Geschrieben am 1. November 2025 von für Crimemag, CrimeMag November 2025

Dietrich Leder, Crime im TV (38): Der Gangster Parker als Filmheld

Crime im TV

Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Der Roman- und Filmheld Parker, gerade im Gangsterfilm „Play Dirty“ von Shane Black

Der Gangsterfilm „Play Dirty“ von Shane Black, der nicht nur Regie führte, sondern mit Charles Mondry und Anthony Bagarozzi auch das Drehbuch schrieb, kann seit dem 1. Oktober 2025 bei Amazon Prime angeschaut werden. Er verwendet für seine Geschichte Figuren und Motive, die einst Donald E. Westlake für seine Krimi-Reihe um den Gangster Parker entwickelt hatte.

Westlake, der über 100 Romane schrieb, veröffentlichte die insgesamt 24 Bände umfassende Reihe um Parker unter seinem Pseudonym Richard Stark. 16 von ihnen erschienen in den USA zwischen 1962 und 1974. Die letzten acht kamen nach einer langen Pause in den Jahren von 1997 bis 2008 heraus. (In weiteren Romanen und Kurzgeschichten taucht Parker gelegentlich als Nebenfigur auf.) In Deutschland wurden die deutschen Übersetzungen zunächst ab 1968 von Ullstein als Taschenbuch in deren Krimi-Reihe mit ihren markant gelb unterlegten Titeln herausgebracht. Als Parker 1997 zurückkehrte, dauerte es erneut etwas, ehe sie ins Deutsche übertragen wurden. Erst 2008 erwarb der Wiener Zsolnay-Verlag die Rechte und publizierte in den nachfolgenden drei Jahren die neuen Romane als Soft-Cover mit farblich wechselnd akzentuierten Titeln.

Zsolnay brachte 2015 eine neue Übersetzung des ersten Bandes der Reihe heraus, der nun im Deutschen so heißt wie das Original in den USA: „The Hunter“. Ihn übertrug Nikolaus Stingl, der sich mit Dirk van Gusteren und Rudolf Herrnstein die Übersetzungen der neuen Romane teilte. Weitere Neuübersetzungen der alten Titel unterblieben. Da ihre Taschenbuchausgaben seit vielen Jahren vergriffen sind, kann man die ersten 16 Romane nur noch im Antiquariat erwerben. Und dort sind sie – wenn man den Onlineverbund des ZVAB zur Grundlage nimmt – so rar, dass es einige zu sehr respektablen Preisen bringen. So wird der alte Ullstein-Titel „Eine Falle für Parker“ derzeit für 16,95 Euro, ein anderer wie „Parker und der Amateur“ gar für 30 Euro angeboten. Taschenbücher, die in den 1960er-Jahren gerade einmal 3,80 DM oder weniger kosteten. Gangster-Romane als Geldanlage!

All diese Romane folgen einem gewissen Schema, ohne selbst schematisch zu werden. Parker, dessen Vorname unbekannt bleibt, ist auf Überfälle spezialisiert, die er detailliert vorbereitet und meist in kleinen Teams durchführt. Die Orte, an denen die Überfälle stattfinden, sind mannigfaltig – von den klassischen Banken mit ihren sehr unterschiedlichen Tresoren über Spielcasinos und Sportveranstaltungen bis zu illegalen Poker- und Wettpartien. Die Romane spielen also zu einer Zeit, in der fast alles in der US-Gesellschaft auf Bargeld basierte. Mehr erfährt man über die Handlungszeit nicht, wie auch Parker merkwürdig geschichtslos bleibt und kaum altert.

Die Überfälle sind in den Romanen meist nur der Startpunkt der jeweiligen Geschichte, die erzählt wird. In deren Mittelpunkt stehen nämlich vor allem die Probleme, die Parker aus den Überfällen erwachsen. So gibt es Friktionen der unterschiedlichsten Art, die von unglücklichen Zufällen bis zu unerwarteten Hindernissen reichen. Ungleich dramatischer sind zum einen die Folgen von Verrat; irgendeiner aus der Crew, die der Einzelgänger Parker immer wie auf das Neue zusammenstellt, reicht Informationen weiter, mit denen die Polizei, aber vor allem andere Gangster die Diebe um ihr Diebesgut bringen. Zum anderen ist es eine gewisse Unfähigkeit innerhalb des Teams, die Pläne scheitern lässt oder zu großen Schwierigkeiten führt; nichts hasst Parker mehr als eitle Amateure, die sich in ihrem Äußeren, ihrem Habitus und ihrer Sprache an medialen Gangster-Vorbildern orientieren, aber im Handwerk, mit dem sie zum jeweiligen Coup beitragen sollen, versagen.

