Geschrieben am 31. Dezember 2024 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2024, News

2024 – Alf Mayer: Die große Zersplitterung

Pexels-Photo © Quang Nguyen Vinh

Vanishing Point – Die große Zersplitterung

Mit Alf Mayer auf Grand Tour durch das Jahr 2024

»Sagen Sie«, sprach mich eine Vertreterin des Gastlands Italien halb amüsiert auf der Buchmesse an, »ich habe jetzt drei Interviews mit großen deutschen Zeitungen gehabt, und alle haben sie mich danach gefragt, ob wir in der italienischen Literatur gern Klischees bedienen. Was haben denn die deutschen Kritiker für ein Problem?« Gemeint war unter anderem die Veranstaltung, die ich im Gastland-Pavillon moderierte: »Alle Nuancen des Krimis«.

In der Pressemitteilung der Buchmesse hatte es geheißen: »Italien präsentiert sich in Frankfurt mit einem abwechslungsreichen Verlagsprogramm, organisiert vom Italienischen Verlegerverband AIE. Über hundert Autoren und Gäste werden erwartet, die alle literarischen Gattungen repräsentieren – von Gedichten über Krimis und Comics bis hin zu Essays und Liebesromanen. Diese Vielfalt unterstreicht Italiens Engagement für eine uneingeschränkte literarische Freiheit und lehnt jegliche wertende Gliederung ab.«

Die Schlüsselworte Krimis, Comics und Liebesromane waren fürs Feuilleton von »Zeit«, »FAZ« und »Süddeutsche« meiner Gewährsfrau zufolge genug, um die Veranstaltungsreihe des Gastlands unter Seichtverdacht zu stellen. 2024. Oh heiliges Abendland. Ich tröstete sie damit, dass bei uns eben die alte Schere zwischen »E wie ernsthaftw« und «U wie unterhaltsame« Literatur immer noch nicht überwunden sei und dass das wahrscheinlich auch in hundert Jahren noch so sein würde.

Jedenfalls wusste ich wieder, warum wir CrimeMag machen – oder CulturMag, je nachdem wie Sie unser Monatsmagazin nennen wollen –, in dem wir genau solchem Dünkel eine andere Rezeptionspraxis entgegenstellen. Es war mir auch wieder klar, warum ein so vorbildhaft operierender Verlag wie der Polar Verlag (jedes Buch mit Nachwort, dazu Interview, Podcast und Hintergrund zu Autor/ Land/ Thema) neverever beim Deutschen Verlagspreis gewürdigt werden wird. Und ich wusste auch wieder, warum ich für meinen Text zum Sommer-Special über Thomas Wörtche auf die Überschrift gekommen war: »Not your normal Krimikritiker«. (Siehe dort auch die programmatischen Texte und Interviews und insgesamt 100 Gratulantinnen und Gratulanten, die alle auf ihre Art klar machen, warum es sich lohnt, die Kriminalliteratur nicht als Klischee abzutun.

Bei der inkriminierten Buchmessen-Veranstaltung moderierte ich Maurizio di Giovanni aus Neapel und Antonio Manzini aus Rom. Beide veröffentlichen jedes Jahr mindestens ein neues Buch, beide sind sie zuhause Bestsellerautoren, beide haben sie Verfilmungen und Serien (sehr witzige Sachen dazu im Podiumsgespräch), aber in Deutschland werden sie seit drei/ vier Jahren nicht mehr übersetzt und verlegt – sind damit hierzulande tot. Solch einen Autor will niemand mehr anfassen. Wir haben das auch mit Ross Thomas oder Elmore Leonard erlebt. Im klischeebeladenen Italien aber erscheint jemand wie Antonio Manzini mit seinem grummeligen, kiffenden Kommissar Rocco Schaffone im Verlag Sellerio editore, einst von Leonardo Sciascia mitbegründet. Man könnte sagen, einem Verlag mit Suhrkamp-Profil. Dass dort eine Reihe mit Kriminalliteratur erscheint, ist für das deutsche Feuilleton immer noch ein Nicht-Thema. Mögen sie in der Dünkelhölle weiterschmoren.

Und ja, Italien als Gastland der Buchmesse, das war nicht nur dolce vita. Roberto Saviano, der mit »Falcone« (deutsch bei Hanser) den besten und wichtigsten europäischen Kriminalroman des Jahres vorlegte, war nicht Teil der offziellen Delegation. Auf der Messe aber präsent dank der Buchmesse selbst, PEN Deutschland und deutschem Verlag. Hier meine Besprechung »Falcone« – Realität als Protest bei uns.

CulturMag/ CrimeMag erschien 2024 in zehn Ausgaben plus zum Jahresanfang mit dem Rückblick 2023 mit 77 Autorinnen und Autoren. Pro Ausgabe waren es 20 bis 27 größere Texte (insgesamt 310), plus regelmäßige Beiträge von sechs bis sieben Kolumisten (110 an der Zahl) plus Standards wie die Schatzsuche, Krimibestenliste, Krimigedicht und die von uns so genannten Kurzbesprechungen (die alleine 135 an der Zahl, anderswo der Länge normaler Rezensionen entsprechend). Macht überschlägig:
420 Einzelbeiträge
135 Einzelbesprechungen, also rund insgesamt
550 Beiträge. Editorials, Extra-Vorspänne und den Rückblick 2023 nicht mitgezählt.
Alles ehrenamtlich, pro bono und ohne Bezahlschranke.

Als CvD und Autor war ich anscheinend doch nicht so lazy wie ich mir manchmal vorkomme. Als Selfpay-Bonus hier ein paar meiner Texte aus dem Jahr:

Pulp Fiction: 25 Jahre Stark House
»J. EDGAR« von Clint Eastwood
Jochen Brunow »Die Chinesin«
Stranger in the Village – James Baldwin, zum Hundertsten
Ute Cohen: Freiheit, vom Gaumen her gedacht
Monumentalausgabe – Modesty Blaise als Comicstrip
Welt am Draht: WATCHING YOU – DIE WELT VON PALANTIR UND ALEX KARP – Dokumentarfilm
Über den israelischen Staats-Noir »Maror« von Lavie Tidhar
Mit der Sense übersetzt – Ross Thomas, 1972 bei Ullstein
Der Film MONKEY MAN – physisches Kino, pur und ab 18
Aus meinen Memoiren: Bundesfilmpreis ’83: Achternbusch und die Gespenster
Zusammen mit Frank Göhre: Elmore Leonard als Western-Autor (1) und (2) – Die Filme
Kein Blitz, kein Stativ, kleine Tasche: »Barbara Klemm Frankfurt Bilder«
Herve le Corre: »Durch die dunkelste Nacht«
Und als Bildgeschichte: Outback Noir, die neue Seuche – 250 Cover klagen an.

