Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023, News

Alf Mayer: Zwölf Monate von der Erde essen

Screenshot aus DAS ZEN TAGEBUCH (TSUCHI WO KURAU HIBI – 12 MONATE VON DER ERDE ESSEN) © Film Kino Text Verleih

Zuvorderst gibt es für 2023 einen Meteoriteneinschlag zu verzeichnen. Groß und singulär wie Uluru im Herzen Australiens liegt Andreas Pflügers literarischer Thriller »Wie Sterben geht« in der Landschaft, völlig zu Recht mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet – und wenn es das dünkelhaft blöde E & U in Deutschland nicht gäbe, auch anderer Meriten wert. Ein Solitär. Ein Eckstein auf Jahre.

Pflügers Diamantschleifkunst, bereits bei »Ritchie Girl« und der Jenny-Aaron-Trilogie am Werk, wird dieses Mal noch überboten. Das mit John le Carré zu vergleichen mag zwar eine Sockelhöhe anzeigen, sagt aber wenig aus über Reichtum und Substanz, die diesen Roman hinausheben über die Meisterung innerer Nabelschau im Agenten-Täuschungsgewerbe (das nämlich kann le Carré) und die Uhrmacherkunst des Thriller-Handwerks. Pflüger gibt uns nicht nur den Kalten Krieg als Reflexionsfläche unserer Zeit zurück, sein Buch funkelt mit Poesie und kulturellen Bezügen.

Welcher andere Autor – auch international – vermag es denn, so leichtfüßig eigene Gedichte, Songtexte, Gemälde zu erfinden, die Seelenlage seiner Figuren mit literarischen Größen wie Michail Bulgakow oder Anna Achmatowa zu grundieren, gleichzeitig die Realitätslage echter Geheimdienstarbeit (zur Zufriedenheit echter Experten) abzubilden und dazu noch so virtuos rasend spannend zu sein. Ich lese seit 50 Jahren Spannungsromane – und wüsste niemanden sonst, der so etwas kann. Probehalber habe ich aktuell Kathleen Kents »Black Wolf« und das hochgelobte »Moscow X« von David McCloskey gegengelesen: grober, flacher Holzschnitt beide, gegenüber Pflügers ultra-ziseliert komplexem Kupferstich. Seine Souveränität zeigt und materialisiert sich zudem in einem weiteren Detail: Nicht nur hat er sein Buch selbst gesetzt, auf 448 Seiten kommt nicht eine allereinzige Wort-Trennung vor. Mir ist da nur Karl Kraus mit seiner »Fackel« gewärtig, der seine Texte oft direkt in den Bleisatz diktierte und vom Setzer gewarnt, »Karli, da kommt eine Trennung«, freihändig umformulierte, um kein Wort zu beschädigen. Jede einzelne Zeile in »Wie Sterben geht« ist so in mehrfacher Hinsicht auf Maximaleffekt getrimmt – wie feinster Klavierdraht. Das Buch deshalb: ein Konzert. Die Schriftstellerin Ulrike Schrimpf dazu hier, ebenso mein episches Interview »Artisten auf dem Hochseil«. Und auf andere Weise fein: Pflügers Filmbuch »Herzschlagkino. 77 Filme fürs Leben«, ebenfalls aus dem Herbst. Mein Interview dazu hier und Thomas Wörtche dazu in seinem Jahresrückblick; eine von Andreas Pflüger selbst besorgte Auswahl ebenfalls hier nebenan.

Zur Blödheit von E & U zwei Beispiele: Der seit 2019 vom Bund vergebene Deutsche Verlagspreis, der die »wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit kleiner, unabhängiger Verlage« stärken soll, wurde bisher an die 320 Mal vergeben. Noch nie aber an einen reinen Verlag für Kriminalliteratur wie etwa Polar, obwohl dort vorbildlich jede Neuerscheinung mit Nachwort, Podcast, Leseprobe, Webauftritt und Autoreninterview ausgestattet wird. Und was hat das deutsche Feuilleton vor rund zehn Jahren an Untergangsphantasien bemüht, als der Suhrkamp Verlag eine Reihe mit Kriminalliteratur ankündigte: Literatur werde nun bald an der Tankstelle oder im Warenhaus verramscht… Beim Deutschen Krimi Preis 2023 stellt Suhrkamp drei der sechs Preisträger, das Abendland steht immer noch.

Doch nun Aufblende: 2023 habe ich einen Abend mit der Reinkarnation von Pier Paolo Pasolini verbracht, mit Frank Göhre seinen 80. Geburtstag gefeiert (Laudatio von Sonja Hartl bei uns hier), meinen Vater, 103, aus der Klapse befreit, einer im 18. Jahrhundert gebauten Barockorgel zugehört, auf der Keith Jarrett 1976 sein Doppelalbum »Hymns/ Spheres« improvisierte, dem Weltklasse-Saxophonisten Christof Lauer eine Zugabe entlockt, zweimal beim Poker und einmal beinahe beim Dart gewonnen, die Wiederaufführung eines Dokumentarfilms erlebt, der 40 Jahre später immer noch unverändert aktuell bleibt, einen 35-Millimeter-Sammler und dessen verrücktes Haus besucht, 320 Minuten im indischen Gangsterepos GANGS OF WASSEYPUR I & II und 18 Stunden im argentinischen Film LA FLOR verbracht, der Nachspann alleine 40 Minuten lang, 100 Serien-Folgen im australischen Frauengefängnis WENTWORTH und einen Tag mit OPPENHEIMER und BARBIE. Bücher gab es auch. Dazu noch den alten japanischen Koch Mizukami Tsutomu, der DAS ZEN TAGEBUCH mit Gerichten aus Jahreszeit und Garten füllt. Der Originaltitel des Films sagt es treffender: TSUCHI WO KURAU HIBI – 12 MONATE VON DER ERDE ESSEN. – Eine Begegnung mit Yoshihiro Narisawa, einem der 100 besten Köche der Welt, vom Februar 2023 hier: »Satoyama Cuisine« (Taschen).

