
Kolumne von Dietrich Leder: Crime im TV (48) – »Babylon Berlin (5)«
Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. Ein Titel-Verzeichnis der Kolumnen findet sich am Ende dieses Beitrags.
Die Wiederkehr der Geschichte als Farce, Kolportage und Kitsch
Mit der fünften Staffel, die in der ARD Ende September zu sehen war und zuvor bereits in der Mediathek abgerufen werden konnte, endet die Serie „Babylon Berlin“. Sie entstand nach den Romanen von Volker Kutscher, der in zehn Bände die Geschichte des Berliner Kriminalkommissars Gereon Rath und seiner Lebensgefährtin Charlotte Ritter, die zunächst bei der Weiblichen Kriminalpolizei arbeitet, ehe sie zu einem Privatdetektiv wechselt, erzählte. Der Romanzyklus beginnt 1929 und reicht bis ins Jahr 1938. Die fünfte Folge der Fernsehserie wiederum spielt in den ersten Wochen des Jahres 1933 und bezieht sich in Teilen auf den vierten Band mit dem Titel „Märzgefallene“.
Dass die Fernsehserie nun endet, obgleich noch sechs weitere Romane der Verfilmung harren, hat produktionstechnische, aber auch inhaltliche Gründe. Als sie vor 13 Jahren begann, wurde sie gemeinsam von der ARD (und deren Filmtochter Degeto), dem Pay-TV-Sender Sky und dem Auslandsvertrieb von Beta Film sowie von einigen Filmförderinstitutionen finanziert. Diese brachten so viel Geld zusammen, dass jede der 45 Minuten dauernden Folgen teurer als eine durchschnittliche „Tatort“-Ausgabe von 90 Minuten war.
Das blieb so bis zur vierten Staffel, die 2022 zunächst bei Sky und ein Jahr später im Ersten Programm zu sehen war. 2023 verkündete Sky, damals noch im Besitz der US-Firma Comcast, sie würde sich aus der Produktion deutscher Filme und Serien komplett zurückziehen. Daran änderte sich auch nichts, als RTL den Abonnement-Sender übernahm. So mussten erst einmal die Dreharbeiten der fünften Staffel durch die Produktionsfirma X Filme ausgesetzt werden, ehe sich die ARD entschloss, die fünfte Staffel als alleiniger Sender zu stemmen. Es war aber klar, dass sich die ARD in Zeiten, in denen die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks infrage steht, den Luxus dieser Serie nicht auf Dauer würde leisten können.
Dass das Serien-Ende nicht so abrupt ausfällt, liegt daran, dass die fünfte Staffel in der Zeit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten spielt. Genauer die Handlung ereignet sich von der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 bis zu der Verhaftungswelle, die nach dem Reichstagsbrand vier Wochen später viele Gegner der Nazis traf. Diese Wochen bedeuteten eine tiefgreifende Zäsur in allen gesellschaftlichen Bereichen und also auch in der Berliner Polizei. In dieser Zeit endet das, was der Titel der Serie als „Babylon“ bezeichnet – das wilde, politisch wie kulturell wie sexuell vielfältige Leben in Berlin. Und genau das hatten die ersten Staffeln mit reich ausgestatteten und visuell beeindruckenden Nachtclubszenen immer wieder ausgemalt, was sicher ein Grund für den Erfolg beim Publikum und für die Verkäufe ins Ausland war.
In der fünften Staffel mangelt es an solchen Revue-Szenen. Nur noch in der Schwulen-Szene will man das drohende Unheil noch nicht wahrhaben, aber auch hier schleichen sich politische Töne ein. Als in einem ihrer Lokale eine Sängerin das Couplet „An allem sind die Juden schuld“ von Friedrich Holländer, in dem der Antisemitismus satirisch überspitzt wird, anstimmt, lachen erst noch alle mit. Sie verstummen aber, als ein SA-Trupp in den Saal kommt und den Refrain mitgrölt, der nun jede Ironie verloren hat und zum Vorboten der Ermordung der europäischen Juden, aber auch der Verfolgung der Homosexuellen wird. Diese Szene wird man nicht so leicht vergessen.
Sie stammt nicht aus Kutschers Roman, von dem die Staffel nur die Krimihandlung von Morden an Frontsoldaten des Weltkriegs übernimmt, deren Täter und Motive aber deutlich verändert. Schon die Drehbücher der ersten Staffeln hatten sich von den Romanen entfernt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) wurde in der Serie nicht nur eine Vergangenheit als Gelegenheitsprostituierte hinzugedichtet, sondern sie auch als Kriminalassistentin in die Mord-Abteilung von Ernst Gennat (Udo Samel) verpflanzt, in der auch ihr Lebensgefährte Gereon Rath (Volker Bruch) arbeitet.

