Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024, News

Alf Mayer: Frank und seine Filmarbeit – Ein Überblick

Die Redezeit des Festabends ließ nur einen schnellen Abriss zu, aber auch Alf Mayer – der mit Frank Göhre schon viel über Filme geredet hat – war erstaunt, wie umfangreich dessen Arbeit für Kino und Fernsehen sich bei näherer Betrachtung darstellt. Diese Geschichte ist noch nicht geschrieben. Hier aber wird der Anfang gemacht. Weitere Details siehe auch in der Göhre-Filmografie hier in dieser Ausgabe nebenan.

Ich hatte einen Freund in München, der ist mit drei Filmen in die Filmgeschichte eingegangen. So betrachtet ist es wirklich Zeit, dass wir Frank Göhre auch als Filmemacher titulieren und wahrnehmen. Willkommen beim Film, lieber Frank.

Dieser Teil von Franks Geschichte ist noch nicht ganz geschrieben. Im Bücherregal steht sie etwas hinter seinen Romanen versteckt. Aber unterm Strich ist das ziemlich gleichwertig. Ich würde sogar sagen: Ohne das Kino und ohne Franks Liebe zum Film und zu Filmfiguren und Filmdialogen gäbe es den Schriftsteller Frank Göhre gar nicht. Heute sagen ja alle, dass seine Romane „filmisch“ sind. Frank war das schon immer.

Es gibt übrigens auch eine Hörspiel-Subgeschichte bei Frank. Auch wichtig, weil das seine O-Ton-Schule war. Das erzählen wir dann aber zum 90. Jetzt sind wir beim Film. Vorhin haben wir Filmausschnitte gesehen, dabei auch, wie Frank vor einer Kirche Dichtkunst verteilt. War seine eigene. EINER SPINNT IMMER hieß der Kurzfilm, von 1969, Frank war beim Buch und als Darsteller dabei. Und schon da war es ziemlich dokumentarisch und Milieu. FÜR WEN MACHT EIN MÄDCHEN SICH SCHÖN hieß ein anderer Kurzfilm von 1973. Buch: Frank Göhre.

Gleich für den ersten Roman – es war „Schnelles Geld“, Weissmann Verlag 1979 – gab es einen Anruf aus Hollywood. Na ja, von jemand, der unbedingt nach Hollywood wollte, und das dann aber auch geschafft hat. Das war Carl Schenkel. Frank musste ihm leider sagen, dass er der Roman schon verfilmt werde. Schenkel wollte trotzdem mit ihm arbeiten. Zusammen schrieben sie das daraufhin das Drehbuch für ABWÄRTS. Frank entwickelte die Personen – erst waren es sieben, letztlich dann vier – und schrieb die Dialoge. Überarbeitete sie bei den Dreharbeiten in München, bei denen er mit eigenem Zimmer, Schreibtisch und Autorenschild an der Tür bis kurz vor Schluss dabei war. Er bekam nämlich den Auftrag der Produktion, für den Heyne-Verlag den Roman zum Film zu schreiben, was er dann in Hamburg tat. 

Sie wissen, was insgesamt daraus wurde: Ein Granatenerfolg – nachdem Götz George einen Auftritt im ZDF bei „Wetten daß…“ hatte.

Und subkutan, oder wie auch immer, war auch schon Kiez im Anflug. Carl Schenkel, mit dem Frank sich sehr gut verstand, begann sein Filmhandwerk zwar als Regieassistent bei Wolfgang Staudte in Berlin, aber ging dann nach in München zu Sigi Rothemund und Harald Reinl und Hubert Frank, war Regieassistent beim deutschen Sexploitationfilm DAS TEUFELSCAMP DER VERLORENEN FRAUEN, Second-unit-Director bei DAS ASS DER ASSE mit Jean-Paul Belmondo. Regiedebüt als Carlo Ombra mit GRAF DRACULA (BEISST JETZT) IN OBERBAYERN.

Und dann eben ABWÄRTS. Am meisten Angst hatten Göhre und Schenkel, den renommierten Theaterschauspieler Wolfgang Kieling zu fragen, ob er die Rolle wolle. Kaum Dialog. Der aber sagte: „Ich habe Ihr Buch gelesen. Es ist großartig. Da bin ich gern dabei.“

Im Jahr der Drehbucharbeit an ABWÄRTS, 1983, erschien bei Rowohlt Panther „Im Palast der Träume. Kinogeschichten“. Frank lässt darin leidenschaftliche Kinogänger ihre Filme und Kinoerlebnisse erzählen. „Ein Film aus Worten, eine farbige Collage über die Lust, ins Kino zu gehen“, versprach der Klappentext. Und das stimmte.

