Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

Der ganze Elmore Leonard ist hier schon da – Eine Rezension

Alf Mayer über Buch 4 der 44 Romane von Elmore Leonard

(AM) Elektrisierend, dass ein deutsches Publikum dem großen Autor Elmore Leonard jetzt noch einmal neu begegnen kann, dem »King of Cool«, wie Frank Göhre und ich unsere Studie betitelt haben (CulturBooks, 2019). Der Münchner Liebeskind-Verlag wagt sich gerade an seine weithin unübersetzt gebliebenen Westernromane – was für eine wunderbare Idee. »Letztes Gefecht am Saber River« hat schon alles, worauf die späteren Leonard-Romane immer wieder neu und überraschend zusteuern: jenen magischen Moment, der Held allein, das Schicksal in Bewegung, und die Coolness auf dem Prüfstand. Oder um es mit George Pelecanos zu sagen: In seinen Western ist der ganze Elmore Leonard schon da.

Zwischen der Hardboiled-Kriminalliteratur und dem Western gibt es seit jeher Verbindungslinien: vom Waldläufer zum Detektiv. Robert B. Parker, selbst einige Western am Gürtel (darunter großartig vom Schauspieler Ed Harris verfilmt: APPALOOSA), untersuchte für seine Dissertation von 1971 die Hardboiled-Helden von Hammett, Chandler und Ross Macdonald als Abkömmlinge von James Fenimore Cooper: »The Violent Hero, Wilderness Heritage and Urban Reality: A Study of the Private Eye in the Novels of Dashiell Hammett, Raymond Chandler, and Ross Macdonald«.

Von Dashiell Hammet stammen die Western-Stories »The Man Who Killed Dan Odams« und »Afraid of a Gun«, beide 1924 im Pulp-Magazin »Black Mask« veröffentlicht und beide in Montana angesiedelt, wie auch sein Roman »Red Harvest«. Der Brite John Harvey gehörte zu den »Picadilly Cowboys«, in seiner ersten Kolumne auf CrimeMag hat er darüber Auskunft gegeben. Wie Elmore Leonard begann er seine Schreib-Karriere mit Western. Seine erste Serie nannte sich «Hart the Regulator«, zehn Bände im Taschenbuchverlag Pan, zwischen 1980 und 1983: »In those days, we wrote ‚em fast!« 

Elmore Leonard, junger Familienvater, schrieb am frühen Morgen, ehe sein Arbeitsalltag als Werbetexter begann – siehe hier in dieser Ausgabe nebenan: Alf Mayer/ Frank Göhre über Elmore Leonard als Westernautor. 30 Western-Kurzgeschichten und acht Romane umfasst dieser Teil seines Œuvres. Es ist nicht weniger spannend und vielfältig als sein restliches Werk.

»Last Stand at Saber River«, sein vierter Westernroman, erschien im April 1959 bei Dell Publishing, New York, als »paperback original«. Es war die Blütezeit des Genres. Dass gleich drei Frauen wichtige Plätze im Roman einnehmen, war damals für einen Western eher ungewöhnlich. Er spielt im Frühjahr 1865 in Arizona, am Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs. Die Hauptfigur Paul Cable ist ein Kriegsheimkehrer, er hat für die Konföderierten gekämpft, für den Süden. Aus heutiger Sicht ist sein militärisches Vorbild – »Was würde Forrest machen?«, fragt Cable sich in brenzligen Situationen – eher fragwürdig: General Nathan Bedford Forrest von der Texas-Kavallerie, einst Sklavenhändler, dann KKK-Mitbegründer und verantwortlich für ein Massaker an sich ergebenden Unionssoldaten in Fort Pillow, Tennessee. Aber auch Cables Antagonist Edward Janroe hat Blut an den Händen. Überhaupt hält die wechselnde Erzählperspektive Leonards viel Empathie selbst für unsympathische Charaktere bereit, zieht daraus nicht unbeträchtliche Spannung.

Showdowns, bis hin noch in die von ihm inspirierte TV-Serie »Justified« mit dem US-Marshall Raylan Givens ein Markenzeichen, dekliniert Elmore Leonard schon in »Saber River« lustvoll durch. Einmal an einem Steilhang mit nur noch einer einzigel Kugel im Pistolenlauf. »Wenn du ziehst, muss die eine Kugel auch treffen«, trietzt Cables Gegegner ihn in einer Szene. Es wird sein letztes Wort.

Elmore Leonard las als junger, beginnender Autor keine anderen Westernromane, er war ein Kinogänger. Er liebte die Filme von John Ford, Howard Hawks, Anthony Mann, Budd Boetticher, Delmer Daves, Henry Hathaway, Raoul Walsh, André De Toth, Sam Fuller oder Richard Brooks. Entsprechend filmisch sind bei ihm von Anbeginn an Szenenaufriss und Erzählen: ohne Umschweif oder Zögern, »show, don’t tell«. Aus Aktion und Interaktion entsteht der Raum zwischen den Figuren und die Landkarte ihrer Konflikte. Mustergültig dafür die Eröffnung von »Saber River«, die wir Ihnen mit freundlicher Erlaubnis des Verlags hier nebenan präsentieren können. Für den am Duck River schwer verwundeten Cable ist der Krieg vorbei. Er kehrt mit Frau und drei Kindern nach Arizona zurück, um sein altes Leben wieder aufzunehmen.

