Geschrieben am 1. April 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag April 2026

Ingrid Mylo: 3 x 11 Spielworte (50) – Blumen, Idee, Dinge II

3 x 11 Spielworte (50) – Blumen, Idee, Dinge II

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo. Dieses Mal schon zum fünfzigsten Mal.

Wir gratulieren unserer Autorin zu diesem besonderen Jubiläum – und bedanken uns. Eine Idee, die so lange trägt und jedes Mal wieder bezaubert, ist ein nicht alltägliches Geschenk. Für uns alle.

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Spielwort: Blumen

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

Er erinnerte sich der schmerzlichen Ungläubigkeit, mit der er die anderen Besucher beobachtete, die einfach Blumen vom Rand eines Beetes pflückten.
– Vita Sackville-West: Der Erbe

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Die Blumen lösen eine Kettenreaktion in ihm aus. Er mustert die Stiele, sieht die Nadel in den Stoff fahren und wieder heraus, die Blumen, die Farbe des Fadens, die hineingesteckte Liebe – welche Art von Liebe bringt so etwas Schönes hervor?  – Anna Hope: Der weiße Fels

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Die Blumen auf ihrem Kleid hoben und senkten sich, als hätte es darunter zu beben begonnen, als könne ihr schmaler, knochiger Rücken jederzeit aufbrechen.
– Robert Seethaler: Das Café ohne Namen

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„Da müssen wir erst die Haare abrasieren“, erwiderte er und schaltete die Maschine wieder aus. „Sonst geht Ihre Blume im dunklen Wald verloren.“
– Audur Ava Ólafsdóttir: Hotel Silence

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Gemma steckte derweilen Blumen in einen enormen Schaumblock, doch ich erkannte an jeder Bewegung, daß sie lauschte.
– Jaap Robben: Kontur eines Lebens

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„Blumen gedeihen am besten in gedanklicher Leere“, sagt sie, als zitiere sie aus einer Sammlung asiatischer Weisheiten.
– Audur Ava Ólafsdóttir: Ein Schmetterling im November

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Er holte sie aus dem Krankenhaus ab und hatte Blumen dabei, die er aus dem unbestimmten Gefühl heraus gekauft hatte, sie bräuchte Trost.
– Tove Ditlevsen: Die Katze

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Der Wiesenstrauß auf dem Tisch wirkte, als hätten es die Blumen nur noch nicht gemerkt, daß sie längst tot waren.
– Mirko Bonné: Alle ungezählten Sterne

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Weißt du, daß die Blume nicht weiß, daß sie eine Blume ist?
– Claire Lispector: Halb ernstes Gespräch mit Tom Jobim (III), 17. Juli 1971

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Blumen, sage ich, und meine damit nicht das gefaltete Gemüse, das man Ihnen nach Konzerten in die Hand drückt.
– Wolf Wondratschek: Die große Beleidigung

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Mit diesen Blumen in den Armen hatte ich mich wie jemand gefühlt, der zu spät zur eigenen Beerdigung erschienen ist.
– Tatiana Tibuleac: Der Garten aus Glas

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Spielwort: Idee

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

Ihm war eine brillante Idee gekommen, und er wollte die Chance nutzen, bevor er wieder runterkam, bevor er wie so oft nach Mitternacht das Gefühl hatte, die ganze Welt würde ihm auf der Brust herumtrampeln.
– Anthony Veasna So: Wir wären jetzt Prinzen

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Die zugrundeliegende Idee besagt, daß jeder Text seinen eigenen Entschlüsselungsmechanismus beinhaltet, wenn man ihn vorurteilsfrei angeht.
– Jonathan Letham: Als sie über den Tisch kletterte

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Doch die Idee schien ihm absurd; gekommen war sie ihm durch eine Gedankenkette, und das Wort Fluß führte zu dem Wort Selbstmord.
– Julien Green: Treibgut

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„Ich glaube, man muß ausreichend betrunken bleiben, damit man das nicht als schlechte Idee abhakt,“ sagte sie.
– Gwendoline Riley: Cold Water

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Ich hatte viele Ideen, aber die meisten blieben, wo sie waren, denn für mich gab es nichts Schöneres, als im Gras zu sitzen und sie wieder und wieder zu durchdenken.
– Claire-Louise Bennett: Kasse 19

