Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Freiheit (2): Regina Nössler, Berlin-Tempelhof

Die thematischen Anthologien aus dem Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke haben sich zu einer formidablen Reihe entwickelt, die immer wieder durch ihre Themenbreite, Vielseitigkeit und Tiefe verblüfft. Nach den Bänden »über Bücher« (55), »Tod« (56), »der, die, das Fremde« (57) und »Arbeit« (58) ist nun gerade als Konkursbuch 59 »Freiheit« erschienen. Wir präsentieren Ihnen hier in unserer Mai-Ausgabe exklusiv vier Beiträge – hier von der Autorin Regina Nössler, die den Band zusammen mit Claudia Gehrke kuratiert und herausgegeben hat. Und hier nebenan die »Freiheitstexte« von Claudia Gehrke, Thomas Wörtche und Alf Mayer.

Claudia Gehrke, Regina Nössler (Hg.): Freiheit. Konkursbuch 59. Beiträge u.a. von Sabine Beyerle, Miriam Böttcher, Ewa Boura, Safiye Can, Sigrun Casper, Chantalle El Helou, Peter Ertle, Barbara Fellgiebel, Ruth Forschbach, Orit Gidali, Joachim Hildebrandt, Klára Hůrková, Angela Kallhoff, Sigi Lieb, Carola Lipp, Marina Lioubaskina, Alf Mayer, Regina Nössler, Lutz Rathenow, Elisabeth Richter, Karin Rick, Axel Schock, Walltraud Schwab, Tzveta Sofronieva, Achim Stegmüller, Yoko Tawada, Aigerim Tazhi, Georgi Tenev, Jürgen Wertheimer, Thomas Wörtche und Kira Zetzmann. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2024. 404 Seiten, Klappenbroschur, reich und farbig illustriert, 16,80 Euro.

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Fotos © Regina Nössler

Die (schon wieder) bedrohte Tempelhofer Freiheit

Der Flughafen Berlin-Tempelhof, eröffnet 1923, geschlossen und entwidmet 2008, berühmt geworden vor allem durch die Luftbrücke, die West-Berlin 1948 bis 1949 während der sowjetischen Berlin-Blockade mit Nahrung und Brennstoffen versorgte (und dadurch zum Symbol der Freiheit wurde), Stichwort Rosinenbomber, wurde 2010 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eine Weile wurde das Feld „Tempelhofer Freiheit“ genannt, wogegen sich jedoch eine Initiative mit der Begründung richtete, diese Bezeichnung verharmlose die mit dem Flughafen verbundene NS-Geschichte (Zwangsarbeiter, Gestapo-Gefängnis und KZ Columbiahaus).

Es wurde hitzig darüber debattiert, was mit dem ehemaligen Flughafen geschehen solle – während die Bevölkerung sich ihn längst gekapert hatte. Ein Volksentscheid schließlich erwirkte 2014 ein Verbot der Randbebauung des Feldes.

Diese Fakten sind im Großen und Ganzen nicht nur in Berlin, sondern bundesweit bekannt. Und sicher haben auch außerhalb Berlins die meisten in den Medien schon mal Bilder der großen freien Fläche gesehen. Das Tempelhofer Feld ist unzählige Male beschrieben (ich selbst habe in einem meiner Krimis eine Szene dort angesiedelt) und

fotografiert worden. Und das ist nur allzu verständlich. Die knapp dreihundert Hektar sind ein Traum. Dreihundert Hektar Freiheit. Wenn ich das Feld durch den Eingang am U- und S-Bahnhof Tempelhof betrete, sehe ich vor mir in der Ferne am Horizont Neukölln, während hinter mir Tempelhof und links Kreuzberg liegen. Rechts die S-Bahn und ein Stück Stadtautobahn. Der Sound der Stadtautobahn klingt hier fast wie Meeresrauschen. Ich kann auf einer der beiden ehemaligen Start- und Landebahnen – jeweils vierzig Meter breit und rund zwei Kilometer lang – von Tempelhof auf direktem, schnurgeradem Weg nach Neukölln gehen, ohne irgendein Hindernis dazwischen.