Ein Farewell gab es für:
Bert Schmidt & Sohrab Shahid Saless – 3 x Adieu von Seeßlen/ Mayer/ Reifarth 
Ein Sayonara für Paul Auster – mit »Stadt aus Glas«(1987) & »4 3 2 1«
Peter Münder – und er für J.G. Ballard

Eine Freude war die Verleihung der Hamburger Biermann-Ratjen-Medaille für Frank Göhre und unser Gratulations-Chor zum 80. Geburtstag: mit Friedrich Ani, Simone Buchholz und Sonja Hartl, dazu von mir Frank Göhre als Filmautor – Kleine Spurensuche und Filmografie Frank Göhre.

Besonderen Spaß hatte ich 2024 mit dem Konkursbuch Nr. 58 «Freiheit« (Textauszüge bei uns hier, hier, hier
und hier), mit dem heftigen australischen Polizeidrama »Blue Murder« und der australischen Cop-Serie »Phoenix« von 1992/93. Mehr dazu in 2025, hier ein Dank an meinen Freund Andrew Nette aus Melbourne.

Richtig Spaß hatte ich mit SGE (Sigi Götz Entertainment) und auch mit »Abgetaucht« von Louisa Luna (dazu bei uns Hanspeter Eggenberger, der unermüdlich und fundiert seine Website krimikritik.com bestückt : Feministische Unterhaltung first class), mit Katniss Hsiao und »Das Parfüm des Todes« und mit Sybille Ruge und ihrem »9mm Cut« (meine Besprechung dazu: Geld verträgt kein Gewissen). Bei meinem Lokaltermin bei Sybille Ruge – und ihren Stoffen. Ein Gespräch über Stoffe, Textildesign und Textildruck, den Modeschöpfer Issey Miyake und Haute Couture aus Mitlödi im Glarner Tal (CrimeMag Mai 2024) gab es eine Extra-Überraschung. Sie kann auch Hörspiel: »Tannenbusch«, zum Tod von General Bastian und Petra Kelly, sowie, unveröffentlicht, ein irres Ding zu Richard Wagner und Bayreuth. Heiliger Strohsack.

Doch nun ein wenig Ordnung in den Rückblick.

Der erste Tote des Jahres ist am 1. Januar 2024 John F. “Jack” O’Connell aus Worcester, Massachusetts. Unvergessen sein Noir »Box Nine«, deutsch »Nirgendwo in keiner Stadt« (Zsolnay, 1995; Taschenbuch 1998 bei Bastei-Lübbe). Die ersten vier seiner insgesamt fünf allesamt gloriosen Romane spielen in der heruntergekommenen fiktiven New-England-Stadt Quinsigamond. Sein letztes Buch, »The Resurrectionist«, erschien 2008, dann verstummte der Redakteur des Jesuitenkollegs College of the Holy Cross, an dem er einst selbst seinen Abschluss gemacht hatte. Er starb mit 64. »World Made Flesh« hieß einer seiner Romane. Deutsche Leser kennen nur sein Debüt.

»Eine Nachfolge wird es nicht geben«

Ein anderer Bang ist am 15.1.2024 die magere, durch eine Indiskretion der FAZ provozierte Presseerklärung von Stifter und Direktor: »2028 wird das Hamburger Institut für Sozialforschung seine Arbeit einstellen«. Ausschließlich aus dem Privatvermögen von Jan Philipp Reemtsma finanziert, sei das Institut aus dem eigenen Betrieb heraus »nicht finanzierbar. Das Institut wurde bis zum März 2015 vom Stifter und Vorsitzenden des Stiftungsvorstands geleitet, in diesem Jahr wurde die Position des Direktors geschaffen, die seitdem Wolfgang Knöbl innehat. Wolfgang Knöbl wird 2028, mit seinem 65sten Geburtstag, seine Arbeit für das Institut beenden. Eine Nachfolge wird es nicht geben«, schließt der erste Absatz der Meldung. Weiter heißt es: »Da es nicht die Intention des Stifters war noch ist, ein beliebiges sozialwissenschaftliches Institut unter der Leitung oder Observanz irgendeiner anderen Forschungseinrichtung zu gründen, wird das Hamburger Institut für Sozialforschung im Jahre 2028 seine Arbeit einstellen.« Es ist eine Meldung, die auch die Deutsche Gesellschaft für Soziologie schockiert, wie ihrer Stellungnahme anzumerken ist. Unglücklicher hätte es kaum laufen können, kommentiert die taz. »Normalerweise wäre zuallererst der Betriebsrat informiert worden, dann die Forschungsbereichs- und Verlagsleitung, und schließlich hätte es eine Mitarbeitendenversammlung gegeben.«

Eigentlich ist 2024 das 40jährige Bestehen des Institus zu feiern. Oft haben auch wir Bücher des HIS und Ausgaben der feinen Zeitschrift »Mittelweg 36« besprochen (so etwa hier, hier, hier und hier). Auf immer ein Verdienst: die Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht« und die folgende Gesellschaftsdebatte. Die Arbeit des Instituts, das ist klar, wird eine hohe Halbwertszeit haben. Sein angekündigtes Ende verdeutlicht: Niemand kann auf Dauer als Privatperson die Aufgabe übernehmen, die in einer Demokratie das Gemeinwesen selbst übernehmen muss.

Wirklichkeit aber ist, dass besonders im Kulturbereich viele Leistungen ehrenamtlich oder mäzenatisch erbracht werden (so übrigens auch zu 100 Prozent bei unserem CulturMag) – das führte mir im Sommer der Besuch von Manfred Etten und Achim Forst, den Machern der Website Gespenster der Freiheit, vor Augen. Wurde mit ihnen Thema.

