Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Robert Rescue: Berliner Bildungsoffensive

Weiterbildung notwendig

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner druckste zunächst herum, bevor er sich überwand und die Stimme erhob: „Meine lieben Mitbürger, ein wenig tut es mir leid, was ich ihnen jetzt sagen muss – einem Teil von ihnen, gottlob nicht allen, aber dennoch einem signifikanten Teil von ihnen fehlt es an ausreichend Gehirnzellen, um den Erfordernissen des Lebens tagtäglich entgegentreten zu können. Will sagen – ihre Schaukel hat als Kind zu nah an der Hauswand gestanden, sie haben einen ausgebrannten Dachstuhl, sie sind hell wie ein Tunnel, sie sind zerebralentkernt, sie haben das Raumschiff Enterprise im Schädel. Das Letztere verstehe ich zwar nicht, aber egal. Für diejenigen, die es immer noch nicht kapiert haben- sie sind dumm. Ihre intellektuelle Ferne ist unter den Bürgern aller Bundesländer einzigartig, ein weiterer Umstand, der Berlin ins Hintertreffen geraten lässt und damit nicht hinnehmbar ist. Leider lässt sich nicht im Einzelnen feststellen, wer genau Kaffeewasser anbrennen lässt. Als Regierender Bürgermeister befehle ich daher, dass alle, ich wiederhole, alle Bürger Berlins im Laufe des Jahres einen Besuch bei der Volkshochschule absolvieren müssen, um ihre Skills in Allgemeinbildung entweder aufzufrischen oder überhaupt erst zu aktivieren. Es gibt keine Wahlfreiheit dabei, sie werden einem Kurs zugewiesen und werden diesen absolvieren, ansonsten Kerker auf der Fischerinsel bei Wasser und Brot und 3 Monate Netflix-Verbot. Ich hoffe, die angedrohte Strafe macht jedem Bürger klar, wie ernst die Lage ist, wie wichtig es ist, dass jeder von ihnen ein Mindestmaß an Bildung erhält und diese gewinnbringend für sich und die Gesellschaft einbringt.“

Diese Rede sorgte für Aufruhr. Bisher hatte es kein Politiker gewagt, die Bürger offen als dumm hinzustellen. Die Rede war überfällig, argumentierten die einen, während andere sich gegen diesen Affront wehrten und sich heimlich fragten, worum es überhaupt ging. Wen hatte Wegner denn gemeint? Betraf das Leute, die einen Vertrag mit den Stadtwerken Tschernobyl eingegangen waren, deren vermeintlicher „Öko-Strom“ dafür sorgte, dass man Blasen an den Händen bekam, sobald man einen Stecker in die Dose steckte? Oder betraf das Berliner, die bei den Stadtwerken Hintertupfingen ihren Strom bezogen und sich fragten, wie der denn nach Berlin kam? War damit die Autofahrerin gemeint, die eine Bahnschranke umfahren hatte, von einem Güterzug 100 Meter mitgeschleift worden war und in ihrem Wagen verbrannte? Betraf das Bürger, die angesichts des Einkommensteuerbescheides nur Bahnhof verstanden? Nein, die waren nicht gemeint, denn diesen Bescheid kapierte niemand, nicht mal das Finanzamt oder die Steuerberater, doch die taten so, als wäre es kein Dokument mit sieben Siegeln. Ich gehörte zur Fraktion derer, die es gut fanden, wenn all die Lack saufenden, vollends verblödeten Vollpfosten nachgeschult wurden und mir im Alltag weniger auf den Keks gingen. Ich kam mehr und mehr zur Überzeugung, dass die Berliner Politik hervorragend und nachhaltig war.    

Zwei Monate später. Ich habe eine E-Mail von der VHS Spandau bekommen mit dem Betreff „Anmeldebestätigung“. Zuerst denke ich, das muss ein Fehler im System sein, ein Datenleck, ein russischer Hackerangriff, darauf abzielend, die Berliner in Panik zu versetzen mit Mails von einer Volkshochschule mit dem Betreff „Anmeldebestätigung“.

Mir fällt die Rede von Kai Wegner und die Sache mit der Dummheit ein. Ist es etwa ein Ausdruck meiner Niaiserie, dass ich geglaubt habe, der Kelch würde an mir vorbeigehen? Schließlich hatte sich der Regierende Bürgermeister unmissverständlich ausgedrückt. In der Mail steht, dass ich am Freitag in Spandau zu erscheinen habe, um an einem Spaziergang teilzunehmen zum Thema: Spandau und das Erbe des preußischen Militärs. Es gibt keine Wahlfreiheit, erinnere ich mich an die Rede von Wegner.

Ich bin ein Freund der Theorie von Multiversen. Also dass es verschiedene Dimensionen gibt, wo andere Robert Rescues leben, die ein klein wenig anders sind als ich. Darunter ist einer, der großes Interesse an Spandau und das Erbe des preußischen Militärs hat und jetzt voller Freude der Fahrt dorthin entgegenfiebert. Ich müsste es nicht erwähnen, aber falls jemand hier ist, auf den die Bildungsoffensive hundertprozentig zutrifft – ich bin nicht gemeint.

Warum nicht der Besuch eines Berliner Start-ups für Computerspielentwicklung oder Angeln im Plötzensee? Beides scheint mir interessanter zu sein. Zweieinhalb Stunden soll der Kurs bzw. Spaziergang gehen. Warum so lange? Ist das Thema Spandau und das Erbe des preußischen Militärs so ergiebig? Kann der Dozent nicht einfach auf irgendwelche Gebäude zeigen und sagen: „Preußisches Erbe in Spandau“. Alle würden verständig nicken, sich verabschieden und was für ihre Bildung getan haben. Geht das nicht auch im Wedding? Damals gab es an jeder Ecke Exerzierplätze, vom Artillerie-Schießplatz Rehberge wurde einmal täglich auf ein Arme-Leute-Haus geschossen, was alle lustig fanden, außer die Getroffenen. Reicht nicht einfach eine Runde um den Plötzensee?

