Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024, News

Alf Mayer/ Frank Göhre: Elmore Leonard als Western-Autor (1)

Bevor Elmore Leonard der Krimiautor wurde, den wir kennen, schrieb er Westerngeschichten und Westernromane. Wie auch John Harvey und zwischendurch Robert B. Parker oder James Lee Burke. Der Liebeskind Verlag bringt nun Elmores vierten Western „Letztes Gefecht am Saber River“ (1959) zum ersten Mal auf Deutsch heraus. Hier nebenan können wir Ihnen exklusiv einen Textauszug daraus präsentieren. Und wir veröffentlichen – erweitert – die entsprechenden zwei Kapitel aus „King of Cool. Die Elmore Leonard Story“, der großen Leonard-Studie von Frank Göhre und Alf Mayer, 2019 bei CulturBooks erschienen. Zudem hat Alf Mayer den Roman bei uns besprochen.

„… Ferne Schreie und Rufe, diesmal aus einer anderen Richtung. Einige Leute erreichten jetzt den Marktplatz. Sie riefen etwas. Dann waren galoppierende Hufe zu hören, ein halbes Dutzend Rurales ritt auf den Platz. Ihre Schreie waren schrill, kaum zu verstehen im scharfen Geklapper der Hufe … Dann wurde ein Wort deutlich … es war ein Schrei. Wie ein in der Sonne gezücktes Messer hing er in der Luft – APACHEN!“

Anzeige der Agentur Campbell-Ewald mit ihrem Western-Autor Leonard, New Yorker, 6. Oktober 1956

Von Karl May gibt es ein ähnliches Foto. Mit Hut, Fransenhemd und Silberbüchse im Arbeitszimmer in Radebeul. Das von Elmore Leonard zeigt den Autor am Schreibtisch, weißes Hemd, Krawatte, eine Zigarette in der an die Stirn gestützten linken Hand, in der Rechten einen Bleistift. Ein intelligent aussehender, ordentlich frisierter junger Mann, sozusagen ein junger Don Draper aus „Mad Men“, gerade am Schreiben, schaut uns aus hinter seiner Hornbrille an.

Das Foto ist extremes Hochformat. Das braucht es auch, nicht nur wegen der seitenlangen Textspalte links, sondern wegen der ausgefeilten Bildkomposition. Hoch über dem Mann am Schreibtisch hängt ein großer, wohl in der Wüste ausgebleichter Rinderschädel, wie man ihn von Georgia O’Keefes Gemälden kennt. Daneben zielen zwei alte Westernrevolver schräg nach links unten, links vom Schädel hängt eine langläufige Winchester mit dem Lauf nach unten, es sieht aus, als würde er direkt in eine seitlich gestellte Schreibmaschine münden.

Der Text stellt denn auch eine Verbindung zwischen Schreiben & Schießen her. Ein Dichter bei der Arbeit. Ein Westernautor. Elmore Leonard, in einer ganzseitigen Anzeige seiner Agentur, am 6. Oktober 1956 im Magazin „The New Yorker“.

Die Headline lautet: „Inzwischen, zurück in der Agentur…“ Darüber das Zitat mit den Apachen aus Leonards Erstlingsroman „The Bounty Hunters“ (Die Kopfgeldjäger) von 1953. Es ist eine ausbalanciert schöne Anzeige – schließlich macht hier eine Werbeagentur für sich selbst Reklame. Mit einem ihrer besten jungen Köpfe, damals 31 Jahre alt.

