Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Sonja Hartl gratuliert Frank Göhre zum 80. Geburtstag

Eine kleine Laudatio von Sonja Hartl

Göhre steht in meinem Bücherregal direkt neben Goethe. Und dieser alphabetische Zufall beschreibt ganz gut meinen beruflichen Weg: Goethe war ein wesentlicher Bestandteil meiner abgebrochenen Dissertation. Göhre ist wesentlicher Bestandteil meines Krimikritikerinnendaseins. 

„Das Zimmer im 2. Stock der Pension Messmer lag zur Straße hin. Die Vorhänge waren zugezogen, Deckenbeleuchtung und Nachttischlampen eingeschaltet, und die korpulente Frau, die rauchend am Waschbecken stand, wiederholte unablässig, dass nichts angerührt worden sei, wirklich nichts, von niemandem. Sie schnippte dabei die Asche auf den Boden und nickte bekräftigend. Broszinski nickte auch und Gottschalk seufzte.“

Der erste Satz des „Schrei des Schmetterlings“ – und Frank Göhre hatte mich. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich die Kiez-Trilogie gelesen habe. Alle Bände waren bereits erschienen, denn ich habe sie hintereinander weg gelesen. Vorher wusste ich nicht, dass man so schreiben kann. In den USA, klar. Aber in Deutschland! Doch Frank Göhre ist nicht einfach nur hardboiled oder noir, nein, er hat einen ganz eigenen Sound: den Göhre-Sound. Jedes Wort ist unbedingt notwendig, die Kapitel sind kurz, alles ist kunstvoll und komplex zusammengesetzt. Und je älter er wird, desto knapper, konzentrierter, verdichteter und konsequenter schreibt er. Perfektes Beispiel: sein aktueller Roman „Harter Fall“. Auf 164 Seiten erzählt er von den Jahren 1978/79 in Hamburg. Von Schneewintern, Kiez-Kriegen, Jugendträumen, Rebellionen, politischer Korruption, der RAF, Reggae, Rock und Jamaika. 

Schon damit ist klar: seine Bücher sind nicht einfach nur Sound, sie sind auch substantiell. Sie haben eine klare Perspektive, die viel gerühmte „von unten“. Story, Charaktere, Orte, Referenzen sind bewusst und hintersinnig angeordnet. Ohne Manierismen, ohne Schnickschnack, ja, ohne Eitelkeit, ohne Ego. Vermutlich wurde Göhre noch nicht einmal so ein „ja“ in eine Aufzählung setzen. 

Seine Texte strotzen vor Kunstfertigkeit, ohne dass sie schreien: schaut, wie kunstfertig ich bin. Sein Schreiben ist die perfekte Symbiose von Film und Literatur. Es vereint die Stärken der Erzählweisen dieser verschiedenen Medien, die sehr verwandt, aber eben nicht identisch sind. Filmisches Schreiben ist Quatsch. Doch Göhres Schreiben fühlt sich manchmal an wie ein sehr, sehr guter Film. Es ist eben nicht nur Handwerk, nicht nur Technik, sondern es zeigt ein untrügliches Gespür für Montage. Gerade auch in den Sachbüchern: Ein Buch mit Alf Mayer über 55 Romane zu schreiben, das selbst nur 292 Seiten hat, erfordert harte Schnitte, die man hinterher nicht bemerkt. „Cops in the City“ verweist auf eine weitere Eigenheit von Frank Göhre: Es gibt innerhalb der Kriminalliteratur nur wenige Autoren, die überhaupt über andere Autorinnen und Autoren schreiben. Göhre schon, ob über Glauser oder Leonard, auch über Filmemacher wie Jean-Pierre Melville. Und in jedem dieser Texte entdeckt man Gedanken, Sätze, Assoziationen, die neu sind. 

Dass in seinem Schreiben, Erzählen und Werk immer wieder der Gedanke an den Film aufblitzt, kommt nicht von ungefähr: Jahrelang hat er Drehbücher geschrieben, das Schreiben von Drehbüchern gelehrt. Er kennt das Film- und Fernsehgeschäft, findet offene Worte dafür – aber bei aller Kritik an der Branche, eines hat er nicht verloren: die Zuneigung für die Menschen, die Filme machen, und vor allem das Filmemachen an sich. Zuletzt zu sehen in „Zeigen was man liebt“, ein Dokumentarfilm, den er mit Torsten Stegemann und Borwin Richter über die ‚Münchener Gruppe‘ gemacht hat. 

Zur Premiere beim Filmfest München hatte er mich eingeladen, damals kannten wir einander schon. Aber ich weiß noch, dass ich einige Jahre zuvor auf der Frankfurter Buchmesse zu schüchtern war, um ihn anzusprechen. Was ich damals nämlich nicht wusste: Frank Göhre ist nicht nur ein großartiger Autor, sondern auch einer der nettesten, großzügigsten und interessiertesten Menschen dieser Krimi-Branche. Er teilt sein Wissen und seine Erfahrung, redet niemals von oben herab und will ehrlich wissen, was andere zu sagen haben – zu Filmen, Büchern und zu anderen Dingen. 

Gratulieren will ich ihm aber noch nicht, dieser Text erscheint vor seinem 80. Geburtstag – und ich bin abergläubisch. Ob Frank es ist, weiß ich nicht, vermute aber: eher nicht. Daher sage ich nur eines zum Schluss: ich freu mich schon auf all die Texte, die da noch kommen. 

Sonja Hartl
der sich Anne Kuhlmeyer, Alf Mayer und Thomas Wörtche vom CrimeMag-Team von Herzen anschließen.

Frank Göhre bei uns hier.

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