2007 machte ich im Auftrag einer gewerkschaftsnahen Stiftung den O-Ton-Dokumentarfilm AUSBEUTUNG EINKALKULIERT. ARBEITSMIGRANTEN AUF DEM BAU. Die erste Fassung fand die Führungsriege der IG BAU so niederschmetternd real, dass ich für den Gewerkschaftstag eine Neuversion erstellen musste. Für die DVD konnte ich immerhin einige der größeren Interviews als Bonus retten. Vorwurf von Klaus Wiesehügel, damals IG BAU-Chef, bei der Vorführung: »Da kommt ja die Gewerkschaft fast gar nicht vor.“ Mein vergeblicher Konter: »Sie ist ja auch nicht vor Ort. Bei den Migranten gibt es sie nicht.« Vier Abende lang hatte ich unter anderem in einem Container-Camp auf dem Riedberg Frankfurt gedreht, Auftraggeber dort: das Land Hessen für die neue Universität, Arbeitsbedingungen: unter aller Sau, das alles in Sichtweite des Gebäudes des Bundesvorstands der IG BAU im Merton-Viertel. Als ich Wiesehügels Referenten und andere Gewerkschafter mit zum Dreh nehmen wollte, lehnten die ab. Das vor Ort (und ihrer Nasenspitze) sei Sache des Ortsverbands Frankfurt, nicht des Bundesvorstands.

Die Halbwertszeit meines Films von 2007 reicht immerhin aus, dass ein Wissenschaftler des Frankfurter Instituts für Sozialforschung mich für den 8. Februar 2024 zu einem Interview über mein Wissen zu den Arbeitsbedingungen von Migranten bittet. Ich sitze dafür im kleinen Konferenzsaal, den auch Adorno und Horkheimer visitiert haben, die Originalmöbel zum Teil noch da. Macht schon ein wenig Gänsehaut.

Im Februar erleben die Polizisten Coffin Ed Johnson und Grave Digger Jones eine Wiederauflage, dies in der Everyman’s Library und als Hardcover mit bibeldünnen 712 Seiten: vier der neun Harlem-Romane (1957 bis 1969 entstanden) von Chester Himes als »The Essential Harlem Detectives«, mit einem Vorwort von Edgar-Preisträger S.A. Cosby.

Eingeläutet von einem Screening der 4K-Restaurierung im MoMA New York erscheint »Vanishing Point Forever« im März 2024 bei Film Desk Books in einer Auflage von 2.500 Exemplaren. 572 Seiten als Hommage an die ultimative existentielle Autoverfolgungsjagd der Filmgeschichte, eine frühe dystopische Allegorie auch des Überwachungsstaats, mit Texten von Prince, Alberto Moravia, J. Hoberman, Janusz Kaminski, Raymond Chandler, Jean Baudrillard, Jack Kerouac, Cormac McCarthy, Thomas Pynchon, Lucy Sante und des Rennfahrers Sam Posey. Enthalten auch das komplette Drehbuch, Location- und Set-Fotos, Publicity-Material und die Erstentwürfe des kubanischen Autors Guillermo Cabrera Infante, der unter dem Pseudonym Guillermo Cain dabei war. GRENZPUNKT NULL hieß Richard C. Sarafians VANISHING POINT (20th Century Fox, 1971) bei uns. Er hatte einen Vietnam-Veteranen in einem Dodge Challenger auf der Flucht vor den Behörden und sich selbst. Das fand zum Jahresausklang 2024 ein schauriges Echo mit jenem Afghanistan-Veteranen, der sich auf den Tempelstufen des Trump-Hotels in Las Vegas in einem Elon-Musk-Cybertruck in die Luft sprengte. Ein selbstzerstörerischer Akt als Hilfeschrei bei jenen Göttern, die man anbetet und die sich nicht den Teufel um einen scheren. Fluchtpunkt Trump Hotel, welch eine schaurige Farce, in der sich Geschichte wiederholt und ankündigt.

Der fünfte Reiter der Apokalypse

Im Frühjahr 2024 kommt CIVIL WAR von Alex Garland in die Kinos – für Robert Zion und Nick Kolakowski hier nebenan einer der wichtigsten Filme des Jahres. Auf dem Filmposter ist die Fackel der Freiheitsstatue zum Maschinengewehr-Nest geworden. Prost Mahlzeit. Das neue Jahr 2025 läutet Nextflix gerade mit der Western-Brutalo-Serie »American Primeval« ein, die Amerika als das Land des Faustrechts und der Willkür inszeniert. Mit »The Great Disorder. National Myth and the Battle for America« versucht im Herbst 2024 der große Kulturhistoriker Richard Slotkin aus dem Zustand seines Landes Sinn zu machen. Er sieht die USA auf eine Kultur der Gewalt gegründet, hat zu ihrer Zivilisationsgeschichte die nie bei uns übersetzten Standardwerke »Regeneration Through Violence: The Mythology of the American Frontier, 1600–1860« (1973) und »Fatal Environment: The Myth of the Frontier in the Age of Industrialization, 1800–1890« (1985) und »Gunfighter Nation: Myth of the Frontier in Twentieth-Century America« (1992) vorgelegt.

Ein Visionär ist auch der Australier George Miller, der mit 79 Jahren im Mai FURIOSA: A MAD MAX SAGA, den fünften Teil seiner schon seit Beginn überdrehten Endzeit-Saga vorlegt. Drehzeit für eine wilde Actionszene darin: 78 Tage, mit 200 Stuntleuten. Auch hierbei wirklich furios: Hauptdarstellerin Anya Taylor-Joy. Über diesen Film wollte ich eigentlich unbedingt schreiben, es versäumt zu haben, eine meiner diesjährigen Niederlagen. 1978 saß ich in Hof bei der Welt-Nachtpremiere von MAD MAX in der ersten Reihe. Nie wieder wurde ich so oft getreten und überfahren, der Film war weithin in (Italowestern-) Untersicht gedreht.

Diese Perspektive hat sich geändert, nicht aber die Verhältnisse. Die MAD MAX-Filme bringen unsere Petro-Zeit auf den Punkt, sind purer Verteilungskampf – »Mankind has gone rogue, terrorizing itself… My Name Is Max. My World Is Fire And Blood.« – und spiegeln in ihren besten Szenen das Erstaunen von Charlton Heston in PLANET DER AFFEN, als er die Freiheitsstatue in der Meeresbrandung liegen sieht – und realisiert, dass er als Astronaut in einem Zeitsprung wieder auf der Erde gelandet ist, wo jetzt die Affen an der Macht sind. Ich war 17, als sich mir 1969 diese Kinoszene ins Gedächtnis brannte. (Auch diese Saga schreibt sich 2024 inzwischen schon mit Teil 10 fort.)

