Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

Kein Blitz, kein Stativ, kleine Tasche: Barbara Klemm Frankfurt Bilder

Alf Mayer zu Ausstellung und Katalog der Meisterfotografin Barbara Klemm

»Klemm Frankfurt«, sagt der Buchtitel, »Barbara Bilder« ergänzt der magere Schriftteil. »Frankfurt Bilder« lautet lakonisch der Schmutztitel.  Das Vorsatzblatt davor grau, wie Fotokarton. Barbara Klemm Frankfurt Bilder, das wirkt so augenfällig selbstverständlich als wäre es so immer schon gewesen. Und immer schon mit voller Absicht. Dabei wusste die Fotografin gar nicht, was sie als Schatz in ihren Beständen hat – und was sie über die Jahre meist nebenbei und ohne Auftrag in der zu ihrer Heimat gewordenen Stadt eingefangen hatte. Als Jan Gerchow, der Direktor des Historischen Museums Frankfurt, auf sie zukam, doch eine Ausstellung mit ihren in Frankfurt entstandenen Bildern zu machen, war sie skeptisch, ob es für so etwas denn überhaupt ausreichend Material gäbe. »Das wich aber bald dem Staunen, wie viele und wie unterschiedliche Themen und Motive sie in den über 60 Jahren ihres Lebens in Frankfurt bearbeitet hat«, berichtet Gerchow in seinem Vorwort.

Unter den 230 für die Ausstellung ausgewählten Bildern (noch bis zum 1. April 2024 zu sehen) gibt es viele, die bisher noch nie gedruckt oder irgendwo zu sehen waren. Barbara Klemm hat sie in ihrer seit den 1970er Jahren genutzten privaten Dunkelkammer selbst vergrößert. Darüber ging ihr das bewährte und geliebte Baryt-Papier aus. Letzte Bestände konnte sie noch aufspüren und aufkaufen, »jetzt sind sie aufgebraucht«, berichtet Gerchow, der sich besonders über die Schenkung aller ausgestellten Abzüge für die Fotografische Sammlung freut.

Barbara Klemm kam 1959, mit 20 und nach Abschluss ihrer Gesellinnenprüfung, nach Frankfurt am Main. Sie hatte in Karlsruhe in einem Porträtstudio das Foto- und das Laborhandwerk gelernt, schlug sich als Freie und im Labor der FAZ durch, machte sich mit ihren Bildern von Studentenbewegung, Demonstrationen, Häuserkampf und NPD-Aufmärschen einen Namen. 1970 wurde sie Redaktionsfotografin bei der FAZ. Einmal, für einen privaten Anlass in den 1990ern, durfte ich bei ihr zwei Stunden in ihrem Archiv ein Bild aussuchen: Es wurde eines vom Treffen zwischen Breschnew und Willy Brandt, ein Moment, in dem der Dolmetscher dem Kreml-Herrn etwas Überraschendes ins Ohr flüstert. Ein Schnappschuss – aber für die Ewigkeit.

So sind ganz viele – nein: alle – Bilder von Barbara Klemm. Wie selbstverständlich. Ohne jede Künstlichkeit und Attitüde. Dabei komponiert und perfekt. Kein »Schau mich an!«, sondern ein »Schau dich um!« Schon auf ihren frühen Bildern ist es da: das sichere Gespür für den Augenblick und für die Komposition. Sie wuchs in einem Künstlerhaushalt auf, erlernte den Aufbau von guten Bildern zu erkennen, transportierte das in ihr Handwerk. Eine Reportage-Fotografin – und das wurde sie, das war sie 60 Jahre lang – muss »ihr« Bild schon sehen, bevor sie es aufnimmt, muss den »Augenblick« antizipieren. Alles analog. Weder Blitz noch Stativ, nur kleine Tasche.

