Geschrieben am 1. Juli 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2025, News

Dietrich Leder: Crime im TV (35) – Per Wahlöö »Mord im 31. Stock«

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Der Roman von Per Wahlöö aus dem Jahr 1964 als Hörspiel und Film

Der Podcast „Kein Mucks!“, in dem Bastian Pastewka wöchentlich Radio-Krimis aus den Archiven der heutigen ARD-Sender holt, ist nicht immer zu empfehlen. Hier zu finden.

Das liegt daran, dass er sich lange Zeit auf Hörspiele konzentrierte, die heute – ob gewollt oder ungewollt – komisch wirken und die er seinerseits zu eigenen Pointen verarbeitet hat, gegen die sich die alten Produktionen nicht mehr wehren konnten. Auch wirkten mitunter seine Angabe zu den beteiligen Schauspielerinnen und Schauspielern dann oft zu routinisiert als dass die Querverbindungen zur Film- und Fernsehgeschichte wirklich erhellend wirkten. Doch Mitte Juni, zum Abschluss des ersten Halbjahres 2025 und kurz vor der Sommerpause präsentierte Pastewka den ersten und eine Woche später den zweiten Teil eines Hörspiels, das wirklich aller Aufmerksamkeit wert ist: „Mord im 31. Stock“.

Beide Teile sind in der ARD-Audiothek hier und hier zu finden.

Es handelt sich um die vermutlich vor 1982 erstellte Hörfunkfassung des 1977 in Deutschland bei Rowohlt erschienen Kriminalromans „Mord im 31. Stock“, den der Autor Per Wahlöö 1964 in seiner schwedischen Heimat veröffentlich hatte. Interessanterweise erfolgte laut Impressum die deutsche Übersetzung von Hubert Deymann für die Reihe „rororo Thriller“ nach einer 1966 erschienen englischen Übersetzung. Diesen Roman wie weitere andere Frühwerke des Autors holte Rowohlt gleichsam nach, nachdem sich die zehnbändige Krimi-Reihe um Kommissar Beck, die Wahlöö zusammen mit seiner Frau Maj Sjöwall von 1965 bis 1975 geschrieben hatte und die der deutsche Verlag seit 1968 auf Deutsch herausbrachte, zu einem großen Erfolg entwickelt hatte.

Ein vergleichbarer Erfolg wurde „Mord im 31. Stock“ nicht zuteil. Das gilt auch für Wahlöös 1969 in Schweden erschienen Nachfolgeroman „Unternehmen Stahlsprung“, der bei rororo Ende der 1970er Jahre erschien. Der Grund des ausbleibenden Erfolgs liegt auf der Hand: Beide Romane, die in Kommissar Jensen denselben Protagonisten besitzen, erzählen zwar von kriminalistischen Ermittlungen, die bei „Mord im 31. Stock“ durch ein angedrohtes Bombenattentat und in „Unternehmen Stahlsprung“ durch eine bizarre Todesserie ausgelöst werden. Aber ihre Erzählgrundlage ist wie in einem Science-Fiction-Roman eine Gesellschafts-Dystopie, in der sich – so könnte man Wahlöös Vorstellungen zusammenfassen – die schwedische Sozialdemokratie zu Tode gesiegt hat: An der Oberfläche eines örtlich nicht näher bezeichneten Sozialstaats sind alle Konflikte bereinigt. Alles funktioniert und alle haben zu funktionieren. Wer stört, wird in Psychiatrien weggesperrt. Sexualität ist zu einer keimfreien Fortpflanzung reduziert. Und die Medien verbreiten ein geschöntes und in Bonbon-Farben getauchtes Bild der Wirklichkeit.

Während sich „Unternehmen Stahlsprung“ mit der Manipulation von Wahlen durch Psychopharmaka beschäftigt, konzentriert sich „Mord im 31. Stock“ auf ein Medienunternehmen, das in der gerade skizzierten Gesellschaft einer anonymen Zukunft das Monopol auf alle Publikationen und Sendungen besitzt. Der Leitung dieses Unternehmens wird ein Brief zugestellt, in dem als Rache für einen nicht näher benannten Mord die Sprengung der in einem Hochhaus untergebrachten Firmenzentrale angekündigt wird. Auf Veranlassung des diensthabenden Kommissars Jensen wird das Gebäude geräumt, aber die Sprengung unterbleibt. Auf persönliche Anordnung des Polizeichefs soll Jensen nun den- oder diejenigen ermitteln, der oder die den Drohbrief verfasste. Er setzt ihm dafür die knappe Frist von vier Tagen. Diese Frist baut die erste Spannung der Erzählung auf.

