Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Alf Mayer über den israelischen Staats-Noir »Maror« von Lavie Tidhar

»Wer eine Nation aufbaut, muss Opfer bringen«

»Der erste Polizist, den ich sah, hatte eine Rasur nötig. Dem zweiten fehlten ein paar Knöpfe an der vergammelten Uniform. Der dritte stand mitten auf der Hauptkreuzung der Stadt, Ecke Broadway und Union Street, und regelte den Verkehr mit einer Zigarre im Mundwinkel. Da gab ich meine Musterung auf.«
(Aus der Anfangssequenz von »Rote Ernte«, Dashiell Hammett, 1929)

»Maror« von Lavie Tidhar beginnt mit einem Polizisten, der noch halb mit Drogen zugedröhnt bei der Schwester eines Gangsters im Bett liegt und zu einem Einsatz gerufen wird. Dort, am Schauplatz einer Autobombe, die fünf Tote gefordert hat und einem Drogenboss galt, wird er vom düsteren Ober-Cop Cohen angeheuert und in dessen Abteilung geholt. Auf Seite 41 zieht er sich eine Skimütze über, dringt in ein Lokal ein, schießt einem Mann ohne Umschweif in den Hinterkopf. Verschwindet wieder.

Willkommen in Tel Aviv, 2003. Gar kein so langer Weg von Hammetts Bergwerkstadt Pieceville anno 1929 – oder Pissville, wie manche der Einheimischen dort sagten. Und wie schon dem Cop Manfred »Blue Eyes« Coen in »Marilyn the Wild«, dem ersten Buch der New Yorker Isaac-Sidel-Romane von Jerome Charyn aus dem Jahr 1975, wird auch dem Polizisten in Tel Aviv bereits auf der allerersten Buchseite von einer Frau zwischen die Beine gegriffen und er bekommt einen Steifen. Muss aber zum Dienst.

Willkommen in einer Welt, wie sie nur im Hardboiled und Noir so unverblümt und direkt aufgetischt wird. In »Maror« geht es um Israel. Es ist ein Staats-Noir. Mit 639 Seiten. Israel, 1974-2008. Gegenüber dem britischen Titelbild hat Suhrkamp die Stechdistelzweige des Titels noch mit einer Handgranate unterlegt – eine angemessene Verschärfung. Dieses Buch hat es in sich.

Als sein bisheriges Magnum Opus ist es der erste »realistische« Roman eines Autors, der wie kaum ein zweiter die Genre-Universen von Science Fiction und Fantasy bereist, mit eigenen wilden Geschichten gefüllt und bereits ein Dutzend Anthologien herausgebracht hat, darunter »Jews vs. Zombies« und drei dicke Bände von »The Best of World Science Fiction« mit der globalen Avantgarde des genresprengenden Erzählens, vor allem aus den Peripherien (Band I mit 26 Geschichten, Band II mit 29 und Band III mit 28 – eine Schatzkammer).

Sein letztes in deutscher Übersetzung veröffentlichtes Werk war »Osama« (Rogner & Bernhard, 2013), in dem ein Privatdetektiv nach dem Autor einer Pulp-Reihe sucht, in der sich komplett fiktive bizarre Terrortaten ereignen wie Bomben in der Londoner U-Bahn oder Flugzeuge ins World Trade Center – Titel der Reihe: »Osama bin Laden: Vergelter«. Eh kein Verlag wagte sich bei uns an »A Man Lies Dreaming«, ermittelt hier doch ein »Wolf« Hitler als Privatdetektiv in einem schäbigen London; er ist ein Nazi-Flüchtling aus einem Deutschland, in dem 1933 die Kommunisten an die Macht gelangten. Die Nazis werden verfolgt und verraten, auch von Figuren wie Mosley, Klaus Barbie oder Rudolf Hess. Das Ganze letztlich der Fiebertraum eines Pulp-Romane schreibenden KZ-Häftlings, der in Auschwitz nicht seinen Verstand verlieren will. 

Die rund zwei Dutzend Bücher von Lavie Tidhar durchbrechen die Genres, schäumen über von Phantasie – punchdrunk dafür ein netter englischer Ausdruck. Die Artus-Runde nahm er sich in »By Force Alone« vor, den Mythos von Robin Hood in »The Hood«. In seinem »Unholy Land“ liegt Palästina in Ostafrika und baut gerade Mauern, um afrikanische Flüchtlinge draußen zu halten, in »Central Station« wird ein Tel Aviv der Zukunft zur border town, in der Kulturen, reale und virtuelle, heftig aufeinanderprallen. Genregrenzen sind diesem Autor egal, man hat sich darauf eingestellt, ihn als Fantasy-Autor von Rang zu sehen.

