Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Carsten Brosda: Rede Frank Göhre zum 80. Geburtstag

Grußwort von Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, zur Verleihung der Senator-Biermann-Ratjen-Medaille an den Kriminalschriftsteller Frank Göhre.

(AM) Natürlich kann man einen großflächig beworbenen Jubiläumsabend im Hamburger Nochtspeicher (am südlichen Rand der Reeperbahn) vor jemand wie Frank Göhre im Vorfeld nicht verbergen. Die CulturBuch-Verleger Zoë Beck und Jan Carsten hatten zur Feier des 80. Geburtstags – unsere CrimeMag-Laudatio von Sonja Hartl hier – Weggefährten, Kritiker, Autorinnen und Autoren wie Friedrich Ani, Simone Buchholz, Michael Friederici, Tobias Gohlis, Alf Mayer und Kirsten Reimers als Redner eingeladen. Marcus Müntefering glänzte als Moderator und der Schauspieler Michael Weber brachte Textpassagen von Frank Göhre zu einem unglaublich pulsierenden Leben. Man war versucht, zu sagen, so gut habe man Göhre noch nie gehört/ gelesen.

Frank Göhre und Dr. Carsten Brosda

Für die Überraschung des Abends aber sorgte Dr. Carsten Brosda, der Hamburger Senator für Kultur und Medien. Er hielt nicht nur eine überaus empathische und informierte Rede auf den Jubilar – die wir hier mit freundlicher Erlaubnis wiedergeben –, er überraschte Publikum wie Jubilar mit der Verleihung der Senator-Biermann-Ratjen-Medaille.

Sie ist die höchste vom Hamburger Senat zu vergebende Ehrung „für künstlerische oder andere kulturelle Leistungen, die das kulturelle Erscheinungsbild oder den Charakter der Stadt in besonderer Weise hervortreten lassen“. Frank Göhre erhält sie als „Chronist eines anderen Hamburg“, so der Senator. Sie wird seit 1978 vergeben. Zu den ersten Preisträgern zählte der Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Den hatte Frank Göhre als junger Schriftsteller in den späten 1970ern in der Lüneburger Heide kennengelernt. Das bedeutete dann: Offene Türen im Verlag, Vertrag schon vorbereitet. Es sollten gleich drei Romane werden. Worüber er denn schreibe wolle, fragte Lektor Richard K. Flesh ihn. Am Vorbild Glauser orientiert, antwortete Göhre, über einfache Leute und Polizisten in der Heide. „Wir sind Rowohlt“, machte Flesh ihm klar. „Wir verlegen Romane, die in New York, Paris oder London spielen. Nicht in der Heide. Schreiben Sie über Hamburg.“ – So wurde Frank Göhre Hamburger. Den Rest kennen wir im Umriss.

Kultursenator Carsten Brosda. Foto: Marcelo Hernandez

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Sehr geehrter Herr Göhre,
liebe Frank-Göhre-Fangemeinde,
liebe Gäste,

„Groß ist er, schwarzhaarig. 
Ein offenes, kontaktfreudiges Gesicht.
Eine legere Art, die Dinge zu betrachten. Das Hemd bis zum vierten Knopf überm Bauchnabel aufgeknöpft. Wie alt ist dieser Frank Göhre eigentlich? Ich erinnere mich, in den biographischen Unterlagen etwas von einem Geburtsdatum 1943 gelesen zu haben. Demnach steuert er schon gefährlich hart auf die Vierzig zu, und das in einer Zeit, in der man schon jedem über Dreißig nicht mehr trauen soll.“

Das Internet, lieber Frank Göhre, vergisst nichts. Zum Glück vergisst es nichts, sonst wäre uns diese Trouvaille aus dem Jahr 1981 entgangen. Sie ist mit zwei Fotografien bebildert, die sowohl Ihre damalige Haarpracht als auch Ihre lässige Kleidung zeigen, die den jungen Reporter so nachhaltig begeistert haben, wenn er auch von Ihrem hohen Alter – 37!!! Fast 40!!! – ziemlich schockiert war. 
Ich kann mir vorstellen, dass Sie sich noch gut an dieses umfangreiche Porträt Ihres späteren Kollegen Reinhard Jahn vor 43 Jahren im Bochumer „Marabo-Magazin“ erinnern. 

