Geschrieben am 1. Februar 2026 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2026

Dietrich Leder, Crime im TV (40): Von Agatha Christie zu Hunkeler

Crime im TV

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. Die Kolumne erscheint dieses Mal in ihrer 40. Ausgabe – herzlichen Dank dafür an unseren Kolumnisten, d. Red.. Dass ihr Anlass sich keineswegs erschöpft hat, zeigt diese quicklebendigen Folge in überraschender Weise. Willkommen zu einer Ermittlungsreise. Eine Titel-Verzeichnis der Kolumnen findet sich ganz am Ende dieses Beitrags.

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Von Agatha Christie bei Netflix zu Hansjörg Schneider, seinem Polizeikommissär Hunkeler und dann noch zu Niklaus Meienberg …

Enthielte diese Kolumne diesmal nur eine klassische Fernsehkritik, könnte sie mit dem Hinweis auf den 50. Todestag von Agatha Christie am 12. Januar beginnen, der manche Sender auf die Idee brachte, an die Schriftstellerin mit neuen Verfilmungen oder frisch produzierten Hörspielen zu erinnern oder einfach alte zu wiederholen. Unter den Neuproduktionen fiel Anfang des Jahres ein Dreiteiler auf, den Netflix am 15. Januar 2026 unter den Titel „Agatha Christie’s Seven Dials“ online stellte.

Es handelt sich um die Verfilmung des Romans „The Seven Dials Mystery“, der 1929 erschien. (In Deutschland wurde er in den 1970er-Jahren vom Scherzverlag unter dem Titel „Der letzte Joker“ herausgebracht, unter dem er bis heute erhältlich ist.) Das Drehbuch schrieb Chris Chibnail, der unter anderem auch für die starken Krimi-Serien „Life on Mars“ (2006-2007) und „Broadchurch“ (2013-2017) arbeitete. Die zwischen 52 und 56 Minuten langen Folgen hat Christopher Sweeny inszeniert, der zuvor bei Serien von „Apples never Fall“ (2024) oder „Back to Life“ (2019) Regie geführt hatte.

Der Dreiteiler spielt in den 1920er-Jahren, in denen bereits der Roman angesiedelt ist, und also in einer Zeit, in denen der 1. Weltkriegs, der in Großbritannien bis heute oft als „Great War“ bezeichnet wird, bei den Menschen deutliche Spuren hinterlassen hat. Sozial ist seine Geschichte im verarmten Landadel angesiedelt, in dem vor allem die jungen Männer und Frauen bar ihrer familiären Privilegien nach Aufgaben und Jobs suchen. Der erste Todesfall eines dieser jungen Menschen wird noch als Unglücksfall von der Polizei verbucht: Ein junger Mann soll sich selbst vergiftet haben. Als einer seiner Freunde tot aufgefunden wird, handelt es sich eindeutig um Mord.

Umschlag der US-Erstausgabe von 1929, Verlag Dodd, Mead & Company

So beginnt ein Kriminalkommissar und einer der jungen Frauen aus der Gruppe mit der Suche nach dem Täter, der zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort – einem etwas verkommenen Adelslandsitz – anwesend war. Es geht gleichzeitig auch um eine Geheimgesellschaft, die sich „Seven Dials“ nennt. Es geht um Spionage. Und im Dreiteiler geht es zusätzlich um eine für die Waffenindustrie wichtige Erfindung. Krimitechnisch bleibt es aber bei einer klassischen Whodunit-Story mit den üblichen Irrungen, die am Ende wie immer mit einer Volte überraschen will.

