Die rosarote Brille mal anders Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner schaut auf den Schreibtisch. Ein Zettel liegt dort, aber er kann das geschriebene kaum lesen. Wird Zeit für eine Brille, überlegt er und denkt zugleich, dass er das nicht zum ersten Mal feststellt und dass er mal was dagegen tun sollte, aber jetzt gerade geht es nicht und überhaupt, ein Mann wie er, also das geht nun überhaupt nicht und irgendwie führt das alles ja zu nichts. Er kann nur den Vornamen Martina lesen und dann steht da was von
Read More Der Papst ist ein Spieler Der neue Papst ist ein Gamer, heißt es in einem Artikel. Und er ist ein Sportler. Regelmäßig steht er auf dem Platz und schwingt den Tennisschläger. Da verwundert es nicht, dass Jannick Sinner, der Weltranglistenerste im Tennis die erste Person war, die eine Audienz beim Papst erhielt. Das muss man sich mal vorstellen. Früher waren das Kaiser und Könige, heute eigentlich die Größenordnung JD Vance oder Friedrich Merz, aber Leo XIV. bricht mit den Regeln. Der Sinner war wegen Dopings drei Monate gesperrt, aber der
Read More Dinkelkleie und Gerstengrütze Ich sitze in einem großen, vom Sonnenlicht hell erleuchteten Raum irgendwo in Pankow. Auf Holztischen stehen Körbe, darin ordentlich aufgefächert Kräuter und Teemischungen. Es riecht wie in einem Reformhaus nach Gesundheit und guter Verdauung. Vor mir sitzen Anna und Jakob, die Geschäftsführer von HERBA Ltd., einem Onlinehändler für Kräuter und Tees, bei dem ich mich wegen eines Mini-Jobs beworben habe. Anna und Jakob tragen Wolle direkt vom Lamm, ich dagegen Baumwolle des Weddinger Modedesigners Kalle Kasulke aus seiner Serie „Beyond Fashion“. Die Unterschiede sind gewaltig. Ich habe
Read More Die Sache mit den Ablese-Dienstleistern Zu den wenigen Dingen, die in dieser sich täglich verändernden Welt noch für Beständigkeit sorgen, gehören die „Wir kommen vorbei, seien sie gefälligst zuhause“-Zettel, die über das Jahr verteilt im Hausflur zu finden sind. Die Heiligen Drei Könige, Schornsteinfeger, Paketdienste (da mit der Änderung: „Wir waren da, sie waren nicht da“), Gerichtsvollzieher und Heizungsableser melden sich an, man hat was mit denen zu tun und dann ist wieder eine Weile Ruhe. Im Vorderhaus kündigen sich die Heizungsableser an, die neuerdings auch was mit Rauchmeldern machen.
Read More Man könnte meinen, Berlin wäre nicht mehr gut für eine sensationelle Meldung. Ständig nur Nachrichten wie „alles kaputt“, „kein Geld“, „Verspätungen und Verlängerungen“ oder alles zusammen. Ein Beispiel: Die sogenannte „Einheitswippe“ als Denkmal an die friedliche Revolution von 1989 und die Wiedervereinigung wird dieses Jahr nicht fertig. Das verantwortliche Stahlunternehmen ist insolvent und in deren Werkshallen steht das „Ding“, das zu 85 % fertig sein soll. Vermutlich landet es als neues Fahrgeschäft mit niedrigem Spaßfaktor im Phantasialand, Berlin wird den Bau neu ausschreiben und die nächsten 20 Jahre hört man
Read More Eine Art Dramolett in 3 Akten 1. Akt: Die Begegnung am Büchertisch Es ist 5 Jahre her, da hatte die Lesebühne Brauseboys einen Auftritt in Kreuzberg. Nach der Show kam eine ältere Frau an den Büchertisch. Sie kaufte ein Gemeinschaftsbuch und sagte dann zu mir: „Das war ein interessanter Text über die RAF. Also die Vorstellung, wie sie heute so leben und ihre nächsten Aktionen planen. Ich glaube aber nicht, dass Ernst-Volker eine LIDL-Karte hat, die er dann bei einem Überfall benutzen kann.“ „Naja, das war nur eine Vorstellung. Man
Read More Eine Kurzgeschichte „Hoffentlich sind wir die bald los“, murmelt Akira Kallas und blickt voller Abscheu auf die Horde junger Leute, die am Eingang des „Orpheus“ auf Einlass wartet. „Bis auf einen. Der hat das Zeug zum Anführer, ein Machertyp, eine Persönlichkeit, auf den die anderen hören. Kurzum, ein Clubmanager. Gut möglich, dass er sein Potenzial noch nicht erkannt hat. Daher ist es unsere Aufgabe, diese Kompetenz in ihm zu wecken und auszubilden.“ Um 3 Uhr morgens haben sich vor dem „Orpheus“ eine Menge Leute eingefunden, die sich in zwei Gruppen