Vielleicht ist auf den ersten Blick nicht zu verstehen, warum die Berlinerinnen und Berliner so an diesem Feld hängen. Zumindest diejenigen, die innerhalb des S-Bahnrings wohnen und nicht weit draußen in Dahlem oder Grunewald oder Französisch-Buchholz.

Abgesehen von den erwiesenen Vorteilen für das Klima (freie Flächen kühlen immer heißer werdende Städte) und abgesehen vom unschätzbaren Erholungswert und auch abgesehen davon, dass mit einer Randbebauung ganz sicher nicht das Wohnungsproblem in Berlin zu lösen wäre, bedeutet dieses Feld tatsächlich Freiheit.

Keine theoretische oder abstrakte, sondern eine Freiheit, die ganz unmittelbar zu spüren ist, eine gefühlte, keine gedachte, ungefähr so unmittelbar wie ins Wasser zu springen oder auf einem Berggipfel oder am Meer zu stehen.

Man spürt die Freiheit. Man spürt sie sofort. Und das, sobald man das erste Mal auf dem Gelände steht. Niemand kann sich dem entziehen – diese Weite! Der Blick. Oben so unendlich viel Himmel. Egal, wie man sich dreht, überall Himmel. Und im Unterschied zu manchen anderen Grünanlagen in der Stadt macht die allgegenwärtige friedliche Koexistenz der Benutzer Spaß. Es ist genug Platz für alle da. Für Radfahrer, Kite-Surfer, Jogger, Spaziergänger, Hunde, Kinderhorden, zwei Menschen, die im Gehen tiefernste Gespräche über Beruf, Familie, das Leben führen, für urbane Gärtner und Gärtnerinnen, für Drachenlenker, seltene Insekten, verträumte Melancholiker, für Feldlerchen. Das Tempelhofer Feld ist ein riesiger Spielplatz. Und zugleich in wunderbares großes Nichts, mit dem manche Menschen offenbar nicht zurechtkommen (ohne selbst je dort gewesen zu sein, vermute ich). Sie können sich nichts anderes als ordentliche Parkwege und ebenso ordentliche Anpflanzungen vorstellen. Oder eben Beton. Es gibt natürlich längst öffentliche Toiletten, der Müll wird regelmäßig eingesammelt und die Tonnen geleert, was auch sehr gut ist, Grün Berlin kümmert sich – und dennoch, ein Hauch Anarchie und auch Erinnerungen daran, was in Berlin in den Neunzigern alles möglich war, schweben immer noch über dem Feld.

Freiheit ist nicht selbstverständlich. Sie ist fragil. Das gilt im Großen genauso wie im Kleinen, und es gilt auch für die Tempelhofer Freiheit, wenn ich sie hier noch einmal so nennen darf. Der derzeitige Berliner Senat (CDU/SPD) will auf Biegen und Brechen die Teilbebauung des Feldes erzwingen, obwohl diese damals mit überwältigender Mehrheit abgelehnt wurde.

Diejenigen, die am liebsten die gesamte Fläche zubetonieren würden oder, wenn schon nicht das, einen viel, viel kleineren, bis zur Unkenntlichkeit geschrumpften und vor allem sehr ordentlichen Park anlegen, und die meiner Ansicht nach noch nie dort waren (oder sie leiden unter Agoraphobie), können offenbar das große Nichts nicht ertragen. Damit erinnern sie mich an Leute im Zug, die es nicht mal fünf – ach, keine zwei – Minuten aushalten, einfach nur den Blick nach draußen zu richten, statt sofort zwanghaft einen Film auf dem Laptop zu sehen oder noch zwanghafter dauernd auf ihr Smartphone zu starren. Es muss wirklich schlimm sein, auf sich selbst zurückgeworfen zu werden.

Würde ich nach meinen liebsten Orten in Berlin gefragt, stünde das Tempelhofer Feld ganz oben. Für mich sind es nur drei U-Bahnstationen, Kurzstrecke, bis zum Meer.

Regina Nössler

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