Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

Elmore Leonard »Letztes Gefecht am Saber River«

Elmore Leonard: Letztes Gefecht am Saber River (Last Stand at Saber River, 1959). Aus dem Englischen von Florian Grimm. Liebeskind, München 2024, Hardcover, 256 Seiten, 22 Euro.

Bevor Elmore Leonard der Krimiautor wurde, den wir kennen, schrieb er Westerngeschichten und Westernromane. Siehe dazu – in dieser Ausgabe nebenan – auch Alf Mayer/ Frank Göhre in einer erweiterten Fassung der entsprechenden Kapitel aus ihrem Buch »King of Cool. Die Elmore-Leonard-Story« (CulturBooks, 2019) sowie eine Schatzsuche-Empfehlung von Torsten Meinicke und eine größere Besprechung von Alf Mayer. – Wir freuen uns, Ihnen hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags einen Auszug aus dem Roman von Elmore Leonard präsentieren zu können. Das Cover übrigens stammt vom großen Robert McGinnis.

Kapitel 1

Paul Cable saß im Schatten der Pinien, nach vorn gebeugt, die Stiefel gekreuzt und die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Er hob noch einmal das Fernglas, und das zweigeschossige Lehmhaus, das vierhundert Meter entfernt den Hang hinunter lag, erschien still vor seinen Augen.
Es war Denamans Laden. Ein einfacher, hellbrauner Bau, typisch für den Süden Arizonas, mit einer hölzernen Laderampe, aber ohne Vordach, das vor der Sonne schützte. Es war der einzige Gemischtwarenladen von Hidalgo bis Fort Buchanan im Norden, und vor Ausbruch des Krieges diente er auch als Poststation von Hatch & Hodges.
Der Laden war ihm vertraut, und es war gut, ihn zu sehen, weil es bedeutete, dass Cable und seine Familie fast zu Hause waren. Martha war neben ihm, die Kinder standen dicht dahinter. Sie konnten es kaum erwarten, nach zweieinhalb Jahren wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Aber der Anblick eines Mannes, den Cable nie zuvor gesehen hatte – ein Mann mit nur einem Arm –, hielt sie zurück.
Er stand auf der Laderampe, gegenüber dem leeren, sonnenüberfluteten Hof, und starrte auf die Weidenbäume, die den Fluss hinter dem Haus verdeckten. Die rechte Hand hatte er in die Hüfte gestemmt, sein linker Ärmel steckte straff und ordentlich in seiner Hosentaille. Die verblichenen, roten Buchstaben des Schriftzuges DENAMAN’S STORE liefen in voller Breite über der Schwingtür des Ladens.
Cable beobachtete den Mann. Er hatte irgendetwas an sich.
Vielleicht, weil er nur einen Arm hatte. Nein, dachte Cable, das erinnert dich an die zweieinhalb Jahre Krieg, aber du hast etwas gespürt, noch bevor du gesehen hast, dass er nur einen Arm hat.
Ihm wurde bewusst, dass dies die Kriegsgewohnheiten mit sich brachten, die er angenommen hatte, um zu überleben. Die Gewohnheit, keiner Regung zu trauen, die man nicht sofort zuordnen konnte. Die Gewohnheit, sich nicht blind in etwas hineinzustürzen. Er hatte gelernt, sich in Geduld zu üben, die Situation sicher einzuschätzen, bevor man zur Tat schritt. So sicher, wie man eben sein konnte.
Cables Fernglas streifte über die verwitterte Fassade des Lehmhauses und folgte dem Blick des Einarmigen zu den Weidenbäumen und dem Fluss, der versteckt hinter den herunterhängenden Zweigen lag.
Eine junge Frau mit einem Eimer in der Hand trat zwischen den Bäumen hervor, und Cable sagte: »Da kommt Luz. Hier …« Er gab das Fernglas an seine Frau weiter, die sich hingekniet hatte und nun auf ihren Fersen saß, während sie mit einer Hand ihre Augen vor dem Sonnenlicht abschirmte.
