
Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. Die Kolumne erscheint dieses Mal in ihrer 40. Ausgabe – herzlichen Dank dafür an unseren Kolumnisten, d. Red.. Dass ihr Anlass sich keineswegs erschöpft hat, zeigt diese quicklebendigen Folge in überraschender Weise. Willkommen zu einer Ermittlungsreise. Eine Titel-Verzeichnis der Kolumnen findet sich ganz am Ende dieses Beitrags.
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»München Mord«, immer wieder für eine Überraschung gut
Unter den Krimi-Serien, die das ZDF am Samstagabend um 20.15 Uhr ausstrahlt, ist sie sicher die beste, auch wenn ihr Titel eher an biedere Regional-Krimis denken lässt: „München Mord“. Sie wurde von Eva Wehrum und Alexander Adolph entwickelt, wird seit 2014 von der in München angesiedelten TV60 Filmproduktion hergestellt und hat es mittlerweile auf 22 Folgen mit je 89 Minuten gebracht.
Die Grundidee ist einfach und auch nicht allzu ungewöhnlich. Der leitende Kriminalbeamte im Münchner Polizeipräsidium Helmut Zangel (Christoph Süß) steckt drei Kommissare, die ihn auf je besondere Weise nerven, in eine Ermittlungseinheit für aussichtslos erscheinende Fälle und verfrachtet sie in den Keller eines Nachbargebäudes, das weitab von der „richtigen Polizeiarbeit“ liegt. Sein Ziel ist von Anfang an klar: Er möchte sie loswerden und hofft sie so zu zermürben, dass sie von sich aus kündigen.
Ludwig Schaller (Alexander Held) kann er nicht leiden, weil der sich mit seiner Methode, sich in Täter einzufühlen, in die absonderlichsten Situationen bringt, die man nicht als Werbung für die Polizei bezeichnen kann. Angelika Flierl (Bernadette Heerwagen) ist die Nichte des Polizeipräsidenten, so dass Zangel sie zwar unterbringen muss, was ihm aber gar nicht gefällt. Harald Neuhauser (Marcus Mittermeier) ist ein Mann, der sich mehr für Frauen als für seine Arbeit zu interessieren scheint und zudem gerne mal zuschlägt. Selbstverständlich haben die drei zu Beginn große Probleme untereinander. Die beiden Jüngeren halten Schaller für übergeschnappt, Flierl wird von beiden Männern nicht ernst genommen, und Neuhauser scheint noch oberflächlicher zu sein, als die anderen auf den ersten Blick vermuteten.


… alle Fotos © ZDF
Es kommt, wie es kommen muss. Die ungleichen Charaktere lernen einander bei der Arbeit kennen und die bislang nicht offen zu Tage liegenden Fähigkeiten der anderen zu schätzen: Schallers Einfühlungsmethode, mit der er einen vermuteten Tathergang pantomimisch, aber mit vollem Körpereinsatz nachstellt, wirkt auf Außenstehende äußerst merkwürdig, erlaubt aber den anderen, mit einem neuen Blick auf das Verbrechen zu schauen. Neuhauser liegt zwar mit seinen raschen Mutmaßungen oft daneben, kann sich aber schnell auf die Ideen und Gedanken der anderen einstellen. Flierl kokettiert mit ihrer Außenseiterrolle als Frau oder – wie Schaller über viele Folgen sagt – als Fräulein, um dann die Kollegen mit ihrem Blick für Details zu überraschen. Zangel wiederum spielt keine Rolle, stürmt immer wieder in das Kellerbüro, um Tempo anzumahnen und auf öffentlichkeitswirksame Aktionen zu pochen, denn die Meinung des Ministers, des Polizeipräsidenten und der Medien ist ihm das Wichtigste.
Man kennt also vieles, selbst wenn man nur eine Folge schaute. Doch das stört einen wie stets bei guten Serien kaum. Selbstverständlich sind manche Folgen besser als die anderen. Aber so richtig schlecht war bislang keine. Und das, obgleich sich schon viele Autorinnen und Autoren sowie Regisseurinnen und Regisseure an ihr versucht haben. Dieses Urteil kann man derzeit überprüfen, da ZDFneo alle bisherigen Folgen dienstags um 20.15 Uhr wiederholt und sie zudem in die Mediathek des ZDF stellt.