Vorlage für Staffel 1 & 2 
… für Staffel 3 
Vorlage für Staffel 4 
… für Staffel 5
Wichtiger als solche Personalia, die für mehr filmisches Leben sorgen sollten, waren aber die Erfindungen von Großereignissen, mit denen Tom Tykwer, Achim von Börries und Hendrik Handloegten, die alle Drehbücher verfassten, ihre Serie mit Spannung und mit visuellen Effekten aufluden; das kann man ihnen nicht verdenken, amtierten sie in der Serie ja zugleich als Regisseure, die bei Verfolgungsjagden von Lokomotiven, dem Anschlag auf einen führenden Polizisten oder einem angedrohten Attentat auf Gustav Stresemann mehr Spaß hatten als bei stundenlangen Verhör- und Ermittlerszenen, die es ja schon im „Tatort“ reichlich zu inszenieren gibt. Kutscher hingegen hält sich wie sein Vorbild Philip Kerr, von dem er wohl die Idee einer in Berlin der 1930rt-Jahre spielenden Krimiserie hatte, an die historischen Tatsachen.
Nun ist nichts gegen szenische Erfindungen zu sagen; Kriminalerzählungen gehören nicht zum dokumentarischen Genre. Zudem können solche Erfindungen mit den Möglichkeiten einer anderen Geschichte spielen, statt eng am Ablauf der tatsächlichen zu kleben und deren Irrsinn einfach wiederzugeben. So spricht zunächst einmal nichts gegen die drei zentralen Ideen, mit denen die fünfte Staffel Alternativen zu jener Entwicklung erfindet, die – so scheint es ja – fast zwangsläufig auf Hitler als Reichskanzler und damit die Nazi-Diktatur hinauslief. Aber es spricht jede Menge gegen das, was die Drehbuchautoren sich ausdachten.
Da ist zum ersten der Versuch der in allen Staffeln präsenten Zimmerwirtin Elisabeth Behnke (Fritzi Haberlandt), mit sozialdemokratischen und kommunistischen Frauen so etwas wie eine Volksfront gegen Hitler zu verabreden. Damit das filmisch nicht als endloses politisches Streitgespräch daherkam, erfanden die Drehbuchautoren noch eine Verkleidungsklamotte hinzu. Um ernst genommen zu werden, gibt sich die Vermieterin als Schwester von Rosa Luxemburg aus, was Fritz Haberlandt ernster spielt, als es diese Idee verdient hätte.
Politisch ist sie zudem eine Farce. Denn eine solche Idee hatte spätestens seit der Stalinisierung der KPD Ende der 1920er-Jahre keine Chance. Seitdem galt die SPD für die Kommunisten als Partei der Sozialfaschisten, die gefährlicher als die NSDAP sein sollte. Gegen diesen Irrsinn wäre selbst ein breites Frauenbündnis nicht angekommen. Dass die KPD auch deshalb vollkommen unvorbereitet von der Diktatur überrollt wurde, erwähnt die Serie nicht, wie sie auch nicht die Gruppen zur Kenntnis nimmt, die tatsächlich an so etwas wie eine Volksfront dachten. Gemeint sind die Abweichler beider linker Parteien, die sich in Gruppen wie Neu Beginnen (NB), dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) oder der Kommunistische Partei Opposition (KPO) organisierten. Ihre Mitglieder ahnten, was Hitler für sie und Deutschland bedeutete, weshalb sie anders als KPD und SPD auf ein Parteienverbot und auf ein Leben im Untergrund vorbereitet waren.
Noch absurder ist die zweite Idee, mit der nach der Logik der Serie Hitlers Aufstieg hätte verhindert werden können. Hatte man sich immer schon gefragt, weshalb Gereons Bruder Anno (Jens Harzer), der im Roman im Weltkrieg stirbt, schon von Anfang zusammen mit einem Psychiater namens Forster (Ulrich Noethen), durch die Serie geisterte, dann bekam man am Schluss endlich eine Antwort. Anno hatte bei Forster studiert, und der wiederum hatte als Psychiater nicht nur Gereon Rath von den Traumata des Schützengrabens geheilt, sondern auch einen gewissen österreichischen Gefreiten namens Hitler (Clemens Schick), der glaubte, erblindet zu sein. Forster hypnotisiert in der Serie nun Hitler und flüstert ihm eine Ich-Stärke ein, die ihn genesen lässt. Als Anno in den 1920er-Jahren das in einer Vorlesung bekannt macht, wird ein Säureattentat auf ihn verübt, was zu den Narben führt, die dem Darsteller von Anfang an aufgeschminkt wurden.