Nun also wird der Gründungsmythos Israels neu verhandelt, so etwas wie dessen Subgeschichte – »a true story, alles davon wahr« – episch über vier Jahrzehnte erzählt. Nation building als lupenreiner Noir. Wer einen Staat baut, kommt an Opfern, Bomben und Verbrechen nicht vorbei, braucht auch Diebe, Prostituierte, Polizisten. Im Mittelpunkt zwei Cops, der eine korrupt und drogensüchtig, der andere, Inspector Cohen, so etwas wie der »Hohe Priester Israels«, gerne aus der Bibel zitierend. Beide bewegen sich in einer Unterwelt, in der Gier und Kontrollwut alle Ideologien übertrumpfen und Idealisten gar vielleicht die Schlimmsten sind. Selten, dass ein Buch mir Echos von Hammetts »Roter Ernte« und Jerome Charyns Isaac Sidel zugleich evoziert. (Vergleiche mit Winslow, Ellroy oder David Peace greifen bei diesem Autor zu kurz.) Maror übrigens sind die bitteren Kräuter, die am Seder an Pessach gegessen werden. Sie symbolisieren die Bitterkeit der Sklaverei im alten Ägypten. »Und sie verbitterten ihr Leben mit harter Arbeit, mit Mörtel und mit Ziegeln« (Exodus 1:14).

Oder, wie Cohen einmal das Zweite Buch Mose zitiert: »Verflucht sei der Acker um deinetwillen. In Beschwer sollst du essen alle Tage deines Lebens. Dorn und Stechstrauch lässt er dir schießen.« So waten die Polizisten in diesem Buch durch einen Sumpf an Korruption und Gier, sind selbst Teil davon, unaufhebbar verstrickt. Ohne Ausweg.

Hier ein Schnelldurchlauf: Die Polizei war wie Regen, hieß es, hin und wieder wurde man nass, aber der Ernte konnte das nichts anhaben. (Seite 31) Einen Dealer in Jaffa verfolgen? Das ist wie Fisch auf dem Fischmarkt suchen. (S. 47) Präsident Katsav, weiß jeder, fasst gern Mädchen an. »Meinst du, Präsidenten sind keine Vergewaltiger?« (S. 67) »Die Methoden sind schmutzig, aber der Job ist sauber«, sagt Avi (S. 71). Lior hatte einen Scharfschützen, einen rothaarigen Typen, der sein Handwerk bei der Armee gelernt hatte. Er übernahm gerne Leute aus der Armee. Er sagte, die hätten eine kostenlose Ausbildung genossen, und es wäre schade, das ganze Fachwissen einfach verkommen zu lassen. Statt mit dem Rucksack nach Goa oder sonst wohin in Südamerika zu reisen, Acid einzuwerfen oder Pilze zu futtern, arbeiteten sie für ihn. Die Kohle war besser und die Drogen auch. (S. 73)

»Was bist du, Polizist oder Gangster?«, sagte Rubinstein zu Cohen. Man kann auch beides sein, dachte Benny, sagte es aber nicht. (S. 225) «Jeder bezahlt jeden, so werden Geschäfte gemacht, und nur so funktioniert die Wirtschaft. Kellnerin!« (S. 253) Auf besetztem Gebiet ist es immer einfacher, wennman die Männer mit den Gewehren auf seiner Seite hat. (S.263) »Das sind keine Ganoven. Sie müssen sich nur so verhalten.« (S. 289) »Was soll ich denn mit Tonnen Haschisch anfangen«, fragte Benny. »Verkaufen«, sagt der christliche Milizenführer. (S. 301) »PLO?«, fragte Benny. »Nein«, sagte der Mann. »Wir sind eine neue Gruppe. Aber das spielt keine Rolle für dich.« (S. 341) »Was transportierst du da? Weißt du das überhaupt?« – »Drogen. Geld. Keine Ahnung.« – »Interessiert dich das überhaupt?« (S. 413) Und Cohen sagt zu einem Armeekommandeur: »Du findest unsere Arbeit abstoßend. Ich auch. Aber Habgier treibt mich nicht, sondern das Bedürfnis nach Stabilität. ‚Der Habgierige erregt Streit,/ wer auf den Herrn vertraut, wird reichlich gelabt.‘ Buch der Sprüche 28. Manches lässt sich unmöglich verhindern. Krieg. Drogen. Aber man kann sie verwalten. Und das machen wir. Wir halten die Stellung. Wir wahren den Frieden. Verstehst du das?«