So konnte man 24. Februar auf ZDFneo eine Folge zu sehen, die zu den besten der Serie gehörten: „Leben und Sterben in Schwabing“ von 2019. Sie wurde von Friedrich Ani und Ina Jung geschrieben, die neben ihren eigenen schriftstellerischen Arbeiten ja schon gemeinsam das Drehbuch für den Fernsehfilm „Das unsichtbare Mädchen“ (2011) von Dominik Graf schrieben; ein Film, der mit zum Besten gehört, was in den letzten 20 Jahren von einem deutscher Sender ausgestrahlt worden war. (Noch bis zum 21.03. 2026 in der arte-Mediathek verfügbar.) Für „München Mord“ haben sie, wenn ich richtig gezählt habe, mittlerweile acht Folgen geschrieben.
Ihre Folgen fallen deshalb auf, weil sie stets auf eine besondere Weise situiert sind. Die Figuren, die Verbrechen und selbst die Art der Aufklärung haben viel mit dem Ort gemein, an dem die jeweilige Geschichte spielt – mit den Wohnungen und Häusern, den Grünflächen und Parks, den Kneipen und den Sportanlagen, den Kindern und den Alten, den Hunden und den Parkplätzen. Die Folgen sind reich, da es stets einen Überhang von Nebengeschichten gibt, die mal in einem Satz, mal in einer Anekdote oder mal nur in einer Totale angedeutet werden, durch die ein Mensch geht, läuft oder schlendert. Mit dem, was sonst in Serien an Stadtansichten aufgerufen wird, hat das nichts zu tun. Es geht nicht um Reklame, mit dem der Stadttourismus wirbt. Es geht auch nicht um die Fortschreibung von bekannten Lokalanekdoten. Es geht vielmehr um jenen besonderen Zusammenhang von Wohnen und Arbeiten, Tradition und Erinnerung, der sich in vielen Vierteln einer Großstadt herausbildet.

Girgl Hofmann (Dieter Landuris, l.), Türkenrudi (Michael Fitz, m.) und Heinzi Murnauer (Johann Nikolussi, r.) haben Erfolg mit ihrer Band 
Schaller (Alexander Held, l.) setzt sich unaufgefordert neben Türkenrudi (Michael Fitz)
Nun spielt die erwähnte Folge genau in dem Münchner Viertel, an dem schon sehr viele Filme und Serien gedreht wurden, so dass man fast jede größere Straße und viele der markanten Figuren zu kennen meint. Doch mit diesem Problem wurden Friedrich Ani und Inga Jung auf wundersame Weise fertig, indem sie mit diesen bekannten Bildern und auserzählten Geschichten selbst sarkastisch spielten. Die wichtigste Nebenfigur ist der Türken-Rudi (Michael Fitz), der nichts anderes als die Kopie von Medienfiguren erscheint: Eine Mischung aus der Titelfigur „Monaco-Franz“ und dem „Tscharlie“ Häusler aus den „Münchner Geschichten“, also aus zwei Dietl-Serien der 1970er- und 1980er-Jahre.
Doch seiner Ermüdung ist anzumerken, dass diese Figuren, denen er sich nah fühlt und die er also imitiert, längst aus der Zeit gefallen sind. Ihre und damit auch seine Sprüche und Gesten erweisen sich als ausgeleierte Muster mit stetig fallendem Wert, auch wenn sie ihn in diesem seinem Viertel noch überall grüßen. Ausgerechnet er als eine Kopie von Medienfiguren versucht nun das, was er als „wahres Schwabing“ bezeichnet , vor dem der Ausverkauf durch Spekulanten und „reiche Erben“ zu retten und löst so jenes Verbrechen aus, die der Ex-Schwabinger Schaller mit seinen Kollegen aufzuklären hat. Das ist eine wunderbare erzählerische Pointe, die komisch und bitter zugleich ist.