Der Kommissar, der im Roman als streng nach Regeln vorgehender Ermittler ohne jede persönliche Neigung geschildert wird, bewegt sich bei der Suche nach dem Verfasser des Drohbriefes durch die Abteilungen und Instanzen des streng hierarchisch strukturierten Konzerns. Früh stellt sich ihm das Rätsel, was es mit dem im Titel genannten 31. Stock auf sich hat, denn das Hochhaus verfügt nur über 30 Stockwerke. Als er dieses Rätsel löst, hat er nebenbei auch den Mord aufgeklärt, der im Drohbrief erwähnt wird, aber er hat nicht den Konflikt beigelegt, so dass am Ende der Erzählung eine zweite Bombendrohung eintrifft.

Das Hörspiel, das Hermann Naber schrieb und das er selbst inszenierte, ist mit Nicole Heesters, Arnold Marquis, Christian Brückner, Hans-Peter Hallwachs und vielen anderen glänzend besetzt. Es folgt streng der literarischen Vorlage – auch in der Charakterisierung des von Hans-Peter Hallwachs unterkühlt gesprochenen Kommissars – und hält die Spannung bis ins Ende. Einige wenige musikalische Akzente (von Ennio Morricones Filmmusik zu „Der Profi“) sorgen in der durch die Frist forciert ablaufenden Erzählung für retardierende Momente. Das Hörspiel lebt vor allem von den Dialogen, die der Kommissar mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Konzerns führt. Diese bleiben bis auf eine Ausnahme konturlose Funktionäre der Medienindustrie. Die Ausnahme bildet ein intellektueller Journalist, der Jensen über den 31. Stock aufklärt.

Er war vom Verlag für das Projekt einer Intellektuellen-Zeitschrift gewonnen worden, die anders als alle anderen Produkte des Hauses wider den Stachel einer weitgehend kalmierten Gesellschaft löcken sollte. Mit ihm waren etwa 30 Kolleginnen und Kollegen mit lukrativen Verträgen zur Mitarbeit gewonnen und im obersten und also 31. Stockwerk in ehemaligen Dachgeschossräumen untergebracht worden. Ihre lukrativen Gehälter wurden vorab als Honorare auf die zu veröffentlichende Artikel gezahlt. Nur kam es nie zu mehr als zu Null-Nummern diverser Projekte, die allein in einer Auflage von zehn Exemplaren erschienen. Während sie von der Verlagsspitze für ihre Texte und Ideen gelobt und nur um diese leichte Korrektur und jene kleine Strukturänderung gebeten wurden, setzte diese Unternehmensleitung die Nullnummern bei allen anderen Abteilungen gleichsam als Gegengift ein: So dürfe man auf keinen Fall schreiben.

Das ist vielleicht der beste Einfall des Romans: Dass Qualität als Maßstab dafür herhalten soll, wie es in den Massenmedien auf keinen Fall zugehen dürfe. Hier wird man automatisch an den im Mai 2025 verstorbenen Helmut Thoma erinnert, der als langjähriger RTL-Chef immer davon sprach, dass er hoffe, nie einen Grimme-Preis zu erhalten, weil er dann wisse, dass er etwas falsch gemacht habe. Noch etwas anderes ist klug ausgedacht: Da die Gehälter Vorschuss sind, die Artikel aber nie erscheinen, verschulden sich die Journalistinnen und Journalisten mit jedem Monat mehr beim Verlag. Sie leben in luxuriöser Gefangenschaft, aus der nur ein Zufall wie ein reiches Erbe die Flucht ermöglichte. Wer denkt da nicht, an die Verlage und Sender, die sich – allerdings nur für jeweils kurze Zeit – intellektuelle Aushängeschilder (Edelfedern genannt) – hielten und zum Verstummen brachten. Im Hörspiel von Naber spricht Ernst Jacobi diesen Journalisten, der das Vorgehen des Konzerns als „intellektuellen Mord“ bezeichnet. Es ist der Mord, von dem der Drohbrief sprach.   