In FURIOSA führt der Herrscher Dementus (sic!) einen »History Man« mit in seinem Motoristen-Trupp, über und über mit Schrift tätowiert, eine Reminiszenz an die Science-Fiction-Geschichte »Der illustrierte Mann« (1950) von Ray Bradbury. Actionstar Chris Hemsworth als Dementus gibt eine Mischung aus Ben Hur und Marvel-Figur Thor, ist ein Autokrat des Barba­ren­tums, der ganze Film Camp pur, ein Amalgan von Steampunk und den Bibel-Filmen Cecile B. DeMilles. Hemsworths Streitwagen wird von drei Motorrädern gezogen, echt. »Tonight, we dance to Darwin«, verkündet er einmal, jubiliert: »That is the darkest of angels, the fifth rider of the apocalypse.«

Gehen wir lieber zurück in die Realität. Hüstel.

Im März 2024 erscheint »Soldiers and Kings: Survival and Hope in the World of Human Smuggling« (Viking/ PenguinRandomHouse, 400 Seiten), für das der Anthropologe Jason De León sieben Jahre unter Menschenschmugglern in Mexiko und Honduras verbracht hat. Feldforschung erster Güte, lebensgefährlich. Das Bild, das der Professor der University of California, Los Angeles, vom Geschäft mit den Migranten zeichnet, ist weniger glamourös und simpel als Medien und Serien uns glauben machen. Deutlich vor der US-Präsidentenwahl erschienen, macht es deutlich, warum Trump (und andere Scharfmacher) das Geschäft befeuern: »Ich liebe Trump. Er macht unseren Job einfacher und er ist die beste Begründung, dass wir unsere Preise verdoppeln können.« 
Menschenschmuggel ist für De León ein Teil der Dienstleistungindustrie für Migranten, von der alle profitieren, Arbeitgeber wie Verbraucher und all jene, denen die Jobs dieser Arbeitskräfte zu prekär sind – unsere aljährlich importierten Erntehelfer lassen grüßen. Zum Buch gehört auch ein Soundtrack. »Clandestino« von Manu Chao dabei der wohl ikonischste Titel, anfangs der 2000er lief er in jedem Radio Mexikos. Manu Chao nahm eine Version vor Sheriff Joe Arpaios berüchtigtem Zeltgefängnis in Phoenix auf, siehe hier:


Im November erhielt das Buch den National Book Award, leider kam es nicht mehr zu einer Besprechung bei uns durch Peter »Pete« Münder, der als alter Reporter großes Faible für solch eine Art Sachbuch hatte. Mehr als 200 Texte und Essays hat er für uns geschrieben, unser Farewell für ihn hier.

Weitere Tote in diesem Jahr: Kinky Friedman, John Mayall, Robert Towne (Drehbuch CHINATOWN), Donald Sutherland, Roger Corman (empfehlenswert zu ihm Robert Zions Buch von 2023), Ron Ely (Tarzan meiner Kindheit), Quincy Jones, Louis Gossett Jr., Kris Kristofferson, Ruth Westheimer, der Jazz-Drummer Roy Haynes, Doug Ingle (die Stimme von Iron Butterfly, meiner ersten LP), Francoise Hardy, Shelley Duval (siehe hier nebenan zu Kubricks SHINING), Anouk Aimée, Gena Rowlands, Norman Jewison, Alain Delon, Paul Auster, Ismail Kadare, John Barth, Robert Coover, Gary Indiana, Maryse Condé, Elizabeth Nunez, Bill Viola, Rebecca Horn, O.J. Simpson, William L. Calley (ja, der vom Vietnamkriegs-Massaker My Lai , mit 80) – und auf immer ein wahrer Held: Alexei Navalny.

Erst in 2024 gelesen, im Oktober 2023 erschienen und nun hochaktuell ist die erste detaillierte Studie über die Schreckensherrschaft des Assad-Clans, »Syrian Gulag. Inside Assad’s Prison System« von Jaber Baker und Ugur Ümit Üngör (Bloomsbury, 416 Seiten). An die 300.000 Menschen wurden seit den Protesten vom Frühjahr 2011 in Syrien inhaftiert, manche für ein »Like« bei Facebook oder wegen der Aktivitäten eines entfernten Verwandten. Die Autoren haben mit mehr als 100 Überlebenden Interviews geführt, stützen sich auf Dokumente und Archivmaterial. Die Dokumentationslage in Sachen Syrien ist verhältnismäßig gut – und schockierend. »In more than 30 years of book reviewing, this is the most horrifying volume I have read«, bekannte etwa Peter Carty vom »Spectator«.

Ebenfalls hier interessant, die Flugschrift »Syriens verwaiste Revolution« von Ziad Majed (Edition Nautilus, 2021).

Am 7. Und 8. August wäre ich gerne in New York dabei gewesen, in der Kathedrale St. John the Divine bei »Towering!!«, 19 kurzen Szenen, von Philippe Petit erdacht, dirigiert und ausgeführt, Musik von seinem Freund Sting – zum 50jährigen Andenken seines legendären Hochseillauf zwischen den Twin Towers des (nicht mehr existenten) World Trade Centers. Der Dokumentarfilm MAN ON WIRE (2008) und der 3-D-Spielfilm THE WALK (2015) sind dem gewidmet, siehe meinen Text »Der Wind der Schritte, der Atem des Seils«. Unter den Künstlern auch die Songwriterin Sophie Auster, deren Vater einst in einem Essay die Kunst des Artisten Philippe Petit als Himmelsschreiber rühmte – hier von mir damals anlässlich Petits Hochseillauf zum Frankfurter Stadtjubiläum für die FAZ übersetzt.

Im Mai räumt Michael Woodiwiss in »Organized Crime and American Power. A History« (University of Toronto Press, 464 Seiten) mit dem populären Bild organisierten Verbrechens als Importphänomen italienischer oder jüdischer Immigranten auf. Sein Buch beginnt 1789, mit der Gründung der Vereinigten Staaten, zeigt die Hausmacherqualität solcher Strukturen und wie konstituierend sie immer schon für das politische und ökonomische Gefüge gewesen sind. Woodiwiss konzentriert sich auf die kriminelle Energie weißer Rassisten, Südstaaten-Führer und Politiker, Business-Allianzen und Moralkampagnen gegen Alkohol, Glücksspiel, Drogen und Abtreibung. Erhellende Lektüre, gegen den Strich.