Als Gangster verkörpert Parker das Ideal eines kapitalistischen Geschäftsmannes, der sich an alle Vertragsregeln hält und für den eine Verabredung selbst dann noch gilt, wenn diese ihm Schwierigkeiten bereiten. Das treibt ihn immer wieder in Konflikte mit dem organisierten Verbrechen, das in den Romanen in der Struktur eines Konzerns auftritt. Schon im ersten Roman „The Hunter“, in der Parker Rache an einem Verräter übt, kommt er einem solchen Konzern in die Quere. In diesen äußerst gewaltsamen Auseinandersetzungen erweist sich der Einzelgänger einer Organisation überlegen, die zwar über mehr Waffen und Handlanger verfügt, aber mit komplizierten Befehlsketten und einer gewissen Angestelltenmentalität ihrer Mitarbeiter zu kämpfen hat. Parkers Geschäftsmoral, mit der er den Kapitalismus ernster nimmt als dieser sich selbst, und sein Kampf als Einzelhändler gegen übermächtig erscheinende Konzerne lassen ihn in den Romanen selbst dann noch interessant erscheinen, wenn sich Überfallpläne wiederholen und sich die Verräter überpünktlich einstellen. (Die neun Romane, die Garry Disher seit 1991 um den Gangster Wyatt, der deutlich an Parker erinnert, erscheinen mir im Rückblick literarisch vielfältiger, aber das müsste genauer untersucht werden.)

Nun ist für alle die, die Parkers Romane gelesen haben, der Film „Play Dirty“ eine Enttäuschung. Denn all das, was die Texte an Widersprüchen auf der Seite des großen Geldes wie auf Gangster-Seite auszeichnet, ist hier zu einem besinnungslosen Action-Reigen verarmt. Alle 15 Minuten kommt es zu gewalttätigen Überfällen und wilden Verfolgungsjagden. Diese inhaltsleeren Szenen stehen zudem in einem inneren Überbietungswettbewerb der Spezialeffekte und der digitalen Tricks; jede soll extremer als die vorhergehende sein. Selbst das Motiv des Verrats, das hier schon zu Beginn in der Ermordung von Parkers Gang breit ausgemalt wird, muss übersteigert werden, so dass nicht nur – wie für die Romane typisch – die Diebe bestohlen, sondern auch die Verräter verraten werden.

Man merkt, dass der Regisseur Shane Blank vor allem mit Actionfilmen bekannt wurde; von ihm stammt beispielsweise die Idee zur „Lethal Weapon“-Reihe, für die er das erste Drehbuch verfasste. Hier fügt er nun lauter Versatzstücken aneinander, die aus Westlakes Werk herausgebrochen wurden. So taucht beispielsweise als Parkers Sidekick der Theatermacher Grofield (LaKeith Stanfield) auf, dem Westlake alias Stark Ende der 1960er-Jahre eine eigene vierteilige Romanreihe gewidmet hatte. Aber auch das ändert nichts daran, dass Mark Wahlberg als Parker über die zwei Stunden, die der Film sich dann doch hinzieht, merkwürdig desinteressiert wirkt.

Lee Marvin als Parker in John Boormans »Point Blank«, 1967

Ehrlich gesagt ist „Play Dirty“ nur dann bedeutsam, wenn man ihn zum Anlass nimmt, ihn mit anderen Verfilmungen von Parker-Romanen zu vergleichen. So ist man positiv überrascht, wenn man nach einigen Jahren die Verfilmung des ersten Romans wiedersieht, die John Boorman 1967 unter dem Titel „Point Blank“ vorgelegt hatte. Das ist ein Film, der auf eine wunderbare Weise altert. Die Popelemente, die der britische Regisseur bei seinem ersten US-Film mitbrachte und also importierte, wirken aus heutiger Sicht nicht aufgesetzt, sondern sind zentrale Bestandteile eines Konzepts, der die Coolness von Parker, der hier Walker heißt, auf alle Ebenen des Films – Story, Darstellung, Montage, Ausstattung und visuelle Gestalt – überträgt. „Selbst seine Anzüge müssen unverwundbar sein; man sieht ihnen jedenfalls die Spuren der Schlägereien nicht an“, schrieb 1999 Claudius Seidl über den Film in der Boorman-Ausgabe der Zeitschrift „Steadycam“ (Heft 39).

