Posted On 6. Dezember 2017 By In Klassiker Special 2017, Litmag, News, Specials With 136 Views

Norman Mailer: Auf dem Mond ein Feuer

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 Alf Mayer

Der Moby Dick des Weltraums

Norman Mailer: Auf dem Mond ein Feuer. Das Buch über die legendäre Reise der Apollo 11 – und weit mehr.

Ich weiß noch, wo ich am 20. Juli 1969 abends war, vor dem Fernseher nämlich, als Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat und die im Äther knisternden Worte sprach: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit!“ Ich war siebzehneinhalb. „Houston – hier spricht Stützpunkt Meer der Stille. Der Adler ist gelandet.“

„Gäbe es Hitparaden für Buchtitel, dann spülte das Jahr 1969 auf einer Welle des beispiellosen Optimismus das Wort ‚Zukunft’ auf den ersten Platz. Es hat den Anschein, als habe kein anderes Jahr die Zukunft mehr und hartnäckiger umworben als dieses“, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Gloria Meynen in ihrer tiefenscharfen Untersuchung „Die andere Seite des Mondes“. Die Mission der Apollo 11, der erste bemannte Flug zum Mond, ist ihr die Zäsur einer geistigen Zeitenwende.  Für uns damals bestand diese Zukunft auch aus Musik. Viel Musik. Keine vier Wochen nach der Mondlandung fand Woodstock statt. Die Illustrierte LIFE, die Mailer für ein fürstliches Honorar angeheuert hatte, über das Mond-Unternehmen in einer dann dreiteiligen Essay-Serie zu schreiben, hatte am 29. August 1967 beide Ereignisse auf der Titelseite. Woodstock war überwiegend weiß, so wie die WASP-NASA auch, aber die Grenzen bröckelten. Das Wassermann-Zeitalter hatte begonnen. Wir hoben richtig ab.

Hair_plakat_Müchen„This is the dawning of the Age of Aquarius“, hieß es im Musical „Hair“. Im Oktober 1968 war „Haare“ nach Deutschland gekommen, das war ein wildes Wochenende damals, ein irrwitziger Abend im Theater in der Briennerstraße, eine durchkiffte Nacht. Wochenlang geschwebt: „Let the Sunshine In!“ Seitdem schwebten wir mit „The 5th Dimension“ im „Age of Aquarius“, dem Medley zum Musical, 79 Mal gecovert im Lauf der Jahre, eingedeutscht von der „Spencer Davis Group“.

Wenn der Mond im siebten Hause steht 
und Jupiter auf Mars zugeht 

herrscht Frieden unter den Planeten
lenkt Liebe ihre Bahn.

Genau ab dann regiert die Erde

der Wassermann
regiert sie der Wassermann
der Wassermann,
der Wassermann!

Harmonie und Recht und Klarheit
Sympathie und Licht und Wahrheit
niemand will die Freiheit knebeln
niemand mehr den Geist umnebeln
Mystik wird uns Einsicht schenken
und der Mensch lernt wieder Denken

dank dem Wassermann
Wassermann …

Kein Buch hat mich mit Neunzehn/Zwanzig mehr beeindruckt als Norman Mailers „Auf dem Mond ein Feuer“, es hatte einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal, von meinem Bett aufblickend, konnte ich es sehen. Jeden Abend. Wie ein Stern, der am Himmel stand. Vielleicht bin ich deshalb Journalist geworden, weil Norman mir zeigte, dass mit Sprache alles möglich ist, dass man mit ihr sogar zum Mond und zu den Sternen fliegen kann. Überhaupt schien damals so vieles möglich, sogar die Weltrevolution. (Aber das ist eine andere Geschichte.)

„Zum Mond fliegen, das können wir auch!“

Normal Mailer (31. Januar) war Wassermann wie ich (26.1.), jedoch schon Lichtjahre älter. Im Sommer 1969, zur Zeit von Apollo 11 war er in seinen Vierzigern, bereits von vier Frauen geschieden und mit zwei Pulitzer-Preisen einer der bekanntesten und vielleicht der gefürchtetste Schriftsteller Amerikas. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm wahrlich nicht, aber das mit dem Mond, das war größer als er, „zwanzig Mal größer“, sagte er selbst, und er wollte es ihnen, er wollte es der ganzen Welt zeigen, was Literatur kann: „Diese verdammten Spießer können zum Mond fliegen, aber das können wir auch.“

Mailer_Life_Magazine_Cover_August_1969Ursprünglich war „Auf dem Mond ein Feuer“ – welch ein Titel, welch eine Phantasie für einen Lagerfeuermacher wie mich! – eine Serie von Essays, mit zusammen rund 115 000 Wörtern die drei dicksten je gedruckten LIFE-Hefte, von August 1969 bis Januar 1970 veröffentlicht, dann 1971 bei Little, Brown als Buch und im gleichen Jahr auf Deutsch bei der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachfolger erschienen. Ich hatte das Hardcover. Für mich, aber längst nicht nur für mich, war dieses Buch eine Offenbarung. Der „Moby Dick“ des Weltraums. Mailer schrieb über die größte aller Wochen, „die größte seit der Schöpfung“, wie er fand. Richard Nixon sprach von der „historisch allergrößten Woche seit der Geburt Christi“. Mailer fand die Worte für den „Traum vom Angesicht der Zukunft“, wie eines der Kapitel heißt, und ebenso für die damit verbundenen Zweifel.