Read More In dem Online-Rollenspiel, mit dem ich meine Nächte verbringe, gibt es ein Weltboss-Event namens Tequatl, der Sonnenlose. An einem Strand sammeln sich die Spieler und erwarten die Ankunft eines Drachen, den sie dann besiegen müssen. Kurz bevor das Monster mit einem krachenden Getöse landet, ruft einer der Non-Player Character, welche die Küste bevölkern: „Da ist was im Wasser, Hilfe.“ An diese Situation muss ich denken, als ich den Aushang an der Haustür studiere, der darüber informiert, dass wir Legionellen im Trinkwasser haben. Regelmäßig lässt die Hausverwaltung das Wasser kontrollieren und
Read More Die Polizisten gingen hinter ihrem Einsatzwagen in Deckung und feuerten auf mich. Mit einem Sprung hechtete ich in die Grünanlagen und robbte mich im Kugelhagel durch das Gebüsch. Am Ärztehaus standen ein paar Wartende. Ein Kind verfolgte meinen Weg und fragte seine Mutter: „Ist das der böse Mann, der dem Staat Geld gestohlen hat?“. Die Mutter zog ihren Sprössling zu sich und stieß Verwünschungen in meine Richtung aus. Schließlich erreichte ich das Haus. Die Polizei hatte Verstärkung erhalten und feuerte mit allem, was sie aufzubieten hatten. Ein paar Passanten gerieten
Read More Culturmag Special SHUT DOWN 2020 WE WILL MEET AGAIN Sie werden sich wiedersehen, irgendwo, irgendwann. An guten Tagen überwiegt seine Vorstellung, daß eines Tages alles wieder so sein wird wie früher, daß er aufwachen wird und derjenige sein wird, der er vorher war und sie diejenige, die sie immer schon war: sie mit ihrem fließenden lebendigen Haar und ihren leuchtenden Augen, hell wie der Klang einer Glocke lachend, er: unbeschwert und gut gelaunt, wenn er sein Fahrrad vor dem Kino neben dem ihren abstellt, während er einen belanglosen Witz reißt. An guten
Read More Ostern vor mehr als vierzig Jahren Mein Bruder hat mir eine Message geschickt: „Dieses Ostern ist so wunderschön wie das Ostern vor etwas mehr als vierzig Jahren, als ich versucht habe, dich (versehentlich) im Mühlbach zu ertränken. Oh Gott, ist das so lange her.“ Meine Güte, was ist denn mit dem los? Steht er gerade an einem warmen Ostersonntag auf der Terrasse seines Hauses, sinniert über das Leben und die Vergangenheit und alles, was ihm einfällt, ist das? Woher weiß er das so genau? Das mit Ostern? Ich kann mich
Read More Seines Auges Apfel — Jeden Monat präsentiert das LitMag einen interessanten Primärtext. Im April ist es eine Erzählung aus der Sammlung „Fish’n’Chip Shop Song“ von dem neuseeländischen Autor Carl Nixon, die bei CulturBooks erschienen ist. „Seines Auges Apfel“ wurde übersetzt von Martina Schmid. Sein Name war Coutts, und er hatte einen Obstladen, der für seine auf Hochglanz polierten Früchte in der Auslage berühmt war. Jeden Morgen bei Anbruch des Tages kam Coutts aus seiner Wohnung über dem Geschäft und reihte die Früchte in verbeulten Ablagen auf Tapeziertischen im Eingang und auf dem gefegten
Read More Posted On Oktober 4, 2015By Die RedaktionIn Crimemag
Ein Fixstern von Eleganz und Witz Homingman hatte die Bekanntschaft Fifitts auf der Enzpromenade gemacht, indem er plötzlich von hinten grußlos mit den Worten neben sie trat: „Ich würde mich freuen, wenn Sie sich langweilten.“ So elegant beginnt Walter Serners Kurzgeschichte „Homingmans schönste Komposition“, die im nun aktuellesten Serner-Brevier, dem Manesse-Band „Der rote Strich„, nicht fehlen darf. Der von den Nationalsozialisten ermordete Autor ist ein Fixstern der kriminalliterarischen Tradition von Eleganz und Witz. Serner (1889 – 1942), ein Zeitgenosse von Agatha Christie (1890 – 1976), schrieb auf einem sozusagen anderen
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