Martha Cable hob das Fernglas. Nach einem Augenblick sagte sie: »Es ist Luz Acaso. Aber irgendwas an ihr ist anders.«
»Aus ihr ist eine erwachsene Frau geworden«, sagte Cable. »Sie muss jetzt achtzehn sein.«
»Nein«, sagte Martha. »Etwas anderes. Ihre Haltung. Die Art, wie sie sich bewegt.«
Sie beobachtete durch das Fernglas, wie die junge Frau mit langsamen Schritten über den Hof ging. Sie schaute zu Boden und hob erst den Blick, als sie an der Rampe angelangt war und die Stufen hochstieg. Als sie aufschaute, konnte man ihr warmes, ernstes Gesicht im Sonnenlicht erkennen. Martha erinnerte sich an Luz’ wissenden Blick, an ihre leicht geöffneten Lippen, immer bereit für ein Lächeln oder lauthals loszulachen. Nun aber lag Müdigkeit in ihrem Gesichtsausdruck. Ihre Augen wanderten zu dem Mann auf der Rampe, der sie anblickte. Dann schaute sie rasch weg und trat in den Laden.
Sie ist müde oder krank, dachte Martha. Oder sie hat Angst.
»Ist sie ins Haus gegangen?«, fragte Cable.
Martha senkte kurz das Fernglas und nickte. »Aber der Mann steht immer noch da. Cable, ich glaube, sie hat Angst vor ihm.
»Vielleicht.« Er beobachtete, wie Martha den Mann auf der Laderampe in Augenschein nahm. »Aber warum sollte sie, wenn Denaman da ist?«
»Wenn er da ist«, sagte Martha.
»Wo sollte er sonst sein?«
»Ich wollte gerade dieselbe Frage stellen.«
»Gut, nehmen wir an, dass er sich im Haus aufhält.«
»Und Manuel?« Sie meinte Luz’ Bruder.
»Manuel kann überall sein.«
Martha beobachtete immer noch den Mann auf der Rampe, um sich einen Eindruck von ihm zu verschaffen. Er war groß, kräftig gebaut, aber schlank, mit schwarzem Haar und einem Schnurrbart. Vielleicht Ende dreißig. Sein linker Arm fehlte zwischen Schulter und Ellbogen.
»Ich glaube, er war im Krieg«, sagte Martha.
»Wahrscheinlich.« Cable nickte nachdenklich. »Aber auf welcher Seite?« Darauf kommt’s an, sagte er sich. Du traust ihm nicht. Jeder Mann erweckt aus der Ferne dein Misstrauen, deine Abneigung. Es ist gut, vorsichtig zu sein, aber damit kann man es auch übertreiben.
Er dachte kurz an John Denaman, den Mann, der ihm am Anfang geholfen hatte. Vor zehn Jahren hatte er ihn dazu überredet, sich hier im Tal des Saber River niederzulassen. Es wäre gut, John wiederzusehen. Und es wäre gut, Luz zu sehen, mit ihr zu sprechen und mit Manuel. Luz’ und Manuels Vater hatte für Denaman gearbeitet, bevor eine Krankheit ihn plötzlich dahinraffte. Danach zog John die beiden auf, als wären es seine eigenen Kinder.
»Er geht jetzt ins Haus«, sagte Martha.
Cable wartete einen Augenblick. Dann wandte er sich um, hievte sich hoch und sah seine Tochter, die nur wenige Fuß von ihm entfernt stand. Clare war sechs, sie war ihr ältestes Kind: ein zierliches, ruhiges Mädchen, mit den dunklen Haaren und Augen seiner Mutter und ansatzweise deren feinen, markanten Gesichtszügen. Sie sah ihrer Mutter ähnlich, genau wie die Jungen nach ihrem Vater kamen. Unsicher stand sie da, die Hände vor der Brust verschränkt.
»Schwester, du trommelst deine Jungs zusammen.«
»Fahren wir weiter?«
»In ein paar Minuten.«
Er blickte ihr nach, bis sie inmitten der Bäume verschwunden war, und einen Augenblick später hörte er die schrille Stimme von einem der Jungen. Das musste Davis sein, fünf Jahre alt. Sandy, nicht ganz vier, war bestimmt direkt hinter ihm, machte jede Bewegung seines Bruders nach. Fast jede.