New Journalism at its best

Gleich zum Buchbeginn macht Mailer zwei irre Sachen. Er geht auf Augenhöhe mit Hemingway, erklärt sich zu dessen Nachfolger, und er tauft sich um, nennt sich für die Reportage fortan „Aquarius, der im Zeichen des Wassermanns Geborene“. Er tritt auf als ein „Nijinski der Zwiespältigkeit“, hin her gerissen zwischen seiner Abneigung, für seine Zeitzeugenschaft ein „Ministrant der Technik“ werden zu müssen, und diesem ungeheuren Gefühl, dass die Menschheit gerade einen Sprung zu den Sternen tut. „Das Jahr 1969 ist der Beginn des 21. Jahrhunderts“, schreibt er. „Ein epochales Ereignis, in seinen Zweideutigkeiten mindestens so groß wie damals, als Kolumbus von der Entdeckung der Neuen Welt zurückkehrte“.

Aquarius hat zwar Ingenieur studiert, aber er hasst die Technologiegläubigkeit der Weltraumfahrt, er hasst die „so glücklich aussehenden Fabrikarbeiter der NASA“ und dass man dort eher den Computern traut als den Sinnen. Er hasst die Plastikwelt Amerikas und der NASA, aber er braucht das Geld von LIFE. Es gibt sehr böse und sehr kluge Passagen über Werner von Braun und was die Nazis mit solchem Weltraumdrang zu tun haben, es gibt eindringliche Mutmaßungen über die Psychologie der Astronauten, viel Selbstironisches auch über Mannestum. New Journalism at its best. Aquarius will am liebsten „mitfliegen in diesem Vogel“. Er hasst es und er liebt es, so nahe dran zu sein. Er ist hin und her gerissen, er dekonstruiert Mythen reihenweise und er schreibt schonungslos narzisstisch. Mehr Narzissmus war nie. Er fürchtet, seine Sprache sei angesichts dessen, was es da zu beschreibe gäbe, „so stumpf und klanglos wie eine Harfe mit gelockerten Seiten“. Er weiß nicht, wie er aus dieser Nummer je wieder herauskommt. Er sinniert über die „Psychologie von Journalisten. Sie rennen hin und her wie Sklaven – und haben dabei doch das Selbstvertrauen von Göttern.“

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Das sterile und das ungezähmte Amerika schlafen miteinander

Mailer schreibt das beste Stück Literatur, das ich über die Weltraumfahrt kenne. Er schreibt über sein Land als wäre er ein Fremder mit Ethnografenblick, er gräbt tief an die Wurzeln des gewalttätigen amerikanischen Vorwärtsdrangs. Die in Cape Canaveral campierenden Weltraumstart-Touristen sind ihm Anlass für ein großartiges Kapitel über die US-Amerikaner der End-1960er. Hier ein Auszug: „Amerika war explodiert, war ausgebrochen unter dem Druck des Sich-nicht-entscheiden-Könnens zwischen seiner Liebe zum Abenteuer und der Angst, dass das Leben vielleicht noch wirklich abenteuerlich sein könnte, und hatte sich auf die Straße ergossen…. Die Nation war zu einem Land der Camper geworden, zu einem Land der Autos mit Wohnwagenanhänger, der Wagen mit Zelttrailer und der zum Camping umgebauten Lastwagen, zum Land der Hausboote, der Autodachzelte, der in rollende Schlafzimmer verwandelten Volkswagenbusse, der Jeeps mit hinten aufgebauten Knusperhäuschen …“ Er sinniert über den Outdoor-Drang, das ständige Verschieben von Grenzen, und wie sogar noch im Weltraum die Chemie und das Plastik immer dabei sind. Er sieht das sterile und das ungezähmte Amerika miteinander schlafen, im Wald „oder auf einem Fleckchen Gras von zwei mal vier Metern Größe, das nicht für Fremd gesperrt, bereits von jemandem bewohnt oder völlig versumpft war“. Oder eben jetzt im Weltraum.