»Ich habe Glück, dass ich noch lebe«, sagt ein Zeuge der Autobombe vom Anfang. «Gilt das nicht für uns alle?«, entgegnet ihm Cohen. Der Zeuge, so das Buch weiter, »war Araber und sehr nervös – aus gutem Grund. Unter diesen Umständen war’s nicht gut, Araber zu sein. Und auch sonst nicht.«

Einige Seiten weiter vernimmt Avi einen Palästinenser, übt Druck aus.
»Warum?« – »Weil ihr alle anderen Autobomben in diesem Jahr gelegt habt«, sagt Avi.
»Ich hab einen Scheiß gelegt«, erklärt Farooq hitzig. »Ständig schiebt ihr uns für alles die Schuld in die Schuhe. Ihr nehmt uns immer mehr, bis uns keine Luft zum Atmen bleibt, und dann drückt ihr uns zum Spaß auch noch die Kehle zu. Wir haben gar keine andere Wahl mehr, als Autos in die Luft zu jagen, wenn ihr unsere Schreie nicht hört.«
»Seit wann bist du unter die Poeten gegangen?«, fragt Avi.
»Fick dich.«

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Lavie Tihar, im Norden Israels in einem Kibbuz aufgewachsen, durch die Welt getrampt und gereist, auf Vanuta, in Laos und Südamerika gelebt und in London niedergelassen, versucht mit »Maror« so etwas wie eine Heimkunft – und hat dafür ganz offenkundig Zugang zu dem gefunden, was ihn am meisten motiviert: »Wut.« Sehr viel Wut. (Und das war noch vor dem 7. Oktober 2023 und dem seitdem währenden Krieg.) Die Wut sei seine wirklich stärkste Motivationsquelle beim Schreiben, betont er mehrfach in dem gemeinsam mit dem Schriftsteller Shimon Adaf entstandenen Selbstverständigungs-Band «Art and War: Poetry, Pulp and Politics in Israeli Fiction« (Repeater Books, London 2016).

»Ich wollte keinen Detektivroman schreiben«, sagt er in einem Interview mit Bridget Osborne zu »Maror«. „Ich wollte ein Buch über Verbrechen schreiben, aber keinen Kriminalroman.« Im Diskurs mit Shimon Adaf in »Art and War« betont er: »Ich liebe Genres, weil ich den Formzwang liebe. Der gibt mir ein Skelett, einen Umriss. Für mich liegt der Reiz darin, beim Schreiben herauszufinden wohin es mich trägt. Ich bin einer jener Schriftsteller, die es vorziehen, ihr Buch zu entdecken während sie es schreiben. Formzwang ist eine Einengung, und Kunst braucht das. Schauen Sie sich Oulipo an« –  das Ouvroir de littérature potentielle (die Werkstatt für potenzielle Literatur), 1960 von einer Gruppe französischer Literaten, Mathematiker und Schachspieler gegründet. Sie gaben sich willkürliche Regeln. Georges Perec etwa gelang es, in in seiner Krimi-Persiflage »La disparition« knapp 400 Seiten lang um den Vokal »e« herum zu formulieren und das Verschwinden an sich gleichzeitig zum zentralen Thema des Buches zu machen.

