Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024, News

»Dabeisein heißt gehorchen« – Alf Mayer zur Filmarbeit von Wolf-Eckart Bühler

Wolf-Eckart Bühler – in der Zeitschrift »Filmkritik« einfach WEB (17.9.1945 – 16.6.2020)

Ein Textauszug – mit freundlicher Genehmigung von Herausgebern und Verlag – aus:

Rolf Aurich / Michael Wedel (Hg.) Die „Filmkritik“. Eine Zeitschrift und die Medien. Band 23, Reihe »Film und Schrift«, edition text+kritik, München 2024. 270 Seiten, mit s/w Abb., 29 Euro.

(AM) Ziemlich passgenau auf seinen vierten Todestag jetzt im Juni 2024 fiel das Erscheinen eines von manchen schon länger ersehnten Bandes, der in zwölf Werkporträts und auf Basis umfassender Archivrecherchen eine Neubetrachtung der vielleicht wichtigsten deutschsprachigen Filmzeitschrift – eben der »Filmkritik« – als Teil der bundesrepublikanischen Medienlandschaft von den 1950er Jahren bis in die 1980er Jahre unternimmt.

Mein Text über Wolf-Eckart Bühler ist Teil davon und bildet den Schlussstein. Wie keine andere Filmzeitschrift der frühen Bundesrepublik hat die »Filmkritik« die Standards der deutschsprachigen Filmpublizistik revolutioniert und mittlerweile schon Generationen von Filmkritikern mitgeprägt. Zwischen 1957 und 1984 entwickelten die »Filmkritik«-Autorinnen und Autoren – von der Gründungs-Generation um Enno Patalas, Wilfried Berghahn, Ulrich Gregor und Frieda Grafe bis zu Harun Farocki und Hartmut Bitomsky – neue Sicht- und Schreibweisen, mit denen sich der Film gesellschaftskritisch in den Blick nehmen ließ, ohne seine ästhetischen Dimensionen zu vernachlässigen. Fast alle von ihnen haben parallel zu ihrer Tätigkeit für die Zeitschrift auch regelmäßig filmbezogene Beiträge für Hörfunk und Fernsehen geliefert. Dadurch ergeben sich aufschlussreiche Verknüpfungen zwischen ihren Texten für die »Filmkritik« und ihren Versuchen, sich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Forum für einen reflektierten Umgang mit dem Film zu erschließen. Der Band geht diesen Verknüpfungen nach.

WEB stand solchem Unterfangen skeptisch gegenüber – nichtsdestoweniger war und bleibt er ein wichtiger Kopf der »Filmkritik«, die 1984 mit Heft 333–334 ihr Erscheinen einstellte. Hier mein Text.

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WEB beim Dreh für LEUCHTTURM DES CHAOS an der Doubs bei Besançon, 1982

»Dabeisein heißt gehorchen« – Zur Filmarbeit von Wolf-Eckart Bühler

Im Kulturbetrieb zu arbeiten, letztlich irgendwie doch immer ein wenig am Dabeisein und Mitmachen beteiligt zu sein, das war für Wolf-Eckart Bühler verabscheuenswert. Das war überhaupt nicht sein Ding. Zeitlebens versuchte er sich fernzuhalten, war es ihm wichtig, Zahl und Umfang der Kompromisse auf das Geringstmögliche zu beschränken. Das machte ihn spröde, einzelgängerisch, schwierig bis exzentrisch und nicht gerade redselig, was spätere Auskunft über Arbeitszusammenhänge betraf. 

Ein Kritiker habe ein Gesicht durch das, was er schreibt, lehnte Wolfram Schütte mir einmal die Bitte nach einem Autorenfoto ab. Ein Autor hat eine Geschichte durch das, was als Arbeit öffentlich ist, sagte WEB – oder Eckart für seine Freunde – mir oft genug. Das Kürzel WEB bei der »Filmkritik« genügte ihm als Stenogramm fürs ganze Leben. 

bühler

Was er als Arbeit hinterlassen hat, aufgehäuft innerhalb von kaum mehr als fünfzehn Jahren, ist geradezu ikonografisch, hat sich in das cineastische Gedächtnis geprägt: eine Handvoll Themenhefte bei der »Filmkritik«, eine gute Handvoll Filme, für den WDR und auf eigene Hand, ein paar Radioarbeiten und Zeitungsartikel. Später kamen noch zwei exzeptionelle Reiseführer mit seiner Lebensgefährtin Hella Kothmann dazu. Der über Vietnam, 1992 erschienen, war der erste über dieses Land überhaupt und bot zudem eine reichhaltige und durchaus nicht der offiziellen Linie folgende Kultur- und Politikgeschichte. 1999 folgte ein ebenso extensiver Führer für die Toskana, der viele Auflagen erlebte.[1]

Dass er erinnert werden würde, war WEB zum Ende seines Lebens durchaus ein Anliegen. Ihn freute es sehr, dass Robert Fischer das Sterling-Hayden-Porträt PHAROS OF CHAOS als Bonus zur 4K-Restaurierung von John Hustons ASPHALT JUNGLE an Criterion vermittelte. Und es war ihm Genugtuung, bei der Deutschen Kinemathek, beim Filmmuseum München, in Wien, Locarno oder im MOMA, beim Play-Doc im galizischen Tui, beim Cinema Ritrovato in Bologna retrospektivisch gewürdigt zu werden, auch wenn die eigene Präsenz dabei – das Immunsystem auf einer Reise ramponiert – ihn zusehends körperlich beanspruchte. 