Inszeniert ist das als klassisches Schaustück, bei dem die Sorgfalt mehr auf der Ausstattung (alte Luxuskarossen, Kleidung der 1920-Jahre, Parkidyll) liegt als auf der Inszenierung der Schauspieler. Das haben die Neuverfilmungen der Poirot- und Miss Marple-Romane, ob als Kinofilme oder Fernsehserien, vorexerziert, die ja tagein tagaus auf vielen Sendern wiederholt werden. In diesem neuen Dreiteiler kann man die Lächerlichkeit der Geheimgesellschaft, bei deren Treffen die Mitglieder Gesichtsmasken tragen, die den Ziffernblättern von Uhren nachgeahmt sind, kaum übersehen. Im Filmbild wirkt das noch lächerlicher als bereits im Roman. Und das Rätsel ist für diejenigen, die sich im Prinzip des Whodunit auskennen, keines: Denn auch hier steckt hinter allem die Nebenfigur, die am besten besetzt ist.  

Erwähnenswert ist die Besetzung der beiden Ermittlerfiguren. Den Kommissar spielt Martin Freeman, der so agiert, dass man jeden Moment auf den Auftritt von Sherlock Holmes wartet, als dessen Partner Watson er ja in den 13 Episoden der großen Reihe BBC-Reihe „Sherlock“ (2010-2017) auftrat. Er hat keine Chance gegen Mia McKenna-Bruce als Amateurdetektivin, die ihn mühelos an die Wand spielt und der man weitere große Rollen wünscht.

So könnte eine – eingestanden dürftige und eher als Warnung ausgestaltete – Fernsehkritik enden, verführte der Dreiteiler den enttäuschten Betrachter nicht dazu, dass er sich gleichsam zur Erholung die Lesung eines Christie-Pastiches mit dem Titel „Das Böse in kleinen Ortschaften“ gönnte, das über den Krimi-Podcast des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) zu hören ist.

Es handelt sich um eine Kurzgeschichte, die Lucy Foley für den Band „Marple: Twelve New Stories“ schrieb, der 2022 auf Englisch und zwei Jahre später auch auf Deutsch erschien. (Das Schweizer Radio nahm auch drei weitere Geschichten aus diesem Sammelband als Lesung auf.) Das hört sich nett an und wäre kaum erwähnenswert, unterliefen Susanne Janson, die diese Lesungen produzierte, und ihrem Moderationskollegen Wolfram Höll in dieser Podcast-Folge nicht im Nachgang zur Lesung ein Fehler, der an ihren Krimikenntnissen zweifeln lässt. Beide rätseln nämlich umständlich an der Frage herum, warum in der Geschichte „Das Böse in kleinen Ortschaften“ ein Kommissar auftaucht, der wie eine Figur aus einem Noir-Krimi erscheint.

Denn diese Noir-Elemente von Lucy Foley verweisen überdeutlich auf den Essay von Raymond Chandler „Die simple Kunst des Mordens“ (1944), in dem er seinen Kollegen Dashiell Hammett rühmt, weil dieser „den Mord aus der venezianischen Vase“ zog, „in der er so lange gegrünt und geblüht hatte“, und ihn „zu der Sorte von Menschen“ zurückbrachte, „die mit wirklichen Gründen morden“. Das richtete sich gegen die „englischen Kriminalromanschreiber“ wie Agatha Christie, die vor allem „über alte Herzöge“ schrieben. Chandler und Hammett stehen – verkürzt – für den Ursprung dessen, was heute als „Noir“ bezeichnet wird. Und Lucy Foley wollte nun darin erinnern, dass das Böse nicht nur auf amerikanischen Großstadtstraßen wie bei Chandler und Hammett, sondern auch in „kleinen englischen Ortschaften“ lauert.

Das Malheur von Janson und Höll wie auch ihr oft störendes und für Podcasts typisches Geplauder sei ihnen verziehen. Denn ich stehe in ihrer Schuld, weil sie mich vor einigen Jahren auf ein Versäumnis hingewiesen hatten, als sie die Hörspielfassung eines Hunkeler-Krimis aus dem Archiv geholt hatten. Die zehn Romane, die der schweizerische Autor Hansjörg Schneider zwischen 1993 und 2020 über den Polizeikommissär Peter Hunkeler geschrieben hatte, hatte ich jahrelang ignoriert.

