Geschrieben am 1. Juni 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2026

Dietrich Leder: Crime im TV (45) – Alexander Held und »Gasolin 23«

Crime im TV

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. Die Kolumne erscheint dieses Mal in ihrer 43. Ausgabe – herzlichen Dank dafür an unseren Kolumnisten, d. Red.. Dass ihr Anlass sich keineswegs erschöpft hat, zeigt diese Folge überzeugend. Willkommen zu einer Ermittlungsreise. Eine Titel-Verzeichnis der Kolumnen findet sich am Ende dieses Beitrags.

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RIP Alexander Held, andere Ausfälle und Zuflucht bei „Gasolin 23“

Seit ich dieses Journal schreibe, war mir im Moment, in dem ich mit dem anstehenden Text begann, klar, über was ich schreiben und wohin mich mein Text tragen würde. Das ist diesmal anders. 

Zunächst ließ mich die Nachricht, dass Alexander Held am 12. Mai gestorben sei, innehalten. Ich hatte noch vor einiger Zeit an dieser Stelle über die Krimi-Reihe „München Mord“ geschrieben, an der er maßgeblich in der Rolle des Kommissars Ludwig Schaller beteiligt war. 

Wie Held vor allem die Szenen ausgestaltete, in denen er sich in Täter wie Opfer einfühlte, und wie er pantomimisch körperliche Attacken und Treffer nachstellte, das fiel nicht nur im Einerlei der meisten Kriminalfilme im deutschen Fernsehen auf, ob sie als Einzelstücke oder seriell produziert werden, sondern war auch in jenem mittleren Realismus, auf den jenseits der Krimis die meisten klassischen Fernsehfilme fixiert sind, eine wunderbare Ausnahme. Zwei weitere Filme soll der Schauspieler noch abgedreht haben, auf die man sich freuen kann. Statt weitere Worte über diese besondere Leistung zu verlieren, sei auf die Filme von „München Mord“ hingewiesen, die immer noch in der ZDF-Mediathek zu sehen sind.

Angesichts dessen verbot sich jede Kritik an neuen Produktionen der angestammten Serien und Reihen, mit denen ZDF und ARD in den letzten Wochen aufwarteten. Denn die Kritik an ihren Konventionen steht in Gefahr, selbst konventionell zu werden. Hinzukam ein neues Problem: Die Sommerpause, in der ARD und ZDF die Erstausstrahlung von Fernsehfilmen drastisch zurückschrauben und in der sie noch stärker als ohnehin auf Wiederholungen setzen, begann dieses Jahr schon im Mai und endet vermutlich erst im August. Das hat finanzielle Gründe, da die öffentlich-rechtlichen Sender angesichts der seit anderthalb Jahren ausstehenden Gebührenerhöhung sparen müssen. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) gab am 12. Mai bekannt, dass er mangels der notwendigen Mittel in den nächsten drei Jahren keine neuen Folgen vom „Tatort“ wie vom „Polizeiruf“ in Auftrag geben könne. Aber es gibt auch strategische Gründe, die in der Priorisierung der Mediatheken zu suchen sind, gegenüber denen das lineare Programm vernachlässigt wird. 

Bleibt, dachte ich zunächst, die Alternative der Streamer. Doch beim Nachdenken fiel mir ein, dass sich auch hier in den Neuproduktionen der letzten Monate vieles wiederholt, was ich so, aber leicht anders, schon gesehen hatte. Als ein Beispiel seien Geschichten genannt, die von einem Freundeskreis von Ehefrauen erzählen, die ein meist mörderisches Geheimnis teilen und hüten, das zu Beginn der jeweiligen Serie Menschen, die neu in den Vorort, in denen die Geschichten meistens spielen, aufzudecken drohen. Das letzte Beispiel: „Imperfect Women“ (Netflix). Da die Geheimnisse oft nicht nur mit Mord und Todschlag, sondern auch mit Sex verbunden sind, müssen die Folgen auch nur mit den entsprechenden Szenen aufgelockert werden. Man spürt jede einzelne Zutat heraus, die in der Grundidee der Serien wie in den einzelnen Folgen zusammengemixt werden, und ist weniger verstimmt als ermüdet.

