Geschrieben am 1. Mai 2025 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2025, News

Frank Göhre: Jürgen Ploog, Cut-up-Meister

Erinnerungen an den Piloten

Der Flugkapitän Jürgen Ploog sitzt im Cockpit seiner Boing 737.
Er fliegt über Länder und Kontinente. Er fliegt nach San Francisco, er fliegt nach Bangkok. Es ist Tag, es ist Nacht. Die Erdplatten verschieben sich, stoßen knirschend aneinander.

Risse. Schnitte.

Die Bilder überlagern sich.

Der Schriftsteller Jürgen Ploog notiert und schreibt. Er notiert auf handtellergroßen Zetteln. Er schreibt im Hotel auf seiner Reiseschreibmaschine:

„Draußen spannte sich der ungeheuere Bogen der Erdoberfläche …
Shylock Holmes konnte nicht erkennen welcher Kontinent ihm in diesen Moment gegenüber lag …
ausgedehnte Wolkenfelder bedeckten weite Flächen … reflektierten
Sonnenlicht so stark, dass er die Augen zusammenkneifen
musste … der fremde Planet erschien als Segment einer
gewaltigen Perle eingebettet in völliger Schwärze … Er spürte
mit welcher Geschwindigkeit sich sein Bewusstsein durch Welträume
bewegte …“

Eine Passage aus dem literarischem Debüt des Piloten – „Cola Hinterland“, 1969 erschienen. Ein Cut-up Roman.

Cut-up, das ist eine Anfang der 1960er Jahre primär von William S. Burroughs („Soft Machine“, „Nova Express“), entwickelte und praktizierte Schreibmethode bei der verschiedene Textpassagen geschnitten, gefaltet und neu zusammen gefügt werden.

Etliche Autor*innen in den USA und auch in Frankreich griffen diese Arbeitsweise auf, variierten sie und entwickelten sie weiter. Jürgen Ploog entdeckte ihre Texte in den amerikanischen Underground Magazinen, den „Little mags“. Carl Weissner, der Übersetzter und spätere Literaturagent, hatte dann während seines Fulbright-Stipendiums in New York (1966-1968) intensive Kontakte in der amerikanischen Beat- und Cut-up-Szene.

Gemeinsam mit Jörg Fauser geben Weissner und Ploog  dann 1973 ihre eigene Zeitschrift heraus, die inzwischen legendäre „Gasolin 23“ mit Stories und Gedichten von Ginsberg, Kerouac, Bukowski und Texten der Herausgeber: „Viele dieser Stories haben den Drive eines guten Rock-Albums“, kündigt der Alternativ Vertrieb der bundesdeutschen Szene „Ulcus Molle“ seinen Abonnenten an. „Gasolin 23“ erscheint unregelmäßig. Nach einem Super-Heft 1976 „Raymond Chandler Spezial“ – „schwere Geburt. Klarer Cut auch von Weissner hinsichtlich Cut-up: Wir schminken uns die Sache langsam ab, damit´s nicht langweilig wird.“ (Penzel/Waibel, Jörg Fauser. Eine Biografie, 2024).

Für Jürgen Ploog aber ist noch lange nicht Schicht. Gut drei Dutzend Cut-up Veröffentlichungen im Lauf von sechs Jahrzehnten listen die Herausgeber David Ploog und Wolfgang Rüger in ihrem jetzt zum fünften Todestag des Frankfurter Autors erschienen Sammelband „Ploog West End“ auf. Es sind Erinnerungen und Texte von Freunde und Weggeführten, Prosa und Auszüge aus Ploogs Tagebüchern, Briefe, Interviews und Nachrufe von Wondratschek und Clemens Meyer – ein 348 Seiten-Trip durch eine Zeit, in der sich der Blick vieler bundesdeutscher  Autor*innen erweiterte, angeregt von Cut-up Texten

„… wie Gedichte, kurze intensive Sprachgewitter voller Poesie
und Neon und Pop und Western und Science Fiction“ (Clemens Meyer).

Frank Göhre

David Ploog / Wolfgang Rüger: Ploog West End. Edition W./ Westend Verlag, Frankfurt 2025. 348 Seiten, 25 Euro.

19.05.2025: Opening Party zum 5. Todestag von Jürgen Ploog
mit Wolf Wondratschek, Ralf-Rainer Rygulla, Klaus Maeck, Martina Weber und David Ploog in der Romanfabrik, Hanauer Landstraße 186, 60314 Frankfurt.

Siehe in dieser Ausgabe nebenan auch Joachim Feldmann – d. Red.

Frank Göhre, geboren 1943, aufgewachsen im Ruhrgebiet, lebt in Hamburg. Gleich sein erster Krimi, »Der Schrei des Schmetterlings« (1986) – Auftakt der inzwischen legendären »Kiez Trilogie« -, wurde mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet, ebenso sein Roman »Der Auserwählte« von 2010 und »Verdammte Liebe Amsterdam« von 2020. Für »seine herausragende schriftstellerische Tätigkeit, sein beeindruckendes Gesamtwerk und sein Engagement für die Stadt Hamburg« erhielt Frank Göhre 2024 die Senator-Biermann-Ratjen-Medaille. Gerade hat er den Roman Sizilianische Nacht vorgelegt, hier bei uns von Thomas Wörtche besprochen.

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seid euer eigener agent

Nehmt ein buch irgendein buch
zerschneidet es
zerschneidet
prosa
gedichte
zeitungen
zeitschriften
die bibel
den koran
das buch von moroni
lao-tse
konfuzius
das bhagawadgita
irgendwas
briefe
geschäftskorrespondenz
werbung
alle wörter

schlitzt es der mitte nach auf würfelt
die abschnitte zusammen
wie es euerm geschmack entspricht
schneidet ein wenig bibel hinein
streut ein wenig werbeprosa
darüber
mischt es wie karten werfts
wie konfetti herum
schmeckt es ab wie kochendheisse
buchstabensuppe

gebt die briefe eurer freunde
euer durchschlagspapier
durch irgendein sieb das ihr findet
oder erfindet

ihr werdet bald sehen
was sie in wirklichkeit sind
und sagen dies ist die ultimative methode
der wahrheitsfindung

reimt ein meisterwerk zusammen
pro woche
verwertet bessere materialien
hochexplosivere wörter

es ist nicht länger nötig eine zeit
der genies
anzubahnen seid euer eigener agent

Mit diesen Worten rief Brion Gysin 1960 in Minutes To Go zur allgemeinen Anwendung der Cut-up-Methode auf.

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