Anders war es natürlich auf Crimemag; hier wurden die Romane seit 2011 von Frank Rumpel besprochen. Auszug: „Dieser Hunkeler ist ein widerborstiger Geist, hat etwas Unberechenbares, sucht das Ursprüngliche, das Eigene und mag sich doch nicht von Gewohnheiten, von gutem Essen etwa, verabschieden. Das Leben, das wird ihm hier immer wieder klar, ist schnell vorbei, die Zivilisation brüchig. Die Wildnis jedenfalls ist nirgends so übel, wie dort, wo viele Menschen aufeinander hocken. Hunkeler treibt durch diese Geschichte, beobachtet, sammelt, nimmt hier einen Gedanken auf, spinnt dort einen anderen weiter. Und Schneider führt dankenswerterweise gar nicht alles zusammen, lässt manches einfach stehen oder ins Leere laufen, die Aufklärung des Kriminalfalls wird da zu einer Geschichte unter vielen.“ Peter Münder dann 2013 („Fazit: Wo Hunkeler drauf steht, ist auch Baseler Premium-Krimi drin.“) und noch einmal 2016: „Schneider war ja noch nie der Lieferant von Pageturnern mit blutigen Massenmorden und hohen Leichenbergen – er vertieft sich mit großer Liebe fürs Detail in stimmungsvolle Psychogramme, lebendige Dialoge und in eine atmosphärische Dichte, die für großes Lesevergnügen sorgen.“

Das Versäumte konnte ich in den letzten Jahren nachholen, weil alle Hunkeler-Romane weiterhin auf dem Buchmarkt erhältlich sind. Die ersten Titel hatte der Ammann-Verlag herausgebracht, der ja beispielsweise auch den deutschen Romanautor Ulrich Peltzer entdeckt hatte. Als Egon Ammann seinen Verlag 2009 mit den Worten „Alles hat seine Zeit“ schloss, wechselte Hansjörg Schneider zu Diogenes, wo seitdem die neuen Romane herauskamen und die alten wiederaufgelegt wurden.

Schneider ist ein gewiss konservativ, strikt linear und in starken Hauptsätzen erzählender Krimi-Autor, der sich immer wieder aufs Neue an der Gegenwart und der Vergangenheit der Stadt Basel abarbeitet. Seine Geschichten spielen im Dreiländereck am Rhein, also zwischen der schweizerischen Region um Basel, dem französischen Elsass und dem deutschen Schwarzwald. Erzählt werden sie aus der Perspektive der Hauptfigur, der stets zu Beginn mit demselben Satz vorgestellt wird: „Peter Hunkeler, Kommissär des Kriminalkommissariats Basel, gewesener Familienvater, jetzt geschieden“. Im neunten Fall heißt es dann: „ehemaliger Kommissär“, da er mittlerweile pensioniert wurde, ohne dass ihn die Mordfälle losließen. Es sind seine Gedanken, Erinnerungen und Träume, die dem jeweiligen Plot die Substanz verleihen. Sie bilden zusammen mit den genauen Landschafts- und Stadtbeschreibungen des Erzählers den genau gezeichneten Hintergrund, vor dem sich die Mordfälle ereignen.

Hunkeler hat Ähnlichkeiten mit dem Wachtmeister Studer der Romane von Friedrich Glauser aus den 1930er-Jahren; dem ersten Roman „Silberkiesel“ ist ein Zitat von Glauser vorangestellt. Wie Studer kann der Basler Kommissär auch mit den einfachen Leuten, deren Sprache er versteht und mit denen er stundenlang Karten spielt, wenn es denn sein muss. In Hunkelers mitunter pessimistischen Selbstreflexionen kann man Spuren der Gedanken jenes Kommissärs Bärlach entdecken, den Friedrich Dürrenmatt in den 1950er-Jahren ermitteln ließ. Und immer wieder gibt es Anklänge an jenen Kommissar, der wie Hunkeler gerne Bier, Wein und gelegentlich auch Schnaps trinkt und vom Essen schwelgt. Ich meine selbstverständlich jenen Kommissar Maigret, den George Simenon in vielen Romanen bei seiner Jagd nach Tätern beschrieben hat. Maigret könnte Hunkeler in seiner Jugendzeit begegnet sein, als er aus der engen Deutschschweiz nach Paris floh, wo er einige Monate unter kargen Bedingungen lebte, wie er sich immer mal wieder gerne erinnert.