Welterfolg, Bundesfilmpreis für Götz George. Viel Lametta und Flocken, aber Frank wird für ein paar Monate Hausmeister auf Ibiza. Beginnt eine Drehbuchzusammenarbeit mit Monika Treut. Das Projekt heißt ST. PAULI GIRL. Späterer Filmtitel: DIE JUNGFRAUENMASCHINE. Der katholische „Filmdienst“ schreibt: „Wir raten ab.“ An solche Urteile wird Frank sich gewöhnen.

AUF EIGENE FAUST heißt sein erstes unverfilmt gebliebenes Drehbuch. Im Lauf der Jahre wird es ein dreckiges buntes tolles Dutzend Unvollendeter. Dazu an die 30 Treatments, die irgendwo hängen blieben. BE MY BABY heißt das nächste Drehbuch, das nie die Leinwand sieht. Zusammen mit Gisella Stelly entstanden, und hey, in Saint Tropez. (Im Haus von Rudolf Augstein, in direkter Nachbarschaft mit Brigit Bardot.)

1988, im gleichen Jahr, ist Frank im Glaser-Archiv in Zürich, in der Jury der Hamburger Filmförderung, und schreibt ein Drehbuch von Friedhelm Werremeier zum Roman um: PETER STROHM. AGENT FÜR SONDERFÄLLE. Und er schreibt einen Schimanski-Tatort: EINZELHAFT. Regie führt Theodor Kotulla, ein sehr interessanter Regisseur. Er hat Götz George 1977 in AUS EINEM DEUTSCHEN LEBEN ins Erwachsenenleben gebracht, indem er ihn überzeugen konnte, den KZ-Kommandanten Rudolf Höß zu spielen. 1994/95 arbeiten Göhre und Kotulla noch einmal zusammen, beim Bergarbeiter-Drama TOT AUF HALDE. 

Aber wir müssen in den Schnelldurchlauf. „Guckkästen mit schmutzigen Bildern“ heißt 1990 Franks Nachwort für Jerry Osters Noir-Roman „Saint Mike“. Mit Horst Königstein schreibt Frank den Kinofilm HARD DAYS, HARD NIGHTS. Mit Ulrich Waller und Matthias Beltz beginnt er die Arbeit an der Fernseh-Soap SCHAMLOS für NDR 3. Es werden zehn Folgen in den nächsten Jahren und dann nochmal sechs oder acht. Es gibt auch eine SOAP- und Comedy-Geschichte von Frank Göhre. »Eine Hardcore-Version der ›Lindenstraße‹« sei die Soap SCHAMLOS, findet die Hamburger Morgenpost.

„Jeden Abend Miami Vice“ heißt ein Text von 1992. Im gleichen Jahr Exposé für eine Fernsehfilmreihe mit Hardy Krüger: DER AFRIKANER. JÄGER DER SCHATTEN. Nicht realisiert, SAT 1. Mit Christoph Schlingensief und Ulrich Waller entsteht ein Konzept für eine Fernsehserie, DER UNTERGANG DES HAUSES KROPP. Für RTL und Filmpool eine Serienbibel und das Buch für einen Pilotfilm: BIG CITY – die Kiez-Trilogie als Zwölfteiler. (Aber: Schublade. Das war eben noch vor der heutige Serien-Sucht.) Das „Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt“ bringt den Text „Mein Nachruf. Zu Lebezeiten.“

Nichts da. 1993 erst mal „St. Pauli Nacht. Stories“ bei Rowohlt. Dazu fünf – in Worten fünf – nicht realisierte Film- und Fernsehideen. Aber auch das Buch zum Fernsehspiel STUNDE DER FÜCHSE. Mit Rainer Berg und zusammen mit Klaus Lemke der Kinofilm DIE RATTE: ein 15jähriger bei seinem bewunderten älteren Bruder im Hamburger Rotlichtmilieu. Der katholische Filmdienst: „Gute Darsteller und hervorragende Kameraführung. Die nüchtern-wertfreie Schilderung sinkt streckenweise auf das Niveau deutscher Sex-Klamotten ab. Wir raten ab.“

1994 drei Exposés für Fernsehserien, eine heißt HOTELSCHNÜFFLER, für Ulrich Tukur als Protagonist, ebenso wenig realisiert wie sieben Filmtreatments/ Drehbücher. Eins davon über DAGOBERT, dabei auch ein Palü-Tatort Saarbrücken, zusammen mit Hans Blumenberg entwickelt.

