Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

HP Eggenberger: Louisa Luna – feministische Unterhaltung first class

Die einsame Rächerin

Vor fast vierzig Jahren hatte der College-Footballstar Zeb Williams in Nordkalifornien einen spektakulären Abgang hingelegt. Das Spiel gegen die Erzrivalen aus der Region stand ein paar Sekunden vor Schluss unentschieden. Zeb packte den Ball und rannte los. Aber in die falsche Richtung. Und aus dem Stadion hinaus. Und wurde nie mehr gesehen. Außer mal in Ilona, einem Kaff in Südoregon, wo er in offenbar einem Café arbeitete. Auch da verschwand er nach kurzer Zeit spurlos.

Zeb war damals, als er verschwand, mit einer jungen Frau aus einer der reichsten Familien Kaliforniens liiert. Deren Mann engagiert jetzt Alice Vega, eine private Ermittlerin, die auf Vermisstenfälle spezialisiert ist, um Williams nach all den Jahren vielleicht doch noch zu finden. Oder zumindest etwas Licht in die dunkle Geschichte seines Verschwindens zu bringen.

Die resolute Alice Vega kennen wir bereits aus „Tote ohne Namen“, dem furiosen früheren Vega-Roman der US-Autorin Louisa Luna, der 2021 auf Deutsch erschienen ist: eine ebenso knallharte wie berührende Geschichte um Menschenhandel, Drogenschmuggel und Polizeikorruption an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, bei der Luna das Tempo und die Gewalt stetig steigert. Genauso rasant geht es jetzt im neuen Roman „Abgetaucht“ zur Sache.

Vega reist nach Oregon, um den Menschen, die vor Jahrzehnten Zeb Williams begegnet waren, Informationen zu entlocken, die ihr bei der Suche weiterhelfen könnten. Als sie die kurzzeitige Freundin von Zeb aufsucht, die damals das lokale Café führte und nun als Lehrerin arbeitet, stellt sie fest, dass diese von jungen Männern aus dem Ort bedroht worden ist. Das hat zwar nichts mit Zeb zu tun, aber Vega reagiert allergisch auf solche Machos.

Vega geht dieser neuen Geschichte nach und stellt fest, dass es sich bei den Typen nicht einfach um etwas aufgeputschte Jugendliche handelt, sondern um üble Rechtsextremisten. Da die Söhne des reichen Dorfkönigs und des Sheriffs – die beiden Väter sind alte Freunde – zur Gruppe gehören, wagt es niemand, sich gegen sie zu wehren. Doch nun ist Vega da, und sie wird bei solchem Neonazi-Pack lieber selbst aktiv, als dass sie darauf wartet, dass sich die Polizei vielleicht doch mal darum kümmert. Erst recht, nachdem nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Liebsten ins Visier der Bande geraten sind. So ihre Eltern und die Tochter ihres zeitweiligen Partners Max „Cap“ Caplan – die nicht unkomplizierte Beziehung zwischen Alice und Cap sorgt in der harten Geschichte für einen Hauch Romantik.

Die Sache nimmt einen dramatischen Verlauf. Actionreich, streckenweise brutal, mit knackigen Dialogen und trockenem Humor entwickelt Luna eine spannende Geschichte, erzählt unprätentiös, aber präzise. Und ziemlich hardboiled. Sie wirft dabei einen scharfen Blick auf die Neonazi-Szene im ruralen Amerika. Und zeigt, wie diese Kreise zusammenfinden, wie clevere Männer aus dem Hintergrund junge Hitzköpfe über die sozialen Medien rekrutieren. Wie sie Rassisten werden. Und das in einer Gegend wie Südoregon, in der, wie ein FBI-Mann unkt, vielleicht vier Schwarze leben.

Ein bisschen erinnert die Struktur von „Abgetaucht“ an klassische Western, in denen eine Kleinstadt von ein paar Bösen beherrscht wird, die brave Bürger terrorisieren. Bis dann der lonesome rider in das Kaff einreitet, die üble Situation erkennt und mit eher mehr als weniger handgreiflichen Methoden die bösen Buben Mores lehrt. Nur dass in Louisa Lunas moderner Western-Paraphrase der einsame Reiter eine Reiterin ist – eine einsame Rächerin, die keine Gnade gewährt.

So geht gescheite feministische Unterhaltung.

Louisa Luna: Abgetaucht (Hideout, 2022). Aus dem Englischen von Karin Diemerling. Suhrkamp, Berlin 2024. 456 Seiten, 18,95 Euro. – Hanspeter Eggenberger veröffentlicht regelmäßig den „Krimi der Woche“ auf seiner Website www.krimikritik.com

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