Mit seiner Frau Hella Kothmann bei der Retro in Locarno

Bei den eher mageren Presseberichten der »Süddeutschen Zeitung« zu seiner Person knurrte er. Mit dieser Zeitung verband ihn Hassliebe. 1972 hatte er dort Raoul Walsh »Zum 80. Geburtstag eines großen Abenteurers« auf einer ganzen Seite gratulieren und ausführlich über »Amerikanische Stummfilme im Amerikahaus« berichten können. Ebenfalls eine Seite war dem Blatt 1973 »Der Hollywood-Handwerker Delmer Daves« wert, von dem das Münchner abc-Kino eine Retrospektive zeigte (heute wäre so etwas als Kinoprogramm-Leistung ganz undenkbar). Vom August 1981 datiert der letzte, in WEBs Nachlass bewahrte ganzseitige SZ-Text zu Film, er handelt von Abraham Polonksy und trägt den Titel: »McCarthy und die Folgen. Über die Beziehung von Politik und Kunst in Hollywood, oder: Warum es nicht zur Verfilmung einer Thomas-Mann-Novelle kam“.[2] Danach vergällten zunehmend Kürzungswünsche der Redaktion die Zusammenarbeit, sie wurde sporadischer und kleinteiliger. WEB konnte so etwas mit seinen Mundwinkeln darstellen, ich musste nur »du und die SZ« sagen.

»Dabeisein heißt gehorchen«, lautete das Schlusswort seiner Abrechnung mit der Altredaktion der »Filmkritik«, am 14. Juli 1974 beim SFB 3 unter dem Titel »Rot weht der Wind« als Radioessay gesendet. Untertitel: »Eine Sendung über Presse, Fernsehen, Feuilletonismus, Wissenschaft, Kino, Bewegung, Farben, Denken, Filmkritik und die ›Filmkritik‹. Aus der Geschichte einer Kulturzeitschrift«. Da war er 29 Jahre alt. Und Wortführer der Kulturrevolution bei der »Filmkritik«, die Enno Patalas entmachtet. 

Das Meiste, was wir von WEB kennen, entstand binnen der nächsten zehn Jahre. Als Text, als Film, als Radiostück, als Zeitungsartikel. Nach 1984, nach seinem in Thailand gedrehten AMERASIA (1985) über die Folgen des Vietnamkrieges, begann der Rückzug aus der filmvermittelnden Welt. Lebenslang wortkarg blieb er über die dann folgende, wohl rund eine Dekade andauernde Zeit, Produzenten für die eigenen Filmprojekte zu finden – etwa für eine durch Kolonialkriege und nach Vietnam führende Fortsetzung von Anthony Manns WINCHESTER 73 oder ein Vorhaben zusammen mit Gianni Celati, nach dessen 1984 erschienenen »Narratori delle pianure« (»Erzähler der Ebenen«, dt. 1997). Sprach ich ihn darauf an, war er kurz angebunden, hatte erkennbar damit abgeschlossen. Seine nicht realisierten Ambitionen als Filmregisseur – »all die ungelegten Eier«, spöttelte er – waren ihm kaum mehr der Rede oder der vernarbten Wunden wert. Es dauerte Jahre, bis ich ihn aus dem selbstverordneten Schweigen wenigstens einmal im Jahr für einen Augenblick eine Handbreit zurückholen konnte, nämlich für den Jahresrückblick hier im »CulturMag«. Das las sich dann beim ersten Mal, Ende 2017 zu den schönsten weiterzugebenden Sinneseindrücken des Jahres befragt, so:

Atopia
Only Angels have Wings – Howard Hawks (Criterion)
The Searchers– John Ford (BluRay)
Asphalt Jungle– John Huston (Criterion)
Ukigusa Monogatari – Yasujiro Ozu
»A Multitude of Angels« – Keith Jarrett (plus Sleeper)
»Desert Solitaire« – Edward Abbey (jetzt auch auf deutsch!)
»The Corporal´s Wife« – Gerald Seymour
Werneckhof München – Tohru Nakamura (** 2016)
»Don´t Explain« – Heinz Sauer, Michael Wollny
»69 Hotelzimmer« – Michael Glawogger (mit Workingman´s Death)
Hanoi Altstadt – (always) VR Vietnam
Entdeckung – Naomi Kawase (Filme)
High and Low – Akira Kurosawa (wiederentdeckt dank Göhre/Mayer Cops in the City)
Essaouira – Maison des Artistes
Cancale – Chateau Richeux & Le Coquillage
Charlie Haden – »Rambling Boy« (plus »Last Dance«)
Richard Stark – (always)
»Wanderer« – Sterling Hayden (immer noch nicht auf deutsch)
Viet Thanh Nguyen – »The Sympathizer« 
Marcelino Truong – »Ein schöner kleiner Krieg. Saigon 1961–1963«
J.G. Ballard – (always).[3]

Das Wort Atopia (griechisch ατοπία atopía) meint »Ortlosigkeit«, »nicht zuzuordnen«, »von hoher Originalität«, bezeichnet das Unbeschreibliche, Unverortbare des nur selten zu Erlebenden, eben das Original im allerbesten Sinne – dies auch als Ethos, als etwas unbedingt Anzustrebendes. Ebenso aber steht es als Atopie für die Neigung zu einer verstärkten allergischen Reaktion auf normalerweise harmlose Substanzen oder Reize aus der Umwelt, also für eine Überempfindlichkeits-Reaktion, nämlich die körperliche Bereitschaft zu einer krankhaft erhöhten Bildung von Antikörpern. Ein Krankheitsbild, das WEB nicht fremd war und ihn mit Schwindelattacken piesackte.