»Mich hat immer schon interessiert, was sich auf der Straße abspielt«, sagt sie im Gespräch mit Jan Gerschow. »Wenn man als Fotograf nicht ein bestimmtes, von der Redaktion vorgegebenes Thema bearbeiten muss, dann lebt man von diesen Eindrücken auf der Straße. In Frankfurt habe ich überwiegend ‚ohne Auftrag’ fotografiert. Und genau genommen war das eigentlich auf meinen vielen Reisen für die Zeitung so. Immer habe ich versucht, einen Querschnitt zu finden: von der Kultur, dem Politischen, dem Sozialen bis zur Landschaft – von allem wollte ich etwas festhalten und zeigen.«

Mit dabei halfen eine empathische Haltung, ein offenes Interesse für Menschen und eben das sichere Gespür für den Augenblick und die Komposition. Eine formale Qualität ihrer Bilder ist die Schwarz-Weiß-Fotografie. Barbara Klemm ist hier meisterlich. Die gelernte Fotografin und Laborantin versteht es virtuos, all die Grautöne zwischen dem reinen Weiß und dem tiefen Schwarz zu nutzen. Zusammen mit ihrem Kollegen und Mentor Wolfgang Haut prägten ihre ebenso brillanten wie ungewöhnlichen Aufnahmen lange Jahre das Erscheinungsbild der Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten«, die der FAZ-Samstagsausgabe bis zum Jahr 2001 beilag. (Das waren noch Zeiten, als Zeitungen mit solchen Qualitätszugaben ihren Leserkreis erweitern konnten.) Hier wurden Zeitungsleser zu Fotokennern erzogen. 

Man wird das übrigens auch mit diesem Buch. Es ist der Katalog zur Ausstellung, aber vergessen Sie, was Sie über Kataloge wissen und denken. Dies hier ist Master Class und der Preis von 40 Euro für 230 Abbildungen im hochwertigen Triton-Offsetdruck mehr als ein Schnäppchen. Der Verleger Gerhard Steidl hat selbst das Buch zusammen mit Barbara Klemm gestaltet. Hauseigen besorgt wurde auch alles an Reproduktion, Bildbearbeitung und Herstellung. Gedruckt wird bei Steidl in Göttingen seit 2023 mit einer eigenen MAN Roland 706 3B Evolution Elite, »der besten Offsetdruckmaschine der Welt«, so der Verleger (siehe auch meinen Jahresrückblick 2023: »Zwölf Monate von der Erde essen«).

Frankfurter Römerberg, 1978 © Barbara Klemm/ Historisches Museum Frankfurt

Bilder: «Zufälle, die man sehen muss»

Aber nun zu den Bildern. Zu einigen, wenigstens. Der Buchumschlag zeigt den Frankfurter Römerberg, wie man ihn heute nicht mehr kennt, nämlich mit völlig freiem Blick zum Dom. Das Foto stammt aus dem Jahr 1978 (dem Jahr, in dem ich nach Frankfurt kam). Barbara Klemm dazu, im Ausstellungsbegleitheft und im Audioführer: »Jetzt stehen wir vor einem Bild, an das  Sie sich vielleicht gar nicht mehr erinnern können oder sich vorstellen können, dass unser Römerberg einmal so aussah. Das war 1978. Nach der Zerstörung durch den Krieg war die wunderbare Altstadt, die meine Mama immer auf dem Weg von Münster nach Karlsruhe besucht hat, weil sie sie so schön fand, nicht mehr vorhanden. Man wusste noch gar nicht, was man aus diesem großen, leeren Platz machen soll. Sie sehen aber schon links im Hintergrund das neue (Technische) Rathaus — das gibt es bereits nicht mehr. Und ganz rechts sind Teile des Historischen Museums zu sehen, das ja erst 1972 erbaut und inzwischen wieder abgerissen und komplett neu gebaut wurde. Und natürlich überhaupt nicht zu sehen ist die Ostzeile, die 1981 bis 1985 wiederaufgebaut wurde und dem Römerberg ein ganz anderes Gesicht gegeben hat. Ganz zu schweigen von der neuen Altstadt, die jetzt noch dazugekommen ist und die sozusagen nichts mehr davon erinnern lässt, was das 1978 von mir gemachte Foto zeigt. Und man sieht, was mich eben immer schon gereizt hat und hier auch wieder zu sehen ist: wie die Figuren so eine Fotografie dann aufbauen und daraus eine Komposition entsteht. Dadurch kommt Leben auf diesen Platz, und trotzdem zeigt das Bild eine ungeheure Leere.«

Wasserhäuschen, Gallusviertel, 1971 © Barbara Klemm/ Historisches Museum Frankfurt

Zum Bild »Wasserhäuschen, Gallusviertel, 1971« merkt sie an: »Wir sehen einen Kiosk — ein Wasserhäuschen, wie das in Frankfurt heißt. Bis auf einen Mann schaut mich auf dem Bild sonst niemand an. Es ist für mich so wichtig, solche Momente zu bekommen: wenn niemand merkt, dass ich fotografiere. Solche Situationen sind Zufälle, die man sehen muss. Ich war auf dem Weg in die Mittagspause bei der FAZ, im Gallusviertel. Immer hatte ich eine Kamera dabei. Dann sah ich plötzlich diese Szene, und sie gefiel mir. Diese Art von Straßenfotografie habe ich sehr gerne und über viele Jahre in vielen Ländern gemacht.«