Es war halb im Scherz, dass ich Peter Heller nach der digitalen Verfügbarkeit seines Dokumentarfilms DER VERGESSENE FÜHRER. AUFSTIEG UND FALL DES MEDIENZAREN ALFRED HUGENBERG (153 Min, 1982) gefragt hatte und dass es mich interessieren würde, was davon noch brauchbar sei. Nun: alles. Stellte sich heraus. Die Landeszentrale für politische Bildung NRW fand sich als Herausgeber der (unveränderten) Neufassung, auch das Buch dazu wurde aktualisiert wieder aufgelegt und ich verfasste die Begleitdokumentation zum Film. Es wurde eine leicht fröstelnde Lehrstunde, weil die Zauberlehrlinge, die in der Weimarer Republik den Nazis ihre Medien liehen, damals (wie heute) nicht so recht wussten, was sie da taten, wenn sie die Regierung in Dreck und Boden schrieben und den Feinden der Demokratie ihr Sprachrohr gaben. Von den Kontinuitäten der Drecksfedern und Steigbügelhalter in der Nachpriegspresse zu schweigen. Kai Diekmanns Memoiren »Ich war BILD. Ein Leben zwischen Schlagzeilen, Staatsaffären und Skandalen« wurden mir danach noch unerträglicher, das Buch ist eh ein Fall für den Arzt.

Die Wiederaufführung von Peter Hellers Film im NS-Dokumentationszentrum München, am Königsplatz, genau am Ort des ehemaligen Brauen Hauses, war ausverkauft und zudem eine kleine Master Class in demokratischem Diskurs. Das tröstete mich darüber, dass die fünf Kontrolletti-Augenpaare der lbp in meinem Text die Formulierung »Die Spendenmillionäre der AfD…« gestrichen haben wollten, weil das »zu polemisch« sei. Mein Verweis auf wortgleiche FAZ-und WDR-Berichte fruchtete da nicht.

Erster Akt: Zu Anfang des Jahres versuche ich es mit Tagebuch.

Fr 13.1.: Pressevorführung für TÀR, ich nehme Sybille Ruge mit, irrer Film. Dolby Atmos, im Metropolis Frankfurt. Zuhause angekommen ist ein Belegexemplar für das Konkursbuch 58 „Arbeit“, wunderbar gesetzt und gestaltet, drei Texte von mir. Ebenso eingetroffen: Beleg vom Büchergilde-Magazin mit (m)einer Seite über Garry Disher. Zudem: Post von Friedemann Hahn zu seinem Roman »Matadero«, Hintergrundmaterial zu Wehrmacht und den Anfangsjahren des BGS, der Bundesgrenzpolizei. Abends Geburtstag einer Freundin, Reden über Filme. Eine will unbedingt NAPOLEON von Abel Gance mal wieder sehen. Spät Abends Mail: Einladung zum Klassentreffen am 1. Juli in Ottobeuren und das Versprechen, dass ich die Orgel hören kann. 

16.01. Das Frühjahrsprogramm von Steidl, traumschön, gebunden, mit 16seitiger Extra-Farbbroschüre zur neuen Druckmaschine – einer MAN Roland 706 3B Evolution Elite, »die beste Offsetdruckmaschine der Welt«, so der Verleger –, auf der nun allesamt alle Bücher des Verlags gedruckt werden. Das nenne ich Buchkultur. Die letzten Fotos des Sonderdrucks: die Druck-Mannschaft samt Fotograf beim Entstehen des neuen Buchs von Juergen Teller.

29.02. Mitgliederversammlung. Ich gebe den Vorsitz des Vereins KinoKultur Bad Soden e.V. ab, für den (und das einzige Kino am Ort) ich zehn Jahre ehrenamtlich die Programm- und Öffentlichkeitsarbeit gemacht habe. Eine Woche danach bin ich komplett aus der Kino-Website eliminiert. Manche Geister sind so klein, dass man sich fast schämt, mit ihnen gearbeitet zu haben. Trotzdem: Das Engagement hat sich gelohnt. Längst nicht jede 22.000-Einwohner-Stadt beherbergt heute noch ein Kino. Das von mir mit begründete und zum Laufen gebrachte CasaBlanca Art House hat sich etabliert und gehört 2023 zum zweiten Mal zu den 230 besten Kinos in Deutschland und den 20 besten in Hessen. Der Verein KinoKultur erhält im Herbst bereits zum vierten Mal den Kulturförderpreis der Stadt.

Bei der Oscar-Verleihung wird kein Selensky zugeschaltet, weil der Ukraine-Krieg nur weiße Opfer habe, sagt der ROOTS- und Oscar-Co-Produzent. Am 19. März verkündet Elon Musk per Twitter, dass Journalistenanfragen an press@twitter.com künftig automatisch mit einem emoij für Scheißhaufen beantwortet werden. Ich bespreche die sensationell illustrierte »Geschichte der Pressegrafik. 1819-1921«, für mich ein sehr wichtiges und informatives Buch. 

Eine geschlagene Woche hängt die Welt im Juni 2023 am Bildschirm, um die Suche nach dem Tauchboot »Titan« zu verfolgen. Für einen Preis von 250.000 Dollar pro Kopf wollten darin fünf Superreiche das Wrack der »Titanic« besichtigen. Zur gleichen Zeit ertrinken mehr als 500 Flüchtlinge vor der Küste Griechenlands, darunter mindestens hundert Kinder – und es interessiert keine Sau. Alle schauen weg. Ich stelle die Tagebuchnotizen ein. Zu deprimierend, was sich hier häuft.

