Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024, News

Alf Mayer: Mit der Sense übersetzt – Ross Thomas, 1972 bei Ullstein

Volumenverhältnisse (von links nach rechts): US-Erstausgabe, Hardcover, 1970/ US-Taschenbuch, 1972/ Neuübersetzung 2024/ Ullstein-Übersetzung 1972 – Seitenzahl: 383 Seiten, 383, 580 und schandvolle 144 Seiten © Foto Alf Mayer

So etwas wie ein leseähnliches Erlebnis

Zur Verstümmelung von Ross Thomas – anhand des Romans »Die Narren sind auf unserer Seite«

Ross Thomas: Die Narren sind auf unserer Seite (The Fools in Town Are on Our Side, 1970). Politthriller. Aus dem Amerikanischen von Gisbert und Julian Haefs. Vollständige und erstmals komplette Neuübersetzung. Alexander Verlag, Berlin 2024. 584 Seiten, 20 Euro.

Selten, dass mir die Worte fehlen, wenn ich einen Text beginne. Hier bin ich anhaltend fassungslos. Noch mehr, seit ich mir die Zahlenverhältnisse wieder und wieder vorgerechnet habe. Die haben es noch schlimmer gemacht, weil genauer: Bei Ullstein ist das Opus Magnum von Ross Thomas, der große Schelmenroman »Die Narren sind auf unserer Seite«, damals im Jahr 1972 um unglaubliche 59 Prozent gekürzt erschienen. Mehr als die Hälfte fehlte. Dem Berliner Alexander Verlag zu Dank, gibt es den vollständigen Roman nun nach über 50 Jahren endlich auf Deutsch zu lesen – und zu genießen.

Wir alle haben gewusst, früher wurde bei Krimi-Übersetzungen gerne mal gekürzt. Besonders bei Ullstein, bei den gelben Krimi-Taschenbüchern der 1960er und 1970er. Dafür gibt es sogar Folklore. Das seien Werber gewesen, die auf dem Klo übersetzt hätten. Zwischendurch. In der Mittagspause. Wie alle Legenden verdeckt das die Wahrheit. Es hatte nämlich System. Die Druckbögen gaben (und geben) den Umfang der Bücher vor. Es musste (und muss) schlicht wirtschaftlich sein. Also im Normalfall damals für einen Ullstein-Krimi – andere Häuser waren aber keineswegs anders – maximal 144 Seiten, allerhöchstens 192, die Seiten-Endzahl immer durch 16 teilbar, mehr als zwölf Bögen nicht drin, weil ein Taschenbuch nicht mehr als 3,60 Mark kosten durfte. Also geringer Beschnitt, möglichst wenig Papierverbrauch, möglichst wenig Makulatur. Die »Nutzen« im buchstäblichen Sinne des Wortes optimal auf dem Druckbogen platziert, um ihn bestmöglich auszunutzen. Nur so gibt es günstige Preise beim Druck. Dafür braucht man noch nicht mal McKinsey.

Aber willfährige Übersetzer. Und Lektoren. Zur Hölle, Reader’s Digest hat sogar ein Imperium daraus gemacht. Und so manch anderer «Buchclub« auch. »Kondensierte« Ausgaben der Weltliteratur, die niemand mit Umfang und Abgrund erschrecken. Softeis-Literatur. » Belletristik für ein Millionenpublikum«, so die Eigenwerbung. Die »offenen Bücherschränke« der Republik sind immer noch anhaltend von solchen gekürzten Ausgaben verseucht. Verlag Das Beste GmbH nennt sich die deutschsprachige Filiale der heute einem spanischen Direktvermarktungskonzern gehörenden publizistischen Großküche. Die seit 1950 laufenden Reader’s Digest Auswahlbücher (in USA Reader’s Digest Select Editions), in Deutschland, Schweiz, Österreich seit 1955 auf dem Markt, nähern sich gerade dem Jubiläumsband 400. Anfangs gab es pro Jahr vier, später fünf, dann sechs und seit 2012 sieben Ausgaben. Jeder Band enthält mehrere – üblicherweise vier – Romane aus unterschiedlichen Genres (Krimis, Thriller, Liebesromane, historische Romane, heitere Romane etc.) und werden für diese Buch-Sandwiches vorab durch den Verlag um 20 bis 50 % gekürzt. Dadurch wie auch durch die Mischung der Genres soll eine breite Leserschaft angesprochen werden. Macht die Schnellimbiss-Industrie für andere Appetite auch…

