Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

Robert Rescue: Da ist was im Wasser

In dem Online-Rollenspiel, mit dem ich meine Nächte verbringe, gibt es ein Weltboss-Event namens Tequatl, der Sonnenlose. An einem Strand sammeln sich die Spieler und erwarten die Ankunft eines Drachen, den sie dann besiegen müssen. Kurz bevor das Monster mit einem krachenden Getöse landet, ruft einer der Non-Player Character, welche die Küste bevölkern: „Da ist was im Wasser, Hilfe.“

An diese Situation muss ich denken, als ich den Aushang an der Haustür studiere, der darüber informiert, dass wir Legionellen im Trinkwasser haben. Regelmäßig lässt die Hausverwaltung das Wasser kontrollieren und jahrelang hat das, im Schaukasten hängende, Ergebnis keine Sau interessiert, aber jetzt ist das anders. Verdammt, unser Trinkwasser ist kaputt, geht es mir durch den Kopf, gefolgt von Gedanken wie: Wer ist dafür verantwortlich? Was wird die Hausverwaltung dagegen tun? Bin ich voller Legionellen und woran merke ich das?

Angesichts der jahrelangen Auseinandersetzungen mit der Verwaltung bezüglich defekter Heizungen, nicht bezahlten Guthaben und kaputten Haustüren blende ich die Fragen 1 und 3 zunächst aus und beschäftige mich mit Frage 2. Der Aushang stammt von einem Wasser-Dingsbums-Institut in Potsdam, nicht von der Hausverwaltung, und datiert auf den 14.12. Gestern hing er noch nicht da und die Analyse ist vier Wochen alt. Muss die Verwaltung in einem solchen Fall nicht sofort aktiv werden, um das Leben der Mieter zu schützen? Ich lache auf, wegen siehe oben. Legionellen verursachen Lungenentzündung. Mit allem Drum und Dran. Oder man bekommt Pontiac-Fieber. Das klingt besser als einfach Fieber. Das klingt nach etwas, wo die Leute schreiend weglaufen, weil sie denken, man hätte die Pest. Aber das Pontiac-Fieber Ist nicht so gefährlich wie Lungenentzündung.

Abb. alle © wiki-commons

Legionellen entstehen, wenn die Wassertemperatur ihr Vorkommen fördert. Jetzt wundert mich nichts mehr. Meine Dusche wird in der kalten Jahreszeit nicht richtig warm, soll heißen, nicht heiß, eher lauwarm und Herr Kasulke aus dem Vorderhaus darf kalt duschen, weil er neulich eine Mail an die Hausverwaltung geschrieben hat wegen der ausbleibenden Flurreinigung. Das ist der Hausverwaltung eine sofortige Reaktion wert. Insgesamt würde ich als Laie sagen, unser Wasser ist zu kalt und jetzt haben wir den Salat bzw. die Bakterien. Das Beste wäre, wenn ich jegliches Wasser abkoche und mir in der Dusche einfach den Wasserkocher über den Kopf schütte. Irgendwann wird die Hausverwaltung etwas unternehmen. Diesen Gedanken hat jeder von uns im Haus, wenn mal was nicht stimmt, und wenn wir oft genug daran denken, dann geschieht auch etwas.

Einige Tage später beobachte ich vom Küchenfenster aus zwei Männer, die abends einen Röhrenfernseher in den Keller des Vorderhauses tragen.

Sind das Handwerker? Was hat es mit dem Fernseher auf sich? Ist das womöglich keine Glotze, sondern ein Gerät, das Strahlen aussendet und damit die Bakterien abtötet? Wenn es doch ein Fernseher ist und die Männer keine Handwerker, dann ist es auf jeden Fall besser, dass sie das Gerät in den Keller bringen und nicht im Hof abstellen.

Ich muss an die 4-Stunden-Regel denken, von der ich neulich in einem dieser Online „Lies mich, ich bin ein ganz wichtiger Text, der dein Leben verändern wird“-Medien gelesen habe. Wenn das Wasser länger steht, dann verkeimt es. Daher sollte man jeden Morgen erstmal den Hahn eine halbe Minute aufdrehen und das vergammelte Wasser fürs Spülen, Blumengießen oder Bewässern eines ungeliebten Nachbarn verwenden, in der Hoffnung, dass er daran stirbt. Okay, das Letztere steht nicht in dem Artikel, aber denkbar und sinnvoll wäre es. Mir war diese Regel neu und wer weiß, wie viel verkeimtes Wasser ich schon zu mir genommen habe und inwieweit es für mein Verhalten verantwortlich ist.

