Geschrieben am 1. Juli 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juli-August 2026

Robert Rescue: Die rosarote Brille mal anders

Die rosarote Brille mal anders

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner schaut auf den Schreibtisch. Ein Zettel liegt dort, aber er kann das geschriebene kaum lesen. Wird Zeit für eine Brille, überlegt er und denkt zugleich, dass er das nicht zum ersten Mal feststellt und dass er mal was dagegen tun sollte, aber jetzt gerade geht es nicht und überhaupt, ein Mann wie er, also das geht nun überhaupt nicht und irgendwie führt das alles ja zu nichts. Er kann nur den Vornamen Martina lesen und dann steht da was von Potsdam und künd … Wegner ruft seinen Lakaien herbei. „Um die Ecke gibt es einen Brillen-Discounter. Hol mal eine, was Einfaches, unspektakuläres, was zu mir passt.“

Aus dem Fußball kennt man aufsehenerregende Transfers wie den von Florian Wirtz nach Liverpool für 125 Millionen Euro oder Jude Bellingham für 127 Millionen Euro zu Real Madrid. Martina Klements Wechsel 2023 war dagegen billig, aber ebenso spektakulär. Viele Jahre arbeitete die Juristin und CSU-Mitglied als Büroleiterin bei der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, bis sie sich entschloss, ihr Leben total umzukrempeln, raus aus dem Hamsterrad einer gesicherten, sorgenfreien politischen Karriere, hinein in das stressige, elende Leben als Staatssekretärin für Digitalisierung und Verwaltungsmodernisierung im Berliner Senat. Enge Freunde bedrängten sie, ihr Leben nicht derart wegzuschmeißen, es vielleicht als Kassenkraft in einem Copyshop zu probieren, aber doch nicht so etwas, wo sie täglich Verzweiflung, fehlende Anerkennung und der Hass einer Berliner Bürokratie erwarte, die auf jegliche Reform scheiße und vor allem auf eine digitale und im schlimmsten Fall zielführende.

Aber Martina Klement ließ sich nicht beirren. Bereits am ersten Tag, als sie ihr neues Büro betrat, wurde sie mit einer Eigentümlichkeit der Berliner Verwaltung konfrontiert – der „Urlaubskarte“ aus Pappe, die auf ihrem Schreibtisch lag.

„Auf der Karte tragen sie bitte handschriftlich ein, wann Sie Urlaub nehmen möchten, gnädige Frau“, informierte sie ihr Referent Herr Kasulke. „Die geht dann in der Umlaufmappe durch den Berliner Ämterkreislauf und wird von Hinz und Kunz abgezeichnet, bevor sie in irgendeiner Personalabteilung landet und die Daten auf einer Kreidetafel eingetragen werden, wo auch schon die Urlaubstage aller anderen 135000 Bediensteten des Landes Berlin vermerkt sind. Die Urlaubskarte ist heilig. Wenn sie verlorengeht, weiß niemand, wer wann Urlaub nimmt und das wäre schlimm, weil Urlaub doch wichtig ist, gnädige Frau.“

Was dann geschah, löste eine Raum-Zeit-Verwerfung aus, die alle Bediensteten innerlich erschüttern ließ. Selbst die Gravitationswellendetektoren empfingen eine kleine seismische Veränderung. In den Ecken von Klements Büro fuhren Schatten zusammen und hoben abwehrend ihre spukhaften Arme. Sie nahm die Urlaubskarte und riss sie in zwei Teile. „Ab morgen gibt es ein digitales Tool zur Urlaubsplanung“, verkündete sie. „So einen analogen Scheiß braucht kein Mensch.“

Herr Kasulke zerfiel wie ein Vampir, der in die Sonne gesehen hat, zu Staub, denn sein Lebenszweck hatte sich erledigt. Fortan breitete sich in Berliner Amtsstuben Angst und Schrecken aus, wenn Frau Klement ihre „verrückten“ Ideen präsentierte. Wie hatte das nur passieren können? Wie heruntergekommen war die Berliner Politik, dass eine Bayerin mit CSU-Parteibuch sich erdreistete, jahrtausendealte Bürokratiestrukturen verändern, gar zerstören zu wollen und dann diese Digitalisierung, dieses E-Mail-Zeug, dass im Begriff stand, eine ordentlich tradierte Postzustellung abzulösen.

Als sie zum Beispiel während eines Meetings die Idee aufbrachte, das Bürgeramt mittels Bus mobil zu machen, dass umherfuhr und in dem Bürger Angelegenheiten erledigen konnten, beurteilte sie die Idee als „geil“. Ein solches Wort wollten die Umsitzenden nicht hören. Ein Bezirksamt-Schamane gab zu bedenken, eine „Windböe“ könne „Blätter wegwehen“, worauf „unberechtigte Bürger diese Blätter in die Finger bekommen könnten“, womit der „Datenschutz“ ausgehebelt werde, was auf gar keinen Fall passieren dürfe, weil der Datenschutz in Berlin seit dem Urknall heilig sei, außerdem seien Bürgerämter nicht mobil, dass sei gegen die Ordnung und man könne den Bürgern wohl zumuten, dass sie beispielsweise vom Wedding nach Mitte fahren, um einen neuen Personalausweis zu beantragen, dann käme das Gesocks mal raus aus den verquarzten Messie-Wohnungen, der Bürger müsse schließlich immer wieder daran erinnert werden, dass er ein Bittsteller sei und der Obrigkeit zu gehorchen habe und wegen der umherfliegenden Blätter müsse die BSR Sonderschichten einlegen, weil die Sauberkeit der Straße ein immerwährendes Anliegen sei, was aber wegen Personalknappheit Schwierigkeiten in der Behebung mache.

Und wenn doch mal was geändert werden soll, dann hat das gefälligst diverse Gremien zu durchlaufen und muss einer genauen Prüfung unterzogen werden und es gehe überhaupt nicht, diese Idee mit einem Wort aus der Jugendsprache zu beschreiben und so zu tun, als wäre das Vorhaben genehmigt.

Das mobile Bürgeramt wurde eingeführt, die Quote für Termine innerhalb von 14 Tagen liegt inzwischen bei 75%, früher 57% und die Begrifflichkeit „Kundinnen und Kunden“ statt „nervtötende Spacken“ hat sich durchgesetzt und Anfang 2026 wurde das Landesorganisationsgesetz eingeführt. Man muss das Wort langsam aussprechen, es in den Verstand einsickern lassen  – Landesorganisationsgesetz. Naiv gefragt: gab es zuvor kein Landesorganisationsgesetz?

Kai Wegner betrachtet die neue Brille und seufzt. Er setzt sie auf und mit einem Mal erkennt er das ganze Ausmaß der Berliner Politik. Die letzten Jahre, die letzten Jahrzehnte, die letzten Jahrhunderte. Er spürt einen Tennisspielinstinkt in sich, er will alles hinter sich lassen und wäre einem Sparring gegen Björn Borg auf dem Mond oder dem Exoplaneten Kepler 52b nicht abgeneigt.

Er nimmt den Zettel in die Hand, den er zuvor nicht hatte lesen können:

Lieber Kai, meine Freunde hatten Recht. Es ist schlimm hier und meine Reputation ist im Arsch. Dankenswerterweise glaubt der liebe Ministerpräsident-Dietmar in Potsdam an mich und hat gefragt, ob ich Wirtschaftsministerin werden will. Ich habe sofort zugesagt. Daher kündige ich. Ein Anfang ist gemacht, vielleicht kriegt ihr ja den Rest gebacken. Tschö mit Ö, Martina.

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Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.

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