Bastian Pastewka spricht in seinen Abmoderation von einem weiteren Rätsel: Er habe das Hörspiel Anfang der 1980er Jahre beim damaligen Südwestfunk (SWF) gehört, der heute Teil des Südwestrundfunks (SWR) ist. Für den SWF als Produzent spricht, dass Regisseur Hermann Naber dort viele Jahre festangestellt war. Er hat dort als Hörspielchef die hohe Zeit des öffentlich-rechtlichen Hörfunks im Allgemeinen und des anspruchsvollen Hörspiels im Besonderen mitgeprägt. (Naber hat viele weitere Kriminalstoffe in Hörspiele verwandelt, so beispielsweise einige Kurzgeschichten von Raymond Chandler.)

Das Material, das Pastewka im Programmaustausch der ARD zu Verfügung gestellt wurde, stammte allerdings über den Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) vom Sender Freies Berlin (SFB), der im RBB einst aufging. Es gibt mehrere Indizien dafür, dass der Zweiteiler vom SFB bei der Ausstrahlung 1982 um einige wenige Minuten gekürzt wurde, wohl damit es in das hauseigene Sendeschema passte. Pastewka vermutet, dass es sich um eine Koproduktion von SWF und SFB gehandelt habe; als solche entsteht auch ein weiteres Hörspiel mit Kommissar Jensen nach dem Roman „Unternehmen Stahlsprung“.

Aber im heutigen SWR weiß man davon und von einer längeren Fassung nichts, und Hermann Naber kann man nicht mehr befragen, er ist 2012 im Alter 79 Jahren verstorben. Pastewka entfaltet klug dieses Rätsel, das mehr über die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten verrät als diesen lieb sein dürfte: Könnte es nicht sein, dass das auch an intellektuellen und künstlerischen Leistungen reiche Archiv dieser Radiosender so etwas wie eine Art von 31. Stock des öffentlich-rechtlichen Radios bildet, im dem all das zu finden ist, was heute in den Programmen als zu intellektuell verpönt ist?

Der Moderator verweist nebenbei auch auf den Film, der nach Per Wahlöös Roman entstand. Er heißt „Kamikaze 1989“ und wurde 1982 in der Regie von Wolf Gremm in Berlin und Düsseldorf gedreht.

Wie der Zufall es so will ist er derzeit in der Arte-Mediathek zugänglich.

Für den Film bezeichnend ist, dass er von Arte nicht als Krimi- oder als Science-Fiction-Film angekündigt wird oder gar als Literaturverfilmung. Er ist vielmehr Teil der Reihe „Filme von Rainer Werner Fassbinder“. Denn Fassbinder spielt in Gremms Film die Hauptrolle, also jenen Kommissar Jensen, den im Hörspiel Hans Peter Halbwachs spricht. Man spürt an vielen Stellen des Films, dass Gremm es seinem berühmteren Kollegen nachmachen wollte. Dafür sprechen weitere Darstellerinnen und Darsteller aus dem Fassbinder-Umkreis wie Brigitte Mira oder Günther Kaufmann, ein Hang zu exzentrischen Darstellungen und Ausstattungen sowie eine Inszenierungsform, die aus dem biederen Kommissar der Buchvorlage und des Hörspiels in Fassbinders Darstellung einen alkoholkranken und menschenverachtenden Narziss fabriziert, der sich am Ende wollüstig an einem lebensgroßen Foto des Astronauten Armstrong reibt.

„Kamikaze 1989“ ist ein kruder Film, der in manchen Phasen schlecht nachsynchronisiert wurde, in dem schwache Stunts auf gelungene folgen, dem deutlich das Geld für gute Massenszenen fehlte, der die Musik von Tangerine Dream, die für ihn geschrieben wurde, eher verschenkt als nützt, und für den eine krude Nebenhandlung um eine revolutionäre Zelle mit obskurem Namen hinzugedichtet wurde, derer es nicht bedurfte.  Boy Gobert spielt den Konzernchef mit einer Lust am überdeutlichen Intrigenspiel, während die Rolle des Intellektuellen, der dem Kommissar die Umstände des 31. Stocks enthüllt, ausgerechnet von Franco Nero als Gaststar übernommen wird.

Eine Korrektur, die Gremm und sein Ko-Autor Robert Katz an der Romanvorlage vornahmen, trifft hingegen etwas Richtiges. In der Dystopie von Wahlöö ist die Gesellschaft entsexualisiert, im Film ist sie gleichsam übersexualisiert. Damit trifft der Film deutlich besser die Medienentwicklung seit 1982. Fassbinder hat den fertigen Film nicht gesehen. Er starb noch vor dessen Fertigstellung am 10. Juni 1982.

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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
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– Seine Texte bei uns hier. – Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.

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