Geschrieben am 1. April 2026 von für Crimemag, CrimeMag April 2026

Dietrich Leder: Crime im TV (43) – »Polizeiruf 110 – Ablass« aus München

Crime im TV

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. Die Kolumne erscheint dieses Mal in ihrer 40. Ausgabe – herzlichen Dank dafür an unseren Kolumnisten, d. Red.. Dass ihr Anlass sich keineswegs erschöpft hat, zeigt diese quicklebendigen Folge in überraschender Weise. Willkommen zu einer Ermittlungsreise. Eine Titel-Verzeichnis der Kolumnen findet sich ganz am Ende dieses Beitrags.

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Der „Polizeiruf 110“ aus München: „Ablass“

Unter den Serien, die in den letzten Wochen anliefen, gab es einige Enttäuschungen. Die vierte Staffel von „The Lincoln Lawyer“, die Netflix am 5. Februar startete, enttäuschte beispielsweise, weil ihre Hauptspannung, ob sich der Anwalt Mickey Haller (Manuel Garcia-Rulfo) aus der mörderischen Intrige, die um ihm gesponnen wurde, befreien könnte, nicht richtig funktionierte. Denn welche auf auer angelegte Serie würde ihre Hauptfigur auf Jahre in ein Gefängnis sperren? Zudem in den USA längst weitere Romane nach „The Law of Innocence“, dem diese Staffel zu Grunde liegt, erschienen sind. In Deutschland kam dieser Roman erst Wochen nach dem Start der 4. Staffel unter dem Titel „Der Lincoln Lawyer hinter Gittern“ heraus, dessen Titel durch das Ende der 4. Staffel dementiert wurde. Schlechtes Timing des Kampa-Verlags, der seit 2017 die Rechte von Connellys Romanen in den deutschsprachigen Ländern übernommen hat.

Leider enttäuschte auch die Serie „Scarpetta“, die Amazon Prime am 11. März veröffentlichte. Sie entstand nach Romanen von Patricia Cornwall und ist bestens besetzt. Nicole Kidman spielt eine hochgerühmte Pathologin, die zu Beginn in ihre Heimatstadt zurückkehrt, in der einst ihre Karriere begann. Dort trifft sie auf ihre ältere Schwester, der Jamie Lee Curtis einer große Lust an Provokationen aller Art verleiht. Bobby Cannavale ist der Mann, der die eine Schwester liebt und mit der anderen verheiratet ist. Die Geschichte dieser 1. Staffel springt permanent in den Zeiten vor und zurück. Dass die Figuren in den Rückblenden von anderen Schauspielerinnen und Schauspielern dargestellt werden, ist weniger ein Problem als der Tatbestand, dass auch der aktuelle Kriminalfall, an den die Pathologin gerät, eng mit einem alten verbunden ist. Das verlangt der Serie permanent Erklärungen aller Art ab, die rasch das Interesse an den zunächst spannenden Figuren erlahmen lassen. Am Ende der 1. Staffel folgt dann eine Gewalttat aus Notwehr, die in ihrem Verismus keinem anderen Zweck erfüllt, als für eine nächste Staffel zu werben.

Bleibt noch die zweite Staffel von „Hijack“ mit Idriss Elba in der Hauptrolle, in der diesmal nicht wie in der 1. Staffel ein transkontinentales Linienflugzeug, sondern eine Berliner U-Bahn entführt wird. Das liest sich so absurd an, wie die Geschichte, die selbstverständlich die der 1. Staffel irgendwie fortsetzt, entwickelt ist. Trotz guter Besetzung mit Christiane Paul als Berliner Polizeichefin und Toby Jones als Leiter einer britischen Geheimdiensteinheit eiert die Geschichte gleichsam zwischen Regierungsviertel und Kreuzberg hin und her. Selbst die Blicke in die Tunnel unter der deutschen Hauptstadt waren im Experimentalfilm „Zwischenzeit“ von Mischa Leinkauf und Matthias Wermke aus dem Jahr 2008 deutlich aufregender.

