Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

Robert Rescue: Das machen wir aus Tradition

Die Sache mit den Ablese-Dienstleistern

Zu den wenigen Dingen, die in dieser sich täglich verändernden Welt noch für Beständigkeit sorgen, gehören die „Wir kommen vorbei, seien sie gefälligst zuhause“-Zettel, die über das Jahr verteilt im Hausflur zu finden sind. Die Heiligen Drei Könige, Schornsteinfeger, Paketdienste (da mit der Änderung: „Wir waren da, sie waren nicht da“), Gerichtsvollzieher und Heizungsableser melden sich an, man hat was mit denen zu tun und dann ist wieder eine Weile Ruhe.

Im Vorderhaus kündigen sich die Heizungsableser an, die neuerdings auch was mit Rauchmeldern machen. Ungewöhnlich an dem Zettel sind mehrere Dinge: Die Firma kommt aus Wetzlar und es erschließt sich nicht, warum extra eine Firma aus Wetzlar anreisen muss, um im Wedding Heizkörper abzulesen. Haben die da keine Heizungen? Keine Rauchmelder? Warum Wetzlar und nicht Bernau, was näher an Berlin liegt. Zum anderen haben sie ihren Benachrichtigungszettel nur ins Vorderhaus geklebt. Das macht man in Berlin nicht. Sie haben zwar in ein Kästchen: „Betrifft alle Bewohner:“ einen Haken gemacht, aber das würde nach Berliner Logik bedeuten, dass nur die Leute im Vorderhaus gemeint sind. Wenn sie wirklich alle Bewohner des Hauses Seestraße 606 meinen, dann müssen sie den Zettel auch ins Hinterhaus und den Seitenflügel hängen. So nämlich macht man das hier. Man kann so viel „Betrifft alle Bewohner“ reinschreiben, wie man will, man kann handschriftlich die Namen aller Bewohner vermerken, entscheidend ist allein, ob der Zettel in allen Häusern hängt.

Was ebenfalls auffällt: Unten ist eine Tabelle aufgemalt worden, fein säuberlich mit Lineal und Kugelschreiber, die zeigt, zu welcher Uhrzeit in welchem Stock die Handwerker zu tun haben. Sehr löblich, auch wenn es irritierend ist, dass sie es handschriftlich aufgezeichnet haben. Vermutlich so eine Wetzlarer Eigenart. Interessant ist, dass sie einen ganzen Tag für das Erdgeschoß vorgesehen haben. Vermutlich müssen sie bei den Christen im Vorderhaus Überzeugungsarbeit leisten, dass sie keine Sondereinheit vom Staatsschutz sind, die die Lokalität auf restliche Anti-Corona-Propaganda und sonstige rechte Hetzschriften prüfen will, welche die Jesus-Nazis in den letzten Jahren verteilt haben.

Für die Wirtschaft sind diese ganzen Ablese-Dienstleister schädlich. Jeden Tag müssen in Deutschland tausende von Arbeitnehmern zuhause bleiben, anstatt an der Werkbank das Bruttoinlandsprodukt in die Höhe zu treiben. Mitunter trifft es die Handwerker aus der Ablese-Branche selbst, weil bei ihnen irgendwer irgendwas ablesen will oder muss. Bei den Heiligen Drei Königen, den Schornsteinfegern und den Gerichtsvollziehern ist die Warterei ja noch gesellschaftlich anerkannt, während die Paketdienste einem scheißegal geworden sind. Da wird bestellt, bis die Kreditkarte glüht, und der Büttel vom Paketdienst lädt das Zeug einfach im Späti oder beim Nachbarn ab, der entweder arbeitslos ist oder Home-Office macht. Bei den Heizungsablesern weiß man gar nicht, was die heutzutage überhaupt in den Wohnungen wollen. Früher ja, als es noch diese Röhrchen gab, die gewechselt werden mussten. Aber jetzt wird doch alles per Funk abgelesen, das könnte doch eigentlich ein Roboter oder eine KI erledigen oder ein Mitarbeiter per Funk von Wetzlar oder vom Bürgersteig aus, da braucht es keinen Ableser. Bei meiner Partnerin waren die neulich auch, sie hat stundenlang gewartet und keiner hat geklingelt. Von einer Nachbarin erfuhr sie, dass die einfach im Hausflur gestanden haben, ein Gerät machte „PIEP“ und dann sind sie wieder gegangen. Wozu dann der Zettel? Und warum, verdammt nochmal, nur im Vorderhaus?

Am Abend vor dem Ablesetag schaue ich aus dem Küchenfenster, um wie üblich verdächtige Aktivitäten zu beobachten und den Behörden zu melden. Im Hof sind drei Zelte aufgespannt und mittig brennt ein Lagerfeuer, um das drei Handwerker sitzen. Ich mache ein Foto und schreibe in den Bericht für die Ordnungsamt-App: „Übeltäter kommen mutmaßlich aus Hessen und sind in den hiesigen Gebräuchen nicht unterwiesen“. Ich gehe runter, um mir die Sache näher anzuschauen.