Bleibt als letzte Alternative die gute alte Lektüre. Da gab es nämlich zuletzt eine Entdeckung. In der jüngsten Ausgabe Nummer 106 der Literaturzeitschrift „Schreibheft“, die Norbert Wehr seit vielen Jahren herausgibt, sind Materialien von Rolf Dieter Brinkmann und Jürgen Ploog abgedruckt. Von dem 1975 bei einem Verkehrsunfall im London umgekommenen Brinkmann sind es vor allem bislang unpublizierte Erzählungen und Romanfragmente, während es sich bei Ploog, der 2020 starb, um Auszüge aus seinem umfangreichen Tagebuch handelt, das der Schriftsteller, der Zeit seines Berufslebens als Pilot bei der Lufthansa arbeitete, über viele Jahre führte. 

Von Ploogs umfangreichem literarischen Werk hatte ich, das sei eingestanden, bislang noch nichts gelesen, aber ich erinnerte vage, dass er bei einer anderen Zeitschrift in den 1970er-Jahren beteiligt war; von ihr hatte ich 1976 ein Exemplar gekauft, weil diese Ausgabe den Titel „Raymond Chandler Special“ trägt. Es handelt sich um die Zeitschrift „Gasolin 23“, die Ploog mit Walter Hartmann herausgab. Ich fand das stark angestaubte Heft hinter den Romanen des Krimi-Schriftstellers, von denen sowohl die alten Ullstein-, als auch die Neu-Übersetzungen des Diogenes-Verlages aus den 1970er-Jahren im Regal stehen. 

Das Heft versammelt Texte von Ploog, aber auch vom Schriftsteller Jörg Fauser, vom Übersetzer Carl Weissner und von Klaus Bädekerl, den ich aus dieser Zeit vage als Filmkritiker in Erinnerung habe. Alle Texte umspielen das, was man als die LA-Welt des Raymond Chandler nennen könnte; sie arbeiten mit Zitaten, die nach Cut-Off-Technik zufällig angeordnet sind, und variieren Muster seiner Romane wie die eines zynisch klingenden Moralisten, der aus der Ich-Perspektive des Detektivs von der kalifornischen Welt erzählt, in denen sich die von ihm aufzuklärenden Verbrechen ereignen. 

„Gasolin 23“ arbeitete sich in den anderen Ausgaben, die bis in die 1980er-Jahren erschienen, vor allem an der Avantgarde-Literatur aus den USA ab; William S. Burroughs, Allen Ginsberg und Jack Kerouac waren ihre Götter. Dass sich eine solche Zeitschrift mit einem Krimi-Autor beschäftigte, musste wohl begründet werden. So eröffnet das Heft denn auch mit einem Editorial von Ploog , das den Titel trägt „Warum Chandler?“. Dieser Autor, schreibt Ploog gehöre zu den Schriftstellern, deren Literatur „nur ausserhalb, nur jenseits der üblichen Normen von Redakteuren, Kommerz und kultureller Gestikulation ihren Weg nehmen kann“. Chandler hätte sich vorgenommen, seine Kunst „innerhalb ganz genau abgesteckter Grenzen zu entfalten.“ Grenzen, die das Genre setzte, das Ploog nicht beim Namen nennt, aber er erwähnt, dass dessen „Spielregeln“ zu beachten seien, „wenn man Geschriebenes absetzen will“.  Chandler – so seine Interpretation eines Schriftstellerlebens – „mag es schwergefallen sein, sich an diese Regeln zu halten, jedenfalls machte er im Endeffekt eine Tugend daraus, sie zu den seinen zu machen.“   

In den im „Schreibheft“ abgedruckten Tagebüchern von Ploog kommen Kriminalromane und ihre Autoren kaum vor. Er schreibt über Jörg Fauser, als er 1987 die Nachricht seines Todes erhält, und über George Simenon und dessen Sexualbilanz: „Existentielle Enthüllung, das ist es, was den Schriftsteller, was den Schriftsteller ausmacht.“ Am 2.11. 1975 notiert er: „Bisher hatte ich Dashiell Hammett unterschätzt, lese seine Kurzgeschichten The Continental Op – die Kühle der Authentizität geht von ihnen aus, jene atmosphärische Sachlichkeit, die bei Chandler aufbricht – Hammett widmet sich ganz dem Ablauf des Geschehens & seine Meisterschaft zeigt sich in der in der literarischen Konsequenz, mit der er es tut – Fiktiom, die im Deutschsprachigen einfach unbekannt ist – etwa This King business: far out.“ 

Ein Grund, statt mal wieder einen schlechten Fernsehkrimi zu besprechen, Hammett zu lesen. Geschieht nun.