So fiel im Einerlei der Streamingangebote überraschenderweise ein Film der ARD-Reihe „Polizeiruf 110“ auf, für die der Bayerische Rundfunk erst mit Matthias Brandt (2011-2018), dann mit Verena Altenberger (2019-2023) herausragende Filme in produzieren ließ. Seit 2023 ermittelt Johanna Wokalek als Kommissarin Cris Blohm in München. An ihrer Seite spielt Stephan Zinner ihren Kollegen Dennis Eden. Vier Folgen mit dem Duo wurden bereits gesendet, darunter so gute wie „Funkensommer“ (26. Mai 2024), die Alexander Adolph schrieb und inszenierte, oder „Jenseits des Rechts“ (29. Dezember 2024), für die Dominik Graf ein Drehbuch des Journalisten Tobias Kniebe verfilmte. Für die Folge „Ablass“, die im Ersten Programm am 15. März 2026 ausgestrahlt wurde, war Christian Bach als Drehbuchautor und Regisseur verantwortlich. Wie es der Zufall oder die Programmplaner wollten, hatte das ZDF wenige Tage zuvor seinen Thriller „In fremden Händen“ ausgestrahlt, in dem Désirée Nosbusch eine Frau spielt, die sich alleinstehender älterer Männer annimmt, um an ihr Vermögen zu gelangen. Ein Film, der mit einer bösen Pointe endet, ist noch in der ZDF-Mediathek zu sehen.

Auch „Ablass“ endet für einen Sonntags-Krimi der ARD ungewöhnlich finster. Denn anders als gewöhnlich werden hier die identifizierten Täter nicht verhaftet. Stattdessen brechen sie frohen Mutes in ferne Gefilde auf. Die junge Frau, die einen Lehrer mit ihrem Sportwagen umfuhr und auf der Straße schwer verletzt liegen ließ, so dass dieser wenig später im Krankenhaus starb, fliegt am Ende zu einem Studienaufenthalt in Stanford in die USA. Der Mann, Ende dreißig, der mutmaßlich eine Frau vergewaltigt und getötet hat, begibt sich nach Dubai, von wo aus er als Finanzmakler Geldströme von Glücksspielportalen organisiert. Dass beide davonkommen, ist das Ergebnis einer ungewöhnliche Geschäftsidee des Verteidigers August Schellenberg, der reiche Mandanten dadurch entlastet, dass ärmere Mandanten deren Taten auf sich nehmen und für viel Geld an ihrer Statt ins Gefängnis gehen. Ablass, nennt Cris Blohm das, also eine Geldzahlung, die an die Stelle der regulären Buße tritt. Man könnte die, die da ein falsches Geständnis ablegen, auch als bezahlte Sündenböcke bezeichnen, die statt der Täter ins Gefängnis (und nicht wie im Alten Testament in die Wüste) geschickt werden.

Bach radikalisiert diese ohnehin schon ungewöhnliche Kriminalgeschichte dadurch, dass beide Sündenböcke ihr falsches Geständnis bitter büßen müssen. Der Kleinkriminelle, der den Unfall und die Fahrerflucht auf sich nimmt, wird von der Frau des Unfallopfers angefahren und schwer verletzt. Komplizierter liegt der Fall bei der anderen Tat: Der aus Burkina Faso nach Deutschland Geflüchtete hatte gestanden, die Leiche einer 18jährigen, die in seiner Wohnung an einer Überdosis gestorben wäre, entsorgt zu haben; zu Beginn des Films wird aber die Leiche dieser Frau in einem Isar-Wehr gefunden, und bei der Obduktion stellt sich heraus, dass sie vergewaltigt und erwürgt worden war. Juristisch kann dem Mann der neue Tatbestand nichts anhaben, aber sie verändert seine Lage im Gefängnis, wo ihn rechtsradikale Insassen als „Vergewaltiger einer deutschen Frau“ schwer verletzen.  