„Sind Sie die Heizungsableser, die morgen zwischen 10-12 Uhr im zweiten Stock Hinterhaus das tun, als das ich sie gerade bezeichnet habe?“

„Ja, richtig“, schallt es mir entgegen und alle drei lachen. Einer nimmt eine Trommel zur Hand und beginnt, irgendeine volkstümliche, hessische Volksweise anzustimmen.

„Könnten sie vielleicht die Zähler jetzt ablesen? Dann kann ich morgen zwischen 10-12 Uhr das übliche machen und muss nicht das Gefühl haben, auf irgendetwas zu warten.“

„Nee, das geht nicht“, sagt einer. „Wir haben jetzt Feierabend und genießen diese herrliche Berliner Hinterhaus-Aussicht. Die Stadt, die nie schläft. Nachher gehen wir noch ins Berghain. Morgen kommen wir dann bei ihnen vorbei. Wir müssen uns an die Vorgaben des Aushangs halten, wurde uns gesagt.“

Als ich wieder in meiner Wohnung bin, schicke ich die Meldung an das Ordnungsamt ab. Ich hätte drauf verzichtet, wenn sie meiner Bitte bezüglich sofortiger Ablesung nachgekommen wären, aber das haben sie ja nicht. Dann gibt es auch keinen Grund, Gnade walten zu lassen.

Es ist 12 Uhr. Niemand war da. Die Glocken zum Mittagsgebet schallen von der Kapernaum-Kirche aus durch den ganzen Kiez. Niemand war da, sage ich mir abermals. Ich habe keine Schritte im Hausflur gehört, außer die üblichen von den Nachbarn. Ich hatte dem Nachbarn über mir geschrieben, dass die Ableser kommen und gefragt, ob er da ist. Er hatte verneint und mich nicht gebeten, die Sache für ihn zu erledigen. Es schien so, als sei ihm die Angelegenheit egal, um nicht zu sagen, scheißegal. Was ist, wenn ich der Einzige in der Seestraße 606 gewesen bin, der die Ableser erwartet hat? Alle haben verdutzt die Tür geöffnet und bei mir haben sie nicht geklingelt. Lag es am gestrigen Abend und meiner Aufforderung, die Sache doch unkompliziert außerhalb des Dienstweges zu erledigen? Verstieß das gegen Wetzlarer Gepflogenheiten? Gegen die Handwerkerehre?

Standen die am Vormittag aus ihren Zelten auf, haben ein Gerät aufgestellt, dass „PIEP“ macht und damit alle Heizungen, Rauchmelder und sonstigen Sachen abliest und sind anschließend nach Hause gefahren? Warum dieser blöde Zettel?

Machen die das aus Tradition?

Zwei Wochen später liegt eine Postkarte im Briefkasten. Man sei um 16:30 Uhr da gewesen, hätte mich aber nicht angetroffen. 16:30 Uhr statt 10-12 Uhr? Was glauben die, womit die Leute im Wedding ihre Tageszeit verbringen? Wir haben Projekte, Videokonferenzen und sind unterwegs, um in Handy Points und Spätis die ganzen Pakete abzuholen. Da kann man nicht zuhause rumsitzen und warten, bis mal der Herr Handwerker klingelt. Auf der Karte steht, dass die Firma für Absprachen von 8-17 Uhr erreichbar sei, allerdings ist keine Telefonnummer angeben, sondern eine Mailadresse. Ach, die sind in der Uhrzeit nur per Mail erreichbar?

Ich zerreiße die Postkarte. Eigentlich sollte ich denen schreiben und mitteilen, dass 16:30 Uhr nicht das neue 10-12 Uhr ist, wir hier nicht in Wetzlar sind und das mit dem Zettel im Vorderhaus, also das geht ja nun gar nicht. An dem vorgeschlagenen Nachholtermin muss ich arbeiten. Die können mich mal kreuzweise und ich bitte sicherlich nicht einen Nachbarn um Hilfe. Sollen die doch mit ihrem Gerät „piepen“ oder unverrichteter Dinge wieder abziehen.

NACHTRAG: Ich bin doch zuhause gewesen. Aus Tradition. Ist halt üblich, dass man zuhause bleibt, wenn sich der Handwerker ankündigt. Beim nächsten Mal, das habe ich mir fest vorgenommen, werde ich sie versetzen, wenn sie nicht tun, was ich will.

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Robert Rescue bei uns hierZu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“ und beim Talk Noir im Neuköllner Froschkönig ist er regelmässig unser Stargast.

Kürzlich von ihm erschienen: Diejenigen, die Gegenstände auf die Krokodile werfen, werden aufgefordert, sie zurückzuholen. Periplaneta, 148 Seiten, 13,50 Euro.
Im Herbst 2020 Corona zum Trotz erschienen: Robert Rescue: Das Leben hält mich wach. Berlins müdester Lesebühnenautor trotzt dem alltäglichen Wahnsinn mit Humor. Edition MundWerk, Berlin 2020. 146 Seiten, 12 Euro.

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