Über Harun Farocki schrieb er mir im Dezember 2018: »Wir haben uns geliebt – wenn auch nicht immer verstanden.  Während er nach Anerkennung gierte, suchte ich eher … Erfüllung. Während ich ihm seine Widerspenstigkeit und Betriebsamkeit neidete, war er eifersüchtig auf meine ›innere Ruhe‹ und ›Weltläufigkeit‹. Gemeinsame Projekte gab es zuhauf, aber realisiert haben wir leider nie welche. Die wiederkehrenden Topoi unserer unregelmäßigen Begegnungen waren Bad Godesberg (wo er eine schwierige Jugend nach einer Kindheit in Indien und Indonesien verbracht hatte, und ich die zwei letzten Jahre vor meiner ›Reifeprüfung‹ in einem Internat) und Vietnam, das uns seit seinem Krieg gegen Amerika voll in Bann geschlagen hatte (später studierte er aufmerksam unser Vietnam-Buch, ehe er mir kurzfristig seinen Aufenthalt dort ankündigte). Also: nicht Filme oder Arbeit oder Menschen, sondern: Orte, Erinnerungen, Lokalitäten. – Gehört in jeden Haushalt:  DVD-Schuber ›Harun Farocki Filme 1967–2005‹ mit 20 Filmen auf 5 Discs.«[4]

Harun Farocki, so proklamierte WEB damals in seinem von Kraft, Selbst- und Sendebewusstsein strotzenden SFB-3-Radioessay, gehörte 1974 zur »ersten genossenschaftlichen Kooperative im deutschen Verlagswesen«, zu den »faktisch acht Mitgliedern der ›Filmkritik‹-Kooperative: fünf davon in München: Wolf-Eckart Bühler, Rainer Gansera, Eberhard Ludwig, Paul B. Kleiser, Gerhard Theuring, drei davon in Berlin: Hartmut Bitomsky, Harun Farocki, Peter Nau.«

Der 55 Minuten lange Radiotext trieft vor Verachtung gegenüber der bisherigen Herangehensweise der »Filmkritik« an Filme, gegenüber dem Feuilletonismus (»die Filmgeschichte pflegen, beschaulich wie einen Garten …«) und generell gegenüber dem Journalismus. »Dabeisein heißt gehorchen«, heißt es einige Male. »Die Zeitungen lieben offenkundig Filmkritiker, die über Filme urteilen wie ein blindes Huhn, das Futter sucht […], die den Betrieb mit einer wirren Folge von Juchzern und Seufzern begleiten […], sie sind es gewöhnt, sich vom Arbeitsmarkt die Grenzen der Sprache vorschreiben zu lassen […]. Fast alle Sätze, die jetzt gehört, geschrieben, gesprochen, gelesen werden, sind von den Versandhäusern geschickt. Sie werden direkt in die Köpfe geschickt. Bei den Wörtern ist es schon gelungen, nur noch die Schachteln zu liefern.«

Zur nur wenige Reformschritte zurückliegenden Umstellung in der »Filmkritik«, Aktuelles nach vorne zu nehmen, lautet WEBs Kommentar: »Immer wenn man denkt, es hat einer endlich etwas gemerkt, muss man sehen, das stimmt ja nicht. Es hat einer bloß gelernt, nichts mehr zu lernen, es aber so aussehen zu machen als hätte er. Das ist auch schon beinahe das Berufsbild des Journalisten.« Verächtlich gemacht wird »die neu eingerichtete Schublade ›Theorie und Praxis‹«, gelobt die Möglichkeit zu »weniger ökonomisch gefesselter redaktioneller Arbeit«, wie es sich Herbert Linder, Frieda Grafe und Helmut Färber erkämpft haben. »Sie läuten eine neue lebendige Art zu sprechen ein.«

Kracauers Ideologiekritik, auf die Patalas & Co sich gerne beriefen, ist für WEB bloße Agentin des Zeitgeistes, »nicht des Geistes«, ist untaugliches und überkommenes Instrument, rein retrospektiv, nicht nach vorne, in die neue Zeit gerichtet, in der es heißen soll: »Rot weht der Wind.« Red Harvest wird WEB später die eigene Filmproduktionsfirma nennen: Rote Ernte (ein Hammett-Titel). Den Originalton der neuen Zeit markiert im SFB-3-Radioessay ein O-Ton-Ausschnitt aus Howard Hawks’ Western EL DORADO. »Sklaventon … Sklavensprache« heißt es zur deutschen Synchronisation. Es folgt die Szene im Original. Unmittelbar danach wird das Mitbestimmungsmodell der »Filmkritik«-Kooperative von 1971 vorgestellt, wird von »Entpatriarchisierung«, »konzeptionslosem autoritärem Regime« und »konstruktiver Resozialisierung« gesprochen, die New Yorker »Village Voice« mit ihren Kolumnisten und Korrespondenten explizit als Vorbild genannt und als »Beweis, dass es auch anders geht«; überhaupt gilt WEB die USA als ein Sehnsuchtsort, der beweist, »dass es nicht nur den Kapitalismus gibt« – dies eine Trope, der WEB über viele Jahre, Recherchen, Filmemacher-Porträts in Print und Film bis hin zu einem nie abgeschlossenen Buchprojekt »Marx & Amerika« treu bleiben wird.

Positiv im Radioessay als »erstes Themenheft der ›Filmkritik‹« benannt wird WEBs »John Ford’s Stock Company« vom Januar 1972 (Nr. 181). In diesem Jahr, so der Kommentar, stoppt die Hälfte der (alten) FK-Redaktion, »gut bezahlt in der Kulturindustrie«, ihre Arbeit. 1973 folgen »weitere Themenhefte, mehr Empirie, weniger Subjektivität«. Anders als zu Patalas’ Zeiten, im Essay zusammengefasst zu: »Fast alle Mitarbeiter der ›Filmkritik‹ verdienen sich ihren Lebensunterhalt, das heißt die Möglichkeit, in der ›Filmkritik‹ zu publizieren, mit eben jenen Auftragsarbeiten für den Tagesjournalismus, vor dem sie sich als Mitarbeiter der ›Filmkritik‹ dann wiederum demonstrativ ekeln …«, bricht nun eine neue Epoche an. »Die Zeit, da Prokrustes redigierte« und der bloße Anschein von Kritik bloß verwaltet wurde, ist vorbei, ebenso jede fast postfaschistisch genannte Paladin-Treue zu einem Filmförderungsgesetz, das »dieselben Ziele verfolgt wie weiland Goebbels: nämlich die Förderung der schweigenden Filme auf Kosten der sprechenden«. 

