
Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen.

Denzel Washington in Spike Lees »Highest 2 Lowest« 
Nach New York heimgebracht: Die Adaption eines Romans von Ed McBain
Am 5. September veröffentlichte Apple TV+ auf seiner Streaming-Plattform den Kriminalfilm „Highest 2 Lowest“ von Spike Lee, der zuvor auf den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt worden war; er lief im August kurz in einigen US-Kinos, vermutlich damit der Film am Rennen um die Oscars teilnehmen kann.
Seine Geschichte beginnt als ein moralisches Dilemma: Der Schallplattenproduzent David King, der gerade seine Firma zurückkaufen will, erfährt, dass sein Sohn entführt worden sei und erst nach eine hohen Lösegeldzahlung frei gelassen würde. Doch die Entführer haben den falschen Jungen entführt, nämlich den Sohn von Kings Chauffeur. Während King für seinen Sohn das Lösegeld gezahlt hätte, will er es für den anderen Jungen, mit dessen Vater er befreundet ist, nicht ausgeben, da er das Geld dringend für den geplanten Rückkauf braucht. Das bringt seine Frau so sehr in Rage, dass sie sich von ihm trennen will. Daraufhin zahlt er das Geld doch.
Nun wird die Geschichte zu einem Action-Drama: Auf Anweisung des Entführers muss er das Geld aus einer an dieser Stelle oberirdisch und über Brücken geführten Subway werfen. Die Polizei, die er von Anfang anzu Hilfe gerufen hat, kann im Trubel eines puerto-ricanischen Stadtfestes und zwischen enthusiasmierten Baseball-Fans dem Geldsack, der von wechselnden Motorradfahrern durch die Stadt gefahren wird, nicht folgen.
Der dritte Teil des in Farbe und Cinemascope gedrehten Films spitzt sich zu einem Duell zu: Der Sohn des Chauffeurs, der nach der Geldübergabe frei gelassen wurde, erinnert sich daran, dass im Keller, in dem er eingesperrt war, mehrfach ein bestimmter Hip-Hop-Track zu hören war. Anhand seiner Angaben kann der Musikproduzent erst den Titel und über diesen den Musiker identifizieren. Mit dem Chauffeur sucht er nach dem mutmaßlichen Entführer, den er schließlich in einem Musikstudio auftreibt. Dort erklärt der Musiker, dass er mit der Entführung Rache dafür üben wollte, dass ihn King, den er wie einen Vater verehrte, einst ablehnte. Der Streit eskaliert. Es kommt zu einem Schusswechsel. Nach einer Verfolgungsjagd kann King den Täter stellen und der Film nach 133 Minuten enden.

Lees Film ist das Remake des Films „Tengoku to Jigoko“ (Zwischen Himmel und Hölle), den Akira Kurosawa 1963 gedreht hatte und der in den USA „High and low“ hieß, worauf ja Lees Titel anspielt. Kurosawas Film wiederum basiert auf dem Roman „King‘s Ransom“, den Evan Hunter unter dem Pseudonym Ed McBain 1959 als hardcover veröffentlichte. Es ist der 10. Krimi aus der Reihe um das 87. Polizeirevier, das in einer anonymen Großstadt angesiedelt ist, die mit New York eine Reihe von Ähnlichkeiten aufweist. Alles Wichtige über den Autor und das 87. Polizeirevier findet sich im materialreichen Buch „Cops in the City“ von Frank Göhre und Alf Mayer von 2016. Der Roman erschien 1961 in deutscher Übersetzung von Gitta Bauer unter dem Titel „Kings Lösegeld“; hier wurde eine Ausgabe des Ullstein-Verlags von 1980 benutzt.