Auch Fritze Forsyth findet es prima

»A Trusted Friend in a Complicated World« lautet der US-Slogan des Unternehmens, das sich als verlässlicher Freund anbietet. Vier »riveting reads« bietet so ein Kondens-Buch auf einmal: vier Romane zum Preis von einem. Wenn das kein Deal ist? Man spart sogar Platz im Bücherregal. O-Ton:

»Here’s how we do it: Our expert editors carefully select four fiction books from bestselling authors and talented up-and-comers, edit each one down for a quicker (and family-friendly) read, then bind them all together in one volume that’s shipped right to your door seven times each year. That means you get four novels for the price of one, saving you money and space on your bookshelf… 4 Bingeworthy Novels in 1 Book. You’ll get four wow-worthy novels specially edited to fit into one volume – in a variety of genres. Dive into fast-paced mysteries, suspenseful thrillers, swoon-worthy romances, heartfelt family dramas and more.«

Peinlich vermieden wird in dieser Welt das »g«-Wort. Der Inhalt der Buch-Derivate ist »ausgewählt« und »kondensiert«, alles dadurch sogar »familienfreundlicher« – also anstößiger Stellen entledigt. (So wie im Bordkino der Fluggesellschaften lange Jahre nur »airline«-Versionen von Filmen gezeigt wurden, also um Schmutz und Schund und mögliche Anstössigkeiten bereinigte Fassungen, extra dafür zusammengeschnitten. Ich habe in meiner Zeit als Kulturredakteur der Lufthansa Anfang der 1990er neben damit befassten Kollegen auf einem Flur gearbeitet.Sie hatten zu schwitzen: Wie vermeidet man in einem Kriegsfilm allzu viel Krieg, zum Beispiel? Was, wenn ein Moslem eine Christin küsst? Fritz Langs Spät-Schnulze »Der Tiger von Eschnapur« geht auf der Indien-Strecke aber gar nicht … usw.)

Niemand muss hier aufschreien: Das Ganze geschieht im Namen der Moneten ganz und gar mit Einverständnis der Autoren. Hier ein Testimonial von Frederick Forsyth: »Ich war überrascht, um nicht zu sagen sehr erfreut. Mein ganzes Buch war noch da, die Kurzfassung enthielt alles Wesentliche, all das, was ich meinen Lesern bieten wollte – eine spannende Lektüre.« In den Reader’s Digest Auswahlbüchern vermickert vertreten  sind auch Autoren und Autorinnen wie Charlotte Link, Nicholas Sparks, Dora Heldt oder John Grisham. Lee Child hat dort über 20 Titel, Michael Connelly mehr als 15.

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So weit, so gruslig. Eine Literaturgeschichte der Kürzungen ist noch nicht geschrieben. Gisbert Haefs etwa berichtet, bei älteren Jules-Verne-Übersetzungen und auch sonst in der Science Fiction große Einbußen an Text angetroffen zu haben. Doch zurück zu Ross Thomas. Unserem Kronzeugen.

Irrwitzige 52 Jahre hat es gedauert, bis »Die Narren sind auf unserer Seite« jetzt endlich vollständig übersetzt auf Deutsch zu lesen ist. Die Neuübersetzung ist eine Großtat. Und sie ist der Höhepunkt der seit mehr als einem Jahrzehnt in Arbeit befindlichen ersten deutschen Ross-Thomas-Werkausgabe im Alexander Verlag – in erstmals vollständigen, überarbeiteten oder sogar komplett neuübersetzten Ausgaben. Von seinen insgesamt 25 Romanen liegen nunmehr 24 als revidierte Neuausgabe vor. Only one more to go. Es ist Ross Thomas’ Afrikaroman »The Seersucker Whipsaw«. (Übersetzer Gisbert Haefs und der Alexander Verlag nehmen gern noch Vorschläge für eine Eindeutschung des kniffligen Titels entgegen, der auf einen Anzugstoff und eine peitschenähnliche, elegante Betrugsform rekurriert.)