Die Verbrechen, die Hunkeler aufzuklären hat, geschehen auf den Straßen der Stadt Basel. Das hat er mit den Ermittlern des Noir-Krimis gemein. Es sind Verbrechen aus Leidenschaft, aus Habgier, aus Rachsucht. Mehrfach wurzeln sie in der Vergangenheit des Dreiländerecks. Da geht es um Verbrechen der SS im Elsass, um die Zurückweisung jüdischer Flüchtlinge an der Schweizer-Grenze, um den Umgang mit den Jenischen oder Roma, denen man in der Schweiz ihre Mobilität austreiben wollte, indem man sie von ihren Kindern trennte, oder um das Leben der Arbeitsemigranten aus der Türkei oder Italien. Diese gesellschaftliche Aufklärung geht mit der polizeilichen Hand in Hand, wirkt also nie aufgesetzt, sondern entwickelt sich aus der Beschreibung sozialer Verhältnisse.

Hunkeler ist denn auch kein Besserwisser. Er weiß von eigenen Vorurteilen, von falschen Einschätzungen und politischen Fehlannahmen. Er ist ein Mensch, der zweifelt, was anderen als normal erscheint. Das macht ihn zur Ausnahmeperson im Kriminalkommissariat, dessen Personal Schneider dann doch allzu holzschnittartig geraten ist. Da gibt es einen Kollegen, der bei der Ermittlung stets nach der einfachsten Lösung sucht und gerne auf die Schwächsten draufhaut. Da gibt es einen Karrieristen, der schöne Reden schwingt, und dem sehr am guten Ruf der Stadt Basel gelegen ist. Und da gibt es einen dritten, der deutlich jünger ist und der im Geheimen zu Hunkeler hält, wenn der mal wieder beurlaubt ist, weil er sich falsch verhalten hat, und der selbst ein Geheimnis besitzt, denn sein Leben als Homosexueller verbirgt vor allen, nur vor Hunkeler nicht.

Zu den Schwächen der Romane zählt auch, dass sich der Autor Schneider manchmal nicht geniert, seine eigene Abrechnung mit der Architektur in der Stadt Basel, dem Regietheater der 1970er-Jahre oder dem Philosophen Adorno seinem Kommissär in den Mund zu legen. Aber all das überliest man angesichts der anderen Qualitäten seiner Romane gerne.

Hunkeler spricht und denkt im Hochdeutschen. Nur gelegentlich fließen Begriffe aus dem Schwyzerdütsch, aus dem Elsässischen oder aus dem Französischen in seine Sprache ein. Das ist in den Verfilmungen von sechs Hunkeler-Romanen anders, die vom SRF zwischen 2004 und 2012 produziert worden sind. In ihnen sprechen Hunkeler und die anderen Bewohner von Basel Schwyzerdütsch. Als die Filme irgendwann von 3sat übernommen wurden, waren diese Passagen untertitelt. (Heute sind die Filme nur in der Schweiz über die Mediathek des SRF, die „Play“ genannt wird, zugänglich.) In den Folgen spricht Hunkeler Hochdeutsch immer nur dann, wenn er sich mit Menschen aus Deutschland, aber auch mit Franzosen aus dem Elsass unterhält, da er hier anders als in den Romanen Französisch nur rudimentär versteht.

