
Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. Die Kolumne erscheint dieses Mal in ihrer 43. Ausgabe – herzlichen Dank dafür an unseren Kolumnisten, d. Red.. Dass ihr Anlass sich keineswegs erschöpft hat, zeigt diese Folge überzeugend. Willkommen zu einer Ermittlungsreise. Eine Titel-Verzeichnis der Kolumnen findet sich am Ende dieses Beitrags.
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„Steeltown Murders“ – britische Qualität mit Ensemble-Leistung
Als Höhepunkt hat Arte den britischen Krimi-Vierteiler „Steeltown Murders“ nicht angesehen, den es am 2. April 2026 von 21.45 Uhr bis nach Mitternacht ausstrahlte. Denn im reich bebilderten Programmheft des Monats April, das beispielsweise mit einem ganzseitigen Foto der beiden Titelfiguren für die Dokumentation „Macron – Merz: Hinter den Kulissen der Macht“ warb, reichte der Platz gerade mal für einen wenige Zeilen umfassenden Hinweis. Gut, werden sich die Heftgestalter gesagt haben, so neu ist diese BBC-Produktion nicht; sie wurde im Winter 2022 in South Wales gedreht und bereits im Mai und Juni des folgenden Jahres auf BBC One ausgestrahlt.
Trotz des für Fernsehverhältnisse beträchtlichen Alters von knapp drei Jahren war „Steeltown Murders“ für diejenigen, die den Vierteiler einschalteten oder in den wenigen Wochen, in denen er in der Mediathek des Senders bis zum 1. Mai angeboten wurde, eine Entdeckung. Das lag zum einen an der Geschichte, die einem realen Fall nachgebildet wurde, der sich im Jahr 1973 ereignete, als kurz hintereinander erst eine, dann zusammen zwei weitere junge Frauen in der Nähe von Swansea vergewaltigt und ermordet wurden. Denn diese Geschichte ist für die britische Kriminalgeschichte bedeutsam, weil hier zum ersten Mal ein Fall viele Jahre später (2002) durch das DNA-Material, das man bei den Opfern gefunden und archiviert hatte, aufgeklärt werden konnte. Dazu musste die Leiche des Verdächtigten, der einige Jahre zuvor gestorben war, exhumiert werden, was rechtliche, finanzielle und moralische Fragen aufwarf.
Das lag zum anderen an der Form: „Steeltown Murders“ schildert die Ereignisse, die sich auf zwei historischen Zeitebenen abspielen, zwar auch als klassische Cop-Geschichte. Im Mittelpunkt steht der Kriminalkommissar Paul Bethell, der zu Beginn der Ermittlungen ein Außenseiter im Team der autoritär geführten Ermittler ist. Er wird mehr als 25 Jahre später, als sich das Ende seiner Dienstzeit nähert, von einer neuen ehrgeizigen Chefin gebeten, sich des alten und erkalteten Falles auf der Basis des neu entdeckten DNA-Materials noch einmal anzunehmen. Dass er und die beiden ihm attachierten Kollegen ihr Büro in einem heruntergekommenen Gebäude aufschlagen müssen, in dem einst die Polizeizentrale untergebracht war, bildet so etwas wie das gemeinsame Zentrum der alten wie neuen Ermittlungen.
Beide Zeitebenen sind gleichermaßen ernst genommen, ohne dass die historischen Gegenstände (Festnetztelefon und Faxgeräte vs. Klapp-Mobiltelefone und Computer) groß in den Mittelpunkt gerückt werden. Stattdessen werden die Dilemmata der alten wie der neuen Tätersuche thematisiert: So gab es damals kein Bewusstsein für die alltägliche Gewalt von Männern gegen ihre Ehefrauen; hätten die männlichen Ermittler genauer hingeschaut, hätten sie beispielsweise entdecken können, dass die Ehefrau, die dem am Ende überführten Täter ein falsches Alibi gab, von ihrem Mann terrorisiert und mehrfach verletzt worden war.
Zugleich erzählt „Steeltown Murders“ von den Traumata, die von den Morden in den Familien der Ermordeten ausgelöst wurden. Zu denen, die unter den Folgen der Verbrechen leiden, gehört auch eine Frau, die mit den beiden zuletzt Ermordeten befreundet war; sie war am Abend der Tat von ihrem Vater rabiat aus der Kneipe geholt worden, weil er der Tochter so etwas verboten hatte. Sie wirft sich seitdem vor, dass das vermutlich das Leben der Freundinnen gekostet hätte. Mit drei Frauen hätte es der Täter vielleicht nicht aufgenommen.