Ende Juni verkündet die Academy of Motion Picture Arts and Science, dass Filme künftig mehr Zeit im Kino haben sollen, bevor sie im Streaming-Orkus verschwinden. Um eine Oscar-Nominierung bekommen zu können, muss ein Film ab 2024 nicht nur wie bisher eine »one-week release« in einer von sechs US-Städten (New York, Los Angeles, Chicago, Atlanta, San Francisco oder Miami) sondern weitere sieben Tage im Kino haben. Die Branche nennt es einen »expanded theatrical footprint«. Ungefähr so viel wert wie der ökologische. Just for show. »Blickpunkt: Film« macht daraus: »Oscar-Kriterien/ (Nur) Die Besten brauchen mehr Leinwandzeit

Mein Klassentreffen im Schatten der Basilika von Ottobeuren – ja, die mit der imposanten Orgel – dehne ich diesmal aus, um ein paar Tage im Allgäu zu haben, einen Abstecher zum slow foodMetzger Diem in Krumbach zu machen (Leberwurst wie von meinem Großvater), das Frundsbergfest in Mindelheim mitzunehmen und Vera den Storchenhorst der Baufirma Holzheu bei Kirchheim zu zeigen. Auf einem ausgedienten und mittlerweile um mehrere Ausleger erweiterten Kran nisten dort über 22 Weißstorchpaare. (Interaktive Karte der Weißstörche in Bayern hier, Storchen-Datei mit google-maps hier.)

Zusammen mit Georg Seeßlen besuche ich einen früheren Kinovorführer meines Wohnorts Bad Soden, der als Kinotechniker und Sammler von seiner Leidenschaft für alles Analoge und all things 35 mm und 70 mm nicht lassen will. Und kann. Wie viele Kinos heute denn noch 35-Millimeter-Filme zeigen können, frage ich ihn? In Süddeutschland, wenn ich Österreich mitnehme: neun, sagt er. Und all die alten Projektoren?, frage ich. 149 davon stehen bei mir, lautet seine Antwort. Das ganze Haus ist voll davon. Und überall, wirklich überall: zimmerhohe Stapel von Filmdosen mit 35mm- und 70-mm-Kopien. Marcel hat sich aus Kinos geholt, was eh weggeworfen worden wäre. Auf zwei Schneidetischen, einer davon ein 70mm-Steenbeck, restauriert er als Hobby analoge Kinofilme. Seine Frau hat ihm einen Wanddurchbruch im Schlafzimmer erlaubt, also steht jetzt vor dem Ehebett ein generalüberholter Bauer-Projektor, mit dem er im Wohnzimmer fachgerecht projizierte Kinofilme schauen kann. Er zeigt uns unter anderem einen 70mm-Trailer der ZEHN GEBOTE, in dem Cecil B. DeMille persönlich die Handlung und die Charaktere vorstellt. Unsere Frauen leiden an diesem Tag, aber Georg und ich sind im analogen Technicolor- & Cinemascope-Himmel.

Pasolini, wiedergeboren, gestisch/ physiognomisch/ artikulativ und in der Leidenschaft des Autors, das wird mir von Minute zu Minute, die ich für das Istituto Italiano di Cultura eine Lesung im Frankfurter Gallus Theater moderiere, immer klarer, ist Nicola Lagioia, dessen Buch »Die Stadt der Lebenden« mich 2023 wohl am tiefsten ins Mark getroffen hat, weil es an Zivilisation und Verantwortung rührt. (Meine CulturMag-Besprechung hier.)

Nicola Lagioia

Zwei junge, haltlose Männer ermorden einen dritten, wissen gar nicht, warum und was sie da tun. »Ein Schiff ist im Hafen sicher, doch dafür werden Schiffe nicht gebaut.« Dieses Zitat von John Augustus Shedd notiert sich einer der Väter der beiden Täter, ehe er erfährt, dass sein Sohn des Mordes beschuldigt wird. Das Schiff aber hat den Hafen schon verlassen. Der Sturm, in den die Personen dieser true crime fiction geraten, rüttelt auch an unseren Grundfesten. Zwei Zitate:»Kein Mensch ist den Tragödien gewachsen, die ihn erwarten. Menschliche Wesen sind ungenau. Tragödien hingegen, einzigartig und makellos, erscheinen jedes Mal wie von göttlicher Hand gemeißelt. Die Empfindung von Komik entspringt diesem Ungleichgewicht.« (S. 46)

Oder: »Wir leben in einer von tausend Umfragen und Statistiken unablässig analysierten, ausgeloteten, durchsiebten Welt, in der es immer schwerer wird zu begreifen, wer wirklich für etwas verantwortlich ist. Die Wirtschaft bricht zusammen. Wer ist schuld?  Die Erde wird vom Klimawandel bedroht. Gibt es dafür eindeutige Verantwortlichkeiten? Es ist paradox, dass es in einer Zeit, in der sich die wesentlichen Veränderungen auf diesem Planeten unserem Verhalten zuschreiben lassen, zur schwierigsten Aufgabe überhaupt geworden ist, die Wirkung auf ihren Ursprung zurückzuführen, und das vor allem auf menschlicher, individueller Ebene.«

In diesem Kontext steige ich auch in die eigene Vergangenheit. 40 Jahre ist es jetzt her, dass ich 1983 öffentlich meinen Rücktritt aus der Bundesfilmpreisjury erklärt und mir damit, was andere vielleicht als Karrierechancen angesehen hätten, selbst versperrt habe. Es war – nach dem Seitenwechsel der FDP; Parallelen wir hör’n euch trapsen – das Frühjahr von Helmut Kohls „geistig-moralischer Wende“, der CSU-Scharfrichter Friedrich Zimmermann als Bundesinnenminister damals ihr Vollstrecker, Herbert Achternbusch und sein GESPENST das Exempel. In der Bundesfilmpreis-Jury wüteten Kleingeist und vorauseilender Gehorsam. Filme, die dem CSU-Minister vielleicht nicht gefallen hätten, wurden gar nicht erst zu Ende geschaut, darunter zum Beispiel Alexander Kluges Opernfilm DIE MACHT DER GEFÜHLE oder Syberbergs PARSIFAL. Mehr dazu dann Ende Februar im »konkursbuch 59 – Freiheit«.

