Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Ein Sayonara für Paul Auster – mit »Stadt aus Glas«(1987) & »4 3 2 1«

medien-informationsdienst (mid) Frankfurt, 1987

Paul Auster ist am 30. April 2024 gestorben. Alf Mayer besprach seinen ersten Auftritt in Deutschland.

Stadt aus Glas

Eine Besprechung aus dem Jahr 1987, als Paul Auster noch ein völlig Unbekannter war

Mit einer falschen Nummer fängt es an, mitten in der Nacht läutet das Telefon dreimal, und eine Stimme am anderen Ende fragt nach jemandem, der er nicht ist. Viel später, als er in der Lage ist, darüber nachzudenken, was mit ihm geschah, wird er zu dem Schluß kommen, daß nichts wirklicher ist als der Zufall. Aber das wird später sein. Am Anfang steht einfach nur das Ereignis. Ob es anders hätte ausgehen können oder ob mit dem ersten Wort des Fremden alles vorausbestimmt war, ist nicht das Problem. Das Problem ist die Geschichte selbst. Denn ob sie etwas bedeutet oder nicht, muß die Geschichte nicht sagen. Die Antwort wird der Leser geben…

Mit einer falschen Nummer fängt es an, mitten in der Nacht läutet das Telefon dreimal, und eine Stimme am anderen Ende fragt den Schriftsteller Daniel Quinn, ob er der Privatdetektiv Paul Auster sei. Und Quinn, der unter dem Namen William Wilson Detektivromane schreibt, Quinn, der mit Identitäten spielt, Quinn, der in New York lebt, weil das die perfekte Stadt ist, um nirgendwo und ein Niemand zu sein, Quinn folgt einer plötzlichen Laune und sagt, ja er sei Paul Auster, der Detektiv.

Mit einer falschen Nummer fängt es an, mitten in der Nacht läutet das Telefon dreimal, der Krimischreiber Quinn wird der Detektiv Paul Auster, und der Fall, den er übernimmt, wird den Schriftsteller, der sich selbst nicht für wirklich hält, buchstäblich in Luft auflösen, wird eine Person, die mit ihrer Existenz spielt, buchstäblich zum Verschwinden bringen.

Mit einer falschen Nummer fängt es an, mitten in der Nacht läutet das Telefon dreimal, eine Lüge setzt die Dinge in Gang, und unaufhaltsam führt der Weg in ein Labyrinth schillernder Personen, Sicherheiten und Wahrheiten, die sich eine nach dem anderen verändern, verflüchtigen.

Mit einer falschen Nummer fängt es an, mitten in der Nacht läutet das Telefon dreimal, und es würde nicht wundern, wären die Seiten, zu denen der schwindlig gewordene Leser zurückblättern will, plötzlich weiß und leer geworden.

Da hilft es nicht, das Buch unter einer 100-Watt-Lampe zu lesen. Seine Magie verbirgt sich nicht hinter schwülstigen Wortnebeln und mystischen Satzvorhängen. Glasklare, kühle Prosa zaubert, daß man seinen Augen nicht trauen möchte, verblüffende Vexiereffekte. Keine romantische, gothische Stimmung wird verbreitet. Die Lektüre entspricht der verwirrenden Betrachtung der Zeichnungen des M.C. Escher, die der sauberen, strengen Welt der Geometrie entstammen und selbst noch beim Anlegen eines Lineals ihren rätselhaften Zauber behalten.

Stadt aus Glas ist ein Buch wie Hexerei, es entwirft eine Welt der schiefen Ebenen, der spiegelnden Flächen, es zeigt die Untauglichkeit des klaren Blicks, die Logik des Unlogischen.

Mit einer falschen Nummer fängt es an, mitten in der Nacht läutet das Telefon dreimal, und dann geht es um einen Mann, der seine Kindheit über in einem dunklen Zimmer gehalten wurde und der nun seinen aus dem Irrenhaus entlassenen Vater fürchtet. Diesen Wissenschaftler, der am eigenen Kind die Experimente des Pharao Psamtik, des Kaisers Friedrich II. und anderer wiederholte, soll der falsche Detektiv beschatten. Er verfolgt ihn bei dessen anscheinend planlosen Gängen durch New York, forscht in Bibliotheken. Findet eine rätselhafte Verbindung zu den Puritanern, die Amerika besiedelten, zum Turm von Babel und seiner Wiedererrichtung in New York, zur natürlichen Sprache der Menschen, die nichts mit unserer Art von Worten zu tun hat und die sich vielleicht finden läßt, wenn man ein Kind ohne Kontakt eingesperrt hält, die sich vielleicht ergibt, wenn man die Schritte eines Menschen auf dem Papier nachzeichnet. Denn der beschattete (verrückte?) Wissenschaftler schreibt mit seinen Wanderungen das findet der (falsche?) Detektiv heraus, jeden Tag einen Buchstaben in den Plan der Stadt. Als sein Satz, Der Turm zu Babel fertig ist, verschwindet er, verschwindet auch sein Sohn. Und nicht lange wird es dauern, bis auch der Detektiv verschwunden ist.