Im „Hamburger Abendblatt“ stand auch gerade ein langer Text über Sie. Aus Anlass Ihres runden Geburtstages im Dezember. Und um den zu feiern, haben Ihre Freunde, Freundinnnen und Weggefährten, Ihre Fans und Bewunderer auch den heutigen Abend organisiert, und ich bedanke mich, dass ich eingeladen wurde, einige Worte zu sagen. Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich Ihnen nicht per Brief gratuliert habe. Persönlich zum 80. Geburtstag vorbeizukommen, fand ich angemessener.

Immer wieder kam in den Ankündigungen dieses Abends ein Wort vor: Legende. Damit sollte man ja eher etwas sparsam umgehen, aber Sie, lieber Frank Göhre, sind tatsächlich ein legendärer Autor. Über Jahrzehnte hinweg haben Sie Hamburg literarisch die Treue gehalten, sind immer wieder nach St. Pauli als Schauplatz für Ihre Bücher zurückgekehrt. Sie haben eine alternative Stadtgeschichte geschrieben. Ja, vielleicht haben Sie die Hamburger Kriminalliteratur sogar erfunden. Sie haben schon fantastische Krimis verfasst, als ich „hard-boiled“ nur aus der Küche und „noir“ aus dem Farbkasten kannte. Sie haben das Genre lebendig gemacht. 
Unvergessliche Ermittler wie den übergewichtigen Pit Gottschalk, den melancholischen Jan Broszinski und den unsicheren Jörg Fedder haben Sie erdacht, die sich im ersten Roman der Maßstäbe setzenden Kiez-Trilogie „Der Schrei des Schmetterlings“, erschienen 1986, noch mit Schreibmaschinen und Telefonzellen herumärgern, und deren Welt sich in den späteren Büchern verändert: die Mauer fällt, der Blick weitet sich, das Verbrechen bleibt.

Hamburg ist mit all seinen dunklen Seiten der Mittelpunkt des Geschehens. Ursprünglich kommen Sie aus Bochum, wo Sie eine Buchhändlerlehre absolviert haben, später haben Sie ein paar Jahre in der Stadtbücherei Wattenscheid gearbeitet, bevor es zu einem Verlag nach München ging. 

In meiner Heimatstadt Gelsenkirchen wurde acht Jahre vor meiner Geburt ein von Frank Göhre mitverfasstes Straßentheaterstück aufgeführt. „Gegen die Dummheit“ hieß es und eigentlich kann man diesen Titel über das gesamte Werk seines Verfassers setzen. Sie, Frank Göhre, sind ein Aufklärer, einer, der genau hinschaut, der Kontakte und Verbindungen hat, aber keine Angst, den Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen. 

„Es ist mir, auch wenn es mir ganz schlecht gegangen ist, immer gewesen, als hätte ich etwas zu sagen, etwas, was außer mir keiner imstande wäre, auf diese Art zu sagen.“

Das hat der Schriftsteller Friedrich Glauser einmal geschrieben. Im schon erwähnten Abendblatt-Interview haben Sie Ihren Roman „Mo“ von 2008 als ihr Lebensbuch bezeichnet. In dieser Collage aus Fakten und Fiktion nähern Sie sich dem mit 42 Jahren verstorbenen Schweizer Autor Friedrich Glauser, dem Wegbereiter der deutschsprachigen Kriminalliteratur, der acht Jahre seines Lebens in psychiatrischen Anstalten verbrachte. „Mo“, so nannte Glauser das Morphium, von dem er lebenslang abhängig war. 