Jetzt, so kündet der Essay, ist Zeitenwende (pardon, ein heutiges, von mir hier eingeschmuggeltes Wort, AM). O-Ton WEB damals: »Auf die Frage nach dem Stand der ›Filmkritik‹ ließe sich antworten: Sie stiftet Kommunikation mit Filmen, indem sie selbst diese Kommunikation ist, nämlich deren öffentliche, gesellschaftliche Wirklichkeit, zugleich gesellschaftlicher, geistiger Ort dieser Kommunikation […] Wo Kritik und Wissenschaft nicht mit ihren Mumien verwechselt werden, sind beide heute nicht zu trennen.« Und, ultimativ: »Kritik beweist die Inspiriertheit eines Werkes, indem sie sich selbst als von ihm in Bewegung gebracht zeigt.«[5]

Sich selbst als von seinem kritischen Gegenstand in Bewegung gebracht zu erweisen – »Ein Film ist ein Pflug, mit dem ich mich umgrabe, die Kritik das Protokoll einer Begegnung«, »dem Leser zum besseren Sehen verhelfen, indem die Kritik ihn zum besseren Lesen ertüchtigt und ermächtigt, etwas Eigenes daraus zu machen …« –, all diese programmatischen Sätze aus dem eingangs zitierten Radioessay (später übrigens fast wörtlich wiederzufinden in den Editorials der von Norbert Grob, Antje Goldau, Jochen Brunow und Norbert Jochum gegründeten Zeitschrift »Filme – Altes und Neues vom Kino«; 13 Hefte zwischen 1980 und 1982), da hatte WEB wenig Gegenargumente, als Werner Dütsch ihn Ende der 1970er, Anfang der 1980er bearbeitete, doch aus seinen Themenheften bei der »Filmkritik« nun auch filmvermittelnde Filme für den WDR zu machen. 

Es waren dies im Besonderen die Hefte:

Nr. 176 August 1971: Amerikanische Western 1962–1970, von Wolf-Eckart Bühler, Helmut Färber (32 Seiten).

Nr. 181 Januar 1972: Wolf-Eckart Bühler: John Ford’s Stock Company. Fotos und Gestaltung Herbert Linder (48 Seiten).

Nr. 197/ 198 Mai/ Juni 1973: Wolf-Eckart Bühler: Howard Hawks (75 Seiten).

Nr. 213 September 1974: Wolf-Eckart Bühler und Felix Hofmann: Polizei.

Nr. 249/250 September/Oktober 1977: Wolf-Eckart Bühler: Hank Worden. John Ford. The Searchers (94 Seiten).

Nr. 260 August 1978: Wolf-Eckart Bühler. John Ford. Tribut an eine Legende. Eine Reise durch Amerika, die Abgründe des Monument Valley und die Amerikanische Linke der Dreißiger Jahre, The Informer, Kommunisten, Volksfront und Reaktion, Amerikanische versus Unamerikanische Aktivitäten, The Grapes of Wrath, John Ford zieht sich zurück, Post Scriptum, er gewährt einem Kommunisten ein Interview. – Sowie: Eine andere Reise durch Amerika und komfortable Wüste, ein Vietnam-Film, für den Fords Name mißbraucht worden ist, und ein Film über einen Freund, der niemals aufgeführt wurde (47 Seiten).

Nr. 266 Februar 1979: Leo T. Hurwitz. Marxistische Filmproduktion in Amerika – von Wolf-Eckart Bühler (47 Seiten).

Nr. 289 Januar 1981/ Nr. 290 Februar 1981: Irving Lerner. Gespräche mit Irving Lerner von Wolf-Eckart Bühler (32 Seiten) – Darin auch: Warum die Filmkritik teurer geworden ist. Auf der hinteren Umschlagseite innen die Bildunterschrift: »Die Filmkritik erstrebt nicht Aktualität, vielmehr eine geistige Gegenwärtigkeit«. Heft 2: Tod und Mathematik. Über Irving Lerner von Wolf-Eckart Bühler (12 Seiten).
Gespräche über Irving Lerner: Philip Yordan, Ben Maddow, Leo T. Hurwitz, Haskell Wexler.

Redakteur der »Filmkritik« seit 1972, wurde aus WEB so nolens volens der Filmregisseur Wolf-Eckart Bühler. Ohne Werner Dütsch vom WDR wäre er wohl nie zum Filmemachen gekommen, ihm sei er zu großem Dank verpflichtet, betonte er etliche Male (nicht nur) mir gegenüber. Dütsch mochte und schätzte Bühlers Texte und bat ihn, doch »etwas« für ihn zu machen. WEB schlug ihm – mit der Abrechnung des Apparats rechnend und durchaus provokativ – einen Film über den weithin unbekannten amerikanischen Marxisten und Dokumentarfilmer Leo T. Hurwitz (1909–1991) vor. Hurwitz hatte damals noch nicht Dialogue With a Woman Departed gemacht, war vergessen. Dütsch hatte wohl eher etwas über Western, über Ford oder Hawks, Piraten oder Polizeifilme erwartet, zog sein Angebot aber nicht zurück. Hielt den Rücken hin. WEB hatte Meinungs- und Gestaltungsfreiheit. Leider ist keinerlei Korrespondenz der beiden erhalten.

So entstand die TV-Dokumentation Leo T. Hurwitz: Filme für ein anderes Amerika (BRD 1980, 44 Min). Es folgte Innere Sicherheit: Abraham Polonsky (BRD 1981, 44 Min) über Abraham Polonsky, vom FBI-Chef J. Edgar Hoover als »The Most Dangerous Citizen« stigmatisiert und auf Hollywoods Blacklist gesetzt. Beide Filme sind Musterbeispiele dafür, was die Dritten Fernsehprogramme einmal geleistet haben. Beide sind sie Prototypen, Bausteine eines kritischen Gedächtnisses, das die Zeiten zu überdauern vermag. (So wie übrigens Bühlers »Filmkritik«-Texte immer noch eminent lesbar sind.)