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Zurück in der Agentur, so geht der Anzeigentext weiter, „nimmt Elmore Leonard an seiner geliebten Remington ein besonders fettleibiges Wort ins Visier. Denn „Dutch“ Leonard ist ein Connaisseur der Worte, dafür strengt er sich immer doppelt an. Als ein aufsteigender Jungautor von Westernromanen (drei Bücher sind veröffentlicht) gibt er seiner Prosa eine knappe und muskulöse Qualität; der Visierblick seiner Schreibflinte verheddert sich nie im modischen Sprachgestrüpp. Den Charakter seiner Figuren baut er aus dem, was sie tun, und nicht aus 1000 dampfgeplauderten Formulierungen“ – so sagt der Anzeigentext. Und weiter:

„Diese Leidenschaft für sparsam sitzende Worte macht Dutch auch zu einer Spitzenkraft in der Textabteilung von Campbell-Ewald. Denn diese Agentur setzt sich besonders damit auseinander, was Worte tun … wie gut sie treffen und wie gut sie verkaufen. Donnernde Phrasen, die nur Lärm machen und die Kunden betäuben, haben bei ihr keinen Platz.

Das heißt aber nicht, dass wir aus Kurztexten einen Fetisch machen; bei Gelegenheit sind wir auch schon mit dem üppigsten Text aufgetreten, den man je in diesem Jahrhundert gesehen hat. Letztlich kommt es nämlich nur auf eines an: auf die richtige Munition – manchmal ist eine Schrotflinte besser als eine .45er Patrone, und man braucht Scharfschützen, die es verstehen, auf die Geldbörsen der Kunden zu zielen. Wir haben Glück; wir haben einen ganzen Haufen von der Klasse eines Wyatt Earp.“ – So weit diese Anzeige.
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Es ist fünfeinhalb Jahre her, seit Elmore Leonard im April 1951 seine erste Westernkurzgeschichte beim Pulpmagazin „Argosy“ eingereicht hat. Er gibt ihr den Titel „Tizwin”, ein Apachenwort für Maisbier. Sie wird abgelehnt, aber Redakteur John Bender ermuntert ihn, ihm mehr zu schicken. „Trail of the Apache”, die dritte Geschichte, die Elmore Leonard jemals schrieb, wird seine erste veröffentlichte. Sie erscheint im Dezember 1951 in „Argosy“ (hier oben ganz links). Als Autorenzeile wollte er „Dutch Leonard“, das Magazin aber machte daraus „E.J. Leonard“. 1000 Dollar gibt es dafür. Angesichts eines Jahreseinkommens von damals 3000 Dollar als Berufsanfänger in der Agentur ist das sehr gutes Geld. Er und seine Familie können es dringend brauchen. Seit dem 7. Oktober sind sie nämlich zu Dritt, Peter Anthony heißt ihr erstes Kind. Schnell folgen weitere.

Seine Frau, die zwei Jahre jüngere Beverly Cline, lernt Elmore Leonard während seines Englisch- und Philosophiestudiums in Detroit auf dem Campus der Uni kennen. Sie heiraten knapp ein Jahr später am 30. Juli 1949. Elmore nimmt einen Job bei der Werbeagentur „Campbell-Ewald“ an.

Campell-Ewald ist eine alteingesessene Detroiter Agentur, die von Beginn an General Motors betreut. Elmore Leonard wird der „youngest married office boy“. Bis Ende der 50er Jahre textet er Anzeigen für Chevrolet.

Mit den eigenen Geschichten hat er schon wenige Monate nach dem Uniabschluss angefangen. Es sind Westernstories. Zum einen, weil er Filme wie „Der Held der Prärie“ (The Plainsman, Regie: Cecil B. DeMille, mit Gary Cooper und Jean Arthur), „My Darling Clementine“ (Faustrecht der Prärie, von John Ford) oder „Red River“ (von Howard Hawks, mit John Wayne in der Hauptrolle) mag, zum anderen, weil es einen blühenden Markt für das Genre gibt: Bücher, Zeitungen, Magazine und Zeitschriften, von „Dime Western“, „Western Story Roundup“ bis zu „Colliers“ und „Saturday Evening Post“. Bis zu zwei Cents zahlen die Pulps pro Wort. Das ist ein prima Zubrot, wenn es mit einer Veröffentlichung klappt.