Immer wieder, zuverlässig, überrascht mich die University of Texas Press mit tollen Publikationen. Eine davon ist im November: »City of Wood. San Francisco and the Architecture oft he Redwood Lumber Industry« (360 Seiten, 63 Fotos, 25 Landkarten) von James Michael Buckley. Der kalifornische Goldrausch von 1849 befeuerte das Wachstum der »instant city« San Francisco, ihr Baustoff: die Redwood-Wälder der Goldküste. Buckleys Buch ist Architektur-, Stadt-, Arbeits-, Holzfäller-, Ökonomie- und Sozialgeschichte in einem, schöpft aus vielen Quellen, darunter historischen Zeitungsartikeln, Romanen und Fotografien. (Es gab dort auch einmal eine veritable australische Verbrecherkolonie, von David Whish-Wilson in »The Coves« lebendig gemacht, meine Besprechung bei uns hier.) Heute ähnelt das tasmanische Hobart mit seinen sich über viele Hügel ziehenden Holzhäusern noch am ehesten dem alten Frisco. Es ist meine Lieblingsstadt. Oben in der Elizabeth Street, im Open Air Kino auf dem Flachdach des »State Cinema« schweift der Blick über die ganze Bucht. Man muss dort sehr gute Filme zeigen, damit der Blick auf der Leinwand bleibt. Jetzt im Februar werde dieses Vergnügen haben.

Ebenfalls bei der University of Texas Press gibt es 2024 nach 70 Jahren eine (englische) Neuübersetzung des Klassikers »The Burning Plain« (El Llano en llamas) von Juan Rulfo durch Douglas J. Weatherford. Bei uns als »Der Llano in Flammen« bekannt, markieren die 17 lakonischen Geschichten einen Markstein der mexikanischen und lateinamerikanischen Literatur, sind so wichtig wie die Erzählungen Tschechows oder Faulkners.

2024 gibt es das Glück einmal ganz ungefiltert und voller herbstlichem Sonnenglanz. Am letzten Wochenende im Oktober sind wir beim Erntedankfest der Biowinzerin Eva Vollmer in Rheinhessen nahe Mainz. Ich hatte sie im Dokumentarfilm WEINWEIBLICH (von Christoph Koch, 2020, im Selbstverleih) kennengelernt als eine der vier dort porträtierten jungen Winzerinnen, die gerade den Betrieb ihrer Väter übernehmen. »Wendehammer«, »Botenstoff«, »Rebritter«, ”Dorn to be wild«, »Crazy Rabbit«, »Smoking Flamingo«, »Engelbengel«, »Evas Paradies« oder »Vorurteilskipper« tauft sie ihre Weine.

Einfach alles ist perfekt an diesen beiden goldenen Tagen. Mein Schwager Martin, begnadeter Hobby-Brotbäcker mit »Brotcast« und über 50 perfektionierten Rezepten, hat eigens einen Winzerfladen mit Bio-Zutaten von Evas Hof entwickelt. Das Mehl stammt vom Fuchsweizen, einer 200 Jahre alten Sorte, die Evas Mann Robert anbaut, dazu Walnüsse, Kräuter und Thymian aus dem Garten, Zwiebeln, Schmand. Gewaltiger Ansturm aufs Backhaus. Pause nur, wenn mit den Kindern gebacken wird. So viel Andacht beim Teigkneten und Brötchenformen habe ich noch nicht erlebt. An beiden Tagen gibt es Live-Blasmusik, einmal mit der Werkskapelle von Schott/ Mainz, wo zum Beispiel die Glaskeramik für das größte Spiegel-Teleskop der Welt herkommt. Ich denke, das Gesicht kenne ich doch, und tatsächlich, als hätte sie noch nicht genug vom Festorganisieren, spielt Eva Vollmer im Orchester volle Kanne Tenorhorn. Viele schöne Stücke dabei, Chicagos »25 or 6 to 4« bläst mich weg…

Als Teil der Biennale gab es von April bis November 2024 im Istituto Santa Maria della Pietà in Venedig die erste europäische Ausstellung der legendären »Portraits in Life and Death« des underground-Fotografen Peter Hujar zu sehen. In seiner einzigen Publikation zu Lebzeiten kombinierte er darin 1976 seine Aufnahmen der Mumien aus den Katakomben Palermos mit Porträts der demi-monde New Yorks, unter anderem von William Burroughs, Fran Lebowitz, John Waters oder Susan Sontag, die damals das Vorwort beisteuerte. »Photography . . . converts the whole world into a cemetery. Photographers, connoisseurs of beauty, are also—wittingly or unwittingly—the recording-angels of death«, schreibt sie darin. Der Verlag WW Norton hat das Buch nun neu aufgelegt. Hujar wuchs bei seinen ukrainischen Großeltern in New Jersey auf. Andy Warhol, der Probeaufnahmen von ihm machte, nannte ihn „Der Junge, der nie blinzelte“. Er selbst sagte über seine Arbeit: »When people talk about me, I want them to be whispering.« Seine Fotografien blicken hinter die Haut, haben etwas der Schwerkraft Entflohenes.

Métis- und Ukraine-Wurzeln hat der kanadische Autor Conor Kerr, dessen Roman »Prairie Edge« (University of Minnesota Press, 2024) mich packte. Zwei Métis-Cousins (unvergessen immer noch die nie übersetzten Gabriel-du-Pré-Kriminalromane von Peter Bowen) entführen Bisons aus einem Nationalpark und lassen sie in der Provinz-Hauptstadt Alberta frei, was sich zu einem ebenso witzig-sarkastischen wie tragischen und brutalen Thriller entwickelt.

»Polizeiruf«, ARD 21.04. 24, aus Halle »Der Dicke liebt«, Buch Clemens Meyer und… Hauptrolle Peter Kurth, und Peter Schneider  — Regisseur Thomas Stuber zusammen. Sascha Nathan ist der Lehrer Krein. Der Ursprung von „Der Dicke liebt“ war eine Erzählung aus Meyers Story-Band »Die Nacht, die Lichter«. Ihr erster gemeinsamer Film war das Boxerdrama HERBERT von 2015, drei Jahre später folgte das vielfach ausgezeichnete Drama IN DEN GÄNGEN. Auch für einen «Tatort«, die Western-Hommage »Angriff auf Wache 08«, haben die drei schon mal zusammengearbeitet. Ihr »Polizeiruf« nun: Als wäre aller normaler Fernsehkram ausgelöscht. Als wisse man jetzt auf einmal, wie man erzählt, wie ein Fernsehkrimi seinen Ton und seinen Rhythmus findet… als wäre man plötzlich auf die richtige Ton- und Erzählspur gerutscht. Und es klingt großartig. Normal. Ehrlich. Echt. Fern jeder Künstlichkeit. Obwohl alles Form ist und gewollte Gestalt. Weit weg von all dem aber, was Konvention geworden. Am Ende liegt der Song »Summertime« über einem Fenstersprung vor einem Mob und einem Gefängnisbesuch.