Noch verblüffender, dass Parker eine brachiale Szene fast ohne eine Schramm übersteht, in der er einen – großzügig auf das Anschnallen verzichtenden – Autoverkäufer bei der Probefahrt dadurch schikaniert, dass er den zum Verkauf stehenden Wagen gegen Mauern und Brückenpfeiler fährt und den Mann so sehr verletzt, dass der seine Kontakte preisgibt. Eine analog gedrehte Actionszene, die viel stärker wirkt als all das, was in „Play Dirty“ alle 15 Minuten an Spezialeffekten aufgeboten wird!

Lee Marvin als Walker alias Parker ist cool bis in die letzte Faser seiner Muskeln. Bestens gekleidet in einem oft hellgrauen Anzug mit schmalem Schlips zieht er die Blicke auf sich und bleibt dennoch anonym, da man seinem Gesicht keine Emotion noch irgendein Interesse noch eine Herkunft ansieht. Das Rachemotiv wird vor allem durch kurze dazwischen geschnittene Reminiszenzen an den Augenblick des Verrats wachgehalten, ohne dass diese Erinnerung überstrapaziert wird. Auch als Rächer bleibt Walker alias Parker cool. „Nicht jeder Rachegott muss faschistisch sein“, schreibt Klaus Theweleit in einer Notiz der DVD-Ausgabe des Films, die in der Cinemathek-Reihe der Süddeutschen Zeitung, erschienen ist.

Lee Marvins Gesten sind sparsam, und er äußert kein Wort zu viel. Selbst seine Handlungen, wenn er zur kurzläufigen Waffe greift oder unvermittelt zuschlägt, sind von äußerster Lakonie. Ein Profi, der seine Kräfte einzusetzen weiß. Gleichzeitig wirken seine Aktionen so somnambul, dass man auf die Idee kommen kann, die Marcus Stigglegger einst im Sammelband „Film Noir“ des Reclam-Verlags formulierte, dass Parker in diesem Film als Toter auf Zeit in die Wirklichkeit zurückkehrte, um seine Rache am Freund, der ihn verriet, verüben und sich das Geld, um das er betrogen wurde, vom Gangster-Konzern zurückholen zu können. Gegen diese Lesart spricht allerdings, dass die von Stigglegger erwähnte engelsähnliche Figur, die Parker so zielsicher durch die Gegenwart von San Francisco und Los Angeles lotst, höchst irdische Interessen verfolgt.

Das Pop-Design mit besonderen Mini-Kleidern für die Hauptdarstellerin Anna Karina und kräftigen Farben im Vorder- wie Hintergrund bestimmt auch den Film, den sein Regisseur Jean-Luc Godard 1966 nach dem Roman „The Jugger“ (Parkers Urteil) gedreht haben will, was aber „Made in U.S.A“ kaum anzumerken ist; der Regisseur wie der Produzent hatten sich denn auch gar nicht um die Rechte bemüht, so dass der Film in den USA lange Jahre nicht zu sehen war und hier nicht weiter erwähnt wird.

Eine andere, ebenso wie „Point Blank“ überzeugende Interpretation von Parker lieferte 1973 der damals noch weitgehend unbekannte Robert Duvall im Film „The Outfit“ von John Flynn (Buch/Regie) ab. Dieser Parker ist alles andere als cool: körperlich untersetzt, mit Bauchansatz und fliehender Stirn, billig gekleidet, jeder Zeit unscheinbar wirkend. Folgerichtig beginnt der Film nicht mit ihm, sondern mit den Gangstern, die seinen Bruder auf einer Farm hinrichten, auf die er sich nach einem Überfall zurückgezogen hatte. Das Rachemotiv taucht also vor dem Protagonisten auf, der von ihm durch die nächsten 90 Minuten vorwärtsgetrieben wird. Parker, der hier anders als in den Romanen ein Niemand ist, also keine große Vorgeschichte in der Branche hat, startet, nachdem auch auf ihn ein Mordversuch versucht wurde, einen Rachefeldzug gegen den Gangster-Konzern, den der Filmtitel benennt: The Outfit. So heißt denn auch im Original der zugrunde liegende Roman, der in der Ullstein-Ausgabe von 1968 „Die Gorillas“ genannt wurde. Ein solcher Konzern taucht in den Romanen wie in den Filmen immer mal wieder auf. Auch in „Play Dirty“ ist der Gegner von Parker so benannt.

