem Totenbett soll er gesagt haben: »Hätte der Himmel mir weitere fünf Jahre geschenkt, wäre ich ein großer Maler geworden.«
Alf Mayer
PS. Herausgeber Andreas Marks studierte ostasiatische Kunstgeschichte an der Universität Bonn und wurde an der Universität Leiden mit einer Dissertation in Japanologie zu Schauspielerdrucken des 19. Jahrhunderts promoviert. Von 2008 bis 2013 war er Direktor und Chefkurator des Clark Center for Japanese Art im kalifornischen Hanford. Seit 2013 ist er Mary Griggs Burke Curator of Japanese and Korean Art sowie Direktor des Clark Center for Japanese Art am Minneapolis Institute of Art. In 35 Museen hat er bisher Ausstellungen kuratiert, zu seinen bislang 15 Büchern über japanische Kunst zählt auch »Der japanische Holzschnitt in 200 Meisterwerken« (2019, Verlag Taschen, hier bei uns von Peter Münder besprochen). 2014 wurde er von der International Ukiyo-e Society in Japan für seine Recherchen ausgezeichnet.
Directed and produced by Benedikt Taschen, steht vorne im Buch. Daneben: written and edited by Andreas Marks- Ein solch großes und schönes Buch verdient gern die vollständigen Credits: Projektmanagement: Mahros Allamezade, Tom Pitt-Brooke, Köln. Redaktion: Chris Allen, London. Deutsche Übersetzung: Kurt Rehkopf, Hamburg. Design: Andy Disl, Los Angeles; Claudia Frey, Köln. Produktion: Daniela Asmuth, Köln. Printed in Italy.
PPS. Hokusais Name tauchte Ende der 1860er-Jahre erstmals in Frankreich auf, als er dort für seine »Skizzenbücher« gefeiert wurde. Kunstkritiker lobten die kreativen Qualität und die Energie seiner Zeichnungen besonders im Hinblick auf die Wiedergabe des menschlichen Körpers. Er wurde als Zeichner und nicht als Maler betrachtet, was ihm noch deutlich mehr Ansehen eingebracht hätte. Das lag auch an dem sehr kleinen Ausschnitt seines Gesamtwerks. Europäische Maler übernahmen Szenen oder Details. Andreas Marks schlüsselt einige auf. In mehreren Werken des französischen Malers Edgar Degas (1834–1917) etwa nehmen die Figuren Posen ein, die an ähnliche Körperhaltungen in den Skizzenbüchern erinnern, so in der um 1888 bis 1892 geschaffenen Badeszene Femme s’épongeant le dos (Frau, sich den Rücken mit einem Schwamm waschend) oder in Tänzerinnen in Rosa und Grün von 1894. Die Spitze von Hoc, Grandcamp, ein Gemälde des französischen Pointillisten Georges Seurat (1859–1891) aus dem Jahr 1885, ist unverkennbar dem Bild von Lieferschnellbooten in den Wellen nachempfunden, das Hokusai um 1801 bis 1804 schuf.
Das europäische Kunstgewerbe machte sich Hokusais Arbeiten noch direkter zu eigen. Porzellan-, Cloisonné- und Glasgestalter kopierten Motive wie vorgefunden in ihre Werke hinein, ohne sie im Geringsten zu verändern. So etwa der französische Keramiker Albert Dammouse (1848–1926) oder der französische Fayencehersteller Jules Vieillard & Cie. In Birmingham produzierte die Silbermanufaktur Elkington & Co. 1876 eine Cloisonnévase mit Kranichen aus Band sieben, während sich Hokusais Pelikane, Fledermäuse und Karpfen in mehreren Glasobjekten des französischen Jugendstilkünstlers Émile Gallé (1846–1904) wiederfanden. In der von Claude Monet (1840– 1926) zusammengetragenen Sammlung von 200 japanischen Holzschnitten stammten 23 von Hokusai, außerdem besaß er dreizehn Bände von Hokusais Skizzenbüchern und alle drei Bände der Hundert Ansichten des Berges Fuji. Paul Gauguin (1848–1903) ging einen Schritt weiter, indem er Seiten aus Hokusais Büchern in seine eigenen Alben einklebte, so Andreas Marks.












