Aquarius findet ungeheure Bilder, zum Beispiel zum Start der Trägerrakete: „Zwei gewaltige Flammensäulen senkten sich wie die Schwingen eines gelben feurigen Vogels über den ganzen Platz, bedeckten ihn mit strahlend gelben Flammenblüten, und zwischen ihnen erhob sich, weiß wie ein Gespenst, weiß wie der weiße Wal Moby Dick aus Melvilles Roman, weiß wie der Schrein der Madonna in den Kirchen der halben Welt, dieses schlanke, engelsgleiche, geheimnisvolle Schiff aus drei Stufen so langsam, wie auch Melvilles Leviathan geschwommen war, so langsam, wie wir selbst im Traum auf der Suche nach freier Luft emporschwimmen.“

Die Welt wieder als Poeten verstehen

Aquarius, der sich mit Hybris selber bestens auskennt, fragt sich, wie größenwahnsinnig, wie gottversuchend oder den Teufel holend das alles ist. Er fragt sich, ob die Mondlandung „die nobelste Ausdrucksform des zwanzigsten Jahrhunderts darstellt oder die endgültige Erklärung unserer fundamentalen Geistesgestörtheit“. Antworten hat er keine, aber er weiß: „Ja, wir Menschen müssen solange hinaus in den Weltraum, bis die Ausmaße und die Geheimnisse einer neuen Entdeckung uns dazu zwingen, dass wir die Welt wieder als Poeten verstehen, als Primitive, die genau wissen: Wenn das Universum ein Schloss ist, dann ist der Schlüssel dazu die Metapher und nicht das berechenbare Maß.“ Verblüffend nahe am Philosophen Günther Anders, dessen „Der Blick vom Mond. Reflexionen über Raumflüge“ 1970 erscheinen, sieht er das entscheidende Ereignis nicht im Betreten der Mondoberfläche, sondern darin, dass die Erde zum ersten Mal die Chance hat, sich selbst zu sehen, „sich selbst so zu begegnen, wie sich bisher nur der im Spiegel sich reflektierende Mensch hatte begegnen können“ (Günther Anders).

mailer_OfAFireOnTheMoon_ErstausgabeSich an den Grenzen der eigenen geistigen Reichweite aufzuhalten, das exerziert Aquarius uns vor. Und er postuliert: „Es ist besser, mit zu vielen Fragen zu leben als mit zu wenigen.“ Ein Bild von Magritte, „Le monde invisible“, das ihm in einem Haus in Florida begegnet, verschafft ihm eine grandiose Landung für sein Buch. Es ist ein Gemälde mit einem riesigen schwebenden Felsbrocken, ein Mondstein. Die US-Erstausgabe hatte es auf dem Titel.

Wenn ein Buch mich je emporgetragen hat, dann dieses. Diese Kraft hat es noch immer. Mailer hat diesen Mondflug eingefangen. Er fliegt noch immer, verneigt sich sein Kollege Colum McCann im Vorwort von „Moonfire“, einer bearbeiteten und umfangreich ergänzten, prächtigst illustrierten Ausgabe des Aquarius-Buches von 1971 im Verlag Benedikt Taschen. Zum 40. Jubiläum der Mondlandung erschien dort eine Luxusausgabe für damals 750 Euro, heute vergriffen und für mindestens 1.250 Euro gehandelt, gekrönt noch von einer „Lunar Rock Edition“, einer bis zu 480.000 Euro teuren Sonderausgabe von zwölf Exemplaren, denen je ein extrem seltenes Stück Stein vom Mond beiliegt. Inzwischen aber gibt es eine galaktisch günstige Volksausgabe, 616 Seiten, großzügig illustriert mit den besten Fotos aus den Schatzkammern der NASA und der Zeitschrift LIFE, für schlappe 14,99 Euro. Wer wissen will, wie elektrisierend Literatur sein kann, der lese dieses Buch.
 
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Norman Mailer: Ein Feuer auf dem Mond. Report und Reflexion (Of a Fire on the Moon, 1971). Aus dem Amerikanischen von Matthias Büttner. Verlag Droemer KnaurMünchen/Zürich 1971. 565 Seiten, 28 D-Mark (damals, heute antiquarisch, und Nachauflagen).

Norman Mailer: MoonFire. Die legendäre Reise der Apollo 11. Mit einem Vorwort von Colum McCann und vielen Fotos und Abbildungen. Verlag Taschen, Biblioteca Universalis, Köln 2016. Hardcover, Format 14 x 19,5 cm. 616 Seiten, 14,99 Euro.

Als Normalausgabe im Format 27 x 32,6 cm, 348 Seiten, 29,90 Euro.

Als Luxusausgabe, MoonFire Lunar Rock Edition. Aluminiumbehälter mit Mondgestein in Kapsel, 348 Seiten – 185.000 bis 480.000 Euro (kein Druckfehler!).

Alf Mayer, Literaturkritiker, Autor des Ed McBain-Readers „Cops in the City“ (zusammen mit Frank Göhre) und CrimeMag-Mitherausgeber, lebt in Bad Soden am Taunus.

no lit aquarius 9780674971998-lgNachdem dieser Text geschrieben war, führte der Zufall zu Neil M. Maher: Apollo in the Age of Aquarius (Harvard University Press, 2017). „Maher takes two well-known stories of the long 1960s—the space race and grassroots political activism—and combines them into a new and thought-provoking history. He skillfully demonstrates that man’s quest to reach the moon had unintended earthly effects as ideas about space exploration, resources, and technology collided in unexpected ways with local activism and emerging ideas about the planet. Anyone interested in the space race, the turbulent social politics of the 1960s, and changing ideas about nature and the environment should read this book.—Gretchen Heefner, author of The Missile Next Door: The Minuteman in the American Heartland

 

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