Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Der »9mm Cut« von Sybille Ruge, gelesen von Alf Mayer

Sybille Ruge

Geld verträgt kein Gewissen

Machine Gun Ruge muss man diese Autorin wohl künftig nennen. Sybille Ruge wagt sich in ihrem zweiten Roman in die Welt der Superreichen – Alf Mayer gibt einen Schnelldurchlauf.

K2 stellte mich als Mitarbeiterin im Family Office vor. Die Erwähnung
seiner privaten Vermögensverwaltung hatte schlagartig Stille ausgelöst.
Eine mystische Erhabenheit, wie sie nur ein Privatvermögen erzeugt,
das bei 300 Millionen beginnt und bei unaussprechlichen Zahlen endet.
Jetzt verstand ich das Kostüm, zu dem er mich genötigt hatte.(Seite 17)
Und später, Seite 151: Kennst du das Spiel „Die Reise nach Jerusalem“?
Musik aus. Stuhl weg. Das ist Kapitalismus.
Für alle reicht es nicht.( 9mm Cut)

Das verflixte zweite Buch. So ziemlich jeder Autor und jede Autorin kennt das. Lässt sich an das Niveau des Erstlings anschließen? Aber wie? Da braucht es Courage. Sybille Ruge hat sie. Und dazu Talent – zum Verschenken viel. Was sie so nebenher an Feuerwerk in ihrem Zweitling „9mm Cut“ abbrennt, sucht seinesgleichen. Seit Bogart und Bacall gab es noch nicht oft solch einen Schwall an gutgelaunten Screwball-Dialogen, seit Ross Thomas und Richard Condon noch nicht oft solch ätzend sardonische Upper-class-Dissektion. Für Ruges Debut „Davenport 160 x 90“ hagelte es den Deutschen Krimipreis, den Stuttgarter Krimipreis und den Glauser. Völlig verdient. Jetzt also „9mm Cut“. Der Titel bezieht sich auf den vom Greenkeeper getrimmten Rasen einer Villa am Zürisee, er entspricht aber auch der Sensenhöhe, mit der die Autorin den Sumpfpflanzen der Hochfinanzwelt auf die Pelle rückt.

Hatte Sonja Slanski, die Heldin in Sybille Ruges Debüt in „Davenport 160 x 90“, noch eine Inkassofirma, deren »Forderungsmanagement« sich auch um Dinge im unreinlichen Wirtschaftsbereich teurer Frankfurter Anwaltskanzleien kümmerte, so ist die Ich-Erzählerin von „9mm Cut“, die wir nur mit dem Alias „Eve Klein“ kennenlernen als „Mediatorin“  bei den Superreichen tätig. Nicht mehr Frankfurt, sondern Zürich und Zürcher See. Dort, in einer Villa, „die mit Alpträumen Ernst macht“, spielt hauptsächlich Sybille Ruges zweiter Roman. Und ihr Rezept dafür: Noch höher pokern. Die Fallhöhe vergrößern. Die Bosheit auch.

Andere würden mit dem skalpierten Schädel in der Plastiktüte beginnen oder dem zerschmetterten iPhone, heißt es im ersten Absatz. Nicht aber Eve. Die hat ein Faible für die Antike. Also zuerst die Medusa über dem Villeneingang – als Einstieg.

Vor ihrer Reise in die gefühlskalte Welt der Geldgletscher aber, so verrät der zweite Absatz, hat Eve die Medusa schon auf der Versace-Unterhose ihres Lovers Ricky gesehen, als er ihr beim Vögeln in der Umkleide einen klassischen Tripper spendiert. Dann vibriert mittendrin das Telefon. K2 ist dran. Alles auf den ersten zehn Zentimetern im Roman. Ach ja, ein Peyote-Kaktus wird auch bald blühen.

K2 wartet in seinem Porsche Taycan. Er hat einen wichtigen, einen großen Auftrag. Er braucht seine „Spezialistin für die konstruktive Beilegung von Konflikten bei außergerichtlichen Einigungen“, um bei seiner NGO-Stiftung am Zürisee nach dem Rechten zu sehen. Irgendwas ist da faul mit den Bilanzen. K2, Chef eines internationalen Lebensmittelkonzerns, weiß bestens, dass Kapitalismus heute „nachhaltig“ zu sein und der Schein dafür unbedingt gewahrt werden muss. Sozusagen um jeden Preis.

