
Neue Besen kehren nicht immer gut
Es ist mir ein Rätsel, warum sich Leute einen Saugroboter anschaffen. Das fängt mit der Form an. Die Dinger sind in der Regel rund, Ecken aber sind, nun ja, eckig. Das Querholz eines Besens, der sogenannte Riegel, ist ebenfalls eckig und man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Urmenschen, die den Besen erfunden haben, sich bei der Form was gedacht haben, anders als die verpeilten Nerds, die allen Ernstes glauben, mit ihren Scheiß-Saugrobotern und ihrer runden Form könnten sie eine gravierende Änderung in der Kehr-und-Saug-Evolution bewirken. Vielleicht haben sie an das Zitat „Das Runde muss ins Eckige“ von Sepp Herberger gedacht, aber das kommt aus dem Fußball, nicht der Bodenpflege.
Das Nächste ist: wenn du einen Saugroboter einsetzen willst, musst du den Boden aufräumen. Es gibt ja so Leute, die vor lauter Erschöpfung alles fallen lassen und wenn die auf die Scheißidee kommen, sich einen Roboter anzuschaffen, dann müssen sie die Böden freiräumen, weil der Roboter kann nicht arbeiten, wenn alles voll ist mit Pizzakartons, Unterwäsche, Bierflaschen, Aschenbechern und Kotze. Also du räumst auf, damit ein Ding aufräumen kann. Dafür zahlst du dann, je nach Roboter, 200 bis 1000€. Und dann brauchen die Dinger noch so eine „Station“, die Platz wegnimmt, wo der Roboter nicht saugen und wo man nichts anderes hinstellen kann. Ich bin der Ansicht, dass es durchaus sinnvolle Erfindungen gibt, so wie Paypal, Google Maps und Candy Crush Saga, aber Saugroboter, nee, bleib mir weg mit dem Mist.
Mein Nachbar über mir hat sich jetzt einen zweiten davon angeschafft. Ich weiß das, weil ich die Buchhaltung für ihn mache und er beide auf Firmenkosten beschafft hat. Genauso wie die drei Luftreiniger, die seine Wohnung in den Reinraum eines Labors verwandelt haben. Immerhin zahlt er die Waffen privat, die er als Jäger in einem Safe stehen hat. Die Kombination Saugroboter, Luftreiniger und Schrotflinten, also ich weiß nicht, wie lange das noch gut geht.

Jetzt hat der in seinem Wohnzimmer zwei Saugroboter-Stationen stehen. Die ältere sieht aus wie eine Kaffeemaschine, weil die noch so einen Tank hat, wahrscheinlich kann der alte Saugroboter sogar wischen, keine Ahnung. Die Station von dem zweiten hat die Maße von so einem BARBIE-Puppenhaus und hat keinen Tank. Ich schätze mal, der erste Saugroboter hat ausgedient, aber mein Nachbar ist noch nicht dazu gekommen, den in den Müll zu schmeißen oder ihn in den Hausflur zum mitnehmen zu stellen.
Wobei, das wird er wohl nicht machen, denn der alte hat, Moment, ich schau mal nach, 638€ gekostet, und das ist erst drei Jahre her und bei dem Wert stellt man den nicht in den Flur oder wirft ihn in den Müll.
Konsequent wäre, beide Saugroboter gleichzeitig zu benutzen. Aber da ist ja noch die Putzfrau, die dreimal im Monat die Wohnung in Schuss hält. Wer weiß, vielleicht treffen sich Putzfrau und die Saugroboter mal zu einem lustigen Stelldichein im Wohnzimmer und die Putzfrau kickt die Dinger mit dem Wischmopp einfach aus dem Fenster in den Hof von der Cornelius-Fredericks-Straße. Da lebt eine Katze und ich stelle mir gerade vor, wie die Saugroboter mit letzter Kraft über den Hof fahren und von der Katze gejagt werden.
