Geschrieben am 3. März 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag März 2025

Dietrich Leder seziert Crime im TV (31): Zero Days

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Wenn die Fiktion von der Wirklichkeit überholt wird

Der Starttermin der Netflix-Serie „Zero Day“, die weltweit seit dem 20. Februar abgerufen werden kann, schien ideal. Denn die filmische Erzählung um eine große Verschwörung in den USA passt zu einer Stimmung in den westlichen Ländern, in denen autoritären Regierungen vieles und vor allem ein gewaltiger Betrug zugetraut wird. Allgemein hat ja die Zahl der Serien und Filme, in denen es um eine gesellschaftliche Paranoia geht, in den letzten Jahren zugenommen; deshalb wurde hier bereits mehrfach auf Romane und vor allem Kinofilme aus den USA der 1970er-Jahre hingewiesen, die eine ähnliche Stimmung thematisieren und die für viele neue Erzählungen und Filmen stilbildend sind – Romane etwa von James Grady oder Spielfilme von Alan J. Pakula.

Courtesy of Netflix © 2024

„Zero Day“ erheischt auch deshalb Aufmerksamkeit, weil die sechsteilige Serie, die Eric Newman, Noah Oppenheim und Michel Schmidt entwickelten, aufwendig produziert wurde und glänzend besetzt ist: Robert de Niro als ehemaliger US-Präsident, der die Hintergründe eines Terrorangriffs auf das Computersystem seines Landes aufklären soll, Joan Allen als seine Frau, die als Kandidatin für den Supreme Court gehandelt wird, Connie Britton als Mitarbeiterin und ehemalige Geliebte des Ex-Präsidenten, Angela Bassett als amtierende Präsidentin des Landes und Bill Camp als CIA-Direktor, um nur einige Namen zu nennen.

Die Geschichte der Serie ist kompliziert genug, um über sechs Folgen zu tragen, auch wenn manche Spur, die sich als falsch erweist, nur von den Serienfiguren, aber nicht von den Zuschauerinnen und Zuschauern ernst genommen wird. Viele Wendepunkte sind zudem absehbar und manch eine Figur agiert so tricky, dass man sie früh als Drahtzieher verdächtigt, als der sie sich am Ende herausstellt. Visuell wird die von der Regisseurin Lesli Linka Glatter inszenierte Serie mit Katastrophenszenen, Demonstrationsbildern und Verfolgungsjagden angereichert, auf dass die Aufmerksamkeit zu jeder Minute wach bleibt.

Courtesy of Netflix © 2024

Visuelle Tricks illustrieren zudem die geistige Verfassung des Ex-Präsidenten, der phasenweise wirkt, als würde er dement. Dass sich diese Erkrankung als Teil der Verschwörung erweist, weil sie von außen induziert wurde und also nach Aufklärung abgestellt werden kann, deutet bereits an, dass „Zero Days“ bei weitem nicht so radikal ist, wie sich diese Serie gibt. Radikal wäre es gewesen, wenn de Niro einen Mann seines Alters – also einen um die 80 Jahre alten Politiker – gespielt hätte, der tatsächlich mit den Folgen einer beginnenden Demenz hätte umgehen müssen.

Als ähnlich problematisch erweist sich die Verschwörung selbst. Denn sie wird in der Serie nicht von irgendwelchen radikalen Gruppen oder durchgedrehten Funktionären des Sicherheitsapparates im Innern des Landes oder gar von feindlichen Staaten und damit von Außen angezettelt, sondern entpuppt sich als Versuch eines Staatsstreichs, der aus dem politischen Betrieb selbst – von Mitgliedern des Kongresses und des Senats – erfolgt, um den medialen Einfluss von Internettrollen, Hasspredigern und anderen Social-Media-Propagandisten zu brechen. Was für eine Pointe: Eine Verschwörung wider jedwede Verschwörung. 

Spätestens hier bemerkt man, dass „Zero Days“ ideologisch aus der Zeit gefallen ist. Dafür lassen sich noch weitere Beispiele nennen: Die Familie des wackeren Ex-Präsidenten und jetzigen Aufklärers hebt die Gewaltenteilung gleichsam in sich auf. Denn seine Tochter soll als Mitglied des Kongresses den zur Aufklärung der Katastrophe einberufenen Untersuchungsausschuss, den ihr Vater leitet, kontrollieren, während seine Ehefrau als zukünftige Richterin über etwaige Verfassungsverstöße dieses Verfahrens zu richten hätte. Was brauchen solche Verhältnisse noch an Verschwörung?

Und noch absurder: Dass sich die politischen Verschwörer der Serie dabei einiger eher naiv wirkender Hightech-Milliardäre bedienen, stellt die derzeitige Lage in den USA auf den Kopf. In der zweiten Amtszeit des Präsidenten Donald Trump agieren diese Unternehmer längst nicht mehr im Hintergrund, sondern auf offener Bühne des Politikbetriebs. Der reale Industrielle Elon Musk, der sein Rollenvorbild in den Universalbösewichten der James-Bond-Filme fand, verbirgt nichts mehr; er legt derzeit alles offen, was er mit brachialer Gewalt erzwingen will. 

Bei allen situativen Qualitäten bei der Serie – de Niro schaut man schon gerne zu, wenn er sich selbst und die Verhältnisse bekämpft – stellt sich am Ende die Frage: Was ist die Fiktion einer Verschwörung wert, wenn sich die Wirklichkeit längst gegen die Menschen verschworen hat, die mit einer solchen Fiktion aufgeklärt werden sollten?

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