Zwischen diesen beiden Filmen lag der überaus polemische TV-Beitrag Über Irving Lerner (BRD 1981, 11 Min), den WEB zusammen mit Manfred Blank realisierte, in dessen HFF-Abschlussfilm STADT & LAND & SOWEITER er 1976 als Darsteller mitgewirkt hatte. Der Beitrag gehörte zu einem Paket, die Initiative dazu ging von der FK-Kooperative aus: »Ein weiterer Vorschlag zur Geldbeschaffung: die FK macht einen Fernsehfilm ›Kino 81‹ mit vielleicht 6 Beiträgen über Kinoereignisse des kommenden Jahres. MB [Manfred Blank] könnte das machen und Dütsch vorschlagen.«[6] Bei der schließlich produzierten Sendung Kino 81 (43 min.), einer von Blank realisierten Harun Farocki Filmproduktion für die »Filmkritik«, ausgestrahlt am 14. Mai 1981, wird Helmut Merker als Redakteur genannt. Es handelt sich um ein »gesendetes« FK-Heft, stumm mit einem wie von Vlado Kristl gemalten Insert »Stille« beginnend und endend, mit Beiträgen von Bühler (Irving Lerner), Farocki (Gespräch mit Heiner Müller), Bitomsky (über James Agees »Let Us Now Praise Famous Men«, 1941), Blank (Eric Rohmer), Färber (Mizoguchi) und Hanns Zischler (Roland Barthes’ Fotografie-Buch »La chambre claire: note sur la photographie«, 1980).[7]

Bühlers Beitrag ist der kälteste und glühendste. »Ein Mann ist gestorben vor ein paar Jahren. Er hat fast alles, was zum Filmemachen gehört, gekonnt – außer sich durchzusetzen. Sein Name war Irving Lerner …« Lerners Film MURDER BY CONTRACT, in acht Tagen gedreht, wird mit Standfotos im Schnelldurchlauf als Meisterwerk rekapituliert, von einem gierigen Produzenten fast ruiniert – tatsächlich blieben dieser und Polonskys Force of Evil Bühlers absolute Lieblingsfilme, zigmal geschaut. »POMMES RIESENWURST« zieht in Neonlettern durch das Bild, in der Stachus B-Ebene in Parallelfahrt und oberirdisch aus der Straßenbahn die Kaufinger Straße entlang gefilmt. Passanten, Geschäfte, Geschäftigkeit. Rolltreppen, Schnellimbisse. Fastfood. »Worum geht es, wenn es um Film geht?«, fragt der Kommentar rhetorisch. »Es geht um Geld. Und es geht um Arbeit. Und es geht um das Selbstverständnis, mit dem jemand seine Arbeit tut. Und es geht um Geld und Apparate. Um das Sich-Durchsetzen und das Sich-nicht-mehr-durchzusetzen-Brauchen.« Der banale Geldautomat einer Münchner Sparkasse kommt ins Bild, eine Frau hebt Geld ab. Der Kommentar redet von »Waschlappenarbeit«, redet sich in kalte Rage: »Darum geht es. Auf dass ein Heer von Waschlappen Waschlappenarbeit macht. Waschlappenfilme für Schnellhamburger-Kinos …« Die Firma des Produzenten von MURDER BY CONTRACT hieß übrigens Security Production, »Sicherheitsproduktion«, wiederholt der Kommentar sicherheitshalber (wir sind beim WDR), und schließt: »Man kann aber auch von einem Film wie MURDER BY CONTRACT lernen.« Das letzte Bild ist ein Filmstill daraus. Es ist ein Finger am Abzug.[8]

Man darf sich fragen, ob man sich beim WDR Filmvermittlung so vorgestellt hat.

Wolf-Eckart Bühler, so seltsam das klingen mag, kam eher unwillig zum Film. Er hatte Theaterwissenschaft und Philosophie studiert, war bereits in jungen Jahren viel herumgekommen, bis hin zu einer Anfangskarriere als Hasch-Dealer mit Marokko-Verbindungen oder Küchendiensten in einem Sterne-Restaurant, war alles andere als ein verhinderter Filmemacher. Sein Medium war das gedruckte Wort, sein Blick dialektisch geschult. Der Einsatz von Sprache ist bei ihm manchmal durchaus theatralisch. Apodiktisch. Scharfrichterlich. Unerbittlich. Klar.

Der Gewaltgeschichte der Vereinigten Staaten unmittelbar aus seiner Liebe für Western folgend – besonders wichtig für ihn die Bücher des Kulturhistorikers Richard Slotkin: »Regeneration Through Violence: The Mythology of the American Frontier, 1600–1860«, 1973, und »Fatal Environment: The Myth of the Frontier in the Age of Industrialization, 1800–1890«, 1985, und der Journalismus von I.F. Stone –, interessierte er sich mehr und mehr für die dunkle Seite Amerikas, für die Zeit der Hexenjagd in Hollywood, der Blacklist und der Berufsverbote, für das Treiben des »Komitees gegen un-amerikanische Umtriebe« (House Committee on Un-American Activities, kurz HUAC). Bühler wurde zu einem Advokaten der amerikanischen Gegengeschichte. Sein »Naming Names« galt den Vergessenen und Verfemten. Zwei seiner Kinofilme galten einem Mann zwischen allen Stühlen – dem Schauspieler Sterling Hayden, der sich selbstzerfleischend »Shirley« nannte und der WEB seiner Gebrochenheit wegen faszinierte. WEBs andauernde Bewunderung galt dem Drehbuchautor und Dokumentaristen Ben Maddow. Ihm nicht mehr Arbeit gewidmet zu haben, gehörte zu dem Wenigen, was er bedauerte.