Europaweit bekannt als Fotografin wurde sie im Sommer 1969 mit ihren Aufnahmen vom NPD-Bundestagswahlkampf. Das Bild der feisten, behelmten NPD-Ordner vor dem Cantate-Saal der Frankfurter Volksbühne druckte der Lokalteil der FAZ. Der Spiegel, Paris Match und Observer druckten es nach. Und die Bilder wirkten: Sie trugen dazu bei, dass die Partei an der Fünfprozenthürde scheiterte.  Auch Barbara Klemms Bilder der Frankfurter Studentenbewegung, von Adorno und Horkheimer wie auch von den Häuserkämpfen und dann von den Protesten gegen die Startbahn West erlangten nationale und internationale Bedeutung. Anders als ihre Redaktionskollegen, die unter ständigem Zeitdruck standen, interessierte sich Klemm für die Anliegen der Studierenden, blieb oft länger bei den Veranstaltungen und Debatten, erhielt so einen anderen Zugang. Die Fotografin: »Die Studentenbewegung war der Anfang meiner journalistischen Arbeit. Damals lernte ich meinen Mann kennen, der Student war und mich auf viele Demonstrationen und Teach-ins mitnahm. Das hat mich politisiert.«

Kaiserstraße: Demonstration gegen den Vietnamkrieg, 1970 © Barbara Klemm/ Historisches Museum Frankfurt

Zu ihrem Bild »Kaiserstraße: Demonstration gegen den Vietnamkrieg, 1970« erklärt sie: »Das Bild zeigt, wie unglaublich beweglich man sein musste. Es war eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg auf der Kaiserstraße, die Demonstranten rannten mir entgegen. Also musste ich immer ein Stückchen schneller laufen und dann stehenbleiben, um das Bild machen zu können. Danach galt es, schnell auf die Seite zu kommen, damit sie mich nicht umrennen. Erst später, als ich es vergrößert und entwickelt hatte, sah ich zum Beispiel, dass auch die Pfeile auf der Straße zu sehen sind, sie verstärken das Bild. Auch die Beleuchtung, das Gegenlicht, hebt die Personen einzeln hervor, im Hintergrund ist der Bahnhof zu sehen.«

Auch ihr Foto der versuchten Räumung eines besetzten Hauses im Grüneburgweg zeigt eine ziemlich dramatische Situation. Klemm: »Bei dieser Szene habe ich gelernt, dass ich mich als Fotografin bei dynamischen, auch gewaltsamen Konflikten zwischen Demonstranten und Polizei herausnehmen muss, um besser fotografieren zu können. Das war ein Lernprozess für mich, denn ich stellte fest, dass ich nicht arbeiten konnte, wenn ich zu nahe im Geschehen war. Aufnahmen, von denen ich dachte, ich hätte sie fotografiert, waren aber nicht auf dem Film.«

Theodor W. Adorno mit Polizisten bei der Räumung des Instituts für Sozialforschung, 31. Januar 1969 © Barbara Klemm/ Historisches Museum Frankfurt

Ikonografisch geworden ist ihr Bild »Theodor W. Adorno mit Polizisten bei der Räumung des Instituts für Sozialforschung, 31. Januar 1969«. Im Januar 1969 entwickelte sich ein Konflikt zwischen dem SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) und der Universitätsleitung über die politische Nutzung der Räume des kurz zuvor wiedereröffneten Soziologischen Seminars. Rektor Walter Rüegg ließ das Seminargebäude schließen, woraufhin Studenten, angeführt von Hans-Jürgen Krahl, ins Institut für Sozialforschung (Senckenberganlage Ecke Dantestraße) zogen, um es zu besetzen. Die Institutsleitung (u. a. Ludwig von Friedeburg und Theodor W. Adorno) entschied, die Polizei wegen Hausfriedensbruchs zu rufen. Die räumte das Gebäude kurzerhand und nahm 76 Personen fest. Darunter befand sich auch Barbara Klemm, die kurz zuvor das berühmte Foto aufgenommen hatte. Es zeigt Adorno, umringt und bedrängt von einem Polizisten und zwei Studenten. Die FAZ veröffentlichte das Bild am 1. Februar 1969 und berichtete über die Festnahme: »Unter den vorläufig Festgenommenen befand sich auch eine Mitarbeiterin dieser Zeitung, die das Eingreifen der Polizei fotografiert hatte. Sie sei, so berichtete sie, von mehreren Polizeibeamten abgedrängt und in ihrer Arbeit behindert worden. Dagegen hatte sie sich verwahrt. Sie wird beschuldigt, Widerstand geleistet zu haben.« Bis auf Krahl wurden alle Festgenommenen am Abend wieder freigelassen.

