Geschrieben am 1. Juli 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juli-August 2026

Dietrich Leder: Crime im TV (46) – »Legends“ und »The Hack«

Crime im TV

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechenEin Titel-Verzeichnis der Kolumnen findet sich am Ende dieses Beitrags.

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Zwei britische Krimiserien: „Legends“ und „The Hack“

Zur besonderen Qualität britischer Krimiserien, die an dieser Stelle schon mehrfach beschrieben wurde, gehört auch, dass sie das jeweilige Verbrechen und seine Aufklärung gesellschaftlich einbetten, ohne auf simple Konstruktionen von Taten und Motiven zurückzugreifen. Das kann man derzeit an zwei neuen Serien bewundern.

Der Sechsteiler „Legends“, der seit Anfang Mai bei Netflix zu sehen ist, erzählt die Geschichte einer Sondereinheit des britischen Zolls, die Anfang der 1990er-Jahre den anwachsenden Drogenschmuggel nach Großbritannien aufklären soll. Zu diesem Zweck unterwandert die kleine Einheit die Gangsterstrukturen in Liverpool, die mit neuen Partnern aus dem Ausland das Geschäft mit Heroin ausweiten wollen. Die britische Öffentlichkeit ist durch die wachsende Zahl von Drogentoten alarmiert, so dass Premierministerin Thatcher unter politischem Druck steht und diesen an die Beamten im Zoll und in der Polizei weitergibt.

Die von John Forsyth nach einem Sachbuch geschriebene Serie verschränkt geschickt die verschiedenen Ebenen: So wechselt sie immer wieder die Perspektive von der Sondereinheit zur Administration des Zolls, zur Politik und zu den in- und ausländischen Verbrechern. Einem starken Ensemble, aus dem Tom Burke, Hayley Squires und Aimi Ameen als Undercover-Ermittler herausragen, gelingt es, diese unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen plausibel bis in sprachliche Details darzustellen. Nur die Tatsache, dass die aus der Türkei kommenden Gangster sich untereinander in Englisch unterhalten, stört den Eindruck der realistischen Erzählweise, der „Legends“ sonst durchgehend treu bleibt.

Der Siebenteiler „The Hack“ beruht ebenfalls auf realen Vorgängen in Großbritannien, nur dass die hier erzählten Ereignisse noch komplizierter verlaufen und zudem noch weitere Teile der britischen Gesellschaft umfassen. Die Serie rekonstruiert den Medienskandal, den die britische Boulevardzeitung News of the World auslöste, die der aus Australien stammende Medienunternehmer Rupert Murdoch 1969 erworben und auf eine neue Linie gebracht hatte. Das Blatt lebte seitdem von vielen Skandalen, die es um Prominente aller Art – von den Royals bis zu Sportlern – aufdeckte. Allerdings bedienten sich seine Journalisten dabei oft krimineller Methoden; sie hörten Telefone ab, lasen den Mail- und SMS-Verkehr mit, eigneten sich durch Bestechung polizeiliche Akten an und ließen Prominente über längere Zeit beschatten.

Die Serie, die zwischen 2002 und 2012 spielt, erzählt, wie der Journalist Nick Davies, der als Freelancer für die unabhängige Tageszeitung The Guardian arbeitet, in einer langwierigen Recherche die systematischen Verbrechen, die hinter den Schlagzeilen von News oft he World steckten, aufdeckt. Seine Untersuchung wird massiv behindert, da die regierenden Tories eng mit Murdoch und seinem Medienimperium verbandelt sind, und eine Reihe von Polizisten vom diesem alimentiert wird. Parallel wird die Geschichte des leitenden Kriminalbeamten Dave Cook erzählt, der bei einer Mordermittlung immer wieder von Privatdetektiven behindert wird. Sie gehören einer Detektei an, die vor allem News of the World mit den erwähnten illegalen Methoden das für die Schlagzeilen notwendige Material beschafft.

Der Wechsel zwischen beiden Erzählebenen ist zunächst irritierend; man wähnt sich in einem anderen Film, als die Serie für Erzählung um Cook viel Zelt lässt. Erst in den letzten beiden Folgen erschließt sich der Zusammenhang, als Davies und Cook mit Rechtsanwälten von Opfern der Machenschaften, mit anderen Medien wie der New York Times und dem Fernsehmagazin Panorama der BBC sowie mit einigen wenigen Labour-Politikern das Schweigekartell, das sich um die Machenschaften von News of the World gebildet hatte, durchbricht. Sie sorgen dafür, dass Murdoch, als der Druck zu groß wird, das 1843 gegründete Blatt unvermittelt 2011 einstellt. Doch Murdoch selbst, der angeblich von nichts gewusst haben will, kann sich aus der Affäre ziehen. Die Vorschläge zu einer besseren Kontrolle der Boulevardpresse, die von einer Untersuchungskommission nach einer mehrjährigen Recherche unterbreitet wurden, werden erst von den Tories, dann aber auch von Labour ignoriert. Mit Medienunternehmern wie Murdoch will sich keiner anlegen.