Nur das rote Notizbuch bleibt. Daraus wird die Geschichte von den Leuten, die sich in Luft aufgelöst haben, für uns rekonstruiert. Daraus erfahren wir alle Einzelheiten. Aber was ist die Lösung? Am Ende wissen wir nur, daß wir nichts wissen.

Mit einer falschen Nummer fängt es an, mitten in der Nacht läutet das Telefon dreimal…

Paul Auster, der Autor dieses paradox schnörkellos guten Romans, sieht selbst aus wie eine optische Täuschung: viel zu jung, viel zu schön, um wirklich zu sein. Stadt aus Glas ist das erste Buch einer New-York-Trilogie. Ghosts und The Locked Room warten noch auf Übersetzung, ebenso sein neuestes, In The Country of Last Things, sein Erstling The Invention of Solitude und vier Gedichtbände. Ein Schriftsteller ist zu entdecken.

Paul Auster: Stadt aus Glas (City of Glass, 1985). Deutsch von Joachim A. Frank, Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 1987. 208 Seiten, DM 29,80.

© Alf Mayer, Mai 1987

(AM) Diese Kritik, eine meiner ersten Kriminalliteratur-Besprechungen, erschien in der Mai-Ausgabe 1987 des Frankfurter medien-informationsdienstes (mid, herausgegeben von Herbert Debes und Bernd Bleuel). Ich hatte für die Besprechung ein Leseexemplar vom Verlag Hoffmann & Campe zugesandt bekommen, das weiß ich noch. Meiner Erinnerung nach kam das Hardcover jedoch nie auf den Markt. Der Autor Paul Auster – jetzt am 30 April 2024 im Alter von 77 Jahren nach einem schöpferisch reifen Leben gestorben – fand erst einmal in Deutschland nicht statt. (Lasse mich gerne eines anderen belehren.) Erst 1989 erschien dann, ebenfalls vom Österreicher Joachim A. Frank übersetzt, im Rowohlt Verlag als Taschenbuch »Die New-York-Trilogie«, bestehend aus den drei Teilen:

»City of Glass« des New Yorkers Paul Auster wurde  in den USA zunächst von 17 Verlagen abgelehnt, darunter allen wichtigen in New York, erschien schließlich in Los Angeles bei Sun & Moon Press, 1985. Der Roman gelangte auf die Nominierungsliste für den Edgar Allan Poe Award 1986 als »best novel« (neben Simon Brett A Shock to the System, Ruth Rendell mit gleich zwei Romanen: An Unkindness of Ravens und The Tree of Hands, und dem Gewinner L.R. Wright mit The Suspect).

Bis zur Jahrtausendwende erschienen von Paul Auster in deutscher Übersetzung:
Im Land der letzten Dinge, deutsch von Werner Schmitz. Rowohlt, Reinbek 1989 (In The Country of Last Things, 1987)
Mond über Manhattan
, dt. von Werner Schmitz, Rowohlt, Reinbek 1990 (Moon Palace, 1989)
Die Musik des Zufalls, dt. von Werner Schmitz, Rowohlt, Reinbek 1992 (The Music of Chance, 1990)
Leviathan, dt. von Werner Schmitz. Rowohlt, Reinbek 1994 (Leviathan. Viking, 1992)
Mr. Vertigo, dt. von Werner Schmitz. Rowohlt, Reinbek 1996 (Mr. Vertigo. Viking, 1994)
Timbuktu, dt. von Peter Torberg, Rowohlt, Reinbek 1999 (Timbuktu – A Novel, 1999).

Hauptsächlich aufzufinden ist heute noch die »Stadt aus Glas«-Ausgabe der Edition der Süddeutsche Zeitung / Bibliothek, Band 6, München 2004. (»50 große Romane des 20. Jahrhunderts, ausgewählt von der Feuilletonredaktion der Süddeutschen Zeitung. Lese. Freude. Sammeln.«)

Auster-Erstübersetzer Armin Hans Joachim Frank stammte aus Kärtnen (*15-11-1927 in Villach, gestorben 07-10-2000 in Velden am Wörthersee), er war ein Übersetzer, Lektor und Schriftsteller mit bunter Palette. Sein Werkverzeichnis hier.

Von Paul Auster exklusiv bei CulturMag: Über die Kunst des Hochseillaufens und den Seilläufer Philippe Petit, Essay, übersetzt von Alf Mayer, CulturMag, Dezember 2015.

