
Der „Godfather des deutschen Underground“
Ein opulenter Reader erinnert an den Schriftsteller und Langstreckenpiloten Jürgen Ploog, der in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden wäre – Von Joachim Feldmann
In seiner Ausgabe vom 8. August 1971 berichtet der „Spiegel“ von einer „neuen Jugendbewegung“. Geheuer ist sie dem Nachrichtenmagazin nicht: „Zurück zur Natur und zur Manufaktur drängen die Leistungsverweigerer einer um sich greifenden Ohne-mich-Bewegung. Als Hippies suchen sie, was Deutsche speziell verlockt: apolitischen Freiraum. Nicht Wandel in Fabriken und im Staat, die eigene Wandlung gilt. Rezepte liefert die US-Drogen-Subkultur.“ Und das sogar im Ruhrgebiet: „In einem Villenvorort Dortmunds dreht im Hause wohlhabender Eltern der Primaner Reimar Banis die Untergrund-Postille Big Table durch die Umdruckmaschine und verbreitet unter Gleichaltrigen die märchenhaften Triperlebnisse restlos Ausgeflippter, denen er im Geiste nachzieht.“
Dass eine Zeitschrift, deren Auflage nie mehr als 120 Exemplare betrug, bundesweite Aufmerksamkeit bekam, dürfte den Zeitumständen geschuldet sein. Zum Bürgerschreck brauchte es damals nicht viel. Reimar Banis jedenfalls, der sich später als Alternativmediziner einen Namen machte, stellte das nach einer bekannten Zeitschrift der amerikanischen Beatgeneration benannte Blatt 1973 nach nur zehn Ausgaben ein. Deren vorletzte widmete sich als „Cut-up Special“ einem dadaistisch inspirierten Montageverfahren, das der Maler und Schriftsteller Brion Gysin 1959 (wieder)entdeckt hatte.
Erprobt und kultiviert wurde die literarische Schnitt- und Mischtechnik noch im selben Jahr von William S. Burroughs (The Naked Lunch). Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass es im Oktober 1972, als sich eine Handvoll subkulturell inspirierter Aktivisten um einen Münsteraner Wohnzimmer- oder Kneipentisch versammelten, um eben diese Ausgabe ging. Dokumentiert ist das Treffen durch ein Foto, das Banis bei dieser Gelegenheit machte. Zu sehen sind Carl Weissner, der schon Mitte der sechziger Jahre als Anglistikstudent in Heidelberg die unkonventionelle Literaturzeitschrift Klactoveedsedsteen herausgegeben hatte und gerade gemeinsam mit Walter Hartmann und Jürgen Ploog, die ebenfalls am Tisch sitzen, ein Magazin mit dem Titel Gasolin 23 plante. Ebenfalls im Bild sind der gelernte Buchhändler Udo Pasterny, Herausgeber der Zeitschrift Hobo Tongue, der Autor Rolf Brück und der spätere Alternativ-Impresario Tom „Tornado“ Klatt aus Recklinghausen. (Siehe obiges Bild – JF)
Wie „restlos Ausgeflippte“ sehen die sechs Herren von Anfang zwanzig bis Mitte dreißig nicht aus. Ploog und Weissner wirken, verglichen mit ihren langhaarigen Mitstreitern, sogar fast bürgerlich. Und die Droge der Wahl scheint westfälisches Pils gewesen zu sein. (Ralf-Rainer Rygulla, der 1969 gemeinsam mit Rolf Dieter Brinkmann im März Verlag die wegweisende Anthologie Acid. Neue amerikanische Szene herausgegeben hat, meint sogar, dass Carl Weissner, der in Anzughose und weißem Oberhemd zu einem Treffen in Köln erschien, den „Eindruck eines Angestellten“ hinterlassen habe, was dazu führte, dass weitere Kontakte ausblieben.)

Das Foto findet sich in einem reichlich illustrierten, opulenten Sammelband, mit dem Jürgen Ploogs Sohn David und der Frankfurter Antiquar Wolfgang Rüger an den 2020 im Alter von 85 Jahren verstorbenen Langstreckenpiloten und Schriftsteller, dessen Namen man in Nachschlagewerken zur deutschsprachigen Literatur vergebens sucht, erinnern. Und es dokumentiert trefflich, warum diese Vernachlässigung sträflich ist. Aber vielleicht auch verständlich. Denn Jürgen Ploog war zwar seit den frühen sechziger Jahren literarisch aktiv, blieb aber zeitlebens ein Geheimtipp. Freier Schriftsteller wurde er erst 1993, als er es sich nach seiner Pensionierung bei der Lufthansa finanziell leisten konnte. Seinen „Brotberuf“ hatte er gerne ausgeübt, zudem garantierte das regelmäßige Einkommen künstlerische Unabhängigkeit. Aber auch von der Szene, in der er sich bewegte, ließ sich Jürgen Ploog nicht vereinnahmen. Das verbat schon sein cooler Habitus.