Befreiung durch formale Zwänge ist für Lavie Tidhar übertragbar auf (fast) jedes Gebiet. »Maror« basiert ganz und gar auf wahren Ereignissen aus der Unterwelt Israels, »auch wenn viele ihnen eher fantastisch anmuten«, so Tidhar. Als er mit dem Buch begann, hatte er drei Referenzpunkte: eine Autobombe in den frühen 2000er Jahren, eine Serie unaufgeklärter Morde an jungen Frauen in den 1970ern, für die ein Mann fälschlicherweise im Gefängnis war, weil die Polizei ihn zu einem Geständnis geprügelt hatte, und ein schiefgelaufenes Rock-Konzert in der Wüste in den 1990ern. Dazwischen gab es vier Jahrzehnte, die es zu erkunden galt und deren Gestalt völlig offen war. Dafür gab es dann die lebhaften Berichte von Tidhars Vater, die eigenen Erinnerungen ans Aufwachsen in den 1980ern und 90ern. Ein Cousin, ein Strafverteidiger, der einst einen (dann) der Gangsterbosse im Buch verteidigt hatte, brachte Lavie mit einem ehemaligen Polizeireporter zusammen. Der verfügte über Geschichten und Erfahrungen aus erster Hand: mit dem organisierten Verbrechen, mit den Drogenkriegen und den Kriegen überhaupt, mit käuflichen Generälen und Politikern. »Er gab mir die richtigen Hinweise, ich recherchierte damit in den Archiven, kam so auch unterdrückten Geschichten auf die Spur. Im Endeffekt wurde ich zu einem Geschichtsdetektiv. Ich sah mir Aufnahmen von der Vernehmung von Gangstern an, ich setzte mir die wahre und geheime Geschichte eines Landes zusammen, von dem ich dachte, dass ich es kenne. Aber das war nicht so.«

Im Gespräch mit Shimon Adaf nimmt Tidhar Bezug auf James Joyce: »So in a way, I feel a bit like James Joyce. I need to be an exile in order to write about home.« – Um über Zuhause schreiben zu können muss ich im Exil sein. Als Autor sei es mandativ, immer dem offiziellen Narrativ zu misstrauen. Wenn man über Bildung rede, klinge das in England oder Deutschland nach etwas Praktischem, wie ein Erwerb von Wissen. In Israel aber spreche man hierbei von chinuch, was die »Weitergabe von Werten« bedeutet. So etwas sei ihm schon als Kind verdächtig gewesen. »Ich habe ihren Werten nicht vertraut. So etwas muss ich für mich selber entdecken und formulieren.«

Er rekapituliert einen Abend in Kibbuz, an dem er für ein Drei-Generationen-Gespräch mit Vater und Großvater auf die Bühne geholt wurde und man ihn fragte, ob er im Kibbuz bleiben werde, wenn er groß sei. Zum Schrecken aller antwortete der achtjährige Lavie: »Nein. Will ich nicht. Hier gibt es zu wenig Privatleben.« Später, als 30-Jähriger, meinte an einem Tag mit israelischen Raketenangriffen auf Gaza ein TV-Moderator im Interview: »Sie schreiben doch nur Science Fiction, ist das nicht Eskapismus?« Worauf er antwortete: »Aber uns andere Realitäten vorzustellen ist doch das Beste, was wir tun können. Wie sonst sollen wir unsere eigene Realität verstehen oder verändern können?«

Jeder Autor, findet Lavie Tidhar, sei ein politischer Mensch. Auch wenn man vorgebe, es nicht zu sein. All die vergewaltigten Frauen in »Game of Thrones« und nie geschehe so etwas einem Mann, das sei doch politisch. All die israelischen Schriftsteller, die (nur) über Affären oder Scheidung schreiben und Israel zu einem normalen Land machen? Nicht über Palästina zu schreiben, das wische das Problem doch nicht vom Tisch. Bei allem, was man schreibe, habe man eine Entscheidung. Ihm sei, schreibt er im Dialog mit Shimon Adaf, immer noch der achtjährige Junge gegenwärtig, der in der Kibbuz-Bibliothek zwischen den Krimi- und Science-Fiktion-Regalen saß, den Kopf in Comics vergraben, »all dieser wunderbare Geruch. Und der Junge weiß, dass mit der Realität etwas nicht stimmt. Er weiß nicht, was. Aber er weiß, dass sie nicht die ganze Realität ist.«

Einer der Figuren, denen »Maror« auf der Spur bleibt, ist ein dekorierter General und langjähriger Politiker namens »Dschingis«. Lavie Tidhar: »Nach seinem Tod kamen Beweise ans Licht, dass er ein Serienvergewaltiger, ein Mörder und eng mit dem Organisierten Verbrechen verbandelt war. Ein großes, schattenhaftes Landgeschäft im gerade neubesetzten palästinischen Territorium in der Westbank spielte eine Rolle – im selben Gebiet, in dem dieser General der Militärgouverneur war. Eine bekannte Zeitschrift war am Recherchieren, der Verleger erhielt Besuch von eben jenem General und seinen Geschäftspartnern. Sie sagten ihm »Du wirst in diesem Land nicht mehr atmen«, und die Story starb. Sie war vierzig Jahre begraben. Jetzt wird sie endlich erzählt. Ich habe sie fiktionalisiert, die Namen verändert. Aber sie ist wahr. Und sie gab mir die Überschrift für diesen Teil des Buches.«