Die Filmreihe lebt von Mathias Gnädiger, der Hunkeler eine enorme physische Präsenz und eine besondere Wucht verleiht. (Eine weitere persönliche Reminiszenz sei gestattet: Ich hatte Gnädinger Anfang der 1970er-Jahre am Stadttheater in Essen erlebt und seitdem seine wunderbare Theaterkarriere etwa an der Schaubühne Berlin wie in vielen Filmen verfolgt.) Spannend ist, wie sich diese Reihe selbst entwickelt. Die erste Folge mit dem Titel „Das Paar im Kahn“ nach dem dritten Roman ist die schwächste. Die vorletzte Folge „Hunkeler und die Augen des Ödipus“ hingegen die stärkste; in ihr stimmt das Zusammenspiel des Ensembles bis in das kleinste Detail; wunderbar etwa der Dialog, in dem sich Hunkeler und der Schauspieler Walter Rutziska, den Johann Adam Oest verkörpert, an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnern und auf einmal einen Song von Freddy Quinn anstimmen! Nach dem Tod von Gnädiger, der 2015 im Alter von 74 Jahren starb, wurde die Reihe nicht fortgesetzt. Was schade, aber folgerichtig ist.

Die einzelnen Folgen – am Anfang noch unter Mitarbeit von Schneider – wurden modifiziert; sie entsprechen also nicht immer den Romanen. Das ist manchmal logisch, manchmal folgt es allein der Ökonomie der Filmproduktion. Auch fehlt oft die Zeit für Landschaftstotalen, die an die Stelle der wunderbaren Ortsbeschreibungen des Erzählers hätten treten können. Anders ist das bei den Hörspielen, die das SRF seit 2005 nach mittlerweile sechs Romanen produziert hat. Auch wenn bei ihnen manches gekürzt werden musste, lassen sie sich Zeit für den Lokalkolorit der Romane. Das kann man auch dem Vierteiler „Hunkeler und der Fall Livius“ entnehmen, der seit 15. Januar 2025 über den erwähnten Krimi-Podcast des SRF angehört werden kann.

Hier entfaltet ein Erzähler die inneren Monologe von Hunkeler, die in den Filmen ausgespart bleiben. Das erzeugt beim Zuhören eine enorme Intensität, was auch mit der stimmlichen Qualität des Schauspielers Peter Kner, der den Erzähler spricht, oder seines Kollegen Ueli Jäggi, der Hunkeler seine Stimme leiht, liegt. (Jäggi spielt auch in einer Folge der Filmreihe mit, in der er als Kollege aus dem Kriminalkommissariat Basel-Land mit Hunkeler zusammenarbeitet.)

In der ersten Folge von „Hunkeler und der Fall Livius“, in der das Leben in einer Kleingartenkolonie entfaltet wird, erinnert sich Hunkelers Freundin Hedwig (gesprochen von Charlotte Schwab) daran, dass sie einst eine Reportage über eine Wohnwagensiedlung gelesen habe, „die für Furore gesorgt hat“; sie stammte von einem „bekannten Zürcher Journalisten“. „Oder war er Schriftsteller?“, fragt sie. Und Hunkeler antwortet wie im Roman: „Niklaus Meienberg hat er geheißen.“ Und er ergänzt: „Er war beides Journalist und Schriftsteller.“

Man kann diesen Verweis als ein Bekenntnis des Autors Schneider lesen, denn Meienberg hat wie kein anderer in seinen Reportagen, die auch in vielen Büchern versammelt wurden, die Schweiz topografisch, soziologisch und historiografisch vermessen. Zwei seiner großen Recherchen mündeten in große Dokumentarfilme, die Geschichte und Filmgeschichte schrieben: „Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.“, den Meienberg 1979 mit Richard Dindo drehte, und „Es ist kalt in Brandenburg (Hitler töten)“ über ein gescheitertes Attentat, den er 1981 mit Villi Hermann und Hans Stürm realisierte. (Beide Filme kann man ebenfalls über „Play“ des SRF anschauen.)