Alexander Held darf in dieser Folge, die Sascha Bigler inszenierte, die wohl absurdeste Einfühlungs-Pantomime der Serie vollführen, wenn ihn ein nur ausgedachter Hund durch die Straßen zieht. Bernadette Heerwagen spielt auf der Ukulele so schön Rocksongs, dass Marcus Mittermeier als ihr Kollege mal wieder andeuten darf, dass er in sie doch verliebt. Der Immobilienspekulant heißt ausgerechnet Riester. Und die Geschäftsleute des Viertels bilden einen vielstimmigen Chor, den die Verzweiflung eint.
Christoph Süß hat in dieser Folge nur kurze Auftritte, in der er für typische Komik sorgt, aber die dem Schauspieler wenig Spielraum lässt. Vielleicht ist er deshalb mit der jüngsten Folge „Im Zweifel für den Zweifel“, die am 31. Januar 2026 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, aus der Serie ausgestiegen. Begründet wurde sein Ausstieg mit einer Beförderung ins bayerische Innenministerium, wovon seine Figur seit der ersten Folge träumte.


Ulrich Noethen als korrupter Leiter der Mordkommission hat eine heftige Affäre mit Kommissarin Evelyn Fink (Anja Schiffel). © ZDF
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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:
Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
Crime im TV (12): Influencer als Thema im Fernsehkrimi
Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk
Crime im TV (15): Wie ein faules Ei dem anderen: Plots wie mit KI
Crime im TV (16): Kommissar Maigret: Da schlummert ein Schatz in den Archiven
Crime im TV (17): Michael Connolly und die Transformationen seiner Serien-Figur Mickey Haller
Crime im TV (18): Die Figur Sörensen als komplettes Medienpaket
Crime im TV (19): Die Pathologie als Element – bei Dominik Graf, Borowski und in Stuttgart
Crime im TV (20): „Landkrimi“ von und mit Karl Markowitz – alles andere als Postkarte
Crime im TV (21): Zum „Tatort: Reifezeugnis“ (1977) und den Nacktszenen mit „Nastassja Kinski“
Crime im TV (22): Zur Ähnlichkeit von Krimiserien – »Criminal Record« geht einen eigenen Weg
Crime im TV (23): Tom Ripley – »Mr. Ripley« –, eine talentierte Filmfigur mit vielen Facetten
Crime im TV (24): Ufos und Aliens: Nicht ganz von dieser Welt … aber auch nicht aus Bielefeld …
Crime im TV (25): Serie »Eric« bei Netflix: In mehrfacher Hinsicht wirklich bestechend
Crime im TV (26): »Presumed Innocent«: Buch, Film, Serie – ein Vergleich
Crime im TV (27): Die ZDF-Reihe »München: Laim …« – bisher sieben Folgen
Crime im TV (28): Tatort Nürnberg: Abschied für Dagmar Manzel
Crime im TV (29): ”Disclaimer“ – Rätselgeschichte mit Haftungsausschluss
Crime im TV (30): Postkartenkrimis als Fernsehgenre – einmal „Tatort“, einmal Burgenland
Crime im TV (31): Zero Day – Wenn die Fiktion von der Wirklichkeit überholt wird
Crime im TV (32): Tatort: Die große Angst
Crime im TV (33): Beispiel „Tatort“ Hannover: Wie die Inszenierung KI-basierter Fahndungstechnik die eigene Technikgeschichte verdräng
Crime im TV (34): Warum sind Fernseh-Krimis so beliebt?
Crime im TV (35): Per Wahlöö »Mord im 31. Stock« – Fassbinder auch dabei
Crime im TV (36): Selbstreflexion in Buch & Film – Ein kleiner Ausflug, z.B. Andrea Camilleri
Crime im TV (37): Spike Lee, Kurosawa, Ed McBain: „Highest 2 Lowest“, die Adaption eines Romans von Ed McBain
Crime im TV (38): Der Gangster Parker als Filmheld
Crime im TV (39): Das Krimi-Dinner-Quiz
Crime im TV (40): Von Agatha Christie bei Netflix zu Hansjörg Schneider, seinem Polizeikommissär Hunkeler und dann noch zu Niklaus Meienberg …
– Dietrich Leders Texte bei uns hier.
– Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.
Und bei „Gespenster der Freiheit“ hat er unlängst unser Magazin porträtiert: Kulturelle Bewusstseinserweiterung. Das Online-Magazin CulturMag/CrimeMag
