Frankfurter Bildgeschichte sind auch das Lehrlingskollektiv im Walter Kolb-Heim, 1969, der Frauenkongress im Studentenhaus der Universität, 1974, oder das Polizeiaufgebot vor der Goethe-Universität, Demonstration gegen die Auslieferung von Ahmed Taheri, April 1969, oder Boykott des Theaterstücks »Der Müll, die Stadt und der Tod« von Rainer Werner Fassbinder im Schauspiel durch die Jüdische Gemeinde, 30. Oktober 1985. Klemm dazu: »Dieses Bild ist für unsere deutsche Geschichte enorm wichtig. Es zeigt eine Bühnenbesetzung im Kammerspiel des Schauspielhauses. Es war das erste Mal, dass sich die Jüdische Gemeinde mit einer Aktion an die breite Öffentlichkeit gewandt hat. Sie wollte sich den Antisemitismus nicht mehr gefallen lassen.«

Klemms ältestes Bild in der Ausstellung zeigt einen Drechslermeister im Stadtteil Gallus aus dem Jahr 1964. Von Anfang an fotografierte sie Menschen bei ihrer Arbeit. Dafür war Frankfurt genau richtig: Keine Stadt hat mehr Arbeitsplätze im Verhältnis zu Einwohnern (über 90 Prozent), mehr als die Hälfte der Arbeitenden pendelt täglich ein. Entgegen dem Image der Stadt als Finanzplatz überwiegen die Arbeitsplätze in der Industrie und beim Bau. Das fängt sie in beeindruckenden Großraumbildern ein. Sie mag das Handwerk und den Einzelhandel, die Kleinmarkthalle, Schaufenster – und immer wieder die Straße.

Sie fotografiert in Büros und auf den verschiedensten Messen, in Apfelweinlokalen und bei Modeschauen und Empfängen, an der Uni, in der B-Ebene unter der Hauptwache, am Transitort Bahnhof und auf der Buchmesse. Sie zeigt Alltag, Konzerte und Musik, Kulturereignisse, 1965 den jungen Joschka Fischer auf einer Leiter, Herbert Marcuse 1972 vor der Alten Oper, 1982 Ernst Jünger bei der Goethe-Presiverleihung in der Paulskirche, Scheel und Gromyko 1970 im Schlosshotel Kronberg, Jimmy Carter 1978 auf dem Römerberg, Willy Brandt 1976 beim Wahlkampf, dito Helmut Kohl 1988. Unter den von ihr Porträtierten: Susan Sonntag, Hitchcock am Hauptbahnhof, Mick Jagger, Janis Joplin, der Maler Johannes Grützke vor seinem Gemälde in der Paulskirche. Viele Menschen. Viele.

»Sind Sie das?«, fragt das Historische Museum in einem Aufruf an die Frankfurter, möglichst viele Gesichter zur aktuellen Ausstellung zu finden. Geplant ist ein gemeinsames Treffen.

Freundlich, charmant, bescheiden, das ist Barbara Klemm bis heute. Es war auch ihre Waffe. Sie schmuggelte sich ein. Ihr Geheimnis, kommentiert sie trocken, sei gewesen: »Ich wurde als Frau einfach nicht wahrgenommen.« Fünfzehn ihrer Aufnahmen werden seit 1986 im U-Bahnhof Bockenheimer Warte als Wandbilder präsentiert und haben sich ins Bildgedächtnis der Stadt eingeschrieben. Frankfurt Bilder eben. Von Barbara Klemm.

Alf Mayer

Barbara Klemm: Frankfurt Bilder. Herausgegeben von Jan Gerchow. Steidl Verlag, Göttingen 2023/ 2. Auflage 02.2024. Hardcover, Format  23.5 x 30 cm. 264 Seiten, 250 Abbildungen, 40 Euro.

Tags : , ,