SCHNEE VON GESTERN heißt 1997 eine der nächsten Beerdigungen. Dann gibt es den Deutschen Drehbuchpreis für ST. PAULI NACHT. Bumm. Carl Schenkel will das Buch verfilmen, und nimmt privat die Option, die er dann später an Hager & Moss verkauft. Der Stoff ist heiß. Lars Becker, Dominik Graf, Rainer Kaufmann, jede Menge Regisseure sind ran. Jeder will etwas anderes. Frank schreibt neun Fassungen. Sönke Wortmann nimmt dann die vierte.

Im Januar 2000 gibt es eine Grimme-Preis-Nominierung für „Horst Königstein, Ulrich Waller und Frank Göhre und das gesamte Team für das Gesamtkonzept des HEIMATABEND“. Bis Natalia Wörner und anderen Ablegern (zum Beispiel DIE WHISTLEBLOWERIN) dauert es, dass – natürlich ohne Franks Erwähnung – ein Konzept von 2001 für eine Filmreihe Gestalt nimmt: Damaliger Titel DER BEAUFTRAGTE. Porträt eines Mannes aus dem Krisenstab des Auswärtigen Amtes. Armin Rohde war dafür einst vorgesehen.

Viele Namen. Noch viele Geschichten, die es zu erzählen gibt. Matthias Beltz, Klaus Löwitsch, Thomas Kretschmann (bevor man ihn in Hollywood entdeckte), der junge Hannes Jaenicke, Friedhelm Werremeier, Klaus Lemke, Bernd Schadewald, Nico Hoffmann, Sönke Wortmann, Matti Geschonek, Thorsten Näther. Und Iris Berben, Martina Gedeck.

Zählen wir zusammen (alles Mindestangaben und nicht vollständig): 3 Kurzfilme, 5 Kinofilme, 8 TV-Krimis, 10 TV-Serien, 2 Dokus, fast 20 Soaps und Comedy-Sketche, viel Großstadtrevier, zweimal Tatort, einige Roman-Verfilmungen – „Was schert den Zuschauer Realität, wenn er so gut unterhalten wird wie in diesem Film“, schreibt der Spiegel 2011 zu EINE NACHT IM GRANDHOTEL (eine von Franks letzten Filmarbeiten, für die der Hoteldetektiv wieder aufersteht, siehe oben).

Und dazu kommt: Frank Göhre war immer auch ein Filmkritiker. Unheimlich viele gute Texte. Bei unseren Ed McBain- und Elmore Leonard-Büchern war es immer eine große Freude, mit ihm über Filme zu reden. Elmore Leonard in Hollywood, das hat Frank gefallen. 

Zwei auf Hamburg bezogene Filmtext-Sammlungen gibt es bei CulturBooks: „Die Härte, der Reichtum und die Weite“ und „Du fährst nach Hamburg, ich schwör´s dir. Ein Heimatfilm“. 

Tja, und dann wurde er sogar noch Filmregisseur: ZEIGEN WAS MAN LIEBT, zusammen mit Borwin Richter und Torsten Stegmann. Die sogenannte Neue Münchner Gruppe (1962 – 1973). Rudolf Thome, Klaus Lemke, Werner Enke, Max Zihlmann und May Spils gehörten dazu. Der junge deutsche Film einmal wunderbar wild und lässig. May Spils war übrigens die erste deutsche Regisseurin seit Leni Riefenstahl. Und vor es Uschi Obermeier gab, war Iris Berben. Das lernt man hier auch. Ich habe damals geschrieben: „Nach diesem Film fühlt man sich – egal, wie alt man ist – für eine ziemliche Weile ziemlich verdammt jung. Und lässig. Und cool.“

Danke Frank. Du Film-Mensch.

PS. Frank ist übrigens auch ein toller Cutter. Meisterklasse. In einer Liga mit Elmar Podlasly, der als Schnittmeister mit souveräner Materialbewältigung ZEIGEN WAS MAN LIEBT in Form gebracht hat. Frank kann das mit Texten: 55 Romane und 20 Filme im Ed McBain-Buch – auf 292 Seiten. 44 Romane, 20 Drehbücher und 20 Filme in unserem Buch über Elmore Leonard auf 238 Seiten.

Und in „Seelenverwandschaften“ (Pendragon, 2009) gibt es Texte von Frank zum Entstehen von ABWÄRTS und zu ST. PAULI NACHT. 

Alf Mayer – seine Texte bei uns hier.

Rede, gehalten bei der St. Pauli-Nacht mit und für Frank Göhre am 25. Januar 2024 im Nochtspeicher, Hamburg. Siehe hier nebenan auch die Filmografie Frank Göhre sowie die Reden von Simone Buchholz, Kultursenator Dr. Carsten Brosda und Friedrich Ani.

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