Cable holte seinen braunen Wallach zwischen den Bäumen hervor und stieg auf. »Er wird wieder rauskommen, wenn er mich hört«, sagte er. »Aber warte, bis du uns miteinander reden siehst, bevor du runterkommst. Verstanden?«
Martha nickte. Sie lächelte zaghaft, als sie sagte: »Es wird wahrscheinlich ein alter Freund von Denaman sein.«
»Wahrscheinlich.«
Cable gab dem Rotfuchs die Sporen und ritt den blassgelben Ausläufer des Hangs hinunter. Er saß aufrecht und fest im Sattel, sein rechtes Knie berührte den Schaft seines Karabiners, ein Spencer, und sein rechter Ellbogen den Walker Colt an seiner Hüfte. Die Augen hatte er auf den Laden gerichtet. Der Mann konnte ein Späher sein, dachte er. Vielleicht waren die zweieinhalb Jahre nicht vorbei.
Sobald er beschlossen hatte, zur Armee zu gehen, verkaufte er seinen gesamten Viehbestand, die ganzen Rinder, zweihundertfünfzig Stück, und alle Pferde bis auf drei. Er hatte seine Frau und die Kinder in den Planwagen gesteckt und nach Sudan, Texas, gebracht, zu Marthas Eltern. Er tat dies, weil er unerschütterlich an die Konföderation glaubte wie an seine Freunde, die für sie ins Feld gezogen waren.
Wegen seiner Prinzipien hatte er den Saber River in Arizona hinter sich gelassen und war nach Chattanooga, Tennessee, geritten, mit einem Gewehr, einem Revolver und zwei Pferden. Dort schloss er sich dem 8. Texas-Kavallerie-Regiment von J. A. Wharton an, das unter dem Befehl von General Nathan Bedford Forrest stand.
Drei Wochen später, als Forrest auf Murfreesboro vorrückte, erlebte Cable die ersten Kampfhandlungen und wurde verwundet. Am 3. September wurde Paul Cable zum Captain ernannt und General Forrests Eskorte zugeteilt. Vom Soldaten zum Captain in nur drei Wochen – das kam vor unter Forrests Kommando. Nach Murfreesboro wurde er noch zwei Mal verwundet, das dritte und letzte Mal am 28. November 1864 an einem Ort namens Huey’s Mills. Er wurde von einer Salve aus dem Sattel geholt, als sie den Duck River überquerten, um Wilsons Unionskavallerie nach Franklin, Tennessee, zurückzudrängen. Cable wurde mit Schusswunden an der linken Hüfte und am Oberschenkel ins Lazarett in Columbia gebracht. Am 8. Dezember teilte man ihm mit, er solle sich nach Hause begeben, »auf welchem Weg auch immer«. Es gab Männer, die schwerere Verletzungen davongetragen hatten als er und die sein Feldbett brauchten. Und bald würde es eine ganze Flut von Verwundeten geben, denn General Hood stand kurz davor, in Nashville über die Yankees herzufallen. Geh nach Hause, wurde ihm gesagt, und danke Gott für deine Schussverletzungen.
Für Cable war der Krieg also vorüber, obwohl im Osten noch gekämpft wurde und er ihn immer noch in den Knochen spürte. Er war noch keine dreißig, ein Mann mit hagerem Gesicht und überdurchschnittlich groß, aber er sah älter aus, nachdem er unter Nathan Bedford Forrest gedient hatte: Auf Chickamauga folgten Fort Pillow, Brice’s Crossroads und Thompson’s Station, drei Angriffe in West Tennessee und hundert namenlose Scharmützel. Er war ein besonnen auftretender Mann, daran hatte der Krieg nichts geändert. Ein klar denkender Mann, der sich selbst Lesen und Schreiben beigebracht hatte, die Grundregeln, dann hatte ihm seine Frau geholfen.