„Ploog Westend“ versammelt Texte von und über Jürgen Ploog. Autobiografische Beiträge von Wolf Wondratschek, Jamal Tuschik, Edo Popovic, Frank Witzel und vielen anderen erinnern an den „Godfather des deutschen Underground“ (Ralf-Rainer Rygulla). Briefe, Tagebuchauszüge und Interviews ergänzen das Bild. Und was es mit der Cut-up-Technik auf sich hat, erläutern Enno Stahl und Sigrid Fahrer aus literaturwissenschaftlicher Sicht.
Jürgen Ploogs Schreibpraxis wird anhand einiger ausgewählter Beispiele dokumentiert. Neben Porträts und Rezensionen (u. a. von Carl Weissner, Hadyatullah Hübsch, Paulus Böhmer, William S. Burroughs) finden sich fünf Prosastücke, unter denen die vom literarischen Noir geprägte Erzählung „La Cubanera“ hervorsticht. Schon die Eröffnungsätze sind Programm:
„Es begann mit einem Blick. Sicher, ein Blick sagt nichts. Er ist wie ein Streifschuss, den man schnell vergisst.
Dieser war anders. Es war ein Blick, der wie über eine lange Zeitstrecke kam … ausgelöst von einer Erinnerung, die aus dem Gedächtnis gefallen war. Sehnsucht, die in ihm lag, war die Sehnsucht, etwas von der verlorenen Erinnerung zurückzuholen.
Nur ganz selten beginnen Episoden so wie diese auf einem Markplatz im Süden nördlich von Kaba. Das muss als Ortsangabe genügen, denn das Geschehen ließ die Geografie schnell verschwinden. Es lief ab, als würde ich einen anderen Kontinent betreten.“
Ein Kontinent, möchte man ergänzen, der sich gleichermaßen Fiktion und Erfahrung verdankt. Und den der Protagonist und Erzähler wie in einem Traum durchquert.
Das literarische Werk Jürgen Ploogs zu erschließen, bleibt ein Desiderat. Was angesichts des Umfangs seines Nachlasses eine gewaltige Aufgabe wäre. Der vorliegende Reader kann nur ein Anfang sein. Zumal er sich sinnvollerweise der Biografie des Autors widmet. Und damit eindrucksvoll an jene Zeiten erinnert, als die Literatur ihren festen Platz im Leben hatte.
Auch wenn das Gedächtnis derer, die dabei waren, inzwischen nachgelassen hat, wie dieses abschließende Zitat aus dem Beitrag von Frank Witzel auf wunderbare Weise demonstriert: „Ich meine, es war im Jahr 1977, vielleicht auch Ende 1976 oder Anfang 1978, dass ich Jürgen Ploog das erste Mal persönlich traf. In einer Kneipe mit dem Namen Malteserkeller in Aachen lasen einige Autoren, die in der Wuppertaler Literaturzeitschrift tja veröffentlicht hatten, darunter Uli Becker, der damals in Aachen wohnte, eben Jürgen Ploog und ich. Ich war ein paar Tage vorher nach Aachen getrampt und hatte bei Uli Becker übernachtet, und weil Jürgen Ploog direkt nach der Lesung wieder nach Frankfurt fuhr, wo ich damals im Riederwald wohnte, nahm er mich in seinem Auto mit. An die Lesung selbst kann ich mich nicht mehr erinnern.“
David Ploog & Wolfgang Rüger: Ploog West End. Texte von und über Jürgen Ploog. Edition W, Neu Isenburg 2025. 346 Seiten, 25 Euro. – Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Autoren und Verlag.
Auf der Internetseite des Antiquariats Wolfgang Rüger findet sich eine eigene Rubrik zu Jürgen Ploog. Dort gibt es prägnant kurze Texte zu dessen wichtigsten Büchern – etliche davon zu fairen Preisen im hauseigenen Katalog, so etwas wie Ploogs Hausantiquariat… – d. Red.




Blick in Ploogs Arbeitszimmer