Duvalls Parker ist ein Arbeiter der Gewalt, der schneller zuschlägt als seine Gegner und besser schießt. Wie er dabei aussieht, ist ihm egal. Ähnliches gilt für den Parker, den Michel Constantin in „Mise à sac“ (Der Millionen-Coup der Zwölf) von Alain Cavalier spielt. Die französische Produktion aus dem Jahr 1967 überträgt die Geschichte des Romans „The Score“, der 1964 in den USA und elf Jahre später unter dem Titel „Stadt im Würgegriff“ auf deutsch erschien, in die französische Provinz. Der von Constantin gespielte Parker wird hier Georges genannt, weil sich alle mit dem Vornamen und in ihrem Funkverkehr sogar nur noch mit dessen ersten Buchstaben ansprechen. Er ist ein Teil einer Bande, die ein Amateur rekrutiert hat, um an einem Abend in seiner Heimatstadt nicht nur die Bank, sondern auch die größte ortsansässige Fabrik zu überfallen. Damit das gelingt, besetzen sie zunächst die wichtigsten strategische Punkte der Stadt – Polizei, Feuerwehr und Telefonzentrale -, ehe sie die Tresore aufzuschweißen beginnen.

Dank der wortkargen Profis gelingt alles, bis der Amateur und Ideengeber sich für eine private Rache nicht mehr an den sorgfältig ausgedachten Plan hält. Ab hier geht alles schief. Am Ende werden alle verhaftet. Nur alle bis auf Georges alias Parker und ein Kumpel können entkommen. Beide passieren die Polizeisperre in einem Linienbus, von dem sie mit ansehen müssen, wie der Rest der Bande abgeführt und ihre Beute von Polizisten davongetragen wird.

Georges alias Parker ist hier nur Teil der Bande, deren Arbeit der Film minutiös schildert. (Am Drehbuch schrieb Claude Sautet mit, der wie kaum ein anderer das Handwerk des multiperspektivischen Erzählens beherrschte.) Professionalität bedeutet stets auch eine gewisse Arbeitsteiligkeit. Ein Prinzip, dem Parker schon in den Romanen folgte. Dass man das dem Film von Cavalier abnimmt, liegt auch an der Besetzung. Denn als Mitglieder der Bande verpflichtete er Schauspieler wie Henri Attal, die als Nebendarsteller an vielen französischen Filmen der 1960er-Jahre mitwirkten; also Profis, die hier Profi-Gangster professionell spielen..So kennt man auch Michel Constantine aus zahlreichen Gangsterfilmen von Jacques Becker, Robert Enrico, Jean-Pierre Melville oder José Giovanni.

Dass die folgenden Verfilmungen der Romane an die Qualität von „Point Blank“, „The Outfit“ und „Mise à sac“ nicht heranreichen, liegt nicht nur an den eher schwächeren Regieleistungen, sondern auch daran, dass Parker in ihnen überlebensgroß erscheint. Er ist zu einer Kinofigur mutiert, die durch Actionstars verkörpert wird, denen es an Coolness mangelt, die als Gangster nicht arbeiten, sondern Arbeit behaupten, und die fast in jeder Szene das Bild dominieren und so die Mitglieder der jeweiligen Bande überstrahlen. Die sind denn auch weniger ob ihrer jeweiligen Fähig- und Fertigkeiten ausgewählt, sondern allein nach den Funktionen besetzt, die sie in den Film einnehmen, in dem sie mal für die Komik, mal für retardierende Momente, mal für die Tragik, mal für den Sex zuständig sind.

Das gilt summa summarum für die Kinofassung des Remakes von „The Hunter“, die Brian Helgeland mit Mel Gibson in der Hauptrolle 1999 unter dem Titel „Payback“ (Payback – Zahltag) in die Kinos brachte. (Den Director’s Cut, der 2006 herauskam, kenne ich leider nicht.) Das gilt auch für den Film „Parker“, den Taylor Hackford 2013 mit Jason Statham in der Titelrolle inszenierte. Und das gilt erst recht für „Play Dirty“, der die Idee zu dieser Reise durch die Parker-Romane und ihre Verfilmungen aber immerhin stiftete.      

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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:

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– Seine Texte bei uns hier. – Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.

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