Eve verrät uns eingangs über ihre Qualifikation: „Die Rolle des Vermittlers erfordert hohe Ambiguitätstoleranz und interkulturelle Kompetenzen. Meine Methode folgt im weitesten Sinne der systemischen Theorie, setzt also auf Eigenverantwortlichkeit der Beteiligten. Die vertraulichen Einzelsitzungen zur Konsensfindung leite ich mit einer Grundsatzfrage ein. Möchtest du Invalidenrente? Eine Win-win-Situation, besonders aufgrund der geringen Bürokratie.“ Ansonsten hat sie noch eine Bootcamp Instructor A-Lizenz, eine offenbar rattenscharfe Figur und einige Pokale von den Europäischen Muai-Thai-Meisterschaften.

K2 übrigens steht für Kunde 2 – und nicht für Kumpel 2, sagt sie sich, als der ihr plötzlich das Du anbietet. Sie „schluckt das untergejubelte Du wie eine miese Klausel im Vertrag“. Auf dem Weg zur Stiftung soll sie noch ein wenig Geld waschen. Was tut man nicht für fettes Bargeld-Honorar?

In dieser Geldwelt ist der Profitwille ständig auf dem Sprung, trägt Mann eine Hentschel Hamburg Hafenmeister mit Saphirglas am Handgelenk, fährt ein 300 SLR Uhlenhaut Coupé oder einen Range Rover Autobiography, „Monarch unter den SUVs, 200.000 Franken die Karre“, und weiß, dass der American-Shelby-Knoten einer Krawatte leichte Schlagseite gibt. Als Frau weiß man unter anderem, dass ein gepolsterter Büstenhalter von La Perla günstiger ist als eine Brust-OP, kann einen Toast bestreichen „wie Anne-Sophie Mutter ihre Geige“ und jederzeit den Gesichtsausdruck zwischen Jungfrau und Callgirl wechseln. Ein Lächeln kann da mal nur mit Mikroskop noch als solches erkennbar sein, ein anderes Mal an den Schlitz eines Bankautomaten oder an den Lockruf einer fleischfressenden Pflanze erinnern. Manch teure Uhr am behaarten Männer-Handgelenk kaschiert ein billiges Inneres.

„Politik mit Slingpumps“, nennt Ehefrau Helena den von ihr gewählten Stil. Alles an ihrer Erscheinung ist kalibriert. Ihr Ehemann, der Banker und Stiftungsvorstand Karnofsky, schlingt „den Lachs hinunter wie ein Krokodil“. Ihre Zwillingtöchter Lara und Laura haben die Unechtheit von Kinderstars und rosarote Bäckchen, „wie Goya die Habsburger gemalt hatte“ – man darf an Kubricks „Shining“ denken und sich fragen, warum man sich statt Kindern nicht besser Reptilien angeschafft hätte. In diesem Haus am Zürisee muss Eve Klein Quartier beziehen. Und wir sind ganz nah dabei. „Happy staycation“, sagt der Hausherr. Das Leben ist eine Realityshow ohne vernünftigen Schnitt, heißt es auf Seite 63.

Ehe wird im Hause Karnofsky ausgeübt wie ein Beruf. Jeder weiß: das Leben ist ein konstanter Sinkflug. Mit Geld kann man eine Weile geradeaus fliegen. Eheschließung ist eine Beschlussfassung, kein spontanes Gefühl. Je weniger die Vertrauensbildung funktioniert, desto mehr „gewinnt die Darstellung nach außen an Wichtigkeit. Führung des Unternehmens vom Markt her“, nennt man das. Was Kentucky Fried Chicken mit toten Hühnern schafft, sollte auch miserablen Paarbeziehungen gelingen, findet Eve. „Ein Paar im Seitensprung sieht glücklich und zugewandt aus.“

Überhaupt die Paare. Wie Sybille Ruge übers Beziehungsballett ätzt kann sich neben Dorothy Parkers New Yorker Sottisen und Dashiell Hammetts party crashing im „Dünnem Mann“ absolut sehen lassen: „Mann und Frau, eine zerrissene Schatzkarte, die nicht maßstabsgerecht ist.“ Oder: „Weight Watchers oder Sadomaso, mit Ritualen bekommt man das Leben in den Griff.“ Beim Charity Event gibt es kleine Flirts zu kalten Schnittchen. Umarmungen dürfen „weder Make-up noch Frisur verrutschen lassen, Ohrringe durften sich nicht verhaken, und Hautkontakt musste vermieden werden. Sah aus wie deutsches Tanztheater, tiefsinnig und gestelzt“. Small Talk beginnt mit Sätzen wie „Wie geht es Deutschland? Gehorchen alle noch?“ Ein Industrieller hat „die typische Angewohnheit alter Männer, verlorene Dominanz durch ausufernde Monologe zu ersetzen“.