Verleger Alexander Wewerka, der dieses Langstreckenprojekt durchhält, und seine Lektorin und Pressefrau Marilena Savino, die all die Ross Thomas-Neuausgaben betreut hat, gebührt ein Tusch. »Editorisch nicht ohne« sei die Arbeit an der Reihe gewesen, besonders am »Narren«-Roman, meint Marilane Savino mit beinah hanseatischem Understatement. Die deutsche Neuübersetzung umfasst 580 Druckseiten. Ohne Unterstützung vom Deutschen Übersetzerfonds und Förderung aus dem Corona-Hilfe-Topf »Neustart Kultur« wäre die lange aufgeschobene Neuausgabe nicht machbar gewesen. Verlegerisch ist und war das ganze Ross Thomas-Vorhaben keine Goldgrube, bei allem durchwegs begeisterten Zuspruch der Kritiker, den der Sonderprospekt zur Reihe gern zitiert:

»Man möchte glatt ein Abo abschließen beim Verlag.« (Elmar Krekeler, DIE WELT)
»Man muss es wie ein Mantra wiederholen: Die Ross-Thomas-Edition
im Alexander Verlag ist eine Großtat.« (Peter Körte, FAS)
Und wir hier bei CrimeMag ja auch immer wieder.

Aber Auflagenzahlen je deutlich unter 10.000, Betonung auf deutlich. Ladenpreis zwischen 14,90 und 16,90 Euro, die voluminösen »Narren« jetzt 20 Euro, 70 Prozent vom Ladenpreis für Herstellung, Vertrieb und Buchhandel weg – reich ist der Alexander Verlag mit dem Projekt nicht geworden. Aber auf immer im Olymp. Und nun erst recht.

Und hier nun die Zahlen in ihrer Grausamkeit

Wer sich gefragt hat, was bei der Ross-Thomas-Neuausgabe eigentlich geschieht, bekommt beim »Narren«-Roman Anschauungsmaterial bis zum Schwindligwerden:

Deutsche Erstübersetzung, 1972 als Ullstein-Buch 1440: 144 Seiten.
Neuübersetzung, 2024 im Alexander Verlag: 584 Seiten.

Okay, damals wurde kleiner und enger gesetzt. Die Seite hatte mehr Zeichen und Zeilen. Hier der Vergleich:
1972: 66 Zeichen pro Zeile, 41 Zeilen je Seite.
2024: 54 Zeichen, 30 Zeilen.

Ich musste mich bei meinen Berechnungen öfter vergewissern, ob ich nicht spinne. Aber auch bei großzügiger Inaugenscheinnahme bleibt:

1972 wurden nur 41 Prozent des Romans von Ross Thomas auf Deutsch veröffentlicht. Der Titel »Unsere Stadt muß sauber werden« ist noch das Beste daran.

Die Narren, die dem Roman in Original und Neuübersetzung den Titel geben, fehlten damals – wie das ganze, immerhin von Mark Twain und aus »Huckleberry Finn« stammende Motto:

»Ham wir denn nich alle Narren
inne Stadt auf unsere Seite? Un is
das nich in jede Stadt ne ausreichend
große Mehrheit?«

»Hain’t we got all the fools in town
on our side? And ain’t that a big
enough majority in town?«

»The Fools in Town Are on Our Side« waren der sechste Roman von Ross Thomas (zwei davon erschienen unter dem Pseudonym Oliver Bleek) und sein dritter stand alone. Auf solch breiter und großer Leinwand hatte er noch nicht gemalt. Mit dem Schreiben hatte er erst jenseits der Vierzig 1965 begonnen. Zwei Jähre später gewann er mit seinem Debüt »Kälter als der Kalte Krieg« (The Cold War Swap, dt. 1969 als Der Ein-Weg-Mensch) den Edgar Allan Poe Award Award für »Best First Novel«. Ross hatte das Buch in sechs Wochen geschrieben. Hier seine ersten Romane in Reihenfolge:

