Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Freiheit (1): Claudia Gehrke – Den Vögeln zuhören

Die thematischen Anthologien aus dem Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke haben sich zu einer formidablen Reihe entwickelt, die immer wieder durch ihre Themenbreite, Vielseitigkeit und Tiefe verblüfft. Nach den Bänden »über Bücher« (55), »Tod« (56), »der, die, das Fremde« (57) und »Arbeit« (58) ist nun gerade als Konkursbuch 59 »Freiheit« erschienen. Wir präsentieren Ihnen hier in unserer Mai-Ausgabe exklusiv vier Beiträge – hier von Claudia Gehrke, die den Band zusammen mit der Autorin Regina Nössler kuratiert und herausgegeben hat. Her nebenan die »Freiheitstexte« von Regina Nössler, Thomas Wörtche und Alf Mayer.

Claudia Gehrke, Regina Nössler (Hg.): Freiheit. Konkursbuch 59. Beiträge u.a. von Sabine Beyerle, Miriam Böttcher, Ewa Boura, Safiye Can, Sigrun Casper, Chantalle El Helou, Peter Ertle, Barbara Fellgiebel, Ruth Forschbach, Orit Gidali, Joachim Hildebrandt, Klára Hůrková, Angela Kallhoff, Sigi Lieb, Carola Lipp, Marina Lioubaskina, Alf Mayer, Regina Nössler, Lutz Rathenow, Elisabeth Richter, Karin Rick, Axel Schock, Walltraud Schwab, Tzveta Sofronieva, Achim Stegmüller, Yoko Tawada, Aigerim Tazhi, Georgi Tenev, Jürgen Wertheimer, Thomas Wörtche und Kira Zetzmann. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2024. 404 Seiten, Klappenbroschur, reich und farbig illustriert, 16,80 Euro.

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„Ohne die Möglichkeit der Abschweifung von der Arbeit könnte ich kaum arbeiten. Ich muss hinaus in die Ferne blicken können und Wolkenschauspiele bewundern oder Bäume und Menschen in den Straßen von Berlin. Auch wenn ich zu Gast bin, stelle ich den Laptop so auf, dass ein Blick ins Weite möglich ist. Als Belohnung für eine der durchmachten Nächte plötzlich das seltene tiefdunkle Rot am Horizont, das einen atemberaubenden Sonnenaufgang einleitet …“ (so endete mein Beitrag zum letzten Konkursbuch, Thema Arbeit).

Augenblicke der Freiheit, aufblicken, woanders sein. Den Vögeln zuhören. Winzige Freiheit, die vielleicht alle Menschen manchmal empfinden. Hoffentlich auch die Menschen, die in Unfreiheit leben. Um Unfreiheit geht es in vielen Beiträgen dieses Buchs, denn an „Freiheit“ zu denken ist kaum möglich, ohne die Freiheitsberaubungen in den Kopf zu bekommen. Im Moment wohne ich in einem klosterzellengroßen Zimmer. Es hat vielleicht acht Quadratmeter. Der Blick nach draußen: eine kleine Steinmauer, Meer, Himmel, mehr nicht. Der Gesang von Vögeln und Wind. Das empfinde ich als große Freiheit, hier arbeiten zu können. Nachts, ohne Mond, bewölkt, ohne Sterne: eine undurchdringliche Schwärze, die ich so noch nie erlebt habe. Wie eine dicke, weiche Mauer. Als der Laptop gestern Nacht abgeschaltet war, habe ich die Lampe ausgemacht. Bin ein paar Schritte hinaus in die umfassende Dunkelheit gegangen, die ich körperlich zu spüren glaubte. Ich weiß noch nicht, ob mich das beengt, eingesperrt oder geborgen hat. Wo ich auf der Insel bis vor Kurzem wohnte, war ich wie umarmt, eingekuschelt in einen Blumendschungel, der Blick zur Seite und nach hinten in schön geformte Hügel und nach vorn auf das Meer, im Vordergrund ein bezaubernder, oft grün leuchtender kleiner Kraterberg, Montaña del Azufre. Auf dem Meer manchmal Schiffe, ein Segelboot, Frachter, die leuchtenden Fähren am frühen Morgen vor Sonnenaufgang. Bei klarem Himmel die Lichter der anderen Inseln. Auf einer Insel ist das Meer von vielen Häusern aus zu sehen. Um die Häuschen herum war ein riesiger verwilderter Garten mit Teichen, von Früchten und Blüten überquellenden alten Orangenbäumen, Lorbeerbäumen, Jasminbüschen, Orchideenbäumen, Pfefferbäumen und den Blumen. Aufzustehen, hindurchzuspazieren, mich auf einen der blauen Stühle zu setzen, die im Gelände standen, die Arbeit zu unterbrechen, zu lesen und von oben auf die verwunschene Welt Tirimagas zu blicken, das fühlte sich an wie Freiheit, eine Ausnahmesituation. Ich musste ausziehen, da das Gelände an die anderen, die dort zur Miete lebten, verkauft wurde, und sie wollten die Häuschen für sich und ihre Freunde. Ich musste als Einzige gehen. Vertreibung aus dem Paradies.