Und ist Eve allein mit einem Paar, wird sie angesehen, als würde auf eine Kleinkunstdarstellung gewartet. „Es ist eine bekannte Tatsache, dass Paare krampfig nach Inputs von außen fahnden, als wäre man monatelang zu zweit auf dem Meer und freue sich, wenn mal ein Delphin auftaucht.“

Naturbetrachterin sei sie keine, sagt Eve Klein einmal, trotzdem hat sie einen Blick dafür. Da hängen die Wolken „wie Ufos über der Villa“, wirft ein „Abendrot die letzten Fetzen Gold über uns“. Da „pinselt die herunter gefallene Sonne die Gesichter rot“, da liegt der See wie eine riesige Plastikfolie. Ein anderes Mal „stehen die Wellen auf“. Golfen und Natur ist für Eve „wie Petting mit einer Gummipuppe“. Über den Untergang der menschlichen Population würde sie „nicht anders denken als über den Untergang der Saurier“.

Ätzendes auch zum Kunstbetrieb. Eve dazu: „Kunst kaufte ich mir auf Socken. Ich hatte Van-Gogh-Socken. Monet-Socken und Mondrian-Socken.“ Die Kunsthändlerin Mascha Harvensteen fachsimpelt mit ihr über die Spekulation mit Werten: „Die meisten Künstler halten sich für kreativ, aber die eigentliche Kreation ist es, den Geldfluss in Balance zu halten. Der Markt hat sich den Verstand rausgekickt… Den Documenta-Shit kann sich die Sparkasse für ihre KNAX-Hefte holen. Kleine Hefte für kleine Kunden, richtig?“

Sybille Ruge ist – wenn sie nicht Romane, Hörspiele oder Gedichte schreibt – Stoffentwicklerin in der Textilindustrie, dies high end, für Haute couture und Abgefahrenes. (Ich durfte einmal in ihre Musterbücher schauen. Es war: wow!) Kleider, Outfits und Mode kann sie vernichtend beschreiben, scheut aber auch Praktisches nicht: „Ein Fettfleck auf einer Krawatte ist Ewigkeit. Seide gibt Fett nicht mehr her.“ Die Beinchen einer höheren Tochter stecken „in Stiefeln, als wäre eine Ziege in zwei Melkeimer gelatscht“. Magst du auch Gosse und Jetset, fragt das magersüchtige Girlie, „ich finde das extrem poetisch“. Und weiter: „Ich kotze das Geld meiner Eltern.“

Aber echte Gefühlsreaktionen in dieser Welt zu provozieren, in der Eindruck alles gilt, ist schwer. Einmal heißt es: „Ihre Gesichter zeigten keine Emotion. Sie starrten auf den Fernseher, als hätte man sie mit einer Marx/Engels-Gesamtausgabe zurückgelassen.“ Sybille Ruge kennt das Rote Imperium, kennt ihren Heiner Müller und die großen Zuschneidbögen des Kapitalismus. In dessen Welt werden (nicht nur) Burger zerfleischt, nicken sich (nicht nur) Taxifahrer und Gast stumm bei der Geldübergabe zu, hat ein Blumenstrauß „den überschwänglichen Duft einer Kranzniederlegung“, ist Elementary ein Puff in einem Industriegebiet und Romantik die Steigerung von Unaufrichtigkeit. Hier rollt der Stau wie Lava auf das Wochenende zu und ergreift die Oberschicht Partei für die Abgehängten, solange die Sicherheitsanlagen funktionieren. Wir hören Gesprächsfetzen wie: „Profitiert Bühler von der Krise? Nein. Er hat vorher schon Millionen gemacht.“ Oder: „Firma? Irgendwas mit Drohnen. Autonome Systeme oder so.“