In seinem ersten Kriminalroman „Der Tee der drei alten Damen“ von 1941 – noch ohne den legendären Wachtmeister Studer – lässt Glauser eine Figur sagen: 

„Spotten Sie nicht über Kriminalromane. Sie sind heutzutage das einzige Mittel, vernünftige Ideen zu popularisieren.“

Wenn man etwas über eine Gesellschaft erfahren möchte, sollte man Kriminalromane lesen. Politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge werden nirgendwo besser verdeutlicht, als wenn das Verbrechen ins Spiel kommt. Krimis sind die Gesellschaftsromane von heute. 
Und Ihre Romane sind nicht nur Vorbild für eine ganze Generation von Krimiautorinnen und -autoren – viele sind heute Abend hier, um zu gratulieren – sondern sie stehen auch in einer Tradition mit den großen Vertretern des Noir, Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Georges Simenon, aktuell vor allem der Brite David Peace und der Amerikaner James Ellroy. Und ich denke, Frank Göhre würde seinem Bruder im Geiste, dem Verfasser großer Gesellschaftsromane wie „Die schwarze Dahlie“ oder „Blut will fließen“ ohne weiteres zustimmen. „Anybody who doesn’t know that politics is crime has got a few screws loose”, hat Ellroy einmal gesagt. 

Die Politik, so ungern ich es sage, kommt nicht gut weg bei Ihnen, Herr Göhre. In „Die Stadt, das Geld und der Tod“ etwa heißt es:

„Seit über vierzig Jahren schon regieren die Sozialdemokraten die Freie und Hansestadt Hamburg, und nirgendwo sonst im Land bestimmen Seilschaften, Kumpaneien und Ämtermissbrauch den Alltag so sehr wie in dieser Stadt. Es gibt keine Behörde, keine Stiftung und kein staatsnahes Unternehmen, auf die sich der Einfluss der Partei nicht ausgedehnt hat. Die politische Elite ist total verfilzt und versumpft …“  (S. 14)

Mein Leben wäre deutlich einfacher, wenn das stimmen würde. Selbstverständlich geht es da nicht um den aktuellen Senat, sondern um die frühen 2000er – als Sozialdemokraten gar nicht regierten…
Die Gesellschaft, die Sie in ihren Büchern beschreiben, ist im Innersten verrottet. Filz, Sex, Bestechung quellen aus dem Sündenpfuhl St. Pauli hervor und finden ihre Wege in die ganze Stadt. Auch in Ihren jüngsten Romanen bei Culturbooks „Verdammte Liebe Amsterdam“, „Die Stadt, das Geld und der Tod“ und zuletzt „Harter Fall“, arbeiten Sie sich an der Stadt ab, die – nach ein paar Jahren in der Lüneburger Heide – seit über vierzig Jahren Ihr Zuhause ist und wo Sie – schön weit weg von St. Pauli – im eher beschaulichen Winterhude leben. Hamburg bietet ihm seit Jahrzehnten Stoff und wird ihn weiterhin liefern, auch wenn Sie Ihren Elbphilharmonie-Roman nach 60 Seiten abgebrochen haben, wie ich gelesen habe.

Sprachlich sind Ihre Bücher aufs Notwendigste reduziert. Die Melange aus verschiedenen Textsorten – Gesprächen, Interviews, Polizeiberichten, Radiofeatures, Protokollen – gab es so noch nicht im deutschsprachigen Krimi. Allenfalls Hubert Fichte, der von der Halbwelt faszinierte Schriftsteller und manische Reisende hat ähnlich kraftvolle Texte verfasst. Pointierte, einsilbige Dialoge, geknurrt oder gebellt, stehen bei Göhre für eine vornehmlich männliche Welt, die vom Verschwinden bedroht ist. Meisterhaft vermögen Sie eine beunruhigende, flirrende Atmosphäre zu erzeugen. Man merkt, da hat einer auch für den Film geschrieben. 
Und dennoch findet sich in diesen Büchern ein Quäntchen Humor, ein Fitzelchen Hoffnung: Wenn sich der füllige Kommissar Gottschalk in Erikas Eck ein Bauernfrühstück einverleibt, wenn von Zeit zu Zeit die echte, die wahre Liebe über die Reeperbahn stöckelt, dann gibt es auch in dieser gnadenlos-brutalen Männerwelt ein Silver Lining, die Hoffnung, dass es einmal irgendwie besser, dass einmal alles gut werden könnte. Und heute ist doch auch so ein Abend voller Hoffnung, mit Freunden und Feiern und freundlichen Worten. 

