Geschrieben am 1. September 2026 von für Crimemag, CrimeMag September 2026

Crime im TV (47) – Nachruf auf einen Sender und auf Alexander Held

Crime im TV

Kolumne von Dietrich Leder – Crime im TV (47)

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechenEin Titel-Verzeichnis der Kolumnen findet sich am Ende dieses Beitrags.

** *

Ein doppelter Nachruf – auf den Sender One und auf Alexander Held

Es gilt sich zu verabschieden. Zum einen vom Fernsehsender One, der zum Ende des Jahres 2026 seine Ausstrahlung einstellt. Der Spartensender, der derzeit noch vom WDR für die ARD programmiert wird, hatte in den letzten Jahren durch eine Reihe von Serien für Aufmerksamkeit bei Freundinnen und Freunden des Kriminalfilms gesorgt. Zu Beginn des neuen Jahres wird er nun mit ZDFneo fusioniert; der neue Sender firmiert zukünftig allein unter dem Namen Neo und wird vom ZDF gestaltet.

Notwendig wurde das auf Geheiß der Medienpolitik, die 2025 den öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt zu einem Einsparprogramm zwang, in dem die Einstellung von Radio- und Fernsehsendern an erster Stelle stand. Über dieses medienpolitisch verordnete Ende darf sich bei One allerdings niemand beschweren, da sich auch dessen Gründung weniger einer originären Programmidee als vielmehr ebenfalls einer medienpolitischen Erwägung verdankt. Der Sender wurde 1996 als EinsFestival gegründet.

Damals begann die digitale Verbreitung von Fernsehen, die eine Vervielfachung der Angebote ermöglichte. Alle Fernsehunternehmen, ob privatwirtschaftlich oder öffentlich-rechtlich verfasst, bastelten deshalb damals in kurzer Zeit an zielgruppenorientierten oder themenzentrierten Zusatzprogrammen. Zum einen, um möglichst viele Plätze für sich zu requirieren, die dann Konkurrenten erst mal den Weg versperrten. Zum anderen, um rechtzeitig möglichst viele neue Sender als Marken in einem neuen und unbekannten Markt zu etablieren.

EinsFestival startete als reines Wiederholungsprogramm, das – wie die ARD 1999 vollmundig annoncierte – „aktuelle Programmhöhepunkte und wiederentdeckte Meisterwerke in wöchentlichem Wechsel“ zeige. Aufsehen erregte das nicht. Ab 2006 wurde er zu einem Sender umfunktioniert, der sich an ein jüngeres Publikum richtete, wozu eine Reihe von Eigenproduktionen gestartet wurden.    

Als das auch nicht so recht funktionierte, wurde EinsFestival im September 2016 in One umbenannt. Zugleich regredierte der Sender wieder zum Wiederholungskanal bar jeder Eigenproduktion. Die Jugend sollte an diesem Zeitpunkt durch das neue, rein im Internet basierte Angebot Funk erreicht werden. Profil gewann One dadurch, dass man sich um jene ausländischen Serien kümmerte, die weder im Ersten noch in den Dritten Programmen der ARD einen Platz fanden oder die nach der Erstausstrahlung nirgendwo mehr wiederholt wurden.

Besonders Krimis, die nach Romanen von Agatha Christie entstanden, hatten es dem Sender angetan. So werden seit Jahren am Mittwoch Serien wie „Agatha Christie‘s Poirot“ und „Agatha Christie‘s Marple“ wiederholt. Während die zuerst genannte mit David Suchet als Poirot bereits 1989 startete, was man auch daran erkennen konnte, dass die ersten von One gezeigten Staffeln noch im Format 4:3 gedreht worden waren, begann die zweite, in der erst Geraldine McEwan, dann Julia McKenzie die Titelfigur der Miss Marple spielt, 2009. Beide Serien waren zuvor bei anderen Sendern zu sehen – „Agatha Christie‘s Marple“ in einigen Dritten Programmen und „Agatha Christies Poirot“ beim Privatsender Vox und bei Sky.

Als One dann noch 2023 alte Hits wie die Agentenserie „Mit Schirm, Charme und Melone“ (The Avengers) aus den 1960er-Jahren wiederholte, konnte man hoffen, dass sich der Sender verstärkt um die Fernsehklassiker kümmern würde. Sein Serienangebot hatte mittlerweile ein Stammpublikum gewonnen, das vielleicht an solchen Archiv-Entdeckungen Freude hätte. Doch zu solchen Aktionen kam es nicht mehr. Der Sender erlahmte spürbar, als sein Ende erst einmal diskutiert, dann beschlossen wurde.