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Siehe auch: Frank Göhre: Jürgen Ploog, Cut-up-Meister, CulturMag Mai 2025

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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
Crime im TV (12): Influencer als Thema im Fernsehkrimi
Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk 
Crime im TV (15): Wie ein faules Ei dem anderen: Plots wie mit KI
Crime im TV (16): Kommissar Maigret: Da schlummert ein Schatz in den Archiven
Crime im TV (17): Michael Connolly und die Transformationen seiner Serien-Figur Mickey Haller
Crime im TV (18): Die Figur Sörensen als komplettes Medienpaket
Crime im TV (19): Die Pathologie als Element – bei Dominik Graf, Borowski und in Stuttgart
Crime im TV (20): „Landkrimi“ von und mit Karl Markowitz – alles andere als Postkarte
Crime im TV (21): Zum „Tatort: Reifezeugnis“ (1977) und den Nacktszenen mit „Nastassja Kinski“
Crime im TV (22): Zur Ähnlichkeit von Krimiserien – »Criminal Record« geht einen eigenen Weg
Crime im TV (23): Tom Ripley – »Mr. Ripley« –, eine talentierte Filmfigur mit vielen Facetten
Crime im TV (24): Ufos und Aliens: Nicht ganz von dieser Welt … aber auch nicht aus Bielefeld …
Crime im TV (25): Serie »Eric« bei Netflix: In mehrfacher Hinsicht wirklich bestechend
Crime im TV (26): »Presumed Innocent«: Buch, Film, Serie – ein Vergleich
Crime im TV (27): Die ZDF-Reihe »München: Laim …« – bisher sieben Folgen
Crime im TV (28): Tatort Nürnberg: Abschied für Dagmar Manzel
Crime im TV (29): ”Disclaimer“ – Rätselgeschichte mit Haftungsausschluss
Crime im TV (30): Postkartenkrimis als Fernsehgenre – einmal „Tatort“, einmal Burgenland
Crime im TV (31): Zero Day – Wenn die Fiktion von der Wirklichkeit überholt wird
Crime im TV (32): Tatort: Die große Angst
Crime im TV (33): Beispiel „Tatort“ Hannover: Wie die Inszenierung KI-basierter Fahndungstechnik die eigene Technikgeschichte verdräng
Crime im TV (34): Warum sind Fernseh-Krimis so beliebt?
Crime im TV (35): Per Wahlöö »Mord im 31. Stock« – Fassbinder auch dabei
Crime im TV (36): Selbstreflexion in Buch & Film – Ein kleiner Ausflug, z.B. Andrea Camilleri
Crime im TV (37): Spike Lee, Kurosawa, Ed McBain: „Highest 2 Lowest“, die Adaption eines Romans von Ed McBain
Crime im TV (38): Der Gangster Parker als Filmheld
Crime im TV (39): Das Krimi-Dinner-Quiz
Crime im TV (40): Von Agatha Christie bei Netflix zu Hansjörg Schneider, seinem Polizeikommissär Hunkeler und dann noch zu Niklaus Meienberg …
Crime im TV (41): »München Mord«, immer wieder für eine Überraschung gut
Crime im TV (42): Rache ohne Strafe: Dominik Grafs wirkmächtiger Film „Das unsichtbare Mädchen“
Crime im TV (43): »Polizeiruf 110 – Ablass« aus München
Crime im TV (44): „Steeltown Murders“ – britische Qualität mit Ensemble-Leistung

– Dietrich Leders Texte bei uns hier. 
– Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.

Bei „Gespenster der Freiheit“ hat er unlängst unser Magazin porträtiert: Kulturelle Bewusstseinserweiterung. Das Online-Magazin CulturMag/CrimeMag

Anm. März 2026: Sein sehr informativer Nachruf auf Alexander Kluge im Filmdienst: Je näher, desto ferner

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