Zweiter Akt: Es ist viel Wut in der Welt. Im Kriminalroman, der im Mainstream gerade auf der Kippe zum Cosy und zum harmlosen Golden Age steht, ist das bis auf Frauenbefreiung à la »Männer töten« (Eva Reisinger, Leykam) oder »Meine Männer« (von Victoria Kieland, Tropen, dazu Sonja Hartl bei uns hier) noch nicht so richtig angekommen. »Out There Screaming« heißt die vom Filmemacher Jordan Peele (GET OUT, NOPE) herausgegebene »Anthology of New Black Horror«. 19 schwarze Autorinnen und Autoren aus etlichen Ländern schreiben sich hier durch Schmerz und Furcht. Das Horror-Genre ist für sie Katharsis durch Unterhaltung. Auch Percival Everetts (endlicher) Durchbruch bei uns mit »Die Bäume«, bei Hanser erschienen und in unseren CrimeMag Top Ten vertreten, darf in diesem Zusammenhang genannt werden. Komplementär eine weitere Anthologie: »Never Whistle at Night. An Indigenous Dark Fiction Anthology«, herausgegeben von Shane Hawk and Theodore C. Van Alst Jr., zum Fürchten gut.

2024, das lässt sich am Film- und Buchhorizont bereits absehen, wird ein Sciene-fiction-Jahr. Das nicht nur wegen der »Drei-Sonnen-Trilogie« von Cixin Liu, für mehr als 200 Mio Dollar bei Netflix verfilmt, größer und teurer als »Game of Thrones«. Aber auch Fantasy lässt grüßen. Alles, nur nicht die schnöde, diskurs-gefährliche Realität. Das hat solch schöne Effekte wie den neugegründeten Carcosa-Verlag, in dem die SF-Romane der hard boiled-Autorin Leigh Brackett erschienen, Klassiker wie Samuel R. Delanys «BABEL 17« oder, erstmals übersetzt, »Immer nach Hause«, der weltengründende Meilenstein »Always Coming Home« von Ursula K. Le Guin. Die signierte Erstausgabe von 1985 ist einer meiner Biblio-Schätze. Als einer der weltweit besten Perlensucher für neue Erzähltalente erweist sich erneut Lavie Tidhar mit dem bereits dritten, von ihm kuratierten Band von »The Best of World Science Fiction« (Head of Zeus, 660 Seiten). Von Tidhar können wir uns 2024 in der von Thomas Wörtche herausgegeben Reihe bei Suhrkamp auf den Israel-Noir-Roman »Maror« freuen. »Wer je sein Brot mit Tränen aß« überschrieb ich 10/2022 meine Vor-Besprechung bei uns.

Zuverlässig Trost finde ich in diesem Jahr – oh katholische Allgäuer Kindheit – bei Albert Christian Sellner und seinem «Immerwährenden Heiligenkalender«, für die opulente Taschenbuchausgabe im Conte Verlag (638 Seiten) mit dem Untertitel »Die erstaunlichen Geschichten der Rebellen Gottes« und mit nützlichen Registern versehen. Die Todes- und Folterarten der buchstäblich für ihren Glauben „Brennenden“ waren einst meine ersten Gewaltgeschichten, haben immer noch Faszination.

»Sie flogen«, elektrisiert mich auf der Buchmesse 23 ein Titel der University of Yale Press. Als ich 1989/90 für die Lufthansa das Buch »Fliegen – Traum und Sehnsucht. Eine Kulturgeschichte des Fluggedankens« recherchierte und schrieb, stieß ich auf das Glasfenster einer britischen Abtei, das einen Benediktinermönch aus dem 11. Jahrhundert namens Elmer von Malmesbury mit einem Flugapparat zeigt. Er soll um das Jahr 1020 einen Gleitflug von 200 Metern unternommen haben. In der Klosterbibliothek von Bad Schussenried – das alles war ja vor dem Internet – fand ich ein Deckengemälde mit dem »fliegenden Pater« Kaspar Mohr (1575-1625). Ich stieß auch auf den Heiligen Joseph von Copertino (1603-1665), einen Franziskanermönch, von dem mehrere hundert Levitationen bezeugt sind. Er ist seit 1963 der Patron der Weltraumfahrt, ehrlich. Mir schwante damals (eins meiner nie vollendeten Projekte), dass es eine ganze Subgeschichte mönchischer Flugforschung und Flugeifers und entsprechend heftiger kirchlicher Verbote geben müsse – auch die Hexenverfolgung zähle ich dazu, unterband sie doch die Ausflüge jener »nachtfahrenden Weiber«, vor denen schon der »Canon Episcopi« aus dem 10. Jhdt. warnte. Der in Yale lehrende Religionsprofessor Carlos Eire stellt jetzt in »They Flew. A History of the Impossible« die Wirkungen dieser unterdrückten Subgeschichte neben die von Isaac Newton. (Umfangreiche Leseprobe hier.)

Ein wichtiger Kirchenlehrer ist für mich auch J.G. Ballard, seine »Selected Nonfiction 1962 – 2007« ist in diesem Jahr bei der MIT Press, dem Universitätsverlag des Massachusetts Institute of Technology herausgegeben worden. Aufsätze, Essays, Texte, Statements, Kritiken, Vorworte, Kommentare, Diskussionen, Erinnerungen und Tribute – eine unglaubliche Fundgrube. Ballard, der bei der britischen Bäcker-Zeitung begann, sich zu Chemistry & Industry und zum »Guardian« und »New Statesman« hocharbeitete, war eben so lange Journalist wie Schriftsteller. »Die Zukunft wird langweilig sein«, schrieb er 1978 in »The State of Fiction«, aus diesem Grund  werde »die Rolle der imaginativen Fiktion immer wichtiger für unser Überleben«. Einfluss und Wirkung, die er imme rnoch hat, zeigen sich auch in der Anthologie «Reports from the Deep End. Stories inspired by J.G. Ballard“ (Titan Books, 416 Seiten). Mit dabei unter anderm: Jeff Noon, Will Self, Adrian McKinty, Geoff Nicholson, Lavie Tidhar und James Grady. Der hat mit »Drei Tage des Condor« einst selbst einen Meilenstein gesetzt, sein Rückblick »Uneasy Riders« bei uns in dieser Ausgabe.