bühler hayden

Anfang der 1980er arbeitete WEB an einem (nie vollendeten) HUAC-Buch. Aus dieser Beschäftigung entstand ein Interesse an dem damals vor dem HUAC-Tribunal als »freundlicher Zeuge« aufgetretenen Sterling Hayden und dessen Autobiografie »Wanderer«, 1963 erschienen, bis heute nicht ins Deutsche übersetzt, obwohl es als das »On the Road« der See gilt. Bühler fand das Buch so aufregend, dass er daraus seinen Film DER HAVARIST entwickelte (1983 realisiert). Konzept und Drehbuch sahen vor, Haydens Stimme so ernst zu nehmen wie Straub & Huillet ihren Pavese oder die griechischen Klassiker– so groß ist tatsächlich ja auch das darin aufgewühlte Lebensdrama. Bühler wusste, dass Hollywood sich bereits mehrfach für eine Verfilmung interessiert hatte, sogar mit Robert Redford als Regisseur und Hauptdarsteller. Ihm war klar, dass er Hayden persönlich überzeugen musste. Ihn aufzuspüren, dauerte beinahe ein Jahr. Hayden war damals 65 Jahre alt, hatte sich Hollywood entzogen, trieb sich oft in Europa herum, wo Bertolucci ihn etwa als Patriarch der Landarbeiter in NOVECENTO (1900) inszenierte. Mit seiner alten holländischen Barkasse ankerte Hayden auf dem Doubs bei Besançon. Er las das Skript, war begeistert, schenkte Bühler die Rechte, meinte dann am zweiten Abend, wie schade es doch sei, dass niemand ihr Treffen in Bild und Ton festhalten würde. Binnen weniger Tage organisierte WEB eine telegrafische Zusage von Werner Dütsch für einen 45-Minuten-Film sowie ein Team, das die Gagen zurückstellte, war eine Woche später zurück. Sie hatten ganze fünf Drehtage.  

Jede Minute des Drehs war Hayden betrunken oder bekifft, redet im Film aber mit der Klarheit eines Erzengels, sitzt da mit gewaltigem Bart und wilder Mähne. Wettergegerbt, barfuß. Zugedröhnt und gleichzeitig hellwach. Ein Mann, der die Welt dreimal umsegelt hat, die Hand am Mast, und im Lauf seines Lebens 18 Boote und Schiffe führte. Ein König ohne Land und Untertanen. Eine Shakespeare-Gestalt. »Pharos of Chaos« (Leuchtturm des Chaos), der Titel eines unvollendet gebliebenen Hayden-Buches, gab dem aufwühlenden Dokumentarfilm den Namen.

In den Erinnerungen von Manfred Blank liest sich das so: »1979/80 überredete mich Wolf-Eckart Bühler, mein Kollege bei der ›Filmkritik‹, mit ihm ein Filmdrehbuch zu schreiben über Sterling Haydens autobiografischen Roman ›Wanderer‹. In diesem, seinem ersten Buch, verarbeitet der mit Filmen wie John Hustons Asphalt Jungle, Nicholas Rays Johnny Guitar und Stanley Kubricks Dr. Strangelove zur Legende gewordene Schauspieler den inneren Konflikt, in den er durch seinen Auftritt als ›guter Zeuge‹, also als Verräter, bei den Verhören des Komitees für ›Unamerikanische Umtriebe‹ unter Senator McCarthy und Richard Nixon geraten war. Wir waren mit dem Skript mehr oder minder fertig, als wir erfuhren, dass sich Hayden gerade in Frankreich auf einem umgebauten Lastkahn befand. Kurzerhand fuhren wir mit einer Super-8-Ausrüstung nach Besançon. Dort, zwischen der malerischen Zitadelle und den Staustufen des Flusses Doubs, fanden wir ihn, wie er sich in seinem Buch geschildert hatte: als einen Mann im Krieg mit sich selbst. Er trank, er griff zur Haschisch-Zigarette und versuchte sich immer noch klar zu werden über sich selbst, über sein Leben, über das Leben und über die Welt. Er schien auf Zuhörer gewartet zu haben, er schien auf uns gewartet zu haben. Wir redeten mit ihm und wir hörten ihm zu. Nach drei Tagen machten wir ihm den Vorschlag, dass wir in ein paar Tagen zurückkehren würden, mit einer größeren, einer professionellen Tonfilmausrüstung. Der Plan gefiel ihm, und so geschah es. Nach einer Woche, in der wir das Team um einen Kameramann erweiterten, die Ausrüstung zusammenstellten und uns von unserem Mentor Werner Dütsch die Zusicherung holten, dass wir mit dem Material eine Sendung für seine Redaktion, die Filmredaktion des WDR, realisieren können würden, waren wir zurück und drehten eine Woche lang auf und bei dem Schiff, das den Namen ›Pharos of Islandia‹ trug, von Hayden aber ›Pharos of Chaos‹ genannt wurde.«[9]

Es gibt davon eine Fernsehfassung mit einer Länge von 45 Minuten mit dem Titel Vor Anker – Land unter. Ein Film mit Sterling Hayden. Die fast zweistündige Kinofassung lief 1983 auf der Berlinale in der Reihe »Neue Deutsche Filme«, auf dem Festival in Edinburgh und der Duisburger Filmwoche und dann im Verleih der Verleihgenossenschaft der Filmemacher (mit Hilfe des befreundeten Verleihs Prokino als Agentur) in etlichen deutschen Städten. Viele Filme sterben kurze Zeit, nachdem sie gemacht werden, sind schon nach ein paar Monaten tot (so ein WEB-Zitat aus dem Hurwitz-Film). LEUCHTTUM DES CHAOS hingegen ist von anderem Kaliber. Es ist ein Film, den man nie vergisst. »Documentary film making […] at its most laissez faire«, lamentierte Janet Maslin, die Kritikerin der New York Times, 1983 aus Edinburgh. Mich blies er um. Und nicht nur mich. Als der Streamingdienst Mubi den Film im März 2020 weltweit zugänglich machte, postete der Influencer Janosch Bela Kratz Folgendes: »Ein langsamer, aber intensiver Monolog. Aufgenommen auf eine sehr neutrale und sanfte Weise […] Es gibt weder ein Gespräch noch irgendeine Diskussion. Sie haben ihn einfach aufgenommen, wie er mit sich selbst argumentiert. Dies ist das aufrichtigste Ding, das ich jemals gesehen habe.«