Ein Buch nicht nur für meinen Freund Georg Seeßlen, und ebenfalls wieder aus Texas, »Redrawing the Western. A History of American Comics and the Mythic West« von William Grady (University of Texas Press, 2024). Eine Geschichte des Western-Genres in amerikanischen Comics von 1870 bis in die 1970er und darüber hinaus, Interaktion mit Populärkultur und Zeitgeschichte inklusive. Im politischen Verständnis der Welt sind wir noch nicht viel weiter, das gute alte Duell und andere Holzschnitte feiern gerade wieder Urstände.

Erfrischend, wie jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Western in einem Buch wie Robert Zions »Auf dem Pfad der Verlorenen. Der Noir Western 1943 – 1971« kulminiert. Mein Interview mit Robert Zion hier, ebenso zwei Textauszüge. Spannend, überraschend lebendig und vielfältig: die Buchpremiere »Die Filmkritik. Eine Zeitschrift und die Medien« (edition text+kritik) im Berliner Kino Arsenal, zehn Autorinnen und Autoren anwesend, sie alle stellen je ihr Porträt im Buch vor. Ich hatte zur Filmarbeit von Wolf-Eckart Bühler (WEB) geschrieben, Titel: »Dabeisein heißt gehorchen«. Wunderbarer Plausch danach mit Erika Gregor.

Ein weiteres Filmbuch, das mir aus dem Jahr geblieben ist: »Joan Crawford in Film Noir: The Actress as Auteur« (McFarland, 226 Seiten, 29 Fotos) von David Meuel. Die Noir-Filme dieser Schauspielerin – darunter MILDRED PIERCE (1945, nach James M. Cain), POSSESSED (1947), THE DAMNED DON’T CRY (1950), THIS WOMAN IS DANGEROUS (1952) oder SUDDEN FEAR (1952) – gehören zu ihren besten Arbeiten. Alles andere als konventionelle Werke, wurden sie in ihrer Gesamtheit noch nie so dargestellt. Jedem von ihnen drückte Crawford ihren persönlichen Stempel auf. Es ergibt sich eine beeindruckende Schauspielerinnen-Biografie. Die Einzelkapitel haben je ein Filmzitat als Überschrift: »Your filthy souls are too evil for Hell itself« etwa, aus AUTUMN LEAVES (1956), oder »The world belongs to the devil« (A WOMAN’S FACE, 1941).

Nicht nur weil ich einmal eine restaurierte Technicolor-Fassung von SHE WORE A YELLOW RIBBON (DER TEUFELSHAUPTMANN) bei der Berlinale gesehen oder weil ich mit Wolf-Eckart Bühler befreundet war, der in der »Filmkritik« die Standarte hochhielt, John Fords Kavalerie-Western gehören zum Kanon der Filmgeschichte. Im März 2024 erschien bei TwoDot, reich illustriert und neu betrachtet, »The Cavalry Trilogy: John Ford, John Wayne, and the Making of Three Classic Westerns« von Michael Blake.

Auf immer in meine Netzhaut gebrannt wie eine Ansel-Adams-Fotografie haben sich die Gewitteraufnahmen aus dem Monument Valley, zu denen Ford seinen Kameramann Winton C. Hoch zwingen musste, der dann dafür einen Ocar erhielt. Im September erwischte ich zufällig den Ford-Klassiker THE IRON HORSE im Babylon-Kino in Berlin, frisch restaurierte Kopie, ein Stummfilmpianist eigens aus London eingeflogen: amerikanisches Pathos bis zum Anschlag, rassistischer Alltag gegen Fremdarbeiter in nuce, atemberaubende Faustkämpfe und Verfolgungsjagden, Eisenbahnbau auf Breitwand.

Schmalere Spur, aber ebenso ikonografisch ist »Winnetou 1. Teil. Das Drehbuch und sein Weg auf die Leinwand. Alles über den Kult-Film nach dem Roman von Karl May«, ein Bildband aus dem Karl-May-Verlag mit vielen Filmszenen, Fotos von den Schauplätzen, dem vollständigen Drehbuch samt entfallener Szenen und viel Hintergrundmaterial aus dem Archiv der Rialto Film GmbH (Großformat, 643 Abbildungen, 416 Seiten). Die Indianer-Abenteuer mit Pierre Brice und Lex Barker in den Hauptrollen lockten in den 1960/70er-Jahren über 40 Millionen Karl-May-Fans in die Kinos, WINNETOU 1. TEIL aus dem Jahr 1963 ist einer der erfolgreichsten Filme der deutschen Kinogeschichte.

799 US-Dollar kostet die monumentale Jubiläumsbox »CC40«, mit der das Qualitätslabel Criterion im November sein 40jähriges Bestehen feiert. 40 Filme, viele Extras, alles Deluxe, unglaublich ausgestattet, eine Feier des Autorenfilms. Kostenlos dagegen das Vergnügen, mit einer großen Schar von Filmemachern und Schauspielerinnen und Schauspielern in der Criterion-Videoserie »Closet Picks« zu stöbern und sich Anregungen zu holen – etwa von Viggo Mortensen, Johnny To, Ethan Hawke, Willem Dafoe, Cate Blanchet, William Friedkin, Nuri Bilge, Park Chan-Wook, Claire Denis, Marco Bellocchio, Jerzy Skolimowski, Laurie Anderson, Mike Leigh, Nicolas Winding Refn, Volker Schlöndorff, Slavoj Žižek, Udo Kier oder Christian Petzold. Welch eine phantastische Fundgrube.