Erst geht es zum Lebensmittel-Laden. Der alte Besitzer ist nicht zu sehen. Da ist ein neuer Mann. Ein einarmiger. Auch ein Veteran. »Ich glaube, er war im Krieg«, hatte Cables Frau Martha gemeint, als sie den General Store zuerst von einer Anhöhe aus mit dem Fernglas gemustert hatten. »Wahrscheinlich«, hatte Cable genickt. »Aber auf welcher Seite?« Darauf kommt’s an, sagte er sich. Du traust ihm nicht. Jeder Mann erweckt aus der Ferne dein Misstrauen, deine Abneigung. Es ist gut, vorsichtig zu sein, aber damit kann man es auch übertreiben.

Auch der andere, als sie da sind, bleibt abwartet und misstrauisch. Er heißt Janroe und beobachtet jede ihrer Bewegungen.

»Sie gehen ganz normal«, sagte Janroe sanft. »Haben keine sichtbaren Wunden. Aber ohne Verletzung hätten die Sie sicher nicht laufen lassen.«
»Wenn ich länger gehe, merkt man es«, sagte Cable. »Oder wenn ich zu lange im Sattel sitze.«
»Das hört sich genau nach der Art von Wunde an, die man sich wünscht. Wo haben Sie sich die geholt?«
»Auf dem Marsch nach Nashville.«
»Mit Hood?«
»Vor ihm. Mit Forrest.«
»Sie haben Glück gehabt. Ich meine, dass Sie noch ganz sind.«
»Schätze schon.«

Wie rohe Eier. Jedes Wort auf der Waagschale. Jede Bewegung. Jede Geste. Soll doch jeder selber sehen, wo er bleibt. Der Schatten des Bürgerkriegs noch überall. Misstrauen. Feindschaft. Vorsicht. Alte Rechnungen. Vor dem Gesetz gilt Cable als Rebell. Und zwei Brüder, beide Anhänger der Union, so lernt er, haben sein Hab und Gut konfisziert.

»Waren Sie schon bei sich zu Hause?«, hatte Janscoe ihn gefragt.
»Wir sind auf dem Weg dorthin.«
»Dann werden Sie eine Überraschung erleben.«
Cable blickte ihn gleichgültig an. »Was soll das heißen?«
»Das werden Sie schon herausfinden.«

Für Cable also ist der Krieg doch noch nicht vorbei. Niemand vertreibt ihn ungestraft von seinem Land. Auch Janroe ist noch nicht in der Friedenszeit angekommen, er hat eine eigene Agenda. Auf Seite 182 geht ihm durch den Kopf:

»Vier lange, wilde Kriegsjahre enden nicht einfach mit zwei Frauen, die in der Küche stehen und behaupten, alles sei vorbei. Von Frauen konnte man nichts anderes erwarten, das war typisch. Die können einem alles erzählen. Für sie wird aus einer Lüge die Wahrheit, weil sie sich berechtigt fühlen, mit jedem erdenklichen Mittel dafür zu sorgen, damit der Lauf der Dinge eine süßlich duftende schleichende Gangart behält. Um daraus eine Weiberwelt zu machen, in der kein Platz für Krieg oder Auseinandersetzungen oder all die anderen Dinge war, die Männer so taten und durch die sie sich selbst als Mann beweisen konnten.«

1959, wohlgemerkt. Stand der Geschlechterdebatte, in einem Western exemplifiziert. Auch eine 18jährige femme fatale spielt darin eine Rolle, dazu eine Migrantin namens Luz und Martha Sanford Cable, die Ehefrau des Helden, jetzt siebenundzwanzig und dreifache Mutter. Ein Mädchen aus dem Westen von Texas, auf einer Klosterschule in New Orleans erzogen. Sie selbst und dann auch das Gewehr, das sie in Händen hält, haben (mehr als nur) ein Wörtchen mitzureden…

Alf Mayer

Elmore Leonard: Letztes Gefecht am Saber River (Last Stand at Saber River, 1959). Aus dem Englischen von Florian Grimm. Liebeskind, München 2024, Hardcover, 256 Seiten, 22 Euro.

PS. Das Cover der deutschen Ausgabe stammt vom großen Robert McGinnis. Es trägt den Titel »Not alone«, stammt aus dem Jahr 1993 und folgt dem Motto seiner Western-Illustrationen »There’s a story there!« Als klassisches Eitempera gemalt, hat das Bild ein recht großes (Gallerie-) Format. McGinnis begann seine Arbeit als Cover-Artist 1958/59, also im Entstehungszeitraum von »Letztes Gefecht at Saber River«. Der in Wyoming aufgewachsene und mit dem Westen vertraute McGinnis schuf über tausend Buchtitel, alleine der zuvor fast unbekannt geblienene Pulpautor Carter Brown verkaufte sich dank seiner langbeinigen Frauen zig-millionenfach. Sein erstes Kinoplakat, 1961 für »Breakfast at Tiffany’s«, etablierte Audrey Hepburn als Ikone. Siehe auch meinen Text »Schöne Frauen, schön gezeichnet – Die Kunst des Robert E. McGinnis« zu seinem 89. Geburtstag 2015 hier bei uns. Seine Western-Illustrationen reichen noch gut für das ganze, bei uns noch unbekannte Western-Œuvre von Elmore Leonard.

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