Martin Scorsese hat offenkundig ein Händchen für ewig bleibende Werke letzter Hand – oder es ist einfach Zufall: Die Filmmusik für TAXI DRIVER, 1976, war Bernard Herrmanns letzte Arbeit, die Oscar-Nominierung dafür nur noch posthum. Jetzt ist es Robbie Robertson, der die Filmpremiere von KILLERS OF THE FLOWER MOON nicht mehr erlebt, dem Film aber – wie damals Herrmann – mit seiner Musik über den Kinoraum hinaus nachhallend Herz, Drive und Geist gibt. Robertson arbeitete mehrfach mit Scorsese zusammen, sie waren wie Brüder: 1976 beim Konzertfilm THE BAND – THE LAST WALTZ, bei KING OF COMEDY, THE COLOR OF MONEY, CASINO, WOLF OF WALLSTREET und THE IRISHMAN. Musik konnte er weder lesen noch schreiben, Vorschläge summte, sang oder trommelte er. Musik machen, dieses Arbeitsethos teilte er mit Scorsese, bedeutete ihm immer »walking through the fire« und am anderen Ende mit etwas herauszukommen, worauf man stolz sein könne. Robertson hatte Mohawk-Blut. Der Film ist ihm gewidmet. Die Scorsese-Doku ONCE WERE BROTHERS ist von 2019.

14 Stunden 33 Minuten dauert LA FLOR. Sybille Ruge (deren »9mm Cut« wir im März sehnlich erwarten) hatte mir das Teil nachdrücklich empfohlen. Ich bin froh, auf sie gehört zu haben. Edgar Reitz, bei dessen HEIMAT ich ein Stück dabei war, schwärmte mir immer vom Sog des unbeschränkten Erzählens. Er hatte sich das stückweise erobert, wollte nicht mehr davon lassen. Mehr als 60 Stunden Gesamtedition HEIMAT sind es bei ihm geworden. Das rückt vielleicht die 833 Minuten ins Lot, die uns der argentinische Regisseur Mariano Llinás und das bewusst low-budget arbeitende Kollektiv El Pampero Cine nach zehn Jahren Arbeit servieren. Wie bei Borges lösen Grenzen sich hier per Fingerschnips auf, ab irgendwann verliert sich sogar die Schwerkraft. Horror-Film, B-Movie, Agententhriller, Musical, Stummfilm-Remake, Geschichten ohne Ende und welche ohne Anfang. Ein buchstäblich über-sinnliches Erlebnis.

Zu OPPENHEIMER sagt in unserem Jahresrückblick Jochen Brunow das Wichtige. Schon vor seiner Zeit als Drehbuchautor habe ich ihn als Filmkritiker geschätzt, dieses Jahr ist er mir gleich zweimal als exzellenter Krimiautor begegnet (»Verdeckte Spuren« und »Die Chinesin«). BARBIE hat als erfolgreichster Film des Jahres weltweit bereits eineinhalb Milliarden Dollar eingespielt. Mich hat amüsiert, wer so alles Angst vor einer Kinokarte hatte. Weil der Mattel-Konzern die Rechte an der Puppe hält, gilt das Drehbuch als »adaptiert«. Greta Gerwigs und Noah Baumbachs Hexenstück ist dennoch ein Triumph des Autorenfilms. À la américaine, rosa und 2023, aber nichts destotrotz.

Meine Achtung als bester Action-Film des Jahres verdient sich JOHN WICK: KAPITEL 4, keinen Pfifferling hätte ich darauf gegeben. Aber der ehemalige Stunt-Choreograf Chad Stahelski balanciert die 169 Filmminuten (der Rohschnitt hatte 230 Minuten) mit hochkarätigem Drive, Verve und Witz, einer vier Monate geprobten irrwitzigen Schlägerei mitten im Verkehr am Arc de Triomphe und dem besten Schlussduell seit SILVERADO, eine Freude auch Donnie Yen als blinder Killer Caine. Für Lance Reddick, der bei BOSCH einen formidablen Polizeichef gab, war es der letzte Filmauftritt seines Lebens.

Besonderer Hochgenuss in diesem Filmjahr: zehn exzellent restaurierte Filme von Yasujirō Ozu in der arte Mediathek. GUTEN MORGEN, DIE REISE NACH TOKIO, SPÄTHERBST, SPÄTER FRÜHLING, SOMMERBLÜTEN; WEIZENHERBST, EIN HERBSTNACHMITTAG, TOKIO IN DER DÄMMERUNG, FRÜHER FRÜHLING, DER GESCHMACK VON GRÜNEM REIS ÜBER TEE.

Ebenso Seh- wie Hörerlebnis: der während Corona und ohne jede Förderung entstandene Dokumentarfilm TALKING TO YOU. CHRISTOF LAUER (SAX) von Lucie Herrmann, unvergessen ihr OH HORN! über den Posaunisten Albert Mangelsdorf von 1980. Dass Lucie sich so lange Zeit zwischen diesen Filmen ließ, ist dem vogelfreien Produzieren geschuldet. Umso kostbarer, was sie dann serviert. Ich erlebe den Film im »Eschborn K«, Christof Lauer kommt mit dem Fahrrad angeradelt, Sax-Koffer auf dem Rücken. Als Zugabe zum Film spielt er sich gut 20 Minuten die Seele aus dem Leib. Der Filmtitel ist ein wenig euphemistisch. Lauer redet nicht gern, lässt das lieber seine Musik tun. Was ein schöner Abend.