Der junge Familienvater legt sich Gewohnheiten zu: „Ich bin um fünf Uhr morgens aufgestanden und habe zwei Seiten geschrieben, um sieben Uhr aufgehört, zur Arbeit gegangen. Anfangs bin ich aufgestanden, habe Kaffeewasser aufgesetzt und die Zeitung gelesen. Danach war kaum noch Zeit, um zu schreiben. Also habe ich eine Regel gemacht: Ich habe angefangen zu schreiben, bevor ich das Wasser koche.“

Schnell ergänzt er diese Regel: Er fängt an, indem er eine Situation entwirft. Dann macht er den Kaffee, denkt dabei nach, und ist dann im Fluss.

Vom Dezember 1951 bis zum Oktober 1953 arbeitet er frühmorgens wie im Rausch, schreibt an die 20 Geschichten in eben soviel Monaten. Bis Mitte der 1950er hat er 30 Geschichten verkauft – Western und Krimis und Abenteuer – und fünf Romane geschrieben, zwei seiner Stories finden Käufer in Hollywood. Und das ist erst der Anfang.

Seine ersten sieben Geschichten – und unterm Strich generell mehr als die Hälfte aller seiner Westernsachen – haben Apachen unter den Hauptpersonen. Das ist etwas unüblich in den frühen Fünfziger Jahren.

„Sie scheinen wirkliche Kenntnis von diesen Indianersachen zu haben“, schreibt die Literaturagentin Marguerite E. Harper am 2. November 1951 unter ihrem New Yorker Briefkopf an den „Lieben Mr. Leonard“. Sie habe am Tag zuvor ein Vorausexemplar der Dezemberausgabe von „Argosy“ (siehe oben) bekommen, es durchgeblättert und sei, bevor sie sich versah, in seiner Geschichte hängen geblieben, habe die Story geradezu verschlungen. Und das, obwohl sie fast ohne Dialoge und wohl an die 15.000 Worte lang sei. Normalerweise sei es nicht ihre Sache, Autoren anzuschreiben, nur weil ihr eine Geschichte gefalle.

In einer Sammlung der wichtigsten Schriftstücke der Literaturgeschichte sollte dieser Brief nicht fehlen, denn er begründet die Karriere des Autors Elmore Leonard. Mrs. Harper ist eine der Größen der Branche, sie ist seit über 20 Jahren im Geschäft und vertritt zum Beispiel die bekannten Westernautor Luke Short und Peter Dawson. Gar manche Talententdeckung geht auf ihr Konto. Elmore Leonard fällt ihr gleich mit seiner allerersten Veröffentlichung auf. Ob er schon darüber nachgedacht habe, dass ein Literaturagent eine gute Sache sein könnte? Und wenn nicht, ob er es sich überlegen würde? Immerhin sei sie in New York und hätte all die Kontakte. Sie bietet ihm an, ihn unter Vertrag zu nehmen. Elmore Leonard ist 26 Jahre alt. Er schlägt ein.

Die alte Mrs. Marguerite rät ihm dringend, trotz des ersten Erfolgs nicht größenwahnsinnig zu werden. Als er am 29. November 1951, also noch bevor seine erste Geschichte erscheint, bei ihr nachfragt, wie sie denn ein Vollzeitleben als Autor für ihn sehe, antwortet sie in Großbuchstaben:

„GEBEN SIE FÜR DAS SCHREIBEN BLOSS NICHT IHREN JOB AUF!
Sie sollten wissen, dass hauptberuflich zu schreiben, eine hochgefährliche Tätigkeit ist, ergänzt sie. Ich meine das sehr ernst. Das Wort Sicherheit gibt es auf diesem Boden nicht.“


Auch James B. Connell, der Redakteur von „Argosy“ stößt in dieses Horn. So kommt Elmore Leonard zu seiner Schreibroutine, morgens um fünf. Zwei Stunden Schreiben, bevor er seinen Kindern das Frühstück macht und zur Arbeit geht. Eine Manuskriptseite schafft er in diesen Anfangsjahren in der Stunde, zwei also von fünf bis sieben, an guten Tagen sogar vier. Danach geht er zur Arbeit. Alleine 1952 kommt er so auf sechs veröffentlichte Geschichten.