Als Paperback und damit erschwinglich liegt im November »The Lumumba Plot« vor, »The Secret History of the CIA and a Cold War Assassination«, die große Studie von Stuart A. Reid (Vintage/ Penguin Random House, 656 Seiten). 1960 erlangte der Kongo als eines von 17 afrikanischen Ländern unter dem charismatischen Premier Patrice Lumumba die Unabhängigkeit von europäischer Kolonialherrschaft. Nur wenige Tage später meuterte die kongolesische Armee, belgische Streitkräfte intervenierten. Lumumba rief die UN um Hilfe an, deren Generalsekretär Dag Hammarskjöld machte sich zur Friedensmission auf, wurde aber ausgebremst. Frustriert wandte Lumumba sich an die Sowjetunion, das ließ bei der CIA die Alarmglocken schrillen. Um den Kommunismus in Afrika zu stoppen, musste Lumumba beseitigt werden – was binnen eines Jahres auch geschah. Hammarskjöld kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, den Kongo übernahm ein ehrgeiziger Offizier namens Joseph Mobuta mit Hilfe der USA, blieb mehr als drei Jahrzehnte an die Macht, plünderte das Land. Der Coup wurde zum Drehbuch für künftige Interventionen.

Noch unglaublicher fast der Dokumentarfilm SOUNDTRACK TO A COUP d’ETAT (Belgien, Frankreich, Niederlande, 2024) des belgischen Filmemachers Johan Grimonprez. Er zeigt 150 spannende Essay-Minuten lang, wie Jazz als imperialistisches Instrument im Kalten Krieg eingesetzt wurde und wie er gleichzeitig Protest war, dies in einer rasanten Montage von Archivmaterial und Musik. Mit dabei: Louis Armstrong, Nina Simone, Duke Elligton, Dizzy Gillespie, Nikita Krutschev, Eisenhower, Fidel Castro. Nur ein Detail: Im Februar 1961 crashten die Sängerin Abbey Lincoln und der Trommler Max Roach den UN-Sicherheitsrat, um zusammen mit 60 Demonstranten gegen die Ermordung Lumumbas zu protestieren. Sie schlugen wild auf die Bänke, was Sowjet-Premier Krutschev vorne am Rednerpult aufnahm – die westlichen Diplomaten:  konsterniert (siehe den Filmtrailer). Jazz und Dekolonisation, all die Farben und Formen der Wahrheit, verwoben in einer vergessenen Episode des kalten Krieges. Ab 6. Februar 2025 in unseren Kinos, manchen zumindest (Verleih Grandfilm).


18 Jahre brauchte es, bis die gigantische Biographie »Pancho Villa. a revolutionary life« von Paco Ignacio Taibo II jetzt ins Englische übersetzt erscheinen konnte (Seven Stories Press, 984 Seiten/ ). Ein wahnwitziger Ritt, auch fabulatorisch, »Una Biografia Narrativa« lautete der Original-Untertitel (Planeta, 2006). Ein Fest der Maßlosigkeit und die Gegenmedizin zur akademischen Studie des Experten Friedrich Katz (Stanford University Press, 1998, 1004 Seiten). Bei uns wird das Buch wohl nie erscheinen, es sei denn es finden sich Wahnsinnige wie die von der Assoziation A.

Wahnsinnig auch, wie das letzte Mammutprojekt von William T. Vollmann (mein Porträt von ihm hier) – »No Immediate Danger«, 602 Seiten, und »No Good Alternative«, 667 Seiten, Band I und II seiner »Carbon Ideologies« von 2018 – jetzt seinen Weg zu uns findet. Nämlich mit deutlich einer Schippe aufgelegt gegenüber der US-Ausgabe: erst einmal »nur« die Abbildungen der beiden Bände als großformatiger Bildband »Ideologien des Brennstoffzeitalters«, stark erweitert mit bisher nicht veröffentlichten Fotos, die bei Vollmanns Recherche-Reisen entstanden. Alles auf bestem Papier gedruckt, Schweizer Broschur mit offener Fadenheftung, 468 Seiten, herausgegeben von Florian Havemann und Robert Hasselbacher und in ihrem Berliner Verlag Freunde & Friends erschienen. Suhrkamp, wo William T. Vollmann bisher verlegt wurde, hätte sich das nie im Leben getraut. Eine Besprechung dieses irren Bandes hier nebenan, Sie lernen dort auch das Wort »Petromaskulinität« – von der Regierung Trump (und bei uns Merz) bald wieder zu vollem Leben erweckt.

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Sergio Leone, der nicht Englisch sprach, sagte über den Briten Christopher Frayling einmal: »It took an Englishman to take my films seriously«. Frayling ist die führende Autorität in Sachen Leone, sein Band »Once Upon a Time in the West: Shooting a Masterpiece« (Reel Art Press,) von 2019 wird mit 320 bis 580 Euro gehandelt. Ebenfalls bei RAP erschien jetzt im November von ihm »Sergio Leone by himself«, wo erstmals Interviews mit dem Filmemacher, dessen Artikel und Essays sowie viele unveröffentlichte Fotos, Materialien und Plakate aus dem in der Cineteca in Bologna beheimateten Leone-Archiv zusammengeführt sind. So viel authentischer Leone war noch nie. Darüber hinaus hat der Verlag sozusagen eine neue Art Filmbuch entwickelt, sehr visuell definiert.

Vom Prachtstück des Verlags durfte ich eines der beiden Messe-Exemplare mit nach Hause tragen: »1001 Movie Posters. Designs of the Times« (RAP, 642 Seiten). Filmplakate, sagte Federico Fellini, seien wie populäre Songs, »sie tragen dich zu bestimmten Momenten deines Lebens zurück und verhindern, dass du sie verlierst. Sie transportieren dich nicht nur zu einem einzelnen Film, sondern auch zu dessen Umfeld, dessen Atmosphäre und zum Gefühl einer ganzen Ära«. Tausenundein Mal kann man das in diesem großartigen Wälzer erleben.

Tausendundeins, das ist die sozusagen freundliche Variante dessen, womit wir unentwegt überschüttet werden. Die große Zersplitterung. Das betrifft den Mainstream ebenso wie’s Art House. Es gibt von allem zu viel und die Verständigung darüber wird zum Glücksspiel. Wir reden, schreiben, empfehlen und kommunizieren aneinander vorbei. Ein Zufall, wenn sich Interessen noch einmal irgendwo berühren und es so etwas wie Verständigung über eine gemeinsame Sache gibt. Aber bis mir die Finger abfallen, werde ich hier das Meine tun, solche Begegnungen zu ermöglichen.