Aber Schneider wäre sich nicht treu geblieben, wenn er Hunkeler nicht noch einen Satz sagen ließe, der indirekt auf die Rivalität in Kreisen der Schweizer Schriftsteller wie zwischen den Städten Basel und Zürich verweist: Als Hedwig sich erinnert, dass Meienberg in seiner Reportage die Leute der Wohnwagensiedlung arg kritisiert und „in die Pfanne gehauen“ habe, ergänzt Hunkeler (und spricht als Autor): „Der Meienberg hat alle in die Pfanne gehauen.“

Wenn das kein Grund ist, Meienberg (wieder) zu lesen! Etwa seinen Erstlingsband „Reportagen aus der Schweiz“, der 1975 im Limmat Verlag erschien, in dem auch die Geschichte über den 1942 erschossenen „Landesverräter Ernst S.“ steht. (Der 1. Folge des Hörspiels ist ein Gespräch angefügt, in dem Niklaus Meienberg über seine Kindheit und Jugend spricht – allerdings in Schwyzerdütsch).

Aus der kleinen Fernsehkritik wurde eine Reise durch die Archive von Radio und Fernsehen und durch die Krimigeschichte. Manchmal weiß man nicht, wohin einen das Sehen eines Filmes, das Hören eines Hörspiels oder das Lesen eines Buches treibt. In der Regel zu weiteren Büchern, Hörspielen und Filmen. 

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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
Crime im TV (12): Influencer als Thema im Fernsehkrimi
Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk 
Crime im TV (15): Wie ein faules Ei dem anderen: Plots wie mit KI
Crime im TV (16): Kommissar Maigret: Da schlummert ein Schatz in den Archiven
Crime im TV (17): Michael Connolly und die Transformationen seiner Serien-Figur Mickey Haller
Crime im TV (18): Die Figur Sörensen als komplettes Medienpaket
Crime im TV (19): Die Pathologie als Element – bei Dominik Graf, Borowski und in Stuttgart
Crime im TV (20): „Landkrimi“ von und mit Karl Markowitz – alles andere als Postkarte
Crime im TV (21): Zum „Tatort: Reifezeugnis“ (1977) und den Nacktszenen mit „Nastassja Kinski“
Crime im TV (22): Zur Ähnlichkeit von Krimiserien – »Criminal Record« geht einen eigenen Weg
Crime im TV (23): Tom Ripley – »Mr. Ripley« –, eine talentierte Filmfigur mit vielen Facetten
Crime im TV (24): Ufos und Aliens: Nicht ganz von dieser Welt … aber auch nicht aus Bielefeld …
Crime im TV (25): Serie »Eric« bei Netflix: In mehrfacher Hinsicht wirklich bestechend
Crime im TV (26): »Presumed Innocent«: Buch, Film, Serie – ein Vergleich
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Crime im TV (28): Tatort Nürnberg: Abschied für Dagmar Manzel
Crime im TV (29): ”Disclaimer“ – Rätselgeschichte mit Haftungsausschluss
Crime im TV (30): Postkartenkrimis als Fernsehgenre – einmal „Tatort“, einmal Burgenland
Crime im TV (31): Zero Day – Wenn die Fiktion von der Wirklichkeit überholt wird
Crime im TV (32): Tatort: Die große Angst
Crime im TV (33): Beispiel „Tatort“ Hannover: Wie die Inszenierung KI-basierter Fahndungstechnik die eigene Technikgeschichte verdräng
Crime im TV (34): Warum sind Fernseh-Krimis so beliebt?
Crime im TV (35): Per Wahlöö »Mord im 31. Stock« – Fassbinder auch dabei
Crime im TV (36): Selbstreflexion in Buch & Film – Ein kleiner Ausflug, z.B. Andrea Camilleri
Crime im TV (37): Spike Lee, Kurosawa, Ed McBain: „Highest 2 Lowest“, die Adaption eines Romans von Ed McBain
Crime im TV (38): Der Gangster Parker als Filmheld
Crime im TV (39): Das Krimi-Dinner-Quiz

– Dietrich Leders Texte bei uns hier. 
– Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.

Und bei „Gespenster der Freiheit“ hat er unlängst unser Magazin porträtiert: Kulturelle Bewusstseinserweiterung. Das Online-Magazin CulturMag/CrimeMag

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