Im Jahr 1933 wollen Foster und Anno mit der Krankenakte des angehenden Reichskanzlers, die ihn als Simulanten und als geistig Gestörten ausweist, dessen Aufstieg verhindern. Das löst wilde Verfolgungsjagden der Nazis auf sie und Gereon aus, der seinem Bruder zur Hilfe geeilt war – erst durch das karnevalistische Köln und dann durch ein noch friedliches Paris. In der Paris-Szene taucht als Serienfigur der Schriftsteller Ernst Weiß auf, der die Geschichte von Hitlers Krankenakte in seinem posthum erschienen Roman „Ich, der Augenzeuge“ erfunden hatte. Sein Protagonist hatte – wie in der Serie Forster – Hitler im Lazarett von seiner Blindheit befreit, weshalb er sich in den 1930er-Jahren bittere Vorwürfe macht, dass seine Heilung Hitlers Karriere erst ermöglicht hätte.
Im Roman ist das nur eine kleine Passage in einer größeren Lebensgeschichte eines jüdischen Arztes und Schriftstellers. In der Serie wird das aber zum historischen Clou ausgebaut und ist doch nicht mehr als der Witz vom Grafen Bobby, der einst meinte, als er für einen Moment den Quell der Donau verstopfte, nun hätten sie in Wien kein Wasser mehr.

Da ist zum dritten der Versuch eines Dreier-Bündnisses, zu dem Gereon Rath, der armenische Gangster Kasabian (Mišel Matičević) und der Anwalt Wegener (Holger Handtke) gehören, Hitler durch eine Bombe zu beseitigen, die sie bei einem Treffen des neuen Reichskanzlers mit den Spitzen der deutschen Schwerindustrie im Schloss des Magnaten Nyssen (Lars Eidinger) unter dem Esstisch installieren. Dieses Attentat ist bis in Details dem gescheiterten Versuch des Grafen Stauffenberg nachempfunden, der am 20. Juli 1944 Hitler in die Luft sprengen wollte. Doch was damals dramatisch scheiterte (und Stauffenberg und seinen Mitverschwörern das Leben kostete), wird in „Babylon Berlin“ zu einer Farce. An ihr hat Lars Eidinger kräftigen Anteil, der den Gastgeber der illustren Runde als durchgeknallten Dandy spielt, der zu oft Viscontis Spielfilm „La caduta degli dei“ (Götterdämmerung) geschaut hat.
Es ist kein Wunder dieser mal kitschigen, mal kolportagehaften, dann ungewollt als Farce kommenden Alternativerzählungen des Frühjahrs 1933, dass die Serie den Reichstagsbrand dann auch noch als Plan des umtriebigen Nazis Günter Wendt (Benno Führmann) ausgibt. Diese Figur, in die Züge der realen NS-Polizisten Rudolf Diels und Arthur Nebe verwoben wurde, ist in der Serie der historische Strippenzieher, dem die Deutschen alles zu verdanken haben. Auch das merkwürdige Ende der letzten Folge.
Nachdem die Biografien der realen Menschen, die in der Serie unter ihrem richtigen Namen antreten, rekapituliert wurden, wird eine lange Luftaufnahme gezeigt, die das zerstörte, Berlin von oben zeigt. Klar, was damit gemeint ist: Das Berlin als Babylon wurde im Krieg so zerstört wie die antike Stadt, von dem der Titel den Namen lieh. Getanzt wird erst mal nicht mehr Aber ist das die richtige Bilanz nach 12 Jahren Nazi-Herrschaft, einem sechsjährigen Angriffskrieg, der in Europa Millionen Menschen das Leben kostete und der Ermordung der europäischen Juden?
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Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
Crime im TV (12): Influencer als Thema im Fernsehkrimi
Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk
Crime im TV (15): Wie ein faules Ei dem anderen: Plots wie mit KI
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– Dietrich Leders Texte bei uns hier.
– Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.
Bei „Gespenster der Freiheit“ hat er Ende letzten Jahres unser Magazin porträtiert: Kulturelle Bewusstseinserweiterung. Das Online-Magazin CulturMag/CrimeMag
Anm. März 2026: Sein sehr informativer Nachruf auf Alexander Kluge im Filmdienst: Je näher, desto ferner