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Ein paar Details aus unser aller medialen Heimatlosigkeit:

Alleine beim 77. Filmfestival in Locarno (7. bis 17. August 2024), einem eher kleinen Festival, laufen insgesamt 225 Filme, davon 104 als Weltpremieren. Wer soll das dort alles sehen, 22,5 Filme pro Tag, und wie schafft man es, auch nur fünf Prozent davon, also elf Filme, irgendwo später irgendwo wieder anzutreffen?

Das Kino macht in Deutschland nur noch 23 Prozent der Filmumsätze aus, DVD/BluRay noch 7,2 Prozent. Der Rest ist – individuelles – Streaming, Video-on-Demand oder EST-Angebot (Electronic-Sell-Through), also das digitale Kaufen von Filmen, das alleine bereits so viel Geld wie die Hälfte der Kinoumsätze einspielt. Die gemeinsame Seh-Erfahrung verschwindet, ebenso die Möglichkeit zum Austausch darüber.

Im Sommer 2024 schließen die deutsche Leonine und die französische Mediawan sich zu einem der führenden Studios Europas zusammen, haben nun eine Präsenz in 13 Ländern, mit 85 Labels und einen Katalog von rund 30.000 Stunden an Premium-Inhalten und mehr als einer Milliarde Euro Umsatz.

Währenddessen ringt das englischsprachige Online-Magazin CrimeReads – in vieler Hinsicht unser Pendant; Nick Kolakowski und Andrew Nette sind auch dort Autoren – darum, bis zum Jahresende wenigstens 1.000 (in Worten tausend) zahlende Abonennten zu erreichen. Die einzige in Deutschland noch erscheinende Filmzeitschrift epd Film (monatlich, Jahresabo 84 Euro) existiert mit viel Selbstausbeutung der Autoren unterhalb der Schallmauer von 5.000 Abonnenten. So viel zur Gemeinsamkeit der Wahrnehmung. Wir alle sind zersplittert. Natürlich auch dieser Rückblick.

Gilt in toto für Film, Streaming und Literatur. Oder für Literaturpreise und Bestenlisten. Beim Deutschen Krimipreis 2024 kommen nur 5 der insgesamt 64 bewerteten Bücher auf je mehr als 10 Wertungspunkte. Jedes Jurymitglied hat davon 12 zu vergeben und benennt 6 Preiskandidaten, 3 national und 3 international. So kommen bei 23 Stimmberechtigten dieses Mal 64 Kriminalromane zusammen, die allermeisten mit geradezu mickrigen Punktzahlen. Knapp die Hälfte der 64 Bücher bekommt nur von einem der Wertenden eine Stimme. Die Streuung ist einfach zu groß.

Aus anderen Jurys und Fördergremien kenne ich wegen solcher Phänomene mehre Abstimmungsrunden mit sich ständig verschärfenden Quoren: Mindestens 5 Stimmberechtige sind in der ersten Runde für einen Kandidaten notwendig, um in der Endauswahl zu bleiben, in der nächsten Runde 7 und ggf. wird weitergesiebt, bis zwischen einem überschaubaren Feld von Preiskandidaten abgestimmt werden kann.

Bei der Jahres-Krimibestenliste 2024 schaffen es 29 Bücher in die Endwertung. Nur 3 von ihnen finden (bei 17 Juroren) 5 oder mehr Jurymitglieder, die für sie stimmen. 13 der 29 Bücher erhalten nur von einem einzigen Jurymitglied eine Stimme, 2 von zweien. Auch hier Die Große Zersplitterung.

Umso zielführender ist es, mich bei einem fünftägigen Besuch von Andrew Nette aus Melbourne über 1001 Sachen auszutauschen. Er legt in 2024 eine Geschichte der australischen Pulps vor (»Horwitz Publications, Pulp Fiction and the Rise of the Australian Paperback«), sowie zusammen mit der New Yorker Filmkritikerin Samm Deighan den Wahnsinnsband «Revolution in 35mm: Political Violence and Resistance in Cinema from the Arthouse to the Grindhouse, 1960–1990« (PM Press, Binghamton, NY). Meine Besprechung bald hier nebenan.

Andrew und ich reisen unter anderem zum KZ Dachau. Vom Bahnhof aus fährt dort der Bus fünf Stationen quer durch die Stadt bis zur Gedenkstätte, zu Fuß wären es mehr als 30 Minuten. »Wie kann da jemand sagen, er hätte nichts davon gewusst, er habe nichts mitbekommen?«, wundert sich Andrew. Und mit meinem Vater, Ende November mit 104 gestorben, Wehrmachtssoldat, hätte ich gerne noch über das nach 50 Jahren erstmals auf Deutsch vorliegende Zeitzeugen-Buch »Feuerdörfer. Wehrmachtsverbrechen in Belarus« (Aufbau Verlag) geredet. Es hat nicht mehr gereicht.

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Aller dräuenden Unbill zum Trotze: Für 2025 wünsche ich mir und Ihnen eine große Portion Unverdrossenheit. Wer heute noch nicht gelächelt hat, schaue, hier im Rückblick von Christian Y. Schmidt ebenfalls empfohlen, Father John Misty Allem dräuenden Unbill zum Trotze: Für 2025 wünsche ich mir und Ihnen eine große Portion Unverdrossenheit. Wer heute noch nicht gelächelt hat, schaue, hier im Rückblick von Christian Y. Schmidt ebenfalls empfohlen, Father John Misty mit »Real Love Baby«, höre sein »Mahashmashana« – oder passend zu unserem Thema, »I Guess Time Just Makes Fools of Us All« …

Alf Mayer ist Co-Herausgeber und CvD von CrimeMag, CulturMag oder wie immer Sie uns nennen wollen. Eisernes Ziel, seit 2018 durchgehalten: immer zum Ersten des Monats ein neues Magazin. In 2024 hatte das jeweils 35 bis 40 Beiträge. Februar bis April 2025 mag das nun ein wenig stocken, Tasmanien und Neuseeland sind weit down under.Mit Frank Göhre hat er je ein Buch über Ed McBain und Elmore Leonard gemacht, hat die vier Crissa-Stone-Romane von Wallace Stroby übersetzt (bei Pendragon), bei Polar Young God von Katherine Faw und Flucht von Benjamin Whitmer. Im Frankfurter „strandgut“ schreibt er seit 1984 eine Krimikolumne. – Seine Texte bei uns hier.