Cris Blohm und Dennis Eden ermitteln parallel in beiden Fällen. Während sie schon früh Widersprüche entdeckt, die sie an beiden Geständnissen zweifeln lassen, will er zunächst alles eher auf sich beruhen lassen. Das entspricht einem klassischen Rollenmodell unter Ermittlern in Fernsehkrimis: Johanna Wokalek spielt die Kommissarin als intellektuelle, stets höflich, ja fast freundlich auftretende Frau, die sich aber um so hartnäckiger erweist, je größer die Widerstände werden, die ihre Ermittlung verhindern sollen. Stephan Zinner ist ein bajuwarisches Raubein, das leicht zu beeindrucken ist, aber über einen trockenen Witz verfügt; als seine Kollegin ihn auffordert, mal beim Nachdenken über die Fälle „seinem Bauchgefühl“ zu vertrauen, antwortet er trocken, dann würde er zunächst einmal ein Schnitzel bestellen. Aber auch Johana Wokalek darf mit Sprachspielen glänzen, wenn sie den mutmaßlichen Täter mit einem Lächeln nach einer „Leiche im Keller“ fragt, so dass dieser das nur als Metapher versteht, oder wenn sie einem Gesprächspartner verspricht, sie würde „kurzen Prozess“ machen, was auf die Dauer der Unterhaltung bezogen ist, aber zugleich eine leise Drohung enthält.   

Auch die Nebendarsteller sind gut besetzt: Yoli Fuller stattet den Mann aus Burkina Faso mit der notwendigen Energie aus, so dass man ihm abnimmt, für viel Geld, das er in sein Heimatdorf transferiert, die Straftat auf sich zu nehmen und ins Gefängnis zu gehen. Shenja Lacher wiederum nimmt man die verzweifelte Lage ab, die ihn zum falschen Geständnis der Unfallflucht verleitet; beeindruckend, wie er seinen Kindern erklärt, dass er für eine längere Zeit abwesend sein würde. Andere Nebenfiguren werden durch Details charakterisiert; so hat die Staatsanwältin ein Kondom über den Rauchmelder in ihrem Dienstzimmer geklebt, um in Ruhe rauchen zu können.  

Geschickt werden mehrere Spannungsbögen aufgebaut, die nicht nur etwas mit den beiden Verbrechen, sondern auch mit dem Verhalten vieler Beteiligter zu tun hat: Wie beispielsweise die hochschwangere Frau des überfahrenen Lehrers auf das Geschehen reagiert? Ob die Tochter der reichen Familie aus dem Stadtteil Bogenhausen, die für diesen Unfall verantwortlich war, sich nicht doch noch von ihrem schlechten Gewissen zu einem – nun zutreffenden – Geständnis überreden lässt?  Ob es den Kriminalbeamten gelingt, dem Anwalt den mit den falschen Geständnissen nachzuweisen?

Tobias Moretti spielt diesen Anwalt als eine Mischung aus intellektuellem Zyniker, virilen Charmebolzen und bestens vernetzten Strippenzieher, der über Leichen geht, wenn es denn seinen Zwecken frommt. So sind die über den Film verteilten Gespräche, in die ihn die Kommissarin verwickelt, die Höhepunkte des Films. Ein rhetorisches Scharmützel, das beiden Spaß bereitet, ohne dass sie den Ernst des Themas vergäßen. Am Ende lautet das größte Kompliment, dass er ihr unterbreiten kann: „Sie hätten Anwalt werden sollen“. Sie antwortet trocken: „Ich weiß!“

Blohm und Eden müssen am Ende eingestehen, dass sie gegen die Tricks des Anwalts machtlos sind. Der Film mündet also in das – bereits angedeutete – finstere Happyend, bei dem die Täter in eine für sie rosige Zukunft aufbrechen, während die Ermittler nur darauf hoffen können, dass sie ihrer irgendwann einmal doch habhaft werden können. Für die Zuschauerinnen und Zuschauer steht die irritierende Erkenntnis am Ende, dass eben nicht alle Kriminalfälle aus welchen Gründen auch immer aufgeklärt werden können. Und genau das hebt den Film von Christian Bach aus dem Serieneinerlei des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hervor. Er ist noch ein Jahr in der ARD-Mediathek zu sehen.