Wird mich die herbe fordernde Romantik des neuen Orts packen? Schiffe sah ich hier noch nicht, vielleicht fahren sie nicht um die windige Südspitze. Der kühle Passatwind aus Nordost trifft mich frontal. Auch durch die geschlossene Tür, durch die Spalten und das riesige Schlüsselloch.

Als Kind empfand ich Freiheit, wenn ich in der Wildnis spielte, alleine. Gruselige und romantische Fantasiegeschichten, Kämpfe. Manchmal mit meiner Schwester, mit Freundinnen. Im Wald, beim kleinen Sumpf, der hohle Baum mein Haus. Ein zerfallenes Haus, ein Dachboden voller Geheimnisse, an der Bushaltestelle nahe der Schule. Auch beim Bunker spielten wir. 50er, 60er Jahre. Um die Pubertät herum: Unterricht schwänzen, im Café sitzen statt in der Schule, Aufbruch, weg von zu Hause, noch während der Schulzeit ausziehen in eine WG, auch das war Freiheit, die aber schnell in Abhängigkeiten endete. In der Zeit wollte ich sein wie alle anderen der jeweiligen Szene. Machte darum Dinge, die ich eigentlich nicht machen wollte. Momente kleiner Freiheiten, obwohl sich aus der Zeit der Pubertät und danach Erinnerungen an Unfreies in den Vordergrund drängen. Mich zu verlieben war, so sehe ich das jetzt, mit vergleichbaren Freiheitsaufbruchsgefühlen verbunden wie das Spielen in der Wildnis. Ganz woanders zu sein. Hingerissen zu einer Person. Im Sex – und das empfand ich wirklich so, Grenzen fallen, die Grenzen zwischen „Ich“ und „Du“ sich auflösen zu spüren, Orgasmen zu bereiten, Orgasmen zu bekommen. Doch natürlich folgten wieder Abhängigkeiten. Neue Aufbrüche. Lieben, ohne dauernd zusammen zu sein, ohne zusammenzuleben. Ohne Kontrolle.

Unabhängig – zugleich abhängig von den jeweiligen Liebsten.

„Freiheit bedeutet für mich Unabhängigkeit. Punkt“, formulierte der Verlags-Mailordermann Berndt Milde, und ergänzte bekannte Zitate: „Ganz er selbst sein darf jeder nur, solange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man allein ist, ist man frei.“ (Schopenhauer), „Und wenn dich morgens niemand weckt und nachts niemand auf dich wartet und du tun kannst, was du willst. Wie nennst du das, Freiheit oder Einsamkeit?“ (Charles Bukowski). „Schließt eure Bibliotheken ab, wenn ihr wollt, aber es gibt kein Tor, kein Schloss, keinen Riegel, den ihr auf die Freiheit meines Geistes setzen könnt.“ (Virginia Woolf)