„The Hack“ gelingt es, die nicht einfache und zudem auf vielen gesellschaftlichen Ebenen spielende Geschichte in ihrer Komplexität zu erfassen, ohne an Spannung zu verlieren. Das ist ein Verdient von Jack Throne und Annalisa Dinnella die das Drehbuch verfassten. Zudem lockert Regisseur Lewis Arnold viele Szenen durch besondere Elemente auf, die zu der ansonsten vorherrschenden realistischen Methode im Widerspruch stehen: So wendet sich David Tennant als Darsteller des Nick Davies immer wieder direkt an die Zuschauerinnen und Zuschauer, wenn er gerade ablaufende Ereignisse kommentiert oder sie durch Hinweise ergänzt, nach der sich diese Szene zwar nicht so, aber ähnlich in Wirklichkeit abgespielt habe. Hinzukommen Cartoon-Elemente, die das Geschehen karikieren. Szenische Beifügungen überhöhen gelegentlich ironisch das Geschehen, so begleitet den Journalisten eine Mariachi-Band, als er seinen bislang größten Erfolg feiert. Und Traumszenen verraten etwas über den seelischen Zustand von Davies und Cook; denn der Serie gelingt es auch, die Spuren im Privatleben der Protagonisten zu erfassen, die ihre Aufklärungsarbeit bewirkt.

Shakespeare-Schauspieler David Tennant in „The Hack“

Das sehr große Ensemble ist bis in die kleinste Nebenrolle glänzend besetzt. David Tennant als Reporter und Toby Jones als sein Chefredakteur statten ihre Figuren mit Ambivalenzen und Marotten aus, was diese gleichsam erdet und nicht in den Himmel von Superstars entschwinden lässt, auch wenn „The Hack“ kurz vor Ende in einer pathetischen Rede des Reporters vor dem Untersuchungsausschuss einen szenischen Höhepunkt findet.

Die Serie erinnert nebenbei daran, dass bestimmte Zuschreibungen, die in vielen Kriminalromanen und -serien zu finden sind, auf Setzungen des Genres beruhen. Privatdetektive waren in Wirklichkeit nicht bessere Polizisten, wie Sherlock Holmes in vielen Geschichten von Conan Doyle wirkt. (Auch wenn die Methode von Holmes bestens in die Zeit von Sigmund Freud passte, wie einst der dieser Tage verstorbene Historiker Carlo Ginzburg in seinem Essay „Spurensicherung“ dargelegt hat.) Privatdetektive waren auch nur äußert selten jene um die Wahrheit der Entrechteten kämpfende Ritter, als der Philip Marlowe in den Romanen von Raymond Chandler auftritt. In Wirklichkeit waren Privatdetektive wie die der Agentur Pinkerton oft genug gedungenen Handlanger, die im Auftrag der Mächtigen Streiks niederschlugen, Gegner unter Duck setzten und Skandale fabrizierten. (Davon erzählte als erster Dashiell Hammett, der einst bei Pinkerton gearbeitet hatte.) Und auch die Journalistinnen und Journalisten sind nicht immer jene Helden der Aufklärung, als die sich selbst gerne feiern. In einer bewegenden Szene der Serie gesteht Davies ein, dass der Guardian mit seinen Reportagen Geld verdient und auch er selbst gut bezahlt wird.

Bleibt eine mediale Absurdität: Während der sieben Folgen erinnert man sich gelegentlich an manches, was da an Skandalgeschichten erwähnt wird wie der Fall des Sportfunktionäre Max Mosley, der mit einer Sexgeschichte in NS-Uniformen in die Schlagzeilen der News of the World geriet. Anderes hatte man schlicht vergessen, beispielsweise dass Rupert Murdochs Medienimperium nur auf der ökonomischen Basis der britischen Boulevardblätter und ihrer kriminellen Methoden entstehen konnte. Unvergessen hingegen die Szene, als ihn jemand mit einer Torte aus Rasierschaum bewarf. Das geschah während der Anhörung des britischen Untersuchungsausschusses – was die Serie in dokumentarischen Bildern noch einmal vorführt.

Das besondere Bild der Schaum-Attacke bleibt in Erinnerung, während der gesellschaftliche Zusammenhang, in der sie stattfand, verblasste. Man könnte das als die Boulevardisierung des individuellen wie es kollektiven Gedächtnisses bezeichnen.    

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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:

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Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
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– Dietrich Leders Texte bei uns hier. 
– Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat»Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.

Bei „Gespenster der Freiheit“ hat er unlängst unser Magazin porträtiert: Kulturelle Bewusstseinserweiterung. Das Online-Magazin CulturMag/CrimeMag

Anm. März 2026: Sein sehr informativer Nachruf auf Alexander Kluge im FilmdienstJe näher, desto ferner

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