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Friedliebende Nationen tragen selten den Sieg davon – mit ihren Ideen, das ja, aber Ideen können sich selten durchsetzen, wenn nicht die Mündung eines Gewehrs dahintersteckt.
– Julian Barnes: Elizabeth Finch

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„Es ist, als ob jede Idee, sobald man sie anrührt, uns züchtigen wolle“, sagt Gide.
– zitiert in Roger Willemsen: Figuren der Willkür

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In mir eingeschlossen lauerte noch eine Idee, wie ich aus dieser Falle entweichen könnte, aber sie ließ sich nicht befreien.
– Michael Krüger: Die Cellospielerin

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Allein die Idee, daß mich dann dort wer abholt, der mir schon grausig ist, und ich mit dem gehen muß, das hab’ ich doch früher alles gemacht, und seine Frau wartet schon und hat schon gekocht, das ist doch grauenhaft, es kann doch nie so viel bezahlt werden, daß man das aushält.
– Thomas Bernhard: Ich beschimpfe überhaupt niemanden

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Wenn die sich von allen Ideen lossagt, tut sie das wie die tragische Maus, die zugleich bestürzt und gelassen konstatiert, daß sie zu lange an ein Märchen geglaubt hat.
– Connie Palmen: Joan Didion – Unnahbar

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Es ist immer dasselbe. Am Realismus gehen die schönsten Ideen kaputt.
– Antje Rávic Strubel: Fremd gehen

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Spielwort: Dinge II

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

Es gibt viele Dinge auf dieser Welt, von denen ich getrunken habe und die mich vor dem Austrocknen bewahrten, viele Dinge, die die Leichtigkeit eines Lachens besaßen, die Lauterkeit eines Blicks.
– Philippe Jaccottet: Wappen, grün und weiß

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So wie sie in einem ihrer Essays offenbart, gehört sie zu dem Menschenschlag, der Dinge aufschreibt, weil ihn schon bei der „Geburt eine Vorahnung von Verlust befallen hat“.
– Connie Palmen: Joan Didion – Unnahbar

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Manchmal notierte sie sich Dinge, die sie bereits erledigt hatte, damit sie was zum Abhaken hatte.
– J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin

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Die Dinge bekamen unter ihrer Hand einen unbestimmbaren Ausdruck, keusch und linkisch zugleich, in dem sie sich wiedererkannte.
– Julian Green: Treibgut

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Diese Dinge, die dein Leben eine Zeitlang bestimmen, und dann plötzlich sind sie vorbei, und du erinnerst dich kaum noch an sie.
– Jessica Lind: Kleine Monster

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Und die Dinge in der Lagerhalle, ab wannn waren sie nicht länger einfach Dinge, sondern wurden Kunst?
– Karl Ove Knausgård: Der Wald und der Fluß

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Ja, Pepsi weiß durchaus, wie man Dinge macht, wie man alles Mögliche innerlich erfindet, beispielsweise ein Lichtkarussell.
– Marica Bodrozic: Herzflorett

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Was uns zusammenbrachte, war die Liebe zur Natur, genauer gesagt, Dinge einzufangen und sie unabsichtlich zu töten.
– David Sedaris: Meeresschildkröten

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Unser Leben geht weiter, die Jahre verstreichen, wir fangen Dinge an und beenden sie, Jahr für Jahr sammeln sich die Dinge in unserem Leben.
– Lydia Davis: Addie und das Chili

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Nichts auf der Welt, nicht einmal die Menschen, ist einsamer als die Dinge, die uns gehören, denn wir lassen sie ausnahmslos zurück.
– Hilary Leichter: Luftschlösser

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Vielleicht diese Dinge, wie Follain schrieb, die darauf warten, daß die Schrift sie befreit.
– Grégoire Delacourt: Im ersten Augenblick

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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht
ménage à trois (43): Anfang, Birnen, Stimme
ménage à trois (44): Fragen II, Kuh, Entscheidung
ménage à trois (45): Spiegel, Wolken, Antwort
ménage à trois (46): Mund, Leiche, Rosen
ménage à trois (47): Feuer, Gesetz, Worte III
ménage à trois (48): Hände, Geschmack, Nachricht
ménage à trois (49): Kunst, Unterwäsche II, Geräusch

Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

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