Tobias Gohlis hat herausgearbeitet, dass es sich dabei, kaum verschlüsselt um „Ghandi“ Rechaw’am Ze’ewi handelt. Nach ihm sind in Israel Straßen, Brücken und Autobahnen benannt. Bis heute. Der Sechstagekrieg, sagt ein Protagonist, »war im wesentlichen Landraub. Von einem rein militärischen Standpunkt aus sind die besetzten Gebiete Pufferzonen gegen feindliche Staaten. Aber Land ist Land. Man kann es kaufen, man kann es verkaufen und man kann verdammt gut darauf bauen.« Quer durchs Buch liegt ein Schatten, »dass wir uns auf besetztem Gebiet befinden und auf eine Katastrophe zusteuern«. Und der ehemalike Kibuzznik Tihar weiß,»die Kibbuz-Bewegung ist genauso Teil des Problems, sie besetzen arabisches Land, bauen auf den Ruinen der durch die Haganah Vertriebenen“ (Seite 137).

Auch der Name Nethanyahu übrigens taucht auf – als junger, opportunistischer Politiker, der aus dem Tod seines Offiziersbruders Joni in Entebbe Kapital schlägt. Zur Wahl von Menachem Begin von der Likud-Partei 1977 sagt jemand: »Jetzt haben die wilden Tiere die Herrschaft im Zoo.« Diese Partei folge alten revisionistischen Dogmen, es handle sich um »Kapitalisten, Anhänger der freien Marktwirtschaft, Nationalisten… Israel hatte sich verändert. Die neuen Einwanderer aus arabischen und afrikanischen Ländern, die in Lager eingepfercht wurden und hoffnungslos am Rande des Nirgendwo lebten, hatten in dem gebürtigen Polen Begin einen seltsamen Helden für sich entdeckt. Er verstand ihre Hilflosigkeit und ihren Zorn, ihre Hoffnung und ihren Glauben… Er begriff, dass Nettigkeit ein privileg war, das sich nicht alle leisten konnten. Und jetzt sollte er Premierminister werden.« Die Parteizentrale des Likud wird allen Ernstes Wolfsschanze genannt.

Wie kann ein Kriminalroman so etwas übertreffen? Was solche Romane angeht, sagt Tidhar: »Ich lese viele Krimis. Ich lese sie zur Unterhaltung. Ich mag Serien, wie vermutlich die meisten Leute. Aber wenn ich als Autor darauf schaue, verstehe ich nicht, warum meine Kollegen sich die Mühe gemacht haben. Viele Bücher haben etwas Geklontes. Sie sind gut geschrieben, aber sie bleiben innerhalb der Form. Chandler hingegen, das muss man ihm zugute halten, hat dagegen angeschrieben. Er war nicht an der Lösung eines Falls interessiert. Ihn interessierte die Reise. Einmal sagte er sogar, eine gute Detektivgeschichte funktioniert immer noch, auch wenn man die letzten acht Seiten herausreißt. Mit anderen Worten, auf die Lösung kommt es nicht an. Ich ein fürchterlicher Kriminalautor, wenn ich einen Kriminalroman schreibe. Ich will es so.«

Ja, er sei mit Helden aufgewachsen. In Israel würde einem dauernd von Helden erzählt. »Das sind die Geschichten, die einen prägen. Nur, ich glaube Heldensagen nicht.« Er könne auch nichts dagegen tun, dass er Realität als Konstrukt ansehe. Als Fiktion. »Deshalb streite ich mit ihr. Deshalb nehme ich die Wirklichkeit auf die einzige Art, die ich kenne, ins Verhör – indem ich die Geschichten eben auf meine Art erzähle.«

Cohen, der Cop ohne Vornamen, der dauernd aus der Bibel zitiert und am Unabhängigkeitstag geboren ist, also am 14.Mai 1948, sein Vater einen Monat zuvor von einem arabischen Scharfschützen erschossen, ist auch eine Hommage an Shimon Adaf. Während Tidhar »im Norden Israels in einer Art zionistischer sozialistischer Kommune aufwuchs«, stammt sein Freund Adaf aus einem Wüstenort im Süden und aus einer sehr religiösen Familie. Er sollte Rabbiner werden. In »Maror« ist er nun so etwas wie »der Hohepriester Israels«. Einmal raucht Cohen eine Zigarette wie Belmondo es tut in DER TEUFEL MIT DER WEISSEN WESTE.

