Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

Ingrid Mylo: 3 x 11 Spielworte (34) – Handtuch, Blau, Treppe

Ingrid Mylo: 3×11 Spielworte (34)

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Handtuch

Elf Zitate zusammengetragen von Ingrid Mylo


            Wenn er stillhielt und für einen Augenblick nicht atmete, hörte er, wie sie sich schweigend mit einem Handtuch abtrocknete.
– Clemens J. Setz: Die Frequenzen

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            Manchmal versuchte er auszuprobieren, wie lange er ein Handtuch benutzen konnte, bevor dessen Zustand ihn zwang, es in den Wäschekorb zu tun.
– Don DeLillo: Spieler

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            Fürs erste war er mild genug gestimmt und glücklich, sich am Ende ihres Handtuchs zusammenzurollen, den Schwanz schwer auf ihre Füße gebettet.
– Emma Cline: Die Einladung

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            […] wußte dann aber nicht, wie er sich weiter verhalten sollte, setzte sich auf den Klodeckel und war selbst entsetzt, daß ihm nichts anderes einfiel, als mit zitternden Händen nach einem Handtuch zu greifen, um damit den Kopf einzuwickeln.
– Wolf Wondratschek: Die große Beleidigung

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            In den schlimmsten Stunden einer Frau – wenn man mit einem Handtuch um den Kopf aus dem Badezimmer kommt – sagte sie zu mir: „Was sind Sie nur schön.“
– Clarice Lispector: Hinter der Hingabe, 2. Dezember 1967

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            Das Handtuch drohte herunterzurutschen, schnell wusch er sich die rohen Fleischreste von den Händen und knotete es erneut fest.
– Rumaan Alam: Inmitten der Nacht

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            Ihr Vater ließ das Handtuch los, und Kitty wurde rot.
– Deborah Levy: Heim schwimmen

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            Henry kann einen Trick, bei dem Bea sein Spielzeug fest in ein Handtuch einwickelt und auf den Boden wirft, und Henry packt dann das Handtuch aus und findet das Spielzeug.
– Lydia Davis: Winterbrief

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            Als ich, das schmuddelige Handtuch um den Hals geknotet wie einen Latz, in dem Lehnstuhl Platz nahm, zuckte kein Muskel in Evarists Gesicht.
– Roger Van de Velde: Knisternde Schädel

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            Ich frage mich, ob sich keine andere Beschäftigung für den Jungen finden läßt, als mit einem Handtuch um die Schultern herumzulaufen und nach Verstecken zu suchen.
– Audur Ava Ólafsdóttir: Hotel Silence

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            Wenn ich die Gewißheit hatte, daß niemand zusah, verzichtete ich manchmal sogar auf das Handtuch.
– Alexander MacLeod: Gemarkung Nummer neun

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Spielwort: Blau

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Die Dämmerung schlug in ein ruhiges Blau um, erleuchtet von einem Viertelmond, und er schlug vor, am Strand spazierenzugehen
– Roxanne Bouchard: Der dunkle Sog des Meeres

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            Was wissen die Armen, denen nie ein Blau aufging am Ziel ihres Herzens oder am Weg ihres Traums in der Nacht.
– Else Lasker-Schüler: Vom Himmel

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            Das Blau des Himmels sieht man noch von allein, und auch manche seiner Bewohner: die Sternbilder, die Planeten, den Mond, Aurora Borealis, zwinkernde Kometen, Perseidenschauer, Supernovae.
– Clemens J. Setz: Die Frequenzen

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            Der Himmel der Vorstadt war blau wie Glasreiniger, wohingegen das Blau über Manhatten ausgewaschen wirkte, blau, als hätte man gerade mit einem Typen in demselben kleinen Zimmer geschlafen, in dem die beste Freundin mit einem anderen geschlafen hatte.
– Lisa Taddeo: Ein Vorortwochenende

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            Und jetzt füllt seine Asche ein kleines, in metallischem Blau schimmerndes Eimerchen.
– Jaap Robben: Kontur eines Lebens

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            Hoffnung fein wie Spinnennetze legte sich auf unsere nackten Arme und trieb über unsere Schultern, jeder einzelne Faden zitternd im dämmrigen Blau.
– Hilary Mantel: Hoch in den dritten Stock

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            „Blau ist wahnsinnig selten, deshalb hoffe ich für dich, daß du gestern Nacht nichts weiter gemacht hast, als dir den Himmel anzusehen.“
– Karin Smirnoff: Verderben

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            Bis der Motor ansprang, war das Blau womöglich noch tiefer geworden, noch dunkler.
– Elizabeth Strout: Bleib bei mir

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            Inmitten des tiefen Blaus, in dem der Schrank, der Fußboden und die Wände versanken und verschwammen, betrachtete ich meine Hände.
– Mieko Kawakami: All die Liebenden der Nacht

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            In allen Erscheinungsformen trat das Weltblau mir entgegen, als wäre diese Erde nur die Blaupause einer anderen, womöglich besseren Erde. Aber das Blau war nicht zu differenzieren, es gab keine Nuance zu benennen. Das Blau war absolut.
– Christoph Dolgan: Elf Nächte und ein Tag

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            Und warum hat der Maler kurz vor seinem Tod eine ungewöhnliche Angst vor der Farbe Blau entwickelt?
– Klappentext des Romans Sacré Bleu von Christopher Moore

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Spielwort: Treppe

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            […] Schritt für Schritt stiegen meine Füße eine Treppe hinauf, deren Stufen aufleuchteten, sobald ich sie erklomm, um dann wie Goldpulver zu zerstäuben und eine neue Stufe zu formen.
 – Mieko Kawakami: All die Liebenden der Nacht

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            In einem Augenblick war ich halb oben auf der Treppe, und im nächsten phantasierte ich, Ikarus zu sein.
– David Markson: Wittgensteins Mätresse

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            Aber wie könnte ich allein die dunkle Treppe hochgehen zu einem gemieteten Saal?
– Clarice Lispector: Der Brunch, 7. März 1970

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            Da begehen zwei Böcke, Lektor und Kritiker, direkt auf der Treppe die Sünde von Sodom.
– Andrej Bitow: Leben bei windigem Wetter

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            In einer anderen Szene steht Emily von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet auf einer Treppe und beschimpft einen Lektor, der die Interpunktion in ihren Gedichten verändert hat.
– Clara Törnvall: Die Autistinnen

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            Der Hund hat lange hinter ihr hergebellt, als sie auf der Treppe ausgerutscht ist, und die Männer brüllten: „Wohin so eilig?“.
– Terli Kokkonen: Arctic Mirage

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            Eines Nachts kam Herr Walther Hannah zu Hilfe, indem er im November des Jahres 1967 die Treppe hinunterfiel.
– Heike Kühn: Schlangentöchter

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            Das schwierige Leben: endlich findet man heraus, wie man die Treppe hochkommt.
– Louise Glück: Marigold und Rose

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            Sie fand sich auf der Treppe wieder (aber sie wollte doch gar nicht hinausgehen, dachte sie mißbilligend, leicht ungläubig), arglos und unbekümmert wie ein zu groß gewordenes Kind.
– Joyce Carol Oates: Mary

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            Oben auf der Treppe reichte mir der liebenswürdige Mann, der mich zum Teilhaber seiner Unternehmen gemacht hatte, eine Tüte Bonbons, und mit der anderen Hand öffnete er mir die Hose.
– Vizconde de Lascano Tegui: Von der Anmut des Schlafes

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            Er dachte: niemand kann niemals wissen, wie es ist, als ein anderer auf der Treppe zu stehen.
– Helle Helle: Sie und Bob

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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

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