Ich sah den Film 1983 bei der Berlinale im Delphi und sagte mir schon beim Schauen: »Die Leute, die diesen Film gemacht haben, die musst du kennenlernen!« Ging beim Filmgespräch zu ihnen vor und dann mit ihnen zum Essen, fand mich drei Wochen später in Italien in der nordwestlichen Toskana, um zusammen mit Felix Hofmann die Ruine eines Schafstalls mitten in der »macchia« bewohnbar zu machen – das spätere Italien-Domizil von Bühler und seiner Lebensgefährtin Hella Kothmann, »die Casa«, von den beiden immer »Sconerba« genannt. Zwei Zimmer, Wildnis, Blick über bewaldete Hügel auf Sonnenuntergang und Meer. Mir gefiel als »medium«-Redakteur mit bäuerlicher Herkunft die Idee von drei Wochen körperlicher Arbeit. Felix Hofmann war gelernter Zimmermann, der im Sommer in seinem Beruf arbeitete und im Winter Texte für die »Filmkritik« schrieb. Er und WEB hatten sich über Western und Musik kennen- und schätzen gelernt. Bei den Dokumentar- und/oder Essayfilmen über Hurwitz, Lerner und Hayden war er als Co-Autor dabei. Die beiden waren etliche Jahre symbiotisch, arbeiteten sich zu wie kommunizierende Röhren, ehe es WEB mehr und mehr außer Landes zog, oft nach Asien und vor allem nach Vietnam. 

Peter Lorre – Das endlose Exil, für den Dütsch im Mai 1982 eigentlich WEB als Autor vorgesehen hatte, wurde von Felix Hofmann und Harun Farocki realisiert, ausgestrahlt am 5. September 1984, von Hofmann später zum Buch »Peter Lorre. Portrait des Schauspielers auf der Flucht« (Belleville, 1998) weitergeschrieben. Dütsch hatte im Juni 1981 eine Sendereihe konzipiert, die sich explizit mit den von der Filmgeschichtsschreibung hinterlassenen weißen Flecken befassen und »Film in Deutschland 1895–1981« heißen sollte. Vorgesehen war keine einheitliche Sendereihe, vielmehr sollten »wechselnde Methoden sich wechselnden Gegenständen widmen: Analyse und Dokumentation, Essay und Interview. Es ist auch nicht an einen Autor oder ein Autoren-Kollektiv gedacht: es sollen einzelne Sendungen von sehr verschiedenen Autoren werden.« 

Im Konzept vom Mai 1982 waren aus den allgemeinen Überlegungen konkrete Sendungstitel geworden: 

– »Der Fall Selpin«, als Autor vorgesehen Nathan Jariv, die Sendung ist am 19. Juni 1983 ausgestrahlt worden.
– »Cecil B. DeMille trifft Konrad Adenauer« – als Autor vorgesehen: Manfred Blank, wohl nicht realisiert.
– Peter Lorre – Das endlose Exil  – als Autor vorgesehen: Wolf-Eckart Bühler, realisiert von Felix Hofmann und Harun Farocki, ausgestrahlt am 5. September 1984.
– »Kino in Deutschland vor 1914« – ohne designierten Autor.
– »Ernst Lubitsch in Deutschland« – ohne designierten Autor, mit einiger Verzögerung realisiert von Frieda Grafe, Martin Koerber und Enno Patalas anlässlich des 100. Geburtstags von Lubitsch 1992 unter dem Titel Lubitsch aus Berlin.
– »Deutschlandbilder« – ohne designierten Autor, realisiert von Hartmut Bitomsky und Heiner Mühlenbrock, ausgestrahlt am 26. Oktober 1983.– »Das Mittelstandskino 1962–1982« – ohne designierten Autor.
– »Kracauer« – ohne designierten Autor.[10]

Wolf-Eckart Bühler jedoch war hier nicht mehr dabei. Sein Ding war das Retrospektive nicht. Er folgte seiner eigenen Agenda, vorweggenommen ein Jahrzehnt zuvor in jenem SFB 3-Radioessay: »Kritik beweist die Inspiriertheit eines Werkes, indem sie sich selbst als von ihm in Bewegung gebracht zeigt.«

Seine kritische Auseinandersetzung mit dem Western als Genre – nirgendwo anders die Frage der Haltung/der Substanz eines Handlungsträgers von solch durchdekliniertem Gewicht –, mit Piraten und Cops, mit Anarchos auf beiden Seiten des Gesetzes, mit den Prota- und Antagonisten der Hollywood Blacklist und der Frage »Sind oder waren Sie Mitglied? …« (der kommunistischen Partei), mit der Amerikanischen Linken und dem trotzköpfigen Beharren von Filmemachern wie Hurwitz, Lerner und Polonsky, das richtige Leben im falschen führen zu wollen-können-müssen, seine Empathie für den, einmal gestrauchelt, zum Denunzianten gewordenen und sich fortan ewig selbst geißelnden Sterling Hayden, all dies führte WEB in eine bestimmte Richtung – weg aus Deutschland und dessen Kulturindustrie, hin nach Vietnam.

In Vietnam, ca. 1990

Zuerst zu dem unter schwierigen Produktionsbedingungen entstandenen AMERASIA mit einem fast wie ein Schlafwandler durch die eigene Geschichte taumelnden Hauptdarsteller (John Anderson, zuvor in Haile Gerimas ASHES AND EMBERS, 1982, als entwurzelter Vietnam-Veteran zu sehen).
Knapp zehn Jahre später dann zur TV-Produktion Viet Nam! Über den Umgang mit einer leidvollen Vergangenheit (1994). Es ist der letzte ihm zuzuordnende, mir bekannte Film, in Vietnam gedreht und mit dem damals noch unübersetzten Schriftsteller Bảo Ninh und dessen Antikriegsroman »The Sorrow of War« (»Die Leiden des Krieges«, erst 2014 auf Deutsch) im Mittelpunkt.

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Wolf-Eckart Bühler war da noch keine 50. Er wurde 74 Jahre alt. Fand Frieden in Vietnam, in der Toskana, die letzten zehn Jahre in Japan. Dort und immer überall mit öffentlichen Verkehrsmitteln gereist. 

Zweimal an Ozus Grab gewesen. Geweint.