Im Sommer 2026 hat die Zahl der Serien im Programm noch einmal deutlich zugenommen: Sie bestimmen die gesamte Woche von wenigen Ausnahmen abgesehen das Abendprogramm, meist sogar werden mehrere Folgen hintereinander gesendet. Die Qualität des Angebots gleicht einer Wundertüte: Manchmal sieht man dort Altes gerne wieder, wie die seit 2008 produzierte kanadische Polizei-Serie „Murdoch Mysteries“, der man in Deutschland den Untertitel „Auf den Spuren mysteriöser Mordfälle“ verpasste, damit auch jeder begreift, dass es hier irgendwie um mysteriöse Krimi-Rätsel geht; die Ende des 19. Jahrhunderts in Toronto spielenden Folgen um den Polizeibeamten William Murdoch (Yannick Bisson) haben einen gewissen Charme, auch wenn sie mitunter über das Tempo einer Kutschenfahrt nicht hinauskommt. 

Manchmal bleibt man hängen, weil dann doch – gerade bei den britischen Serien – eine ungewöhnliche Besetzung für Aufmerksamkeit sorgte. So war spannend zu sehen, wie die BBC-Serie „Das Gold“ (The Gold) die reale Geschichte eines Überfalls zu einer soziologisch grundierten Studie der englischen Gesellschaft nutzte, die von den subproletarischen Gaunern, die bei einem Überfall per Zufall an dreieinhalb Tonnen Gold gelangten, bis zur Upperclass der Banker reichte, die mit dieser illegalen Beute mühelos eigene und nun legale Geschäfte abwickelten. Die von Neil Forsyth entwickelte Serie, von der zwischen 2023 und 2025 zwei Staffeln produziert wurden, lief in Deutschland zuerst auf der Streamingplattform Paramount+.   

Zum Abschied zeigt One ab dem 2. September die US-Krimiserie „Sherlock & Daughter“, die zuvor bei Magenta TV zu sehen war. Sie wird am – wie das in der Eigenreklame der ARD heißt – „historischen Krimi-Mittwoch“ des Senders ausgestrahlt. David Thewlis spielt Sherlock Holmes, der in der Erzählzeit der Erzählungen und Romane von Conan Doyle, also im ausgehenden 19. Jahrhundert, unvermittelt einer jungen Frau namens Amalia Rojas (Blu Hunt) begegnet, die von sich sagt, sie sei nach Aussage ihrer Mutter seine Tochter. Da sie sich bei der Suche nach dem entführten Doktor Watson als ebenso klug und findig wie der Detektiv erweist, ist zumindest eine Seelenverwandtschaft erwiesen. Zudem eröffnet die Frage nach den wahren Verwandtschaftsverhältnissen eine zweite Spannungsebene neben der, auf der die klassische Kriminalhandlung angesiedelt ist. Das hat einen gewissen Reiz, und die Dialoge zwischen Sherlock und Amalia haben Witz und Tempo. So sieht man den acht Folgen mit einer gewissen Nostalgie wie allen späten Holmes-Filmen und Serien zu. Eine Nostalgie, die auch dem Sender gilt, dessen Geschichte am 31. 12. 2026 endet. (Alle erwähnten Serien sind noch auf der ARD-Mediathek anzuschauen.)  

Zu verabschieden ist auch der Schauspieler Alexander Held in seiner Rolle des Kriminalhauptkommissar Ludwig Schaller, die er in der Serie „München Mord“ seit 2014 in 24 Folgen gespielt hatte. Held war im Mai 2026 im Alter von 67 Jahren überraschend gestorben. Zwei Filme hatte er zuvor noch abdrehen können. Den ersten mit dem Titel „Die Stadt, die es nicht gibt“ zeigte das ZDF, das die Serie in Auftrag gab und die Folgen jeweils samstags zur besten Sendezeit ausstrahlt, bereits am 22. August 2026. Der zweite unter dem Titel „Das Recht auf Glück“ soll noch folgen, ist aber bereits ebenfalls in der ZDFMediathek anzuschauen.

Über die besondere Qualität der Rolle und die Art, wie sie Held ausfüllte, hatte ich im Frühjahr bereits ausführlich geschrieben. Diese Qualität ist im Film „Die Stadt, die es nicht gibt“, für den Matthias Kiefersauer und Alexander Liegl das Drehbuch schrieben und den Eva Spreitzhofer inszenierte, ist noch einmal mitzuerleben. (Der zweite Film fällt dem gegenüber ab und ist nicht weiter der Rede wert.) Da ist zum ersten der knochentrockene Tonfall, in dem Held die Oneliner seiner Figur eher beiläufig von sich gibt. Da ist zum zweiten die Souveränität, mit der er noch die absonderlichsten Aktionen absolviert, mit denen sich der von ihm dargestellte Kommissar in die Opfer wie Täter des jeweiligen Kriminalfalls einzufühlen versucht – bar jeder Psychologie, allein durch mimetisches Spiel. Da ist zum dritten die stille Andacht, mit der er das Essen der Gelbwurstscheiben, die er an seinem Schreibtisch einzunehmen pflegt, zelebriert.