Frauen kämpften und kämpfen dafür, als Frau gleichbehandelt, gleich bezahlt zu werden, die gleichen Rechte zu haben wie Männer. Gleich bezahlt wird in Deutschland noch immer nicht. Eine relativ junge Bewegung kämpft dafür, ihre Identität zu befreien von Geschlecht- oder Genderzuordnungen. Transidente und transgender Menschen definieren sich nicht als Frau und nicht als Mann, sondern changierend, fluid, unfestgelegt. Sie bemühen sich, auch so wahrgenommen und angesprochen zu werden und versuchen, die Sprache genderneutral zu ändern, weiblich-divers-männliche Wortkonstruktionen entstehen. In Deutschland regen sich Leute über das „Gendern“ auf, über Sternchen, Doppelpunkte, Unterstrich, Sprechpausen mitten in einem Wort und andere Versuche, Wörter in Richtung „trans“ oder „jenseits von Geschlecht“ zu biegen. Einige versuchen, ihre Ablehnung sprachanalytisch zu begründen.

Auf der anderen Seite regen sich trans Menschen auf, wenn nicht genderneutral gesprochen oder geschrieben wird. Dogmatismus aus unterschiedlichen Richtungen. Die einen fühlen sich in ihrer Freiheit beschränkt, so zu sprechen, wie sie möchten, die anderen fühlen sich durch Sprache ausgeschlossen. In manchen Sprachen gibt es kein grammatikalisches Geschlecht.

Transsexuelle, Menschen, die sich vom Mann in eine Frau oder Frau in einen Mann verwandelt haben oder es planen, erzählen in Gesprächen und Autobiografien oft von kaum zu ertragendem Unwohlsein im falschen Körper, das zu ihren Entscheidungen zu geschlechtsangleichenden Behandlungen und Operationen geführt hat. Andere verwandeln ihre Körper mit sogenannten Schönheitsoperationen. Die Körper werden freiwillig (beeinflusst durch Szene, Moden, Werbung, Körperideale etc.) verwandelt. Körper verwandeln sich auch „unfreiwillig“, durch Alterungsprozesse, Unfälle, Verletzungen und Verluste von Gliedmaßen in Kriegen.

Transidenten Menschen geht es um die Konstruktion des eigenen „Ich“. Sie kämpfen für freie Selbstdefinition. Selbstliebe. Ihr Hauptanliegen ist nicht das Verhältnis zu anderen Menschen. Lesbische und schwule Menschen kämpfen für das Verhältnis zu anderen, dafür, als Mann einen Mann, als Frau eine Frau lieben und sexuell begehren zu können, ohne dafür in ihrer Freiheit und ihren Rechten beschnitten zu werden. Ob sich die lesbische Frau butch, femme oder als nichts von beidem definiert, das hat vielleicht mit Selbstkonstruktion zu tun, ist aber nicht gleichzusetzen mit trans. Umfangreiche Theoriebände beschäftigen sich mit diesen Gender-Fragen. Es wird viel geredet. In anderen Ländern müssen Frauen, die sich Regeln nicht anpassen, müssen lesbische, schwule und trans Menschen um ihr Leben fürchten, mit Gefängnis und Todesstrafe rechnen. Oder sie erleben, wie sie als „extremistisch“ eingestuft und ihre Rechte beschnitten werden, so vor Kurzem in Russland. Frauen-, Lesben-, Schwulen- und Transbewegung kämpfen für die Freiheit der Menschen, die sich so definieren, und die deswegen, auch in unserer Gesellschaft noch, manchmal Gewalt erfahren, anders als andere behandelt werden und in ihrer Freiheit eingeschränkt.

Und wie komme ich nun von den Freiheitsberaubungen zurück zu meinen „kleinen Freiheiten“? Zum Ende dieses Texts? Mache ich einen Sprung, breche abrupt ab und gehe hinaus, spazieren, setz mich in einen Garten, weg vom Bildschirm und dem offenen Textende? Und fühle mich eine Zeitlang frei.

Claudia Gehrke