Martha Sanford Cable war jetzt siebenundzwanzig. Ein Mädchen aus dem Westen von Texas, das aber auf einer Klosterschule in New Orleans erzogen worden war. Vor sieben Jahren hatte sie Sudan verlassen und war als Paul Cables Ehefrau an den Saber River gezogen, um ihm dabei zu helfen, ein Haus zu bauen, und ihm eine Familie zu schenken …
Nun kehrten sie zurück in das Haus, das sie gebaut hatten, mit der Familie, die sie gegründet hatten. Sie waren bei Denamans Laden angelangt, nur vier Meilen von ihrem eigenen Stück Land entfernt.
Und Cable erreichte den Hof des Ladens, die Augen immer noch auf die Rampe gerichtet und die Schwingtür, die von der fahlen Fassade des Lehmhauses eingefasst war. Er zog bei seinem Rotfuchs die Zügel an und ritt im Schritt weiter.
Der rechte Türflügel öffnete sich und der einarmige Mann trat heraus. Er ging bis zum Rand der Laderampe, blieb dort stehen und schaute auf Cable herab. Seinen Daumen hatte er am Gürtel eingehakt.
Cable kam näher. Er hatte die Augen fest auf den Mann gerichtet, ergriff aber erst das Wort, als er das Pferd einige Meter vor ihm zum Stehen gebracht hatte. Vom Sattel aus waren Cables Augen auf Kniehöhe des Mannes.
»Ist John Denaman da?«
Der Mann verzog keine Miene. »Er ist nicht mehr hier.«
»Ist er weggezogen?«
»Könnte man sagen.«
»Vielleicht kann ich mit Luz sprechen.«
Die eingefallenen Wangen und der buschige Schnauzbart, der seine Mundlinie bedeckte, gaben dem Mann einen harten, knorrigen Gesichtsausdruck, aber nicht angespannt. »Sie kennen Luz?«, fragte er.
»Seit sie acht ist«, antwortete Cable. »Seit dem Tag, als ich zum ersten Mal einen Fuß in dieses Tal gesetzt habe.«
»Nun …« Der Anflug eines Lächelns veränderte die finstere Miene des Mannes. »Dann müssen Sie Cable sein.«
Cable nickte.
»Heimgekehrt aus dem Krieg.« Der Mann schien immer noch zu lächeln. »Luz hat von Ihnen und Ihrer Familie gesprochen. Ihr Bruder auch. Er erzählt, dass Sie gemeinsam die Apachen in die Flucht geschlagen haben, als die Ihre Herde überfielen.«
Cable nickte. »Wo ist Manuel?«
»Irgendwo unterwegs.« Der Mann hielt inne. »Waren Sie schon bei sich zu Hause?«
»Wir sind auf dem Weg dorthin.«
»Dann werden Sie eine Überraschung erleben.«
Cable blickte ihn gleichgültig an. »Was soll das heißen?«
»Das werden Sie schon herausfinden.«
»Ich glaube, Sie wechseln das Thema«, sagte Cable sanft. »Ich habe Sie gefragt, was aus John Denaman geworden ist.«
Einen Augenblick lang blieb der Mann stumm. Dann wandte er sich um und rief durch die offene Tür: »Luz, komm raus hier!«
Cable musterte ihn. Er sah, wie das knochige Gesicht des Mannes wieder auf ihn herabblickte, und fast im selben Moment tauchte die junge Frau im Türrahmen auf. Cables Hand tippte an die gekräuselte Krempe seines Huts.
»Luz, mein Schatz, es ist schön, dich zu sehen.« Er sprach warmherzig, und er wäre auf die Rampe gesprungen, um ihr einen Kuss zu geben, wenn die Anwesenheit dieses Mannes ihn nicht davon abgehalten hätte.
»Paul …«
Er sah in ihren Augen und an ihrem Mund, wie überrascht sie war, aber nur einen Augenblick lang, dann erwiderte sie seinen Blick mit einem Lächeln, das ernst war und freudlos, ein Lächeln, das sich just in dem Moment verflüchtigte, als der einarmige Mann das Wort ergriff.