Gegengeschichte auf 608 prallen Seiten blättert Tricia Romano auf mit »The Freaks Came Out to Write: The Definitive History of the ‘Village Voice,’ the Radical Paper That Changed American Culture« (PublicAffairs). Eine Oral History des von 1955 bis 2018 erschienenen New Yorker Blattes mit über 200 Zeitzeugen, darunter der von mir geschätzte Filmkritiker J. Hoberman. Auch Norman Mailer gehörte einst zur Redaktion, 2023 wäre er hundert geworden. Seine Halbwertszeit hat anscheinend schon eingesetzt, zeigt das Jubiläumsjahr. Mir wird er immer »Auf dem Mond ein Feuer« sein.

Ein eigenes Licht auf die Kulturgeschichte des Buches wirft „The Book at War. How Reading Shaped Conflict and Conflict Shaped Reading“ von Andrew Pettegree. Fünfzig Professorenjahre lang hat Oxford-Emeritus Robin Lane Fox sich mit dem größten Epos unserer Kultur beschäftigt: In »Homer and His Iliad« zeigt er uns auf 464 Seiten, warum uns die Erzählung vom trojanischen Krieg immer noch beschäftigt und viel zu sagen hat. Fünf Jahrhunderte deutscher Militarismus – deutschsprachiger, genauer gesagt, weil Schweiz und Österreich einbezogen sind – untersucht der Historiker Peter H. Wilson in »Iron and Blood: A Military History of the German-Speaking Peoples since 1500«.

Auch das Deutschlandbild, das die jetzt im Dezember erschienene Nummer 165 der britischen Literaturzeitschrift »Granta« zeichnet, wird nicht allen gefallen. Das Magazin wird übrigens von der schwedische Anthropologin, Verlegerin, Philanthropin und Autorin Sigrid Rausing herausgegeben, einer Tochter des Tetra-Pak-Gründers Hans Rausing Sr.; ihr Trust gilt als eine der größten philanthropischen Stiftungen in Großbritannien.

Ebenfalls milliardenschwer (sechs Mrd Fränkli, dem Vernehmen nach) ist die 2023 neugewählte Chefin des Filmfestivals von Locarno. Die Kunstsammlerin und Mäzenatin Maja Hoffmann aus der Pharma-Dynastie LaRoche, die bereits Arles ein fulminantes Fotografie-Zentrum schenkte, hat einen Ehemann, der Filme produziert – zuletzt ALL THE BEAUTY AND THE BLOODSHED. Der in jeder Hinsicht schonungslose Film von Laura Poitras dokumentiert den Kampf der Fotografin Nan Goldin gegen die skrupellose Oxycodon-Herstellerfamilie Sackler, die sich mit Kultursponsoring jahrzehntelang erfolgreich ein positives Image gab. „Was will die Roche-Erbin im Tessin?“, fragt die NZZ im Juli. Nun ja, die Zukunft eines Filmfestivals zu sichern wäre ja auch schon etwas, oder?

Dritter Akt: Filmbücher, eh eine bedrohte Spezies, haben 2023 eine wichtige Stimme verloren. Über viele Jahre hat der Berliner Filmhistoriker- und -Kurator Hans Helmut Prinzler Neuerscheinungen aus diesem Bereich besprochen (sein Archiv hier). In seinem Sinne führen wir künftig unsere Rubrik „Einige Filmbücher“ weiter. Dort bald besprechen werde ich das gerade heute endlich eingetroffene »A Fatal Alliance. A Century of War on Film« des unermüdlichen David Thomson, von dem bereits für Ende Januar »Remotely: Travels in the Binge of TV« (Yale) angekündigt sind. Ebenfalls dem Fernsehen widmet sich Peter Biskind mit »Pandora’s Box: The Greed, Lust, and Lies That Upended Television« (Morrow). Die Filmprofessoren Robert P. Kolker und Nathan Abrams werfen mit »Kubrick: An Odyssey« (Pegasus, 640 Seiten) einen neuen Blick auf den 1999 verstorbenen Filmregisseur. Etwas unkritisch, aber lebendig und informativ ist die Biografie »Yves Montand: The Passionate Voice« von Joseph Harriss, 2023 bei der University of Kentucky erschienen. Ebenfalls dort neu: »John Ford (Screen Classics)« von Joseph McBride und Michael Wilmington. McBrides »Searching for John Ford« von 2001 hält mit 836 Seiten immer noch den Monumentalrekord, jetzt aber werden Sichtweisen revidiert, das Gesamtwerk neu geordnet, alle inzwischen bekannten Stummfilme berücksichtigt und mancher verfestigte Blick zurechtgerückt. McBrides, am Todestag mit Ford geführtes letztes Interview erscheint erweitert. Orson Welles, einmal nach seinen alten Meistern und Vorbildern gefragt, antwortete: »John Ford, John Ford, und John Ford.«

Ebenso seltsam wie poetisch sind die «Arabian Nights of 1934« von Geoffrey O’Brien (Terra Nova Press), der aus den Dialogen, Storylines und Bildern von 226 Prä-Code-Filmen einen halluzinierenden Text fabriziert, der die Verführungskünste des Kinos dekliniert. Noch verrückter: »Last Movies« von Stanley Schtinter mit der Totenmaske von John Dillinger auf dem Titel (Tenement Press, UK), eine alternative Filmgeschichte, in der die Toten miteinander kommunizieren und wir die Schatten sind. Was bedeutet es, dass Kafkas letzter Film Chaplins THE KID war, dieser wiederum Kubricks BARRY LYNDON als Letztes sah und sein Leichnam von zwei Grabräubern ausgebuddelt und gekidnappt wurde? Oder dass JFKs als letzten Film FROM RUSSIA WITH LOVE sah, Oswald hingegen während einer Kinovorstellung von WAR IS HELL verhaftet wurde… Dass Pasolini kurz vor seinem Tod seinen eigenen OEDIPUS REX schaute und Fassbinder in seinen letzten Stunden 20.000 JAHRE IN SING SING, in dem ein Telegramm auftaucht, dessen Datum an diesem Tag genau 50 Jahre zurücklag .. Dass Paul Schrader sich für TAXI DRIVER vom Tagebuch des George-Wallace-Attentäters Arthur Bremer inspirieren ließ, während der Scorsese-Film dann John Hinckley Jr. auf die Idee brachte, Ronald Reagan zu erschießen, um damit der Schauspielerin Jodie Foster zu aufzufallen…

Sozialen und kulturellen Kontext en masse liefert Odie Henderson mit dem wunderbar illustrierten »Black Caesars and Foxy Cleopatras: A History of Blaxploitation Cinema« (Abrams) und Marlena Williams zeigt mit »Night Mother: A Personal and Cultural History of ‘The Exorcist’« (Mad Creek), was eine Filmstudie kann. William Friedkin gehört zu den Toten dieses Jahres, sein Film erschreckte vor jetzt 50 Jahren die Kinogänger.