Diese doppelte Perspektive auf die Tat und die erste Ermittlung wird auch in der Zeit der zweiten Jahre später eingehalten: Während es den Ermittlern darum geht, einen alten Fall endlich abzuschließen (und gleichzeitig die Möglichkeiten neuer kriminalistischer Methoden vor aller Öffentlichkeit zu beweisen), geht es den Angehörigen und der Freundin der Opfer darum, endlich Gewissheit über das Geschehen zu erlangen, was ihnen so etwas wie den Abschied von den Toten nach vielen Jahren ermöglicht.
Das ist subtiler geschrieben und vor allem gespielt, als es hier in der Nacherzählung erscheinen mag. Geschrieben hat den Vierteiler Ed Whitmore, der schon an der legendären BBC-Serie „Silent Witness“ (lief in Deutschland eine Zeit lang unter dem Titel „Gerichtsmedizinerin Dr. Samantha Ryan“) mitgeschrieben hat. Marc Evans war der Regisseur, der bereits eine Reihe von Filmen und Serien, die auf realen Fällen beruhten, inszeniert hat.
Die Stärke des Films beruht auf einem Ensemble, wie es so vermutlich nur in britischen Produktionen zu finden ist: Hier gibt es kaum die üblichen Darstellerinnen und Darsteller, wie sie in deutschen und US-Serien den Bildschirm bevölkern. Hier spielen Menschen vor der Kamera jenseits aller Schönheitsnormen; ihre Körper und Gesichter (und ihre Sprache) erzählen, ohne dass es ausgeführt würde, von ihrem Leben, aber auch von ihren Träumen und ihren Versäumnissen. Das gelingt auf beiden Zeitebenen, in denen die Figuren jeweils von anderen Schauspielerinnen und Schauspielern gespielt wurden, ohne dass das irritierte.

Steffan Rhodri, Philip Glenister und Keith Allen 

Philip Glenister als DCI Bethell
Aus diesem guten Ensemble ragen Philip Glenister als DCI Bethell, Steffan Rhodri und Keith Allen als seine beiden Kollegen sowie Riyanga Burford als Freundin der Ermordeten heraus. Glenister wird einigen bekannt vorkommen, spielte der doch in der wunderbaren Serie „Life on Mars“, die ab 7. Mai in der Arte Mediathek wieder angeschaut werden kann, den Chef der Abteilung, in die der Polizist Sam Tyler per Zeitreise zwangsversetzt wird.
Spannend war der Vierteiler, weil er nicht nur die Frage nach dem Täter stellte, sondern weil er noch mehr thematisierte. Beispielsweise die Frage, ob es angesichts rechtlicher und finanzieller Probleme zur Exhumierung der Leiche des Täters kommen würde? Und ob dessen Angehörige des Täters dem zustimmten, was wohl weniger rechtlich als moralisch notwendig war. Diese waren auf einmal damit konfrontiert, dass einer der ihren bald als mehrfacher Mörder überführt werden könnte.
Hier deutete sich ein Problem an, das die klassischen Fernsehkrimis, ob als Einzelstück oder als Serie, ignorieren: Wie verarbeiten Familien die Erkenntnis, dass einer der ihren die Tat oder mehrere Taten beging? Zweifeln sie an sich, weil sie Anzeichen übersahen, weil sie den Täter möglicherweise schützten oder weil sie sich für seine Entwicklung mitverantwortlich fühlten? Oder kennen nur die Familien der Opfer diesen bis ins Mark rührenden Selbstzweifel, wie sie die Tat hätten verhindern können?
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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:
Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
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Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
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– Dietrich Leders Texte bei uns hier.
– Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.
Bei „Gespenster der Freiheit“ hat er unlängst unser Magazin porträtiert: Kulturelle Bewusstseinserweiterung. Das Online-Magazin CulturMag/CrimeMag
Anm. März 2026: Sein sehr informativer Nachruf auf Alexander Kluge im Filmdienst: Je näher, desto ferner


