Wie alle Romane des 87. Polizeirevier ist auch dieser multiperspektivisch erzählt. Der allwissende Erzähler wechselt hin und her – vom Unternehmer, der hier industriell Schuhe herstellt und das Unternehmen in seine Hand bekommen will, und seiner Familie über die beiden Gangster, die den Sohn des Chauffeurs entführt haben, zu den Polizisten, die vertraute Figuren des 87. Polizeireviers sind, und wieder zurück. Hinzukommt als weitere Figur die Frau des zweiten Gangsters, die von der Entführung überrascht ist und so eine retardierende Funktion einnimmt; am Ende wird sie dem Unternehmer den Ort verraten, wo der Junge gefangen gehalten wird. Dieser Junge ist im Roman wie bei Kurosawa deutlich jünger als bei Lee. Die Geldübergabe wiederum ist ähnlich kompliziert geplant wie in Lees Film, steht aber am Ende des Romans und nicht in der Mitte wie bei beiden Filmen. Das letzte Wort haben die Polizisten, die auf dem Polizeirevier miteinander frotzeln, ehe der Erzähler mit dem „Draußen duckte sich die Stadt unter der Kälte“ den Roman beendet
Kurosawa und seine drei Drehbuchautoren verpflanzten die Geschichte nach Yokohama, wo sie zunächst in einer Luxuswohnung hoch über der Stadt, später in einem heruntergekommenen Viertel spielt. (Der Film ist in Deutschland als DVD erhältlich, während sich im Internet eine englisch untertitelte Fassung findet.) Es ist auch nicht kalt, vielmehr stöhnen alle über die Hitze, von der nur der Unternehmer und seine Familie befreit ist, da ihre Luxuswohnung über eine Klimaanlage verfügt. Eines der vielen Details, mit denen Kurosawa die Klassengegensätze, die hier deutlich schärfer als im Roman zutage treten, markiert.

Kurosawas McBain-Adapation 
Der in Schwarz-Weiß und Cinemascope gedrehte Film ist klar gegliedert. Im ersten Drittel verlässt die Kamera die Wohnung des Unternehmers nicht, der hier auch die Verhandlungen um die Schuhfirma führt, die er mit einem raffinierten Plan kaufen will. Wie die Kamera mit vielen Schwenks die wechselnden Personen als Gruppen zusammenführt und sie zugleich mit ihren sozialen Positionen und beruflichen Funktionen charakterisiert, folgt einer ausgeklügelten Choreographie. In dieser Wohnung, die meist durch Vorhänge verdunkelt wird, ehe diese zur Seite geschoben den Blick auf die Stadt ermöglichen, erreicht den Unternehmer der Anruf des Entführers. Hierhin kommen die als Handwerker verkleideten Polizisten, die zu Hilfe gerufen wurden. Die müssen sich einmal bei geöffneten Vorhängen verstecken, als klar wird, dass der Entführer die Wohnung von ferne beobachtet.
Nach einem kurzen Zwischenspiel, das die Geldübergabe zeigt, bei dem die mit Scheinen vollgepackten Taschen aus einem fahrenden Zug geworfen werden, steht im zweiten Teil die Polizeiarbeit im Mittelpunkt. Kurosawa nimmt so die Idee der Roman-Reihe, in der es ja vor allem um die Arbeit der Polizisten geht, ernster als den Plot des Romans. Die von Ed McBain geschriebenen Romane um das 87. Polizeirevier hatten ja erstmals im Krimi-Genre ausführlich von der Teamarbeit einer Polizei-Einheit erzählt. Diese Reihe war und ist so bis heute Vorbild für viele literarische wie filmische Serien, wie im Buch von Göhre und Mayer aufgeschlüsselt wird. In Kurosawas Film sieht man mehrfach, wie sich die Polizisten in einer großen Gruppe versammeln, um minutenlang die Ergebnisse ihrer Recherche auszutauschen. So wird die mühselige Kleinarbeit deutlich, mit der sie erst den Wagen der Entführung finden, dann den Ort, an dem der Junge gefangen gehalten wurde, entdecken und später den Täter anhand einer Narbe, an die sich der Entführte erinnerte, erkennen. Bei Kurosawa und bei Lee sind die beiden Täter des Romans auf einen reduziert worden; auch die Frau, die bei Ed McBain die Geschichte zum Guten wendet, fehlt in den beiden Filmen.
Kurosawas Polizisten könnten den Täter nun verhaften, schieben das aber auf, da er wegen der Entführung nur zu einer Haftstrafe verurteilt würde, sie ihn aber wegen des Mordes an zwei Junkies, die ihm bei der Entführung halfen, überführen und somit an den Galgen bringen wollen. So schildert der dritte Teil, der in den Straßen, Vergnügungsstätten und in den Drogenslums von Yokohama spielt und von einer dokumentarischen Kamera aufgenommen ist, wie die Gruppe der Polizisten dem Täter folgen, der dann einen dritten Mord begeht. Irgendwann entdeckt er, dass er verfolgt wird. Er geht auf einen der Verfolger zu und bittet ihn um Feuer für eine Zigarette. Beide – Täter wie der Polizist in Zivil – stehen in diesem Augenblick vor einem Schuhladen, in dem vermutlich auch Schuhe des Unternehmens von King zu kaufen sind.