Vermutlich nur etwas für Liebhaber ist das zweibändige »Shadows of Love, Shadows of Lonliness» (Rare Bird), in dem William T. Vollmann seine Fotos, Zeichnungen und Gemälde aus vier Jahrzehnten präsentiert, darunter Kodachrome mit afghanischen Mudschahedin von 1982, ein Aquarellbuch aus der kanadischen Subarktis, Flüchtlinge, Prostituierte, Polizisten und Kriminelle aus aller Welt, Acrylgemälde kalifornischer Landschaften, Collagen, transgender Selbstporträts als ›Dolores‹.

In Frankreich erschien Philippe Squarzonis Umsetzung »Homicide, une année dans les rues de Baltimore« von David Simons großer Reportage bereits 2016 als fünfbändige Graphic Novel, im Sommer 2023 kam das als »Homicide: The Graphic Novel, Parts 1 and 2« in den USA heraus (318 und 400 Seiten, First Second Publishing), für Deutschland haben selbst große Branchenkenner noch nichts dazu husten gehört.

Eines der wichtigsten Bücher des Jahres war für mich die durchgängig farbig, neu gestaltete, neu bebilderte und erweiterte Sonderausgabe des Wallstein Verlags von Jürgen Serkes epochalem Buch »Die verbrannten Dichter« zum 90. Jahrestag der Bücherverbrennung von 1933. Die Porträtserie erschien zuerst im Herbst 1976 im »stern« (als Magazine für solche Recherchen noch Geld hatten und auch einsetzten), dann als Buch bei Beltz und Gelberg (1977; 1992) und als Taschenbuch bei Fischer (1980). Das holte vergessene und verfemte Autorinnen und Autoren ins Bewusstsein zurück, führte zu einer Wiederentdeckung der Exilliteratur. Zeit, hier wieder einen Pflock einzuschlagen. Bravo.

Der junge George Orwell ist der »Burma Sahib« von Paul Theroux (Mariner), der in seinem Roman ein bitterböses Bild des britischen Kolonialismus zeichnet. Ein Zitat aus Orwells »Burmese Days« dient als Motto: »Im Leben eines jeden findet sich eine kurze Zeit, die auf immer den Charakter geprägt hat.« Ob ein deutscher Verlag sich findet, werden wir sehen. 

»Masters of the Lost Land: Murder and Corruption in the Amazon Rainforest« von Heriberto Araujo (Atlantic Books) ist ein Vor-Ort-Bericht über den Kampf gegen die Zerstörung des Regenwalds, zu Recht für den „Moore Prize“ nominiert (siehe unsere Dezemberausgabe). Auf mehr als 100 Interviews stützt Liza Mundy sich für »The Sisterhood: The Secret History of Women at the CIA“ (Crown) – viel realer Stoff für eine Spionageliteratur aus weiblicher Sicht, wie sie sich gerade mit Autorinnen wie Sally McCrane, Louise Doughty, Lauren Wilkinson, I.S. Berry, Alma Katsu, Rosalie Knecht, Karen Cleveland, Ava Glass, Charlotte Philby, Natasha Walter etabliert.

Ausstellungen: Noch bis Mitte April läuft in Stuttgart »Sieh dir die Menschen an!: Das neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit«. Man kann darin mitverfolgen, wie unsere »Moderne« in bildender Kunst, Literatur, Kino, Wissenschaft oder Mode ihre Typen und Gesichter formte, die uns heute noch prägen. Aufregend. Katalog bei Hatje Cantz. Und längst nicht nur Einheimische müssen (noch bis zum 1. April) ins Frankfurter Historische Museum zu »Barbara Klemm. Frankfurt Bilder«. Der vom Steidl Verlag besorgte Ausstellungskatalog begeistert mit seiner Qualität. Ich sage nur: MAN Roland 706 3B, siehe oben.

Im letztjährigen Rückblick schon von Stephen Greenall empfohlen und unbedingt beachtenswert unter den Neuerscheinungen des Jahres 2023 ist »Der indigene Kontinent. Eine andere Geschichte Amerikas« (655 Seiten) von Pekka Hämäläinen, der in Oxford lehrt. Der in Helsinki geborene Geschichtsprofessor legt eine faktenpralle Gegenerzählung vor, die reihenweise uns allen liebgewordene Annahmen über die amerikanische Geschichte erschüttert. Großartig, dass ein Independent wie der Verlag Antje Kunstmann solch ein Buch herausbringt. Hut ab!

Und schön, dass ein Verlag wie C.H. Beck uns die zwei Seiten seines Autors Dan Jones erleben lässt. Der ist Historiker und Journalist, Autor solcher Werke wie »Mächte und Throne. Eine neue Geschichte des Mittelalters« (794 Seiten) oder »Kampf der Könige. Das Haus Plantagenet und das blutige Spiel um Englands Thron« (680 S.). Mit »Essex Dogs« hat er eine Söldner-Trilogie aus dem Hundertjährigen Krieg gestartet, die unerschrocken durch Schlamm und Blut watet. Geschichte mit Dreck unter den Fingernägeln, das ist auch das Ding des Filmregisseurs John Sayles, dessen Romane wohl nie bei uns herauskommen werden. Nach »A Moment in the Sun« und »Yellow Earth« nun als siebter Roman ein Ausflug ins Schottland und Kolonialamerika des 18. Jahrhunderts. Titel: »Jamie MacGillray« (Melville House, 696 pralle Seiten).