The Cold War Swap (1966) – Kälter als der Kalte Krieg, 2007 (alt: Der Ein-Weg-Mensch, 1969)
The Seersucker Whipsaw (1967) stand alone Urne oder Sarg, Sir?, 1970
Cast a Yellow Shadow (1967) – Gelbe Schatten, 2012 (alt: Der Tod wirft gelbe Schatten, 1970)
Singapore Wink (1969) stand alone – Der Fall in Singapur, 2019 (alt: Sing Sing Singapur, 1970)
The Brass Go-Between (1969) als Olilver Bleek – Der Messingdeal, 2015 (alt: Bonbons aus Blei, 1975)
Protocol for a Kidnapping (1971) als Oliver Bleek – Protokoll für eine Entführung, 2016 (alt: Kopfpreis eine Million, 1971)
1969 erschien auch sein einziges Sachbuch, zusammen mit William H. Crook (was wie ein Gauner-Pseudonym klingt): Warriors for the Poor: The Story of VISTA, Volunteers In Service to America.

»The Fools in Town Are on Our Side«, 1970 mit einem Umfang von 384 Seiten bei William Morrow & Co. Inc in New York als Hardcover erschienen – ein makelloses Exemplar davon einer meiner Schätze –, war als Durchbruch gedacht, hätte Ross Thomas in eine Reihe mit den großen amerikanischen Moralisten von Mark Twain, Sinclair Lewis bis Richard Condon stellen können. Es ist sein »Narrenschiff«, sein »Oliver Twist«, sein »Simplicissimus« und »Eulenspiegel«. Gaunerei und Korruption, ganz groß, amerikanisch groß. Es geht darin darum, eine ganze Stadt zu korrumpieren – um die Verhältnisse zu ändern. Nun ja, sie zu zementieren. Fürst Tancredi im 1958 posthum erschienenen Roman »Der Leopard« von Giuseppe Tomasi di Lampedusa: »Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.« Bei Ross Thomas wird daraus »Orcutts Erstes Gesetz«: »Before things get better, they must get much worse.« Victor Orcutt, ist jener Mann der Lucifer Dye anheuert, die (fiktive) Südstaaten-Stadt Swankerton zu korrumpieren. Was das Buch auszeichnet, ist sein kosmopolitischer Blick. Zu mehr als der Hälfte spielt es außerhalb der USA, hauptsächlich in China (Shanghai), es gibt aber auch einen Ausflug nach Bonn – wo Ross Thomas Korrespondent gewesen war und wo sein Erstling spielt.

»Die Narren sind auf unserer Seite« ist, da bin ich mir mit Übersetzer Gisbert Haefs einig – mein Interview und mit ihm und Julian Haefs in dieser Ausgabe hier nebenan –, ein/ nein der große amerikanische Roman, in seiner Erzählung allerdings nicht auf die USA beschränkt, sondern von Weltläufigkeit geprägt. Also ein »Weltroman«. (Dank an Gisbert Haefs.)

Gisbert Haefs ist sich sicher: »Das Ganze ist nicht die Schuld des Übersetzers. Das war eine Anweisung des Verlags, dass das Buch eben nicht so lang werden darf.« Man merkt der Übersetzung von 1972 auch an, wie sie immer kurzatmiger wird. Immer mehr Stenogramm. Immer weniger der Autor. Immer mehr Zusammenfassung statt Roman. Fast komisch, wenn es nicht so traurig wäre.

Die Zahlen sind eindeutig:

Teil I enthält 48% der Vorlage
Teil II erzählt 35% des Originals
Teil III übersetzt 15% der US-Ausgabe.

Im Verhältnis der Seitenzahlen, das nicht 1:1 zu nehmen ist – eine alte Ullstein-Seite, kleiner und enger gesetzt, enthält 165% einer Alexander-Verlagsseite – liest sich das so:

Teil I: Ullstein: 81 Seiten/ Neuübersetzung: 277 Seiten/ US-Hardcover: 181 Seiten
Teil II: Ullstein 35 Seiten/ Neuübersetzung: 170/ US-Hardcover: 170 Seiten
Teil III: Ullstein 12 Seiten/ Neuübersetzung: 122/ US-Hardcover: 83 Seiten.

Den Schlussteil eines Buches auf 15 Prozent einzudampfen, das dürfte sogar in der Reader’s Digest-Zentrale die Augenbrauen heben lassen. Das ist wirklich Digestiv. Weia. – Das Buch wirklich nur noch entfleuchter Geist …

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Unter solchen Umständen verdient Übersetzer Heinz F. Kliem vielleicht sogar ein Kompliment. Immerhin bietet »Unsere Stadt muß sauber werden« durchaus so etwas wie ein leseähnliches Erlebnis.