Lieber Frank Göhre, weil man zu einer Geburtstagsfeier nicht mit leeren Händen kommt, habe ich Ihnen auch etwas mitgebracht und zwar dieses Etui. Es enthält die höchste kulturelle Auszeichnung, die die Stadt Hamburg zu vergeben hat: die Senator-Biermann-Ratjen-Medaille, die ich Ihnen gleich überreichen möchte.

Damit sich Frank Göhre noch kurz sammeln kann, bevor er zu mir nach vorne kommt, und für alle, die in der Hamburgischen Senatsgeschichte noch nicht so firm sind: Dr. Hans-Harder Biermann-Ratjen war einer meiner Vorgänger, Politiker der FDP und in den fünfziger und sechziger Jahren 13 Jahre lang Hamburger Kultursenator. Für Hamburg hat er Bedeutendes geleistet hat, viele namhafte Künstlerinnen und Künstler nach Hamburg geholt und unter anderem die Überprüfung sämtlicher Todesurteile angeordnet, die die Nationalsozialisten in Hamburg verhängt hatten.  

1978 wurde die Senator-Biermann-Ratjen-Medaille vom Senat im Gedenken an seine Verdienste gestiftet. Mit der Medaille ehren wir Hamburgerinnen und Hamburger, die sich um Kunst und Kultur ganz besonders verdient gemacht haben, Horst Janssen beispielsweise oder Peggy Parnass, in jüngerer Vergangenheit Albert Wiederspiel, den langjährigen Leiter von Filmfest Hamburg oder Anke Feuchtenberger, die wunderbare Künstlerin und Professorin für Comics an der HAW.

Lieber Frank Göhre, auf Ihrer Website findet sich ein „Nachruf zu Lebenszeit“, der so endet:

„Mit zunehmendem Alter und zudem bedingt durch die ständige ,Schreibisolation‘ nahmen seine sexuellen Phantasien derart überhand, dass seine Manuskripte nicht mehr annehmbar waren. Seine Autorenkarriere endete abrupt. Relativ vermögend verbrachte der einst populäre Schreiber seine letzten Lebensjahre in einer Hotelsuite in Miami Beach, wo er am vergangenen Freitag in den Armen eines kubanischen Transvestiten verstarb.“ 

Ich bin froh, dass an diesen Zeilen nicht viel Wahres ist, dass Sie hier quicklebendig vor mir sitzen, dass gerade im vergangenen Jahr Ihr neuer Roman erschienen ist, denn heute, sehr verehrter Frank Göhre, möchten wir Sie mit der Senator-Biermann-Ratjen-Medaille auszeichnen. 

Wir ehren Sie für Ihre Romane, in denen Sie unbestechlich und präzise hinter die Fassaden unserer Stadt schauen und aufschreiben, was Sie dort vorfinden – auch, wenn es wehtut. Sie haben ein bewundernswertes Werk geschaffen und sind unser Chronist eines anderen Hamburg. Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Literatur, für Ihren Eigensinn und Ihre Widerständigkeit. 

Im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg gratuliere ich Ihnen sehr herzlich zur Senator-Biermann-Ratjen-Medaille. 

Herzlichen Glückwunsch!

Rede, gehalten am 25. Januar 2024 bei der St. Pauli-Nacht mit und für Frank Göhre im Nochtspeicher, Hamburg. Siehe hier nebenan auch die Reden von Simone Buchholz, Friedrich Ani und Alf Mayer.

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