Das Grab von Ozu Yasujirō in Kamakura © Foto WEB, 2014

Das Onlinelexikon filmportal.de, vom Deutschen Filminstitut – DIF (Frankfurt am Main) zusammen mit Cinegraph aufgebaut und von den Mitgliedern des deutschen Kinematheksverbunds unterstützt, verzeichnet für Wolf-Eckart Bühler ganze drei Filme in eigener Verantwortung.

Dank der Restaurierungs- und Herausgeberarbeit der »Edition filmmuseum« sind WEBs Film- und Radioarbeiten nun wieder auf zwei DVD-Editionen zugänglich (Nr. 113 und Nr. 120). Die Begegnung mit ihm lohnt. 
Die dank dieser Vorarbeit aus München nun durchaus vorhandene Möglichkeit, die »Erfahrung Bühler« heute wieder selbst machen zu können, ist auch der Grund, warum hier nicht auf alle filmvermittelnden WEB-Arbeiten eingegangen wird. Natürlich wäre es spannend, all die Korrelationen, Metamorphosen und Fortschreibungen seiner »Filmkritik»-Themenhefte in den adaptiven Film- und Radioarbeiten aufzuschlüsseln oder wie sich sein Interesse am Vietnamkrieg auffächerte. Das überlasse ich aber weiterer Exegese. 

bühler

Unterm Strich möchte ich hervorheben, dass – mehr noch als in seinen Textarbeiten – das Beharren und der Blick auf die Haltung seiner Protagonisten für WEB ein geradezu obsessiver Fokus war. Ihn interessierte die Trennlinie zwischen Opportunismus und Widerstand, interessierte brennend jene Form von Arbeit, die nicht ihre Seele verkauft. Ihn interessierte eine Haltung, die zur radikalsten Konsequenz imstande ist – nämlich sich zu ändern. So formuliert etwa im Epilog der Radioarbeit »Reisen ans Ende der Nacht. Sterling Hayden« vom 11. Oktober 1980. »Brich die Kette entzwei, die dich fesselt«, zitiert er dort aus Haydens Autobiografie »Wanderer«. Zwei Jahre später heißt es im Radiostück »Ein Anderer werden: Abraham Polonsky«, gesendet von SFB 3 am 12. März 1982: »Andere können uns töten. Doch zerstören können wir uns nur selbst.« Und: »Du brauchst nicht zu warten, bis dich jemand zwingt, ein anderer zu werden. Du kannst es jederzeit selbst tun.« 

Bühlers Leo T. Hurwitz: Filme für ein anderes Amerika beginnt mit einem roten Stern unter dem Titelinsert, dann sieht man einen Mann von hinten am Schneidetisch, hört den Kommentar »Er hat nichts mit der Filmindustrie Amerikas gemein«. 50 Jahre schon arbeite dieser Mann gegen den Strom. Die nächste Einstellung zeigt ihn frontal, und Hurwitz sagt in die Kamera: »Ich lebe und arbeite auf der Basis eines Guerillakämpfers in der kapitalistischen Welt …« 

Klar war das ein Vorbild für Wolf-Eckart Bühler, die Filmvermittlung in der Kulturindustrie zog ihn nicht sonderlich an. Er suchte sich sein eigenes Feld, seinen eigenen Pflug, später dann sein Refugium. Für ihn galt stets: »Dabeisein heißt gehorchen.«

Alf Mayer


[1] Wolf-Eckart Bühler, Hella Kothmann: Vietnam. Reiseführer. Bielefeld: Reise Know-How 2019 (13. Auflage); sowie: Toskana. Reiseführer für individuelles Entdecken. Ebd. 2015 (8. Auflage).

[2] Wolf-Eckart Bühler: Kinolust. Ein Walsh-Porträt. In: Süddeutsche Zeitung, 11./12. 3 1972; außerdem von Bühler in der Süddeutschen Zeitung: Pioniere der Bewegung, des Lichts und der Schönheit, 8.2.1972; Delmer Daves: Keiner der ganz Großen, aber der Entdeckung wert, 7./8.4.1973; Abraham Polonsky. McCarthy und die Folgen, 14./15./16.8.1981.

[3] In: CulturMag Highlights 2017, Teil 12 (WEB – Wörtche), culturmag.de.

[4] In: CulturMag Highlights 2018, Teil 12 (WEB – Wörtche – Ziegler), culturmag.de.

[5] Rot weht der Wind. Eine Sendung über Presse, Fernsehen, Feuilletonismus, Wissenschaft, Kino, Bewegung, Farben, Denken, Filmkritik und die »Filmkritik«. Aus der Geschichte einer Kulturzeitschrift. Radioessay, SFB 3, Premiere: 14.7.1974. WEB paraphrasiert und zitiert darin viel aus den Selbstverständnis-Diskussionen der »Filmkritik«, besonders aus Herbert Linders Beitrag im Heft 4/67, in dem angelehnt an Kafka (»Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns») der Film als Pflug angesehen wird, mit dem der Kritiker sich umgräbt. Wörtlich auch aus Helmut Färbers Text »Im Mund der Geschmack von Blut und heißem Blech» (FK 11/71), in dem von den Versandhäusern und Wortschachteln die Rede ist. Linder und Färber wurden und blieben von WEB unverbrüchlich hoch geschätzt.

[6] Protokoll VV 9./10. August 1980, zitiert nach: Volker Pantenburg: Paratexte der Filmkritik (11): Kino’81. In: newfilmkritik, 12.1.2019

[7] Vgl. newfilmkritik 12.1.2019 

[8] „Kino 81« – Stille, ein Filmmagazin von der Filmkritik, anzusehen auf der Vimeo-Seite von Manfred Blank. Auch enthalten auf der DVD der Edition filmmuseum 120: Wolf-Eckart Bühler. Amerasia & Việt Nam!, München 2022.

[9] Quelle: Website von Manfred Blank/ Leuchtturm.

[10] Quelle: Harun Farocki Institut: Mai 2019: Werner Dütsch: Film in Deutschland (#23)(Stand 24.4.2023)


 

 

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