Quer durch das Buch zieht sich neben all den Bibelzitaten auch eine Tonspur. Wieder und wieder laufen populäre Lieder im Radio. Soshana Damari singt über blühenden Mohn, Sonnenuntergänge verglühen, nur der Mohn wird immer wieder blühen (Seite 81), Abba gewinnt mit »Waterloo« den Grand Prix d’Eurovision, Kaviata wird Siebte mit »I Gave Herr My Life«. Weißt du, dass das eigentlich ein politischer Song ist, fragt Benny. »Geht gegen Golda und handelt davon, dass hier genug Platz für zwei Länder ist, für uns die Palästinenser.« (S. 210) Früher gab’s hier nur Sümpfe und Mücken, singt Arik Einstein in »Maybe It’s Over« auf dem Album Good Old Land of Israel. Ach ja, meint Rubinstein, sag das mal den Arabern. (S. 215) Golda Meier hustet Krebs in einer Kneipe und Chocolate Mint Bubblegum singt »Easy, Easy Dancin«. (S. 319) Beirut wird bombardiert, von Duran Duran läuft »Waiting for the Night Boat«. Benny »denkt an zu viele Nächte im Dunkeln, wo er genau das getan hatte. Die Christen verschifften Haschisch auf Fischerbooten nach Israel. Das Arrangement war für alle gut, aber der Krieg drohte jetzt den Handel zu stören… «(S. 323) Die Dire Straits bieten »Money for Nothing«. (S. 377) »I Don’t Have Another Country«, singt Gali Atari.

Der  Schauspieler Chaim Topol taucht auf, Eddie hat ein Plakat von SCHLAF GUT, WACHTMEISTER! mit Shaike Ophier salutierend in Unform an der Wand; EIS AM STIEL 2 wird geschaut. Uri Avnery, der Journalist, kommt vor. Zum Ende hin werden die insgesamt 18 Kapitel immer kürzer. Springen in den Libanon, nach Kolumbien, Los Angeles, Mexiko. Reißen eine Romanform an, die in Frankreich populär war: den Roman-fleuve. Balzacs »Menschliche Komödie« zählt dazu.

»Erst wenn wir unseren eigenen hebräischen Dieb, unser eigene hebräische Hure und unseren eigenen hebräischen Mörder haben, haben wir wahrhaftig einen Staat«, läßt Tidgar seine Figur Benny an ein berühmtes Zitat denken, »von Bialik ­oder war es Ben Gurion?«. Und Schlomo Artzi hebt an, »Moon« zu singen. »Yesterday was good, and tomorrow will be too..

Alf Mayer

Lavie Tidhar: Maror (2023). Aus dem Englischen von Conny Lösch. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2024. 640 Seiten, 22 Euro.

PS. Sein aktuelles Buch heißt »Adama«, Hebräisch für Land. Es ist die rabenschwarz gnadenlose Familengeschichte einer Kibbuz-Familie von 1940 bis in die 2000er. Ruth, die Matriarchin, sagt: »Ohne Blut gibt es kein Land, dies hier wässere ich mit dem Blut meiner Männer.« Für August angekündigt ist »Six Lives« mit einem Bogen von 1855 bis 2012. Lavie Tidhar hat einen Kanal gefunden für seine Wut, und er schreibt ihn, den groß angelegten, vielbändigen Gesellschaftsroman eines ganzen Staates. Deshalb greifen Vergleiche mit Don Winslow. James Ellroy oder David Pearce zu kurz. – Schon eher gehört hierhin Andreas Pflüger, dessen Thriller beginnen, sich zu einem großen zeitgeschichtlichen Panorama der deutschen Sicherheitsdienste zu fügen. Seine ätzend scharfe Sicht in »Ritchie Girl« auf die Nazi-Kontinuitäten in der sich formierenden Bundesrepublik ist der Wut und Hassliebe Lavie Tidhars ebenbürtig. Siehe meine Besprechung vom Dezember 2021: »Der Große Deutsche Schuld Roman«.

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