Heinz F. Kliem hat in der Deutschen Nationalbibliothek 88 Publikationen, sprich Pflichtexemplare von Übersetzungen stehen. Es gibt kaum Angaben über ihn, aber er war zwischen 1950 und 1975 ein gut beschäftigter Übersetzer. Hat auch von Ross Thomas »Die Backup-Männer« übersetzt (revidiert im Alexander Verlag 2012). Von Ian Fleming: »Liebesgrüße aus Moskau« (Humanitas Verlag, haha, Konstanz 1961), viel Rex Stout, sehr viel sogar, Edward S. Aarons, Louis L’Amour, Mary Roberts Rinehart, C.S. Forester, Ellery Queen, William P. McGivern, Victor Canning, Elizabeth Daly, Frank Gruber, sogar einen Evan Hunter (»Ein Mann namens Tauber«, 1956). Ullstein war für ihn vermutlich sogar eine gehobene Verlagsadresse. Er übersetzte hauptsächlich für Verlage wie Humanitas, Konstanz, AWA-Verlag München, für die sm Kriminalromane im Signum Verlag oder den Aufwärts-Verlag Berlin (»Der Aufwärts-Kriminalroman«), der 1936-1944 insgesamt 314 »30-Pfennig-Romane« herausgebracht hatte. Bei Humanitas in Konstanz erschienen von 1955 – 1961 die »Blau-Gelb Kriminalromane«. Auch Wilm Wolfgang Elwenspoek übrigens übersetzte für diese Reihe. In der Ross Thomas-Edition gibt es mehr als ein Dutzend ihm zu »verdankende« Neubearbeitungen. (Teils sehr schöne Cover, aber über Grundangaben hinaus kaum weitere Information dazu, bietet der Band »Illustrierte Bibliographie der Leihbücher 1946–1976. Teil 1: Kriminalliteratur« von Herbert Kalbitz und Dieter Kästner, Achilla Presse, 2013.)

Übrigens wurden die verstümmelten Übersetzungen bei Ullstein, so auch die der »Fools«, auch noch in progressiveren Zeiten als Dreierbände verhökert…

48, 35 oder 15 Prozent der fremdsprachigen Vorlage also bei den »Fools«, die noch für den »Nutzen« (s.o.) übrig bleiben, da darf nicht gefackelt werden. Nun gut, dann will ich in Kapitel 18 der »Narren« waffentechnisch nicht kleinlich sein, wenn Major Albert Schiller bei Heinz F. Kliem im Koreakriegsgetümmel und nach erst 16 Zeilen vergisst, »den Revolver zu spannen«. Bei Gisbert und Julian Haefs braucht es 216 Zeilen, bis wir an dieser Stelle sind und unterwegs natürlich eine Menge über Major Schiller, den Korea-Krieg, über psychologische Kriegsführung und andere Finessen erfahren haben, ehe richtiggestellt wird, dass Lucifer Dye es war – der Protagonist des Romans –, der sicherstellte, dass die 45er gesichert war, ehe er sie dem Major überließ, damit der anstelle seines verlorenen Stöckchens damit gestikulieren kann … »only after I had made sure that the safety catches were on«, heißt es im Original. Wir sind noch in Teil I – ­ also zu 48 Prozent getroffen, Herr Kliem.

Schlimmer sieht es mit den ersten zwei Kliem-Sätzen in ebendiesem Kapitel 18 aus: »Major Albert Schiller und ich wurden gleichzeitig am 17. April 1953 auf dem Pork Chop Hill in Korea verwundet. An der Stelle wurde übrigens ein paar Jahre später ein Film gedreht.«

Tatsächlich, da steht »an«. In der Neuübersetzung heißt es korrekt, dass die Verwundung auf halbem Weg den Hügel hinauf passierte, also nicht »auf«, und dass keineswegs dort dann später ein Film gedreht wurde, wäre auch direktemang an der Demarkationslinie zu Nordkorea gewesen – sondern eben »über« diese nicht unberühmte Schlacht. Mit Gregory Peck. Regie Lewis Milestone.