Später entdecke ich einen Aushang von einer Sanitär-Firma, der darüber informiert, dass für eine Woche eine „thermische Desinfektion“ vorgenommen werde, bei der die Heizungsanlage im Keller auf 50000 Grad hochgeheizt wird. Bei der Entnahme von Warmwasser könne daher die Gefahr einer Verbrennung bestehen. Gefahr einer Verbrennung bestehen? Es wird dazu kommen und dafür reicht ein einziger Tropfen. Mein erster Gedanke ist, dass ich endlich heiß duschen kann, aber ich sollte das Wasser nur ein klitzekleines bisschen aufdrehen oder kalt duschen, was dann aber wärmer sein wird, als ich kalt duschen bislang in Erinnerung habe. Mit den Handwerkern lag ich wohl richtig, nur dass es kein Fernseher war, sondern ein Nuklear-Reaktor. Hätte es denn nicht gereicht, dass Wasser ein wenig wärmer zu machen, sagen wir 70 Grad? Nein, das ist mit der Hausverwaltung nicht zu machen. Wenn die sich ins Zeug legt, wird nicht gekleckert, sondern geklotzt.

Die nächsten Tage höre ich es im Haus schreien. Die Nachbarn nebenan, die Aushänge jeder Art ignorieren, haben ihr Baby gebadet und das liegt nun in einer Spezialklinik für Verbrennungen. Die kostbaren Zimmerpflanzen von Frau Schlottke sind eingegangen und bei Heiko unten ist der Thermomix geschrottet, als er ein Glas Wasser reingeschüttet hat, um sich einen Balsamico-Auflauf zuzubereiten. Der einzige, der sich über das allzu warme Wasser freut, ist Herr Kasulke, obwohl er mit der geröteten Haut schlechter aussieht als zuvor.

Die Frage 3 konnte ich inzwischen ebenfalls beantworten. Ich habe, in dem dümmlichen Glauben damit eine Lungenentzündung oder das Pontiac-Fieber bekämpfen zu können, ein Glas heißes Wasser getrunken. Seitdem geht es mir nicht gut. Ich kann nicht mehr sprechen und die Brust schmerzt, aber ich habe kein Fieber oder ich spüre es nicht mehr. Das ist schon mal was Gutes.

Robert Rescue bei uns hierZu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“ und beim Talk Noir im Neuköllner Froschkönig ist er regelmässig unser Stargast.

Kürzlich von ihm erschienen: Diejenigen, die Gegenstände auf die Krokodile werfen, werden aufgefordert, sie zurückzuholen. Periplaneta, 148 Seiten, 13,50 Euro.
Im Herbst 2020 Corona zum Trotz erschienen: Robert Rescue: Das Leben hält mich wach. Berlins müdester Lesebühnenautor trotzt dem alltäglichen Wahnsinn mit Humor. Edition MundWerk, Berlin 2020. 146 Seiten, 12 Euro.

Robert Rescue bei uns. Beispiele:
Januar 24: Ein Zug fährt nach Nirgendwo
Dezember 2023: Unter Fremden
November 23: Wie im Zoo
Oktober 23: Großbritannien kann mich mal
September 23: Der gefährlichste Mann der Welt
Juli / August23: Kim – oder die Sache mit der richtigen Anrede
Juni 23: Wie hat ihnen das Produkt gefallen?
Mai 23: Fenster zum Hof
April 23: Schritte im Hausflur
März 23: Wahl mit Qual: Demokratie endet nicht um 18 Uhr
Februar 2023: Für die Verkehrswende ist es zu spät 
Dezember 2022: Interview mit einem umgeschulten Flugzeugentführer
November 2022: Auf dem Friedhof von Stahnsdorf
September 2022: Die Generalmobilmachung
Juli 2022: Im Berlin Dungeon
Juni 2022: Abends bei Reddit 
Mai 2022: Energie sparen
April 2022: Leben ohne Feind
März 2022: Wenig Raum für Ekstase
Februar 2022: Der Kälte-Gottesdienst
Dezember 2021: Sind doch nur Kinder
November 2021: Geht mit Gott, aber geht
Oktober 2021: Keine Zeit zu sterben
September 2021: Bote aus vergangener Zeit
August 2021: Eine Kurzgeschichte mit Wetter

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