Alexander Held, der auch in vielen anderen Serien mitspielte und in Kinofilmen oft in Nebenrollen glänzte, wird in Erinnerung bleiben. Und die besten Folgen von „München Mord“ gehören in das imaginäre Fernsehmuseum, in dem die erinnerungswürdigen Produktionen aufbewahrt gehörten. 

** **

Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
Crime im TV (12): Influencer als Thema im Fernsehkrimi
Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk 
Crime im TV (15): Wie ein faules Ei dem anderen: Plots wie mit KI
Crime im TV (16): Kommissar Maigret: Da schlummert ein Schatz in den Archiven
Crime im TV (17): Michael Connolly und die Transformationen seiner Serien-Figur Mickey Haller
Crime im TV (18): Die Figur Sörensen als komplettes Medienpaket
Crime im TV (19): Die Pathologie als Element – bei Dominik Graf, Borowski und in Stuttgart
Crime im TV (20): „Landkrimi“ von und mit Karl Markowitz – alles andere als Postkarte
Crime im TV (21): Zum „Tatort: Reifezeugnis“ (1977) und den Nacktszenen mit „Nastassja Kinski“
Crime im TV (22): Zur Ähnlichkeit von Krimiserien – »Criminal Record« geht einen eigenen Weg
Crime im TV (23): Tom Ripley – »Mr. Ripley« –, eine talentierte Filmfigur mit vielen Facetten
Crime im TV (24): Ufos und Aliens: Nicht ganz von dieser Welt … aber auch nicht aus Bielefeld …
Crime im TV (25): Serie »Eric« bei Netflix: In mehrfacher Hinsicht wirklich bestechend
Crime im TV (26): »Presumed Innocent«: Buch, Film, Serie – ein Vergleich
Crime im TV (27): Die ZDF-Reihe »München: Laim …« – bisher sieben Folgen
Crime im TV (28): Tatort Nürnberg: Abschied für Dagmar Manzel
Crime im TV (29): ”Disclaimer“ – Rätselgeschichte mit Haftungsausschluss
Crime im TV (30): Postkartenkrimis als Fernsehgenre – einmal „Tatort“, einmal Burgenland
Crime im TV (31): Zero Day – Wenn die Fiktion von der Wirklichkeit überholt wird
Crime im TV (32): Tatort: Die große Angst
Crime im TV (33): Beispiel „Tatort“ Hannover: Wie die Inszenierung KI-basierter Fahndungstechnik die eigene Technikgeschichte verdräng
Crime im TV (34): Warum sind Fernseh-Krimis so beliebt?
Crime im TV (35): Per Wahlöö »Mord im 31. Stock« – Fassbinder auch dabei
Crime im TV (36): Selbstreflexion in Buch & Film – Ein kleiner Ausflug, z.B. Andrea Camilleri
Crime im TV (37): Spike Lee, Kurosawa, Ed McBain: „Highest 2 Lowest“, die Adaption eines Romans von Ed McBain
Crime im TV (38): Der Gangster Parker als Filmheld
Crime im TV (39): Das Krimi-Dinner-Quiz
Crime im TV (40): Von Agatha Christie bei Netflix zu Hansjörg Schneider, seinem Polizeikommissär Hunkeler und dann noch zu Niklaus Meienberg …
Crime im TV (41): »München Mord«, immer wieder für eine Überraschung gut
Crime im TV (42): Rache ohne Strafe: Dominik Grafs wirkmächtiger Film „Das unsichtbare Mädchen“
Crime im TV (43): »Polizeiruf 110 – Ablass« aus München
Crime im TV (44): „Steeltown Murders“ – britische Qualität mit Ensemble-Leistung
Crime im TV (45): RIP Alexander Held, andere Ausfälle und Zuflucht bei „Gasolin 23“
Crime im TV (46): Zwei britische Krimiserien: „Legends“ und „The Hack“

– Dietrich Leders Texte bei uns hier. 
– Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat»Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.

Bei „Gespenster der Freiheit“ hat er Ende letzten Jahres unser Magazin porträtiert: Kulturelle Bewusstseinserweiterung. Das Online-Magazin CulturMag/CrimeMag

Anm. März 2026: Sein sehr informativer Nachruf auf Alexander Kluge im FilmdienstJe näher, desto ferner

Tags : , , ,