Vater und Sohn Haefs korrigieren sogar einen Tippfehler im US-Original, als im Wohnzimmer der Gays von einem »Blechstein piano« die Rede ist – ein Bechstein, natürlich. Bei Kliem ist die Stelle eh weggekürzt, was muss man auch Wohnungseinrichtungen beschreiben? Sagt doch nichts über Charaktere. (Hans Jörg Wangner kontaktierte mich zu dieser Stelle und merkte an: Möglicherweise kannte Ross Thomas, ganz kultivierter Deutschland-Kenner, ja die in Pianistenkreisen nicht unübliche Verballhornung „Blechstein“ – eine interessante These, die ich gerne notiere. Danke.)

Senator Joe McCarthy, bei Ross Thomas als »menace« charakterisiert, ist bei Kliem einfach gestrichen. »Er ist gefährlich«, heißt es korrekt bei Haefs. Das ganze Kapitel 19, in dem Lucifer Dye immerhin seine künftige Frau kennenlernt, ist bei Kliem auf viereinhalb Seiten und eigentlich nur auf die Wortwechsel eingedampft. Elfeinhalb Seiten hat die Neuübersetzung, sie bietet die volle Ross-Thomas-Dröhnung, wie interessante Menschen sich kennenlernen. Und auch eine Wohnzimmer-Beschreibung erhöht den Suspense.

Inzwischen waren wir im Wohnzimmer, und es sah aus, als hätte ein weltreisender Sammler es eingerichtet, der auf keinem Basar nein sagen konnte. Es gab Speere aus Ostafrika und Teppiche aus dem Nahen Osten. Geflochtene Rattanstühle von den Philippinen schmiegten sich an indianische Töpferei. Chinesische Schriftrollen zweifelhafter Qualität flankierten eine Tapisserie aus dem Irak. Einige schwerere Möbel sahen aus, als habe man sie in den Dreißigern in Berlin hergestellt, und sie konkurrierten grimmig mit ein paar kleinen Tischen mit gedrechselten Beinen, die möglicherweise frühe amerikanische Stücke waren. Fransenbesetzte Polsterhocker aus dem Mittleren Osten und grelle Lederpuffs aus Westafrika waren im Raum verteilt für alle, die müde Füße hatten. Ein riesiger Bechstein-Flügel duckte sich in eine Ecke.

»Scheußlich, nicht?«, sagte sie.»Na, jedenfalls originell.«

Kein einziges – null, nada – Wort davon bei Kliem. Auch das Lächeln von Beverly unterschlägt er (Seite 259, im Alexander Verlag):

»Hah«, sagte seine Tochter zu ihm und lächelte mich an. Sie hatte ein feines Lächeln, das schnell kam und langsam schwand, wobei es ein warmes Nachglühen hinterließ. Ich fand sie weniger als schön, aber mehr als hübsch. Anziehend vielleicht. Es mag an ihrer Anmut und Haltung und Erziehung gelegen haben, aber das war nur ein Teil. Sie wirkte, als wäre sie gestern hergestellt worden, noch zu neu für Ladenstaub und unglaublich frisch und rein – nicht rein als Gegensatz zu schmutzig, sondern in dem Sinn, in dem der Ruf einer Lerche im Morgengrauen rein ist – falls man je so früh aufsteht. Als sie den Oberst ansah, wirkten ihre grauen Augen feierlich schelmisch, und ihr bewegliches Gesicht war selten völlig ruhig. Auf ihren vollen, sinnlichen Mund hatte sie nur einen Hauch Farbe aufgetragen, und irgendwie vergab ich ihr, dass sie imstande war, die Nase wie ein Kaninchen zu kräuseln.

»Es handelt sich um Pelze», sagt Necessary auf Seite 108 bei Ullstein. »Es geht um einen Pelzdiebstahl«, konkretisiert das Gespann Haefs (Seite 387). Auf eine solche Seitenzahl wäre Kliem noch nicht mal bei doppelt soviel Übersetzungs-Gründlichkeit gekommen. Der running gag des »Narren«Buchs, die Warnung vor einem rothaarigen Mexikaner, dem man nie trauen dürfe, läuft auf der Kliemischen Text-Kurzstrecke ins Leere. Wie Marilena Savino, die mit nun insgesamt 24 revidierten Ross-Thomas-Romanen gehörig Erfahrung und Hornhaut gesammelt hat, mir sagte: »Wenn man mal in der alten Übersetzung nachschauen wollte, hat die Stelle entweder dort gefehlt oder es war komplett unbrauchbar.«