Wir sind etwa 15 Leute, zusammengewürfelt aus allen Teilen der Stadt. Herr Kasulke und Frau Schlottke kommen aus Köpenick und sie braucht einen Rollator. Gibt es bei denen nicht auch irgendwas Preußisches? Die Volkshochschulen hätten besser planen können und auf kiezliche Belange eingehen sollen. Wir stehen vor der Zitadelle Spandau und der Referent, ein ehemaliger Oberstleutnant der preußischen Armee unter Friedrich dem Großen, zeigt auf die Festung und sagt: „Preußisches Erbe in Spandau“. Ich erhebe, plötzlich engagiert, meine Stimme: „Geht es vielleicht etwas genauer? Baujahr, Bewaffung? Sinn und Zweck? Das Operationsziel lautet Bildung, Herr Oberstleutnant.“

„Für so etwas bleibt keine Zeit“, herrscht mich der Soldat an. „Die reiche Geschichte Spandaus, was das preußische Militär anbetrifft, würde eine Dauer von drei Tagen erforderlich machen. Aber uns bleiben zweieinhalb Stunden, also Marsch, Marsch“. Der Oberstleutnant fängt wieder mit dem Laufschritt an. Wir japsen ihm hinterher, Frau Schlottke mit ihrem Rollator hat Mühe, dranzubleiben. Unter einem Spaziergang habe ich mir was anderes vorgestellt. Das Schlimmste aber ist das Singen. Der Oberstleutnant beginnt erneut und wir stimmen ein, während wir die Straßen entlanglaufen und gehörig Aufmerksamkeit erwecken. Titel wie „O Deutschland hoch in Ehren“, „Als wir nach Frankreich zogen“, „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben“ und „Fridericus Rex, unser König und Herr“, waren mir vorher nicht bekannt, aber der Offizier hat zu Beginn mit uns geübt. Ich frage mich, ob wir nicht nur das Interesse der Passanten auf uns ziehen, sondern auch das der Polizei, denn manche dieser Lieder sind politisch nicht mehr korrekt und vielleicht sogar verboten. Letztlich haben ein paar von uns das Ziel, sprich das Bezirksamt Spandau, nicht erreicht. Die haben unterwegs im „Spandauer Bierbrunnen“ haltgemacht oder sind vor Erschöpfung liegengeblieben. So wie Herr Kasulke. Frau Schlottke dagegen, und das ist in gewisser Weise beschämend, war die Erste im Ziel. Wir stehen in Habachtstellung vor dem Oberstleutnant, der uns die Teilnahmebestätigungen überreicht und uns auf die Schultern klopft. Ich habe das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Ich habe meine Bildungsskills verbessert, Sport getrieben und mich vor diesem Preußen-Schinder bewiesen. Ein guter Tag, eine gute Tat.

Auf was für Gedanken man kommt, denke ich mir, und lese mir die Mail von der VHS durch. Die Anmeldebestätigung sei irrtümlich an mich geschickt worden, klärt eine Mitarbeiterin auf. Ich hatte denen sofort geschrieben, weil irgendjemand mit gleichem Namen den Kurs Spandau und das Erbe des preußischen Militärs gebucht hat und auf seine Anmeldebestätigung wartet. Wäre ja blöd gewesen, wenn das mit der Weiterbildung nicht geklappt hätte.

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Robert Rescue bei uns hierZu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“ und beim Talk Noir im Neuköllner Froschkönig ist er regelmässig unser Stargast.

Kürzlich von ihm erschienen: Diejenigen, die Gegenstände auf die Krokodile werfen, werden aufgefordert, sie zurückzuholen. Periplaneta, 148 Seiten, 13,50 Euro.
Im Herbst 2020 Corona zum Trotz erschienen: Robert Rescue: Das Leben hält mich wach. Berlins müdester Lesebühnenautor trotzt dem alltäglichen Wahnsinn mit Humor. Edition MundWerk, Berlin 2020. 146 Seiten, 12 Euro.

Robert Rescue bei uns. Beispiele:

Juni 24: Menschen und Orte
Mai 24: Berlin – Hochburg des Terrorismus
April 24: Bleibt da, wo ihr herkommt
März 24: Da ist was im Wasser
Januar 24: Ein Zug fährt nach Nirgendwo
Dezember 2023: Unter Fremden
November 23: Wie im Zoo
Oktober 23: Großbritannien kann mich mal
September 23: Der gefährlichste Mann der Welt
Juli / August23: Kim – oder die Sache mit der richtigen Anrede
Juni 23: Wie hat ihnen das Produkt gefallen?
Mai 23: Fenster zum Hof
April 23: Schritte im Hausflur
März 23: Wahl mit Qual: Demokratie endet nicht um 18 Uhr
Februar 2023: Für die Verkehrswende ist es zu spät 
Dezember 2022: Interview mit einem umgeschulten Flugzeugentführer
November 2022: Auf dem Friedhof von Stahnsdorf
September 2022: Die Generalmobilmachung
Juli 2022: Im Berlin Dungeon
Juni 2022: Abends bei Reddit 
Mai 2022: Energie sparen
April 2022: Leben ohne Feind
März 2022: Wenig Raum für Ekstase
Februar 2022: Der Kälte-Gottesdienst
Dezember 2021: Sind doch nur Kinder
November 2021: Geht mit Gott, aber geht
Oktober 2021: Keine Zeit zu sterben
September 2021: Bote aus vergangener Zeit
August 2021: Eine Kurzgeschichte mit Wetter