Irgendwann wechselt er zu einer kleineren Agentur, kehrt nach 15 Monaten zu Campbell-Ewald zurück, jetzt mit 7.000 Dollar Jahresgehalt. Damals eine üppige Bezahlung.

Später im Leben, als hauptberuflicher Autor, schreibt er von 9.30 bis 18 Uhr. Aber, lacht er später in einem Interview, er würde nicht hier sitzen, wenn er damals nicht immer um fünf Uhr aus den Federn gewesen wäre.

Er schreibt per Hand. Das behält er bis ins hohe Alter bei. In seinem ganzen Leben besitzt er nie einen Computer.

In fünf Jahren, zwischen 1951 und 1956, schreibt er 27 Westerngeschichten. 30 werden es insgesamt im Lauf seines Lebens. Dazu kommen noch insgesamt acht Westernromane:

„The Bounty Hunters“ (1953)
„The Law at Randado“ (1954)
„Escape from Five Shadows“ (1956)
„Last Stand at Saber River“ (1959)
„Hombre“ (1961)
„Valdez Is Coming“ (1970)
„Forty Lashes Less One“ (1972)
„Gunsights“ (1979)

Die ersten fünf Kurzgeschichten sind Apachen- und Kavallerie-Storys im Arizona der 1870er und 80er. „Bounty Hunters“, sein erster Roman, geht so: Nimm den gefährlichsten Apachen, den klügsten Scout, den gierigsten Banditen, verfrachte sie alle in die Wüste und lass sie in der Sonne schmoren. Dann schauen wir mal, wer gewinnt.

Dutch liest keine Western von anderen Autoren, er schaut – schon immer – Filme, ist ein begeisterter Kinogänger. Er kommt über das Sehen zum Erzählen. Die Lakonie der Western zieht ihn an. Autoren wie George P. Pelecanos sagen: In den Western von Elmore Leonard ist schon der ganze Elmore Leonard drin.

Zwei seiner Stories finden Käufer in Hollywood. Und das ist erst der Anfang.

Die Sache mit den Apachen übrigens ist nicht ganz so, wie Mrs. Harper sich das gedacht hatte. Die abgelehnte erste Geschichte mit dem Maisbier fuchst ihn, er besorgt sich Literatur über die Apachen, die ihn ohnehin interessieren. Er liest „On the Border with Crook“ von John Gregory Bourke, der rechten Hand des berühmtesten Generals der sogenannten „Indian Wars, er durchforstet den mit zahlreichen Dokumenten angereicherten Band „The Truth about Geronimo“, er studiert den üppigen Bildband „The Look of the West“ und abonniert die Zeitschrift „Arizona Highways“, die immer viele Fotos hat. Und er beschließt, sich auf die Apachenstämme und auf die US-Kavallerie im Arizona und New Mexico der 1880er zu konzentrieren.

Später sagt er: „Wann immer ich einen Canyon oder eine Wüste brauchte, habe ich die Ausgaben von „Arizona Highways“ durchgeblättert und immer etwas gefunden. Die Zeitschrift hatte er abonniert. Die Bilder erzählten mir, was es alles gab, welche Art von Kaktus im Schiefer wächst. Und ich recherchierte viel über Apachen, Kavallerie und Waffen. Apachen, Kavallerie und Waffen waren damals für eine gute Story unerlässlich.“

Auf Details zu achten und mit ihnen zu arbeiten, daraus eine Präsenz zu machen, das lernt er hier.

Teil 2 dann in unserer Aprilausgabe.

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