»Luz, erzähl ihm, was mit Denaman geschehen ist.«
»Sie haben es ihm nicht gesagt?« Sie blickte kurz zu Cable und schien zu zögern. »Er ist tot, Paul. Er ist vor fast einem Jahr gestorben.«
»Vor neun Monaten«, sagte der einarmige Mann. »Ich kam Ende August hierher. Er starb im Monat zuvor.«
Cables Augen hefteten sich auf den Mann. Er blickte ihn durchdringend an, denn er hatte gespürt, dass Denaman tot war, er hatte es gespürt an der Art und Weise, wie der Mann sprach, am Tonfall seiner Stimme.
»Sie hätten es mir geradeheraus erzählen können«, sagte Cable.
»Nun, jetzt wissen Sie es.«
»Man könnte meinen, Sie würden ein Spiel daraus machen.«
Der Mann blickte ungerührt zu Cable herunter. »Warum belassen Sie es nicht dabei?«
»Paul«, sagte Luz, »es kam völlig unerwartet. Er war nicht krank.«
»Sein Herz?«
Luz nickte. »Er ist kurz nach Mittag zusammengebrochen, und am Abend war er tot.«
»Und Sie sind zufälligerweise einen Monat später hier aufgetaucht«, sagte Cable und blickte den Mann erneut an.
»Warum fragen Sie nicht gleich, was ich hier treibe?« Beim Geräusch des zweispännigen Planwagens auf dem abfallenden Hang blickte der Mann auf. »Ist das Ihre Familie?«
»Meine Frau und die drei Kinder.«
Der Mann schaute wieder nach unten. »Sie haben die lange Reise vergebens gemacht.« Er schien fast zu lächeln.
»Gut«, sagte Cable, »und warum?«
»In Ihrem Haus leben ein paar Männer.«
»Wenn das so ist, werden sie ausziehen müssen.«
Das Lächeln kam nicht, aber der Mann starrte gebannt auf Cable herab. »Kommen Sie rein, und ich erzähle es Ihnen.« Dann drehte er sich abrupt um, warf noch einmal einen Blick auf den Planwagen und trat in den Laden.
Cable konnte die klirrenden, knarzenden Geräusche des Wagens hören, der nun ganz nah war, aber er nahm seine Augen nicht von Luz, bis sie ihn ansah.
»Luz, wer ist das?«
»Sein Name ist Edward Janroe.«
»Der Mann tut so, als gehöre ihm der Laden.«
Sie hob kurz die Augen. »Das tut er. Die Hälfte davon.«
»Aber warum …«
»Kommen Sie?« Janroe stand in der Tür. Er blickte Cable an und deutete mit einem Kopfnicken auf Luz. »Der muss man alles aus der Nase ziehen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Mühe nicht lohnt.« Er wartete, bis sich Cable im Sattel rührte, um abzusteigen. »Ich bin im Haus«, sagte er und trat von der Tür weg.
Cable ließ die Zügel fallen und über den Boden hängen. Er schwang sich vom Pferd und ging die Stufen zur Rampe hoch. Einen Moment lang blickte er stumm zu Luz Acaso.
»Bist du mit ihm verheiratet?«
»Nein.«
»Aber er lebt seit acht Monaten hier und besitzt die Hälfte des Ladens?«
»Davon kann man halten, was man will.«
»Ich will nichts davon halten. Ich will wissen, was hier los ist.«
»Er wird dir alles sagen, was du wissen willst.«
»Luz, glaubst du etwa, ich will herumschnüffeln? Ich will dir helfen.«
»Ich brauche keine Hilfe.« Sie sah an ihm vorbei auf den Wagen, der gerade auf den Hof fuhr.
In Ordnung, dachte er. Zwing sie nicht dazu. Dann ging ihm auf, dass Martha ohnehin besser mit Luz sprechen konnte. Warum also auf der Sache herumreiten und sie verunsichern? Martha würde in wenigen Minuten alle
Einzelheiten aus ihr herausgekitzelt haben.
Cable klopfte ihr sachte auf die Schulter und trat an ihr vorbei in das Halbdunkel des Ladens.