Epilog: Der Mittwoch 16. August bringt abends Starkregen ins Rhein-Main. Nur einmal im australischen Cairns, bei einem Zyklon, habe ich annähernd solchen Kübeldauerregen erlebt. Was danach folgt, ist ein Schauspiel sondergleichen. Der Himmel zerreisst. Zwischen 20:40 und 21:40 Uhr zucken im Rhein-Main-Gebiet nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes sagenhafte 25.289 Blitze, 2000 davon gefährliche Erdblitze. Was der Koch Tsutomu sich wohl am nächsten Tag aus der Erde geholt hätte?

»Taschenatlas der abgelegenen Inseln. Fünfundfünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde« heißt bei Suhrkamp die Neuauflage des Erfolgsbuches von Judith Schalansky. Fünf Inseln, viele Aktualisierungen und ein kluges Vorwort mehr als in der mare-Erstauflage von 2009. Die Weltgeschichte, anhand abgelegener Inseln erzählt, historische Zusammenhänge in nuce erfahrbar, das begründete einst die Schriftstellerinnen-Karriere Schanlanskys und begünstigte die Gründung der Reihe Naturkunden (im Verlag Matthes & Seitz), deren hundertster Band im Herbst 2023 erscheint: Cal Flyns »Verlassene Orte. Enden und Anfänge in einer menschenleeren Welt«, hier bei uns von mir besprochen.

Zeit nun, einiger Toter zu gedenken. 2023 waren es ganz schön viele: Der Verleger Hejo Emons, der Tausendsassa Vito von Eichborn, die Krimiautoren Les Edgerton und K.C. Constantine, dazu Cormac Mccarthy, Russell Banks, Milan Kundera, Jonathan Raban und Hilary Mantel, die Filmregisseure Otar Iosselinani (GÜNSTLINGE DES MONDES), Peter Lilienthal, Terence Davis und William Friedkin, die Schauspieler Tom Wilkinson, Jim Brown, Helmut Berger, Treat Williams (PRINCE OF THE CITY, S. Lumet), Alan Arkin, Jane Birkin, Richard Roundtree (SHAFT) und Frederic Forrest, der 1982 bei Wim Wenders HAMMETT war. Der Philospoh Harry G. Frankfurt (»On Bullshit«), der HUAC-Historiker Victor S. Navaski (»Naming Names«, 1982), der Paul-Schrader-Kameramann John Bailey (MISHIMA, EIN MANN FÜR GEWISSE STUNDEN) und sein Kollege Jörg Schmidt-Reitwein, ohne den es den halben neuen deutschen Film nicht gegeben hätte, dazu der US-Reporter Paul Brodeur, der 1985 erstmals (mit »Outrageous Misconduct«) die Verbrechen der Asbest-Industrie aufdeckte. Dem spanischen Filmregisseur Carlos Saura, im Februar verstorben, verdanke ich die vielleicht denkwürdigste Pressekonferenz meines Filmjournalistenlebens. 1980 anlässlich seines Goldenen Bären für DEPRISA, DEPRISA! gefragt, ob es nicht furchtbar gewesen sei, unter Francos Zensur zu arbeiten, antwortete er: »Aber ich bitte Sie! Zensur verbessert doch den Stil!«

„Nie mehr in unserem Leben werden wir Zeuge einer solchen Geschichte sein“, kommentiert im August 2023 ein afrikanischer Musiker den Tod von Sixto Rodriguez. Der mit dem Oscar ausgezeichnete schwedisch-amerikanische Musik-Dokumentarfilm SEARCHING FOR SUGARMAN über dessen unglaubliche Lebensgeschichte ist in meiner Kino-Karriere eine Projektion, die Zuschauer bis heute beschäftigt. Wir zeigten ihn im Open-Air-Kino im efeu-umwachsenen Innenhof. Es ist die unglaubliche (und wahre) Geschichte eines Bauarbeiters, der einst gefeiert wurde wie Elvis und Bob Dylan zusammen, allerdings nur in Südafrika. Sein Album »Cold Fact« wurde dort zum Soundtrack der Anti-Apartheid-Bewegung. Der Film ist eine Mischung aus Detektivgeschichte, Wirtschaftskrimi und Märchen. Man kann gar nicht glauben, was man sieht. Außerdem gibt es großartige Musik. Farewell, Sixto!

Mein erster Roman im neuen Jahr wird »I Am Already Dead“ von David Whish-Wilson. Was kann noch schiefgehen?

Alf Mayer ist Co-Herausgeber und CvD von CrimeMag, CulturMag oder wie immer Sie uns nennen wollen. Eisernes Ziel, seit Jahren durchgehalten: immer zum Ersten des Monats ein neues Magazin. In 2023 hatte das jeweils 35 bis 40 Beiträge. – Mit Frank Göhre hat er je ein Buch über Ed McBain und Elmore Leonard gemacht, hat die vier Crissa-Stone-Romane von Wallace Stroby übersetzt (bei Pendragon), bei Polar Young God von Katherine Faw und Flucht von Benjamin Whitmer. Im Frankfurter „strandgut“ schreibt er seit 1984 die Krimikolumne »Blutige Ernte«. – Seine Texte bei uns hier. Etwas zur Freiheit Ende Februar im gleichnamigen Konkursbuch 59. Ebenfalls im Februar erscheint in »Die ›Filmkritik‹. Eine Zeitschrift und die Medien« (edition text + kritik) ein Beitrag über die Fernseh- und Radioarbeit von Wolf-Eckart Bühler: »Dabeisein heißt gehorchen«.

Leinwand an der Außenmauer unseres Schnuckelkinos: Open Air im Innenhof.

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