Jetzt noch das letzte Argument gegen Saugroboter – einen Akku laden. Als ob man nicht schon genug hätte von all den Telefonen, Fitness Tracker Armbanduhren, Laptops und Tablets, für die man in irgendeiner Ecke der Wohnung eine „Ladeecke“ mit einem Dutzend Kabel eingerichtet hat. Jetzt kommt noch so ein Ding dazu, dass in seiner Höhle sitzt und erst raus kommt, wenn es hundert Prozent Ladung hat. Und dann streichelt es eine halbe Stunde lang den Boden mit seinen nutzlosen Mini-Borsten, bevor es wieder für drei Stunden an die Steckdose muss. Nicht zu vergessen die aufgeblähte App mit den Push-Nachrichten, die man nicht abstellen kann.
Mein Nachbar ist weggefahren, und zwar für länger. Ich bekomme eine WhatsApp-Message: „Hallo Robert, könntest du bitte den Saugroboter retten? Der ist irgendwo steckengeblieben.“ Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine solche Nachricht von ihm erhalte. Wer einen Saugroboter besitzt, der während der Abwesenheit aktiv ist, wird zwangsläufig mit dieser Situation konfrontiert, denn es gibt überall in der Wohnung Hindernisse, an denen ein Saugroboter „steckenbleiben“ kann. Zum Beispiel ein Tischbein. Der Roboter will das im Weg stehende Tischbein überwinden, scheitert daran und sendet ein SOS an seinen Besitzer. Wenn der aber gerade in Argentinien weilt, dann muss halt ein Nachbar mit Schlüssel ran und wenn es den nicht gibt, dann ist es halt Pech. Ich will aber nicht nach oben gehen und den Saugroboter befreien. Der geht mir nämlich am Arsch vorbei. Aber der Nachbarschaft und der Bezahlung für die Buchhaltung wegen gehe ich hoch und schaue mir das Ungemach an. Der Roboter steht tatsächlich hochkant an einem Tischbein, als wolle er das begatten. Ich nehme das Ding, setze es in die gewohnte Position und drücke auf den HOME-Button, damit das Scheißgerät in seine Station fahren kann und sich erstmal ausruht von all den Strapazen. Aber es passiert nichts. Ich nehme das Ding und setze es etwa 20 Zentimeter vor der Station ab und drücke nochmal den HOME-Button. Keine Reaktion.
Ich gehe wieder runter, setze mich an den Computer und schreibe dem Nachbarn ins ferne Argentinien:
Dein Saugroboter ist übrigens lahm. HOME-Knopf hat keine Reaktion gebracht. Ich habe ihn vor seine Hütte gestellt, aber er zeigt kein Lebenszeichen mehr …
Kurz darauf lese ich:
Dann bitte mit dem Hintern zuerst in die Ladestation schieben, bis das Ladelicht angeht. Hast du ihn vorher über den Powerknopf angemacht? Kann sein, dass er schon leer war. Normalerweise passiert das aber nicht.
Ich beschließe, dass mir andere Dinge im Leben wichtiger sind und ignoriere die Nachrichten.
Drei Tage später lese ich:
Könntest du noch mal nach dem Staubsauger gucken? Laut der App ist der immer noch ausgeschaltet. Der muss so in die Station geschoben werden. Wahrscheinlich musst du ihn aber auch einfach nur anmachen, und dann auf das Haus drücken.

Ich stelle mir vor, dass auf dem Handy meines Nachbarn seit drei Tagen ein Warnton zu hören ist, den er nicht ausstellen kann. Er hat das Handy unter ein Kopfkissen gepackt oder in eine Schublade, aber die Saugroboter-App lässt nicht locker. Hat er in Argentinien nicht Besseres zu tun, als mir Nachrichten zu dem Gadget in seiner Wohnung zu schicken? Am Strand liegen? Die Landschaft erkunden? Soll das Scheißding doch ungeladen und scheintot Alarmtöne auf sein Handy senden, bis er in sechs Wochen zurückkommt. Und wenn es ihm zu viel wird, soll er sich in einen Flieger setzen, hierherkommen und das verdammte Ding gefälligst selbst in die Ladestation setzen.
Das schreibe ich ihm. Er antwortet nicht. Aber ich ahne um die Folgen. Nichts wird mehr so sein, wie es war.
Am nächsten Tag höre ich eilige Schritte im Treppenflur und dann öffnet sich die Tür über mir. Unglaublich, denke ich und schüttele den Kopf, diese Saugroboter Freaks machen alles, was das Gerät verlangt.
Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.
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