Einen Raum betritt man mit einer „Wolke aus Mandelpudding, vom Hersteller sicher mit Eleganz und Sinnlichkeit beschrieben. Parfum ist Kampf um Raum“. Aussehen ist alles, sei es ein Typ mit abgezählten Augenbrauen, regelmäßig gepflegtem Vollbart oder ein Kommissar mit Gottfried-Keller-Gesicht. Ein anderer hat Augenbrauen wie ein aufgeklebtes Pelztoupet und die Haare zur Glatze getrimmt, ein sympathischer Polizist wirkt „wie ein verschwommener Charakter, der aussah, als wäre er gerade durch die 80er geschlendert“. Männer kommen bei Sybille Ruge etwas besser weg als Frauen. Aber nicht viel. Immerhin verführen sie Eve Klein manchmal zum Knittelvers: „Wer andern eine Bratwurst brät, hat wohl ein Bratwurstbratgerät.“ Auch für so etwas ist Platz in diesem wilden-prallen Feuerwerk von Buch. Ein Rasiermesse-Pasodoble. Machine Gun Ruge muss man diese Autorin wohl künftig nennen.

Nebenbei tut sich zudem eine Meta-Ebene übers Autoren-Handwerk auf. Tief im Innern ist die Ich-Erzählerin der Überzeugung, „dass Netflix schon alle Probleme erörtert hatte. Es wurde langsam schwierig, sich noch etwas einfallen zu lassen.“ Die Galeristin sagt zu ihr: „Bei deiner Fantasie solltest du einen Roman schreiben“, der nette Kommissar dreht die Schraube weiter: „Nehmen wir einen Autor, und er hat das Glück, dass er verlegt wird. Wenn dieser Fall eintritt, hört er nicht einfach auf. Nein, der schreibt weiter. Es ist nicht, dass er was zu sagen hätte, nein, er kann einfach nicht aufhören. Das Buch, kaum gedruckt, hat ihn im Griff. Man hält ihn für einen Autor. Jetzt muss er dem Stempel gerecht werden. Wissen Sie, zu wie vielen Selbstmorden wir gerufen werden?“

Und dann ist da noch die Medusa überm Villeneingang: „Du siehst sie an, peng, bist du Stein. Ein gutes Mittel um deine Feinde in Ruhe zu betrachten.“ Auf den letzten Drücker erfahren wir auch noch, wer Eves K1 ist – für wen sie wirklich arbeitet. Das rüttelt alles noch einmal gehörig durch. Dieser Martini würde auch Daniel Craig vom Tresen hauen.

Alf Mayer

Sybille Ruge: 9mm Cut. Roman. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2024. Klappenbroschur, 232 Seiten, 17 Euro.

PS: Richard Condon, der Vergessene, konnte ebenfalls ein sardonischer Meister des Floretts sein. Eine kleine Auswahl: ‚Any God Will Do‘ (1966), ‚The Ecstasy Business‘ (1967), ‚Mile High‘ – ‚Nur Geld zählt‘ (1969), ‚The Vertical Smile‘ (1971), ‚Arigato‘ – ‚Arigato-Coup‘ (1972), ‚Winter Kills‘ – ‚Der Patriarch‘ (1974), ‚The Star-spangled Crunch‘ (1974), ‚Money is Love‘ (1975), ‚Bandicoot‘ – ‚Der Dandy-Gauner‘ (1978), ‚A Trembling Upon Rome‘ (1983), ‚Emperor of America‘ (1990, lange vor Trump geschrieben), und die Prizzi-Serie: ‚Prizzi’s Honor‘ – ‚Die Ehre der Prizzis‘ (1982), ‚Prizzi’s Family‘ – ‚Die Familie der Prizzis‘ (1986), ‚Prizzi’s Glory‘ – ‚Der Ruhm der Prizzis‘ (1988), ‚Prizzi’s Money‘ (1994).

Siehe auch: Buch der Stunde. Alf Mayer über Richard Condons „The Manchurian Candidate“, CrimeMag Januar 2017.

Und auch noch: 1 Buch – 2 Stimmen: „Davenport 160 x 90“. Joachim Feldmann und Alf Mayer über den Frankfurt-Roman von Sybille Ruge, im CrimeMag Juni 2022.

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