Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024, News

Simone Buchholz: Frank – die Lichter und der Leuchtturm

Simone Buchholz © Gerald von Foris für Suhrkamp

Das Schöne an der Nacht ist ja nicht die Dunkelheit – das Schöne an der Nacht sind die Lichter.

Ich lebe jetzt seit 28 Jahren in Hamburg und seit 21 Jahren auf St. Pauli, in dieser Zeit hat sich der Stadtteil sehr verändert – und doch gar nicht –, ich hab mich verändert – und doch gar nicht –, das, was wir unter „ein Mensch sein“ verstehen, hat sich verändert – und doch gar nicht.

Manchmal sehne ich mich in dem ganzen Durcheinander nach Ruhe, nach Zurückgezogenheit, dann hab ich das ewige Geschrei auf der Straße satt, wenn schon wieder ein Herz das andere bricht, dann nervt mich der Asphalt unter meinen Stiefeletten, wenn es schon wieder Katastrophen und Zigaretten geregnet hat, dann nerven mich sogar die Menschen, was jedoch wirklich selten vorkommt. Dann träume ich tatsächlich davon, hier einfach mal wegzugehen.

Und dann denke ich: aber die Lichter. Ich kann nicht ohne die Lichter leben, die auf St. Pauli ein bisschen anders leuchten, als im Rest der Republik, nämlich satter, dunkler, lebensvoller.

Als ich vor knapp 30 Jahren nach Hamburg kam, war ich auf St. Pauli nicht vorbereitet. Ich bin im Spessart aufgewachsen, also quasi im Wald, meine Mutter ist Hamburgerin, aber das Hamburg meiner Kindheit, die Sommerferien bei meinen Großeltern, das lag an der Alster, in einer ziemlichen Hinterhausbruchbude in der Alten Rabenstraße – man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, in den 70er Jahren konnte man da noch mit Toilette auf halber Treppe wohnen, mein Opa hatte Hühner im Vorgarten, auf dem Dachboden wohnte ein Kaninchen und im Keller ein Student, vor dem ich zwar ein bisschen Angst hatte, weil ich immer glaubte, ihn von einem RAF-Fahndungsplakat zu kennen, aber mein Hamburg war überaus friedlich. 

Von St. Pauli kannte ich nur die Landungsbrücken, mein Opa machte gern diese Butterfahrten nach Helgoland, weil man da billigen Alkohol kaufen konnte, mich nahm er mit, damit das mit dem Alkohol nicht so auffiel, und auch, weil ich die großen Schiffe liebte und meinen Opa noch viel mehr, weil es für mich einfach ein Riesenspaß war.

Mit diesem unschuldigen Mind Set schlug ich dann Ende der 90er in der Gegend hier auf. Erstmal war es natürlich ein einziger großer Freizeitpark, mein Körper, meine Seele und ich auf St. Pauli. Aber ich merkte schnell, dass es hier keine unschuldigen Seelen gibt, das war mein erstes und bis heute tiefstes Begreifen davon, was es heißt, ein Mensch zu sein: Aus der Nummer kommen wir alle nicht sauber raus.

Ein paar Jahre zuvor hatte ich „Last Exit Brooklyn“ gelesen, und das Buch hat Eindruck hinterlassen. In meiner ersten Zeit in Hamburg las ich Raymond Chandler, Jakob Arjouni, Dorothy Parker und Marguerite Duras, und aus all dem ist eine Art Masse entstanden in meinem Gehirn, die sich zu jener Zeit einem kritischen Punkt näherte: ich fing an, mich mit dem Schreiben zu beschäftigen. Aber ich hatte keine Ahnung, wo das hingehen sollte. Es machte mir Angst. Den Ton hatte Dorothy Parker vorgegeben, aber wovon genau sollte ich eigentlich erzählen?

Und dann stolperte ich über „St. Pauli Nacht“ von Frank Göhre. Das Buch war mehr als der Tropfen, der das Ding zum Überlaufen brachte – das Buch war mein Coming-of-Age als Autorin. Plötzlich wusste ich, wie die Geschichten gehen, die ich erzählen will:

Irgendwo brennt noch Licht.

Irgendwo passiert was.

Irgendwo verlässt ein Mensch einen Ort und alles verändert sich, weil er andere Menschen trifft.

Menschen sind wie Lichtpunkte, manche leuchten heller, manche dunkler, das hängt davon ab, in welcher Art von Licht sie aufgewachsen sind, mit welchen Schatten, doch was sie alle verbindet ist, dass sie eine Bahn haben, auf der sie fliegen. Die Bahnen kreuzen sich zwangsläufig, und die Lichtpunkte treffen sich. Dann gibt‘s ganz unterschiedliche Reaktionen – manche stoßen sich ab, manche bleiben aneinander kleben, manchmal entsteht ein Feuerwerk, manchmal passieren schlimme Dinge. Aber was immer passiert ist, dass sich für die Lichter die Flugbahn ändert.

Davon erzählt Frank Göhre, und davon versuche auch ich zu erzählen. Frank ist für mich wie ein Leuchtturm inmitten all der Lichter. Zu den schönsten Momenten in meinem Schriftstellerinnenleben gehören die, in denen Leute auf meinen Lesungen auftauchen, denen ich etwas zu verdanken habe, die mir etwas übers Menschsein beigebracht haben. So ging es mir mal mit meiner Geschichtslehrerin, so ging es mir, als ich eines Abends Doris Gercke im Publikum sah. Als Frank mir zum ersten Mal „hallo“ sagte, wusste ich überhaupt nicht, was ich sagen sollte, vermutlich, lieber Frank, hab ich vor lauter Ehrfurcht irgendwas Dummes gesagt. Ich war so erschüttert und gleichzeitig so stolz, dass du da warst. Bis heute, wenn ich am Schreiben bin und nicht weiß, wie es weitergehen soll, frage ich mich: Was würde Frank tun?

Und dann denke ich: Er würde einen Menschen auf die Straße schicken, in die Lichter der Nacht, und jemanden treffen lassen, vielleicht auch jemanden von einer Kugel treffen lassen.

Wenn ich darüber nachdenke, hier wegzugehen, und wenn mich dann die Lichter doch halten, schwingt da auch immer ein Hauch Frank Göhre mit.

Dafür danke ich dir, ganz bestimmt auf ewig.

An deinem Geburtstag konnte ich leider nicht da sein, weil ich Berlin war, Sie wissen schon, diese Vorstadt von St. Pauli im Hamburger Osten, deshalb sage ich es jetzt: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, du Leuchtturm.

Siehe hier nebenan auch die Beiträge von Friedrich Ani, Kultursenator Dr. Carsten Brosda und Alf Mayer. Von Simone Buchholz im Dezember 2023 bei Suhrkamp erschienen: Unsterblich sind nur die anderen.

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