Immer noch ist es ein einfach großartiger Romananfang, ganz unten in Austers Handschrift:

»It was a wrong number that started it, the telephone ringing three times in the dead of night, and the voice on the other end asking for someone he was not.«

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Und hier » 4 3 2 1«, Austers Magnum Opus, bei uns im Juni 2017 von Alf Mayer besprochen:

Sohlenverwandte und andere Juwelen

(AM) »Ich hob fargessen!«, so beginnt der Einwanderer Isaac Reznikoff, der sich den Namen Rockefeller nicht merken kann, sein neues Leben in Amerika als Ichabod Ferguson. Seinem (ebenso wie Paul Auster) 1947 geborenen Enkel Archibald Isaac folgen wir durch Kindheit und Jugend, dies in vier Varianten.

»Was für eine interessante Geschichte, dachte Ferguson: sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe. Derselbe Junge in einem anderen Haus mit einem anderen Baum. Derselbe Junge mit anderen Eltern. Derselbe Junge mit denselben Eltern, die aber nicht dieselben Dinge täten wie sie jetzt. … Was, wenn seine Mutter eine berühmte Filmschauspielerin wäre… was, wenn er einen Bruder oder eine Schwester hätte?… Was, wenn er von demselben Baum gefallen wäre und sich nicht ein, sondern beide Beine gebrochen hätte?… Ja, es war alles möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, dass es nicht auch auf eine andere Weise geschehen könnte. Alles könnte anders sein. Die Welt könnte dieselbe Welt sein … und doch wäre sie eine andere für ihn«, heißt es auf Seite 86 nach einem Sturz von einem Baum, der so etwas wie der Eintritt in eine komplexe Erzählwelt ist. Das Buch macht daraus ein Prinzip und insgesamt eine schöne, manchmal ziemlich wilde Lektüre.

Ja, es ist ein wahnsinnsdickes Buch. 1259 in der deutschen Übersetzung, 866 Seiten in der US-Originalausgabe. Ja, die Kapitel sind lang, ebenso viele Sätze. Es gibt seitenweise Fließtext ohne Absatz, erst auf Seite 309 (US-Ausgabe: 208) kommt der erste Dialog. Auster erzählt lieber auktorial, Anleihen und Referenzen zu Tolstoi sind unverkennbar. »Kein postmoderner« Roman beruhigte Die Zeit. Quatsch mit Soße. Auster war schon immer Post-Postmoderne, aber egal. 4 3 2 1 ist immens lesbar. (Ist übrigens bald nur 4 3 1, dann noch weniger.) 

Das Buch ist ein Solitär, es verlangt, dass man sich darauf einlässt. Vor dieser Entscheidung wird man dauernd stehen, wenn man es wirklich lesen will. Flüchtige Kritiker und Rezensenten haben hier als Standardausrede gerne den Vorwurf »geschwätzig« parat, was natürlich nur Tarnung dafür ist, so zu tun, als könne man das Vielfache seines geistigen Eigengewichtes mal eben so in die Jackentasche stecken. Auch Norman Mailer hat man es immer übel genommen, wenn er wie in »Harlot’s Ghost« zu dick geworden ist. 4 3 2 1 verlangt etwas ab, aber es gibt prallviel dafür zurück.

Unter anderem die schönsten Kindheitserinnerungen an die Aneignung von Sprache, Literatur und Kultur seit Sartres Die Wörter, sehr viel Poesie und verbalen Slapstick, dazu ganze Echokammern der Kriminalliteratur. Paul Auster macht seine Leser zu Ermittlern, die Varianz und Ambivalenz der Verhältnisse ist ihm Programm. Kriminalliteratur darf man das natürlich nicht nennen, aber von der Edgar-verdächtigen New York Trilogie kommt er her (die mehr Metaebene als konkrete Stadt war, die gehört weit mehr Jerome Charyn, by the way; von Jerry Oster zu schweigen).

Die Archie Fergusons des Romans sind von Dostojewski geprägt. Schuld und Sühne war der Blitz, der in sie einschlug. Paul Auster, der oft ernster tut als seine Figuren es sein müssen, bietet eine Krimivariante, der ich so noch nie begegnet bin und die mir buchstäblich die Schuhe ausgezogen hat: Einer der jungen Fergusons schreibt eine Kurzgeschichte über zwei »Sohlenverwandte«, eine linke und eine rechte Ledersohle, die als Straßenschuhe bei einem Cop landen, unterschiedlichen Charakter und Ambitionen haben, miteinander im Streit liegen, Karriere machen und die Polizistenwelt erleben. Sehr komisch, sehr witzig und als Filmprojekt eines Ferguson-Freundes immer wieder ein Auftauchen im Roman wert. Dessen Lektüre habe ich nicht bereut. Dies ist ein Buch, das einem bleibt – wie die ganz Großen.

Paul Auster: 4 3 2 1. Roman; aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Sigelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 1264 Seiten, 29,95 Euro.

Der Anfang von »City of Glass«

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