Bleibt eine Genugtuung der Realgeschichte an der Fiktion des Erzählten: Dubai galt noch zu Zeiten der Dreharbeiten als luxuriöser Ort für Reiche aller Art; nach dem Angriff der USA und Israel auf Iran, schlug der mit Raketen unter anderem auf die Golfstaaten und damit auch auf Dubai zurück. Möge es dem Täter in seinem Rückzugsordner schlecht ergehen!

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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
Crime im TV (12): Influencer als Thema im Fernsehkrimi
Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk 
Crime im TV (15): Wie ein faules Ei dem anderen: Plots wie mit KI
Crime im TV (16): Kommissar Maigret: Da schlummert ein Schatz in den Archiven
Crime im TV (17): Michael Connolly und die Transformationen seiner Serien-Figur Mickey Haller
Crime im TV (18): Die Figur Sörensen als komplettes Medienpaket
Crime im TV (19): Die Pathologie als Element – bei Dominik Graf, Borowski und in Stuttgart
Crime im TV (20): „Landkrimi“ von und mit Karl Markowitz – alles andere als Postkarte
Crime im TV (21): Zum „Tatort: Reifezeugnis“ (1977) und den Nacktszenen mit „Nastassja Kinski“
Crime im TV (22): Zur Ähnlichkeit von Krimiserien – »Criminal Record« geht einen eigenen Weg
Crime im TV (23): Tom Ripley – »Mr. Ripley« –, eine talentierte Filmfigur mit vielen Facetten
Crime im TV (24): Ufos und Aliens: Nicht ganz von dieser Welt … aber auch nicht aus Bielefeld …
Crime im TV (25): Serie »Eric« bei Netflix: In mehrfacher Hinsicht wirklich bestechend
Crime im TV (26): »Presumed Innocent«: Buch, Film, Serie – ein Vergleich
Crime im TV (27): Die ZDF-Reihe »München: Laim …« – bisher sieben Folgen
Crime im TV (28): Tatort Nürnberg: Abschied für Dagmar Manzel
Crime im TV (29): ”Disclaimer“ – Rätselgeschichte mit Haftungsausschluss
Crime im TV (30): Postkartenkrimis als Fernsehgenre – einmal „Tatort“, einmal Burgenland
Crime im TV (31): Zero Day – Wenn die Fiktion von der Wirklichkeit überholt wird
Crime im TV (32): Tatort: Die große Angst
Crime im TV (33): Beispiel „Tatort“ Hannover: Wie die Inszenierung KI-basierter Fahndungstechnik die eigene Technikgeschichte verdräng
Crime im TV (34): Warum sind Fernseh-Krimis so beliebt?
Crime im TV (35): Per Wahlöö »Mord im 31. Stock« – Fassbinder auch dabei
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Crime im TV (39): Das Krimi-Dinner-Quiz
Crime im TV (40): Von Agatha Christie bei Netflix zu Hansjörg Schneider, seinem Polizeikommissär Hunkeler und dann noch zu Niklaus Meienberg …
Crime im TV (41): »München Mord«, immer wieder für eine Überraschung gut
Crime im TV (42): Rache ohne Strafe: Dominik Grafs wirkmächtiger Film „Das unsichtbare Mädchen“

– Dietrich Leders Texte bei uns hier. 
– Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.

Bei „Gespenster der Freiheit“ hat er unlängst unser Magazin porträtiert: Kulturelle Bewusstseinserweiterung. Das Online-Magazin CulturMag/CrimeMag

Anm. März 2026: Sein sehr informativer Nachruf auf Alexander Kluge im Filmdienst: Je näher, desto ferner

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