Kapitel 10 über Luciferns Kindheit in einem Bordell in Shanghai, das wir Ihnen hier nebenan in dieser Ausgabe als vollständigen Textauszug bieten, umfasst 16,5 Buchseiten. In der Stummelfassung von 1972 sind es keine vier Seiten. Die frühe Eloquenz des Protagonisten bleibt ganz außen vor. »Ich begrüße hier in aller Demut die Kunden, Euer Lordschaft«, lispelt der kleine Lucifer bei Kliem (1972) an der Bordelltür durch die Zahnlücken, als er zum ersten Mal auf seinen künftigen Freund und Gönner, den United-Press-Reporter Gorman Smalldane trifft. Und lispelt wieder höflich »Tausend Dank, Ehrwürden«, als der ihm ein Fünfzig-Cent-Stück zuwirft. Sieben Zeilen sind das bei Kliem.

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Beim Gespann Haefs bekommen wir die ganze Oper:
»Ich bin der elende Begrüßer der Kunden, Eure Lordschaft«, lispelte ich wegen meiner Zähne, wich einen Schritt zurück und verbeugte mich. Dann stürzte ich mich in eine lispelnde englische Version mit australischem Akzent der offiziellen Willkommensrede mit sämtlichen Verbeugungen und Gebärden und Grimassen.

Smalldane stand da, hörte sich alles an und schüttelte immer wieder den Kopf. Als ich fertig war, bückte er sich wieder und sagte: »Weißt du, was du bist, wie ich finde? Eine zahnlose Zimperliese.«

Ich offenbarte ihm die ganze Schönheit meines schwarzweißen Lächelns, verbeugte mich wieder und sagte auf Kantonesisch: »Und deine Mutter, du besoffenes Schwein, war eine uralte Schildkröte, die sich von einem läufigen Köter hat besteigen lassen.« Das hatte ich irgendwo aufgeschnappt.

Immer noch gebückt, lächelte Smalldane und nickte, als stimme er mir absolut zu. Dann richtete er sich auf, stemmte die Hände in die Hüften und sagte sanft: »Du solltest deine jauchetriefende Zunge hüten, du kleiner Lude für giftige Kröten, sonst reiße ich sie dir aus dem Mund und schiebe sie dir in den After, wo sie in der Brise deiner eigenen Winde flattern kann.« Sein Kantonesisch war so gut wie meins, seine Bildhaftigkeit kraftvoller.

Er machte mir keine Angst. Damals machte mir nichts Angst, wahrscheinlich weil ich durch und durch verdorben war. Aber Smalldane beeindruckte mich durch seine Größe und seine glänzende Beherrschung übler Beschimp- fungen. Ich verneigte mich wieder, ziemlich tief, und wies mit einer ausladenden Geste auf die Tür. »Hier entlang, Eure Lordschaft, wenn es Euch beliebt.«

»Für dich, Söhnchen«, sagte er und warf mir einen amerikanischen Halbdollar zu.

»Tausendfachen Dank, gütiger Gebieter«, sagte ich, noch so eine archaische Floskel, die mir irgendwer beigebracht hatte, die aber wegen meiner fehlenden Zähne mit Pfeifen und Zischen herauskam…«

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37 Zeilen. Gegen sieben. Und das ist nur eine x-beliebige Stelle. Um bei so etwas nicht depressiv zu werden, braucht es den Humor von Ross Thomas, den Gisbert Haefs im Interview aufruft: » Ross hätte wohl gegrinst und gefragt, wer besser bezahlt worden ist, der Übersetzer oder der Verstümmler.«

Statt »du kleiner Lude für giftige Kröten« findet sich 1972 bei Kliem «du Knirps von einem Zuhälter«, bei Ross Thomas ist ein »you toad of a pimp«. Man kann gar nicht so viele Schimpfworte mobilisieren, wie man Schreibtischtätern an den Kopf werfen will, die für solch eine Verstümmelungs-Schande verantwortlich sind. Mögen sie ewig schmoren. Bei den Kröten… Mit ihren Kröten.

Alf Mayer

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