Bei Kurosawa erhält der Unternehmer sein Geld zu spät zurück; in seiner Wohnung klebt bereits auf allen Wertgegenständen ein Pfandsiegel. Am Ende des Films steigt er bei einem kleineren Schuh-Unternehmen ein, bei dem er seine Qualitätsvorstellung eher realisieren kann als beim alten. Im Roman kann King am Ende den Täter niederschlagen und dingfest machen; dass sein „verdammtes Aktiengeschäft“ doch noch klappte, erfährt man durch diese abschätzige Bemerkung eines Polizisten nur am Rande. Bei Lee geht es statt um gute und langlebige Schuhe um musikalische Qualität. Am Ende seines Films lehnt King den Vorschlag des Täters, den er im Gefängnis besuchte, ihn unter Vertrag zu nehmen, um gemeinsam viel Geld zu verdienen. Danach nimmt er die junge Sängerin Sola (Aiyana-Lee) unter Vertrag, die ihm sein Sohn vorgeschlagen hat. Der von ihr selbst komponierte Soul-Titel heißt so wie der Film: „Highest 2 Lowest“.

Toshiro Mifune in Kurosawas „High and Low“ 
Denzel Washington bei Spike Lee
Spike Lee folgt in der Erzählstruktur Kurosawas-Film und nicht dem Roman, obgleich er die Geschichte in die USA und nach New York zurückbrachte. Er übernimmt auch die Idee einer Luxuswohnung über den Dächern der Stadt, gewinnt ihr aber anders als Kurosawa dramaturgisch nichts ab. Generell verrät sein Remake den Kurosawa-Film wie den Roman gleichermaßen, weil sich Lee für die Polizeiarbeit nicht interessiert. Bei ihm ist es King, der nach dem Täter fahndet, ihn dank seiner musikalischen Kenntnis nicht nur identifiziert, sondern auch am Ende überwältigt. Hier wird also zu einem heroischen Männer-Zweikampf, was bei Kurosawa und Ed McBain mühselige Detailarbeit vieler Beteiligter war. Das lässt Lees Film erzählerisch ärmer als die literarische Vorlage und als Kurosawas Film erscheinen. Man wird den Verdacht nicht los, dass es vor allem die beiden großen Actionszenen waren, die Lee an seinem Film gereizt haben. Tatsächlich sind die Szene der Geldübergabe und die der Verfolgungsjagd am Ende mit hohem technischem Aufwand inszeniert, in viele Einstellungen zergliedert und im Schnitt nahezu perfekt zu einem Wirbel der Bilder und der Töne montiert; sie enthalten zudem einige liebevolle Pointen auf das Leben in New York, die man als Hommage an diese Stadt begreifen kann.
Kurosawas Film ist deutlich kühler gehalten. Die Übergabeszene wird bei ihm zu einem Spiel der Medien, da die Polizisten den Moment mit einer 8mm-Kamera filmen und zusätzlich fotografieren; generell spielen Medien – von einem Zugtelefon über den Funkverkehr bis zu vielen Zeitungsartikeln – eine wichtige Rolle. Geschickt löst der Regisseur auch das Problem, wie ein wichtiges Telefonat zu zeigen ist. In einem realistisch angelegten Film kann man ja nur die Person hören, die man in diesem Moment sieht. Mischt man den Ton des Gesprächspartners hinzu, der ja für die Handlung wichtig ist, verstößt man gegen die Logik des Realismus. Ein splitscreen wiederum, der die Gesprächspartner in Nahaufnahmen nebeneinanderstellt, fällt meist aus dem Rahmen der sonstigen Bildgestaltung. Bei Kurosawa sieht und hört man zunächst nur den Unternehmer, wie er auf das, was der Entführer ihm am Telefon sagt, reagiert.
Später spielen die Polizisten aber den Mitschnitt des Telefonats ab, für den sie den Apparat mit einer Wanze versehen hatten, so dass man beide Seiten hören kann. Ein akustisches Detail dieses Mitschnitts ist dann ein weiterer Mosaikstein bei der Lösung des Falls. Denn im Hintergrund des Entführers ist das Geräusch eines Zuges zu hören, den ein Fachmann einem Fahrzeugtyp zuordnen kann, der nur auf bestimmten Bahnlinien verkehrt. Leute, die ihr Fach verstehen, gibt es in diesem Film viele. Auch das hat der Film mit den Polizeiromanen von Ed McBain gemeinsam.
Akira Kurosawa besetzte die Rolle des Unternehmers mit einem Star, Toshiro Mifune, mit dem er insgesamt 16 Spielfilme drehte und der durch ihn weltweit bekannt wurde. Mifune spielt King als einen sozialen Aufsteiger, der die bürgerlichen Normen kennt und ihre Regeln beherrscht, bei dem aber seine proletarische Vergangenheit gelegentlich in der Härte seiner Entscheidungen durchschimmert. Im Roman verrät die Kraft, mit der King den Täter überwältigt, seine Herkunft aus der körperlichen Fabrikarbeit. Spike Lee besetzte die Rolle von King ebenfalls mit einem Star und Weggefährten: Denzel Washington, mit dem er zuvor bereits in vier Filmen zusammengearbeitet hatte. Washington ist als Musikproduzent deutlich kultivierter als der Schuh-Manager bei Kurosawa. Ihm nimmt man anders als Mifune nicht ab, dass er zunächst das Lösegeld für den Sohn des ihm ans Herz gewachsenen Chauffeurs verweigert. Die Zwiesprache mit den Musikheroen, deren Bilder sein Büro schmücken, hat so etwas Absurdes an sich. Die Frage ist bei Lee also nicht, ob, sondern nur wann King bereit ist, das Geld zu übergeben.
Washington gewinnt aber im erst verbalen, dann schlagkräftigen Zweikampf mit dem Rapper, den Yung Felon mit Verve und Zynismus verkörpert; hier kann er seiner Rolle die notwendige street credibility verleihen und in einer Art rap battle seinen Mann stehen. Man könnte diese dritte wichtige Szene des Films als ihr ideologisches Zentrum begreifen. So wie der Unternehmer bei McBain und bei Kurosawa auf dem Gebrauchswert der Schuhe, die sie herstellen, beharrt, setzt der Musikproduzent bei Lee auf eine afroamerikanische Musiktradition, die vom Gangsta rap, für die der Entführer steht, verraten wurde.
Auch in Kurosawas Film gewinnt ein anderer Schauspieler an Bedeutung: Tatsuya Nakadai tritt im zweiten und dritten Drittel als leitender Kommissar in den Mittelpunkt. Sein – auch im Wortsinn – unterkühltes Spiel hebt ihn von der Hektik der stets schwitzenden Kollegen um ihn herum deutlich ab. Er erweist sich als geschickter Stratege, der am Ende die Falle baut und stellt, mit der endlich der Täter gefasst wird. Nur sein Wunsch, diesen der Todesstrafe zu überantworten, will nicht ganz zu dem modern wirkenden Mann passen.
Im Roman wird nur nebenbei angedeutet, dass einer der beiden Entführer vielleicht irgendwann auf dem elektrischen Stuhl landen wird; die Frau und der andere Entführer sind einfach verschwunden. Bei Lee geht der Entführer für viele Jahre ins Gefängnis. In diesem Film hat den Täter der Wunsch nach Anerkennung zur Tat angetrieben. Bei Kurosawa erklärt der Täter in einem Schlussmonolog, dass ihn das Luxusleben des Schuh-Unternehmers im metaphorischen Himmel der Stadt geärgert hatte, während er selbst in der Hölle des Slums vegetierte. Und im Roman ist es Geldgier, die beide Gangster zur Tat animiert.
Verblüffend ist die Modernität des Kurosawa-Films, der einen auch heute noch über die lange Strecke von 143 Minuten im Bann hält. Vielleicht besteht das größte Verdienst von Spike Lees Film „Highest 2 Lowest“ ja darin, an „High and Low“ und über diesen an Ed McBains Roman(e) erinnert zu haben.
Dietrich Leder
Anm. d. Red.: Siehe auch: Die Welt in einer Nussschale. Alf Mayer über Kurosawas große Verfilmung von Ed McBains „Kings Lösegeld“, CrimeMag Juni 2016.
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– Seine Texte bei uns hier. – Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.




