Er ging die Theke entlang, die die Vorderwand säumte, wobei er mit der Hand über ihren speckigen, abgenutzten Rand fuhr und den Blick über die fast leeren Regale wandern ließ. Es gab vereinzelte Konserven, Stoffballen, Arbeitskleidung, Kartons, bei denen man nicht wusste, was in ihnen steckte. An einem Holzbalken darüber hingen Rochester-Öllampen, Eimer und Seilbündel. Die meisten Waren in den Regalen sahen schon älter aus, als würden sie seit Langem hier liegen.
Cable senkte den Blick und blieb beinahe stehen, als er Janroe am Ende der Theke entdeckte, an der Tür, die in den nächsten Raum führte. Janroe beobachtete jede seiner Bewegungen.
»Sie gehen ganz normal«, sagte Janroe sanft. »Haben keine sichtbaren Wunden. Aber ohne Verletzung hätten die Sie sicher nicht laufen lassen.«
»Wenn ich länger gehe, merkt man es«, sagte Cable. »Oder wenn ich zu lange im Sattel sitze.«
»Das hört sich genau nach der Art von Wunde an, die man sich wünscht. Wo haben Sie sich die geholt?«
»Auf dem Marsch nach Nashville.«
»Mit Hood?«
»Vor ihm. Mit Forrest.«
»Sie haben Glück gehabt. Ich meine, dass Sie noch ganz sind.«
»Schätze schon.«
»Das kann auch anders laufen. Ich habe unter Kirby Smith gedient, ein Jahr lang, von Sommer ’61 an, und wir sind den Kentucky River hochmarschiert, in Richtung Lexington. In der Nähe von Richmond stießen wir auf einen Yankee-General namens Bull Nelson.« Janroes Augen verengten sich, und er verzog leicht den Mund, als er sich daran erinnerte. »Er hatte nur junge Rekruten, eine zusammengewürfelte Einheit, und ich kann Ihnen sagen, wir haben es denen so richtig gegeben. Haben sie niedergemäht und in die Hölle geschickt, und diejenigen, die wir verschont haben, sind gerannt, wie man noch nie jemanden um sein Leben laufen gesehen hat. Danach hat die Kavallerie alles zusammengekehrt, und wir haben an diesem einen Nachmittag über viertausend Gefangene gemacht.«
Janroe hielt inne, und seine Stimme wurde leiser. »Aber sie hatten eine Batterie auf einem Kamm postiert, hinter einer Steinmauer. Ich bin mit einigen Männern da hoch, um sie zu stellen … und am nächsten Tag wachte ich mit einem Arm weniger in einem Feldlazarett in Richmond auf.«
Er beobachtete Cable genau. »Verstehen Sie, was ich meine? Wir haben sie zurechtgestutzt. Die Schlacht war aus und vorbei. Aber wegen dieser einen Batterie, die zu grün hinter den Ohren war, um aufzugeben, oder zu ängstlich, habe ich einen gesunden Arm verloren.«
Aber du hast noch einen Arm übrig und bist nicht mehr im Krieg, dachte Cable und hätte es beinahe laut ausgesprochen. Stattdessen nickte er nur und schaute auf die Regale.
»Vielleicht hat Luz Ihnen gerade erzählt, dass ich bei der Armee war«, meinte Janroe.
»Nein, sie sagte nur Ihren Namen und dass ein Teil des Ladens Ihnen gehört.«
»Das ist doch mal ein Anfang. Was wollen Sie sonst noch wissen?«
»Warum Sie hier sind.«
»Sie haben es gerade selbst gesagt. Mir gehört ein Teil dieses Ladens.«
»Was hat Sie dann hergetrieben?«
»Sie sind ein misstrauischer Mensch.«
»Hören Sie«, sagte Cable ruhig, »John Denaman war mein Freund. Er stirbt urplötzlich, und dann tauchen Sie
auf und übernehmen die Hälfte seines Ladens.«
»Das ist